1.5.2.1. Großherzogtum Berg



In den Geheimverträgen Napoleons mit den Königen von Preußen und Baiern über die Abtretung der Herzogtümer Kleve und Berg an einen von Napoleon zu bestimmenden Prinzen des Heiligen Römischen Reiches wurde das Großherzogtum Berg am 15. März 1806 aus dem rechtsrheinischen Teil des bisherigen Herzogtums Kleve und dem bisherigen Herzogtum Berg gebildet. Der neue Staat wurde dem Schwager Napoleons, Joachim Murat, erblich überlassen - bis zur Rückübertragung auf den französischen Kaiser im Juli 1808. 1809 folgte die Übertragung an den minderjährigen Neffen Napoleons, Ludwig. Napoleon behielt sich bis zu dessen Volljährigkeit die Regierungsführung vor. <p/>

Nach der Gründung wurde das Großherzogtum flächenmäßig erweitert. Bis zum November 1806 kamen hinzu: Stadt und Amt Deutz, Stadt und Amt Königswinter, Amt Vilich, die Herrschaften Limburg-Styrum, Broich, Hardenberg, Gimborn-Neustadt, Wildenburg, die Grafschaft Homburg, die Grafschaft Siegen mit Dillenburg, Hadamar, Runkel, Westerburg, Schönstein/ Sieg, die Grafschaften Bentheim, Steinfurt, Horstmar, Rheina-Wolbeck, die Stifte Essen und Elten sowie die Abtei Werden. 1808 desweiteren die Grafschaft Mark mit Lippstadt, das preußische Münsterland, Dortmund, die Grafschaften Lingen und Tecklenburg und 1811 das Vest Recklinghausen. Ausgegliedert wurden hingegen: 1808 die Festung Wesel und 1810 das Land nördlich der Lippe mit den Kantonen Rees, Emmerich, Ringenberg sowie fast das gesamte Emsdepartement (außer den Kantonen Warendorf, Sassenberg und Sendenhorst). <p/>
Die Flächengröße des Großherzogtums Berg betrug zur Zeit der Gründung 94 Quadratmeilen mit ca. 374.000 Einwohnern. 1809 hatte es die größte Ausdehnung mit 306 Quadratmeilen und rund 928.000 Einwohnern. <p/>

Nach der Gründung des Großherzogtums wurde die öffentliche Verwaltung zunächst durch die Justiz- und Polizeibeamten wie bislang weitergeführt. Leiter der Regierung wurde Jean Antoine Michel Agar, der daneben für Finanzen und auswärtige Angelegenheiten zuständig war. Seit der Rückübertragung des Landes auf Napoleon verwaltete Jacques Beugnot als kaiserlicher Regierungskommissar das Großherzogtum. <p/>

Die Ämterverfassung wurde abgeschafft und nach französischem Vorbild Departements und Arrondissements eingerichtet. Im ehemaligen Herzogtum Berg waren dies Siegburg, Mülheim, Elberfeld und Düsseldorf und im ehemaligen Herzogtum Kleve Duisburg und Wesel plus die Arrondissements Steinfurt im Norden und Dillenburg im Süden. Diesen Verwaltungseinheiten stand ein Provinzialrat vor. In den Gemeinden wurde die französische Munizipalverwaltung mit Maire, Adjunkt, Polizeikommissar und Munizipalräten eingeführt. Eine neue Departementaleinteilung trat im November 1808 in Kraft. Seither bestanden vier Departements (Rhein-, Sieg-, Ruhr- und Emsdepartement) mit insgesamt zwölf Arrondissements und 78 Kantonen, die 91 Städte und 1706 Gemeinden umfassten. Im Dezember 1808 wurden Provinzialverwaltungsbehörden eingerichtet, wie sie früher im Königreich Westfalen bestanden. <p/>

Am 26. März 1806 leisteten die bergischen Landstände sowie die bisherigen Behörden in der Düsseldorfer Residenz einen Eidschwur auf die neue Herrschaft. Entsprechende Vorgänge wurden im klevischen Landesteil durchgeführt. Anfang September versammelten sich die Stände der früheren verschiedenen Landtage, die im Raum des Großherzogtums existiert hatten (Herzogtümer Berg und Kleve, Fürstentum Horstmar, Grafschaft Bentheim) in Düsseldorf und berieten über eine Konstitution. Im Februar 1807 erfolgte die nächste und auch letzte Einberufung der Stände, die keinen politischen Einfluß mehr geltend machen konnten. <p/>

Im wirtschaftlichen Bereich fanden nachhaltige staatliche Eingriffe statt: U.a. wurden Domänen und säkularisierte geistliche Güter verkauft; Bürgerlichen wurde die Möglichkeit eröffnet, adlige Güter zu erwerben, was im Klevischen bislang durch das preußische Landrecht untersagt war; Straßen, wie die zwischen Siegen und Elberfeld wurden mit der Absicht industrieller Förderung geplant und eine neue Kohlenbergwerksverwaltung für Essen und Werden angeordnet. Schließlich fielen die Zollschranken innerhalb des Großherzogtums weg. <p/>
In der staatlichen Sozialverwaltung sind Ansätze zur Wohlfahrtspflege und Einrichtung von Krankenanstalten erkennbar. <p/>

Im Gerichtswesen wurde auf oberster Ebene der ehemalige bergische Hofrat durch eine sogenannte oberste Landeskurie ersetzt, die als letzte Instanz in allen Landessachen Recht sprach. Alle Sondergerichte wurden aufgehoben. 1810 wurde der Code Civil eingeführt.<p/>

Die Armeegröße lag kurz nach der Einrichtung des Großherzogtums bei ca. 2.400 Soldaten; im folgenden Jahr wird ihre Anzahl mit 7.000, 1811/ 1812 mit rund 8.200 angegeben. Danach erfolgte eine weitere Steigerung. Die Konskriptionen wurden von den Einwohnern zunehmend als eine drückende Last empfunden; es kam vielfach zu Desertionen. <p/>

Die Bevölkerung war überwiegend katholisch. Die Pfarreien wurden durch die staatliche Verwaltung eingeteilt. Die Vermögensverwaltung der katholischen Kirche führten die Maires durch. Auch die Leitung der beibehaltenen weiblichen geistlichen Kongregationen und Ordenshäuser, die sich wohltätigen Zwecken widmeten, ging an den Staat über. Die protestantische Kirche wurde nach französischem Vorbild organisiert, u.a. wurden die Pastoren durch die staatliche Verwaltung ernannt. Insgesamt war die Kirchenpolitik durch das Bemühen gekennzeichnet, Toleranz gegenüber den konfessionellen Gruppen aufzubringen. <p/>

Mit der Besetzung des Großherzogtums durch die Vereinigten Mächte wurde es am 15. November 1813 aufgelöst. Fortan lag die Regierung des Landes - die ehemaligen preußischen Besitzungen Mark, Kleve, Essen, Werden und das Fürstentum Münster ausgenommen - bei dem sog. ‚Generalgouvernement’. Derzeit gingen auch Dillenburg, Siegen, Hadamar und Beilstein wieder in den Besitz des Fürsten von Nassau-Oranien über, so dass die Herrschaft des Generalgouvernements sich im wesentlichen auf das ehemalige Herzogtum Berg samt den kurkölnischen Enklaven und Gimborn-Neustadt, Homburg und Wildenburg beschränkte.<p/>

Der Bestandsumfang liegt bei 11.828 Bänden mit einer Laufzeit von (1250-) 1806-1813 (-1842) und wird durch die Findbücher 140.30.00 - 140.34.00 erschlossen.<p/>
Anfang  Erweiterte Suche
Warenkorb  Drucken