Camphausen, Otto von



Signatur : Best. 1023a


Inhalt :
Camphausen, Otto von, 1812-1896, Präsident der Preußischen Seehandlung in Berlin, Finanzminister, Mitglied des preußischen Herrenhauses auf Lebenszeit.

Otto Camphausen, der jüngere Bruder Ludolf Camphausens, wurde 1812 in Hünshoven geboren. Der Vater starb 1813, und die Mutter Wilhelmine geb. Peuchen führte das Geschäft fort. Otto besuchte das Kgl. Katholische Gymnasium (Tricoronatum) in Köln, wo er die Reifeprüfung mit der besten Zensur bestand. Anschließend studierte er in Bonn, Heidelberg, München und Berlin Jura und Volkswirtschaft.

Seit dem Herbst 1834 arbeitete Otto Camphausen als Referendar an der Bezirksregierung in Köln. 1837 bestand er das Assessorexamen und wurde 1837/40 bei der Regierung in Magdeburg, 1840/42 in Koblenz und 1842/44 in Trier - seit Juni 1844 als Regierungsrat - beschäftigt.

Nachdem er seit August 1844 vertretungsweise im preußischen

Finanzministerium gearbeitet hatte, war er seit Oktober 1845

dort als Geheimer Finanzrat tätig. Camphausen interessierte sich frühzeitig für Steuerfragen. Er hatte seine Assessorarbeit über Grundsteuern geschrieben, mit denen er sich auch seit 1845 weiter beschäftigte. 1846 arbeitete er über die Mahl- und Schlachtsteuer. 1847 entwarf er das Gesetz über die Einführung einer Einkommensteuer, das jedoch von dem 1. Vereinigten Landtag abgelehnt wurde. Die Aussicht, die im Jahre 1849 freiwerdende Stelle eines Regierungspräsidenten in Düsseldorf zu erhalten, scheiterte an Camphausens liberaler Gesinnung. Bis 1854 arbeitete er im preußischen Finanzministerium.

In politischer Hinsicht unterstützte Camphausen als gemäßigter Altliberaler die Richtung seines Bruders Ludolf. Er war 1849 und 1850/52 Mitglied der 2. preußischen Kammer und schloss sich dort der - wie er es nennt ”konservativen" - Fraktion der Liberalen unter von Vindce an. Ferner gehörte er 1850 dem Erfurter Parlament an. Infolge seiner politischen Einstellung kam Camphausen jedoch unter den konservativen Ministerien beruflich nicht weiter, 1854 wurde er als Präsident der Seehandlung gewissermaßen kaltgestellt. Er verwaltete die Geschäfte dieses preußischen Bank- und Handelsinstituts mit fachlichem Interesse. Jedoch klagte er gelegentlich über seine zwiespältige Stellung im Verhältnis zum Finanzminister, mit dem es des öfteren Reibereien gab. Ein Versuch, Otto Camphausen 1858 zum Finanzminister im Kabinett des Fürsten von Hohenzollern zu machen, scheiterte. Erst während Bismarcks Zusammengehen mit der Nationalliberalen Partei wurde Camphausen im Oktober 1869 Finanzminister. Im Jahre 1860 war Otto Camphausen zugleich mit seinem Bruder Ludolf zum lebenslänglichen Mitglied des preußischen Herrenhauses ernannt worden. Er arbeitete dort in den Kommissionen für Handel und Gewerbe, für Grundsteuern, für das Handelsgesetzbuch und für die Kreisordnung mit.

Als preußischer Finanzminister stellte Otto Camphausen zur Behebung eines Defizits im Staatshaushalt einen Konsolidierungsplan auf, der vom Landtag angenommen wurde. Er verwandelte einen Teil der verzinslichen Staatsschuld in eine Rentenschuld, verminderte dadurch die Schuldentilgungsbeträge und vermied so eine Erhöhung der Steuern. Durch die französische Kriegsentschädigung 1871 sowie den Aufschwung der staatlichen industriellen Betriebe verbesserte sich die

Finanzlage Preußens erheblich. Die entstehenden Überschüsse benutzte Camphausen u.a. um Staatsschulden - nach der Ansicht mancher, zu übereilt - zurückzuzahlen. Ferner wurde 1872 die Mahl- und Schlachtsteuer aufgehoben und die Klassensteuer kontigentiert; weitere Gelder wurden zur Erhöhung der Beamtengehälter, zu Dotationen, Förderung von Wissenschaft und Kunst usw. verwandt. Im Jahre 1873 wurde Camphausen zum Vizepräsidenten des preußischen Ministeriums ernannt; als solcher eröffnete er mehrmals den Landtag. Die Arbeiten Otto Camphausens als Finanzminister betrafen in den folgenden Jahren insbesondere das Reichsmünzgesetz, das Bankgesetz (Umwandlung der Preußischen Bank in die Reichsbank 1875), die Staatshaushaltspläne (insbesondere das Militärbudget), Steuergesetze.

Die günstige wirtschaftliche Konjunktur hielt jedoch nicht an. Landwirte und Industrielle begannen, Camphausen als Gegner der Schutzzölle dafür mit zur Verantwortung zu ziehen; sogar von Nationalliberalen, Mitgliedern seiner eigenen Partei, wurde er deswegen angegriffen. Ferner ergaben sich Schwierigkeiten bei der Erweiterung finanzieller Aufgaben auf die Reichsebene. Auch die innerpolitische Situation änderte sich. So kam es am 23. 3. 1878 zu Camphausens Rücktritt als preußischer Finanzminister. Den Auftakt bildete die von den Nationalliberalen im Dezember 1877 in der Börsenzeitung veröffentlichte neue Ministerliste, in der Camphausens Name fehlte. Die Nationalliberalen führten den Kampf gegen Camphausen öffentlich weiter. Zwischen Bismarck und Camphausen kam es im Reichstag zu einer Kontroverse aus Anlass der Verhandlungen über das Tabakmonopol (1). Camphausen reichte sein Entlassungsgesuch am 27. 2. ein, das nach einigem Hin und Her (u. a. Verhandlungen wegen seiner Stellvertretung des Fürsten in Notfällen, mit Kontrasignatur) angenommen wurde. Er erhielt seine Entlassung mit dem Titel und Rang eines Staatsministers.

Die Ereignisse um Otto Camphausens Ausscheiden als preußischer Finanzminister sind mit der Version, er hätte als Liberaler weichen müssen, zu einfach gekennzeichnet. Die Opposition eines großen Teiles der Konservativen hatte Bismarck veranlaßt, jahrelang mit den Nationalliberalen zusammenzuarbeiten und er wäre auch für eine längere Zeit dazu bereit gewesen, wie seine Verhandlungen mit dem Parteiführer R. von Bennigsen zeigten. Gewiß widersprachen manche seiner innerpolitischen Bestrebungen den Ansichten der Liberalen; auch seine sozialpolitischen Pläne (Sozialistengesetz) sowie die wirtschaftlichen Zoll- und Finanzreformen brachten ihn in Gegensatz zu vielen Nationalliberalen. Bismarck brauchte jedoch, um seine wirtschaftlichen Pläne für das Reich durchzuführen, zuverlässige Mitarbeiter auf der Ministerialebene. Hätten die Nationalliberalen zu diesem Zeitpunkt eine gewisse Kompromißbereitschaft gezeigt, so wäre ein verlängertes Bündnis mit ihnen durchaus wahrscheinlich gewesen. Camphausen war bei der Nachricht von Bismarcks Verhandlungen mit v. Bennigsen nervös geworden, weil er meinte, sie zielten lediglich auf die Position des Finanzministers ab. In Wirklichkeit hätte ein Erfolg der Verhandlungen und ein wenig Geschick von Bennigsens Seite die Möglichkeit gegeben, den nationalliberalen Flügel im Ministerium gemeinsam mit Camphausen zu stärken; Bennigsens starre Forderung nach 2 weiteren Ministerposten für seine Partei brachte jedoch die Angelegenheit zum Scheitern.

Es ist wohl nicht so, daß Bismarck bei einer einigermaßen annehmbaren Konstellation beabsichtigte, Otto Camphausen zu stürzen. Er scheint durchaus die fachlichen Fähigkeiten des Finanzministers anerkannt und des öfteren versucht zu haben, ihn für seine Pläne zu gewinnen. Camphausen war jedoch ebenso wie sein Freund Rudolf Delbrück (2) kein anpassungsfähiger Diplomat, sondern ein Politiker, der auf seinen liberalen Grundsätzen bestand und nicht gewillt war, sich und sie Bismarcks Autokratie unterzuordnen. Als Nationalliberaler führte Camphausen zwar Besprechungen mit solchen Parteifreunden, deren Ansichten er zustimmte. Jedoch war zu jener Zeit die parteiliche Bindung des Einzelnen und die Parteidisziplin viel schwächer als heute. Eine Persönlichkeit vom Schlage Otto Camphausens legte darum ihre eigenen Grundsätze fest und machte sich dadurch u. a. auch bei Gesinnungsgenossen unbeliebt. So erwog er beispielsweise am 22. und 23. 2. 1867 mit seinem Bruder Ludolf zusammen, eine ”Diminutivfraktion" zwischen Konservativen und Nationalliberalen zu bilden oder ”Wilde" zu bleiben oder sich dem Zentrum anzusdüießen. Jedenfalls war es einem Manne seines Charakters nidit gegeben, sich einem Bismarck unterzuordnen und um seinetwillen seine Ansichten zu modifizieren. Wenn er auch vieles an dem Reichskanzler bewunderte, so zeigen doch seine wiederholten Äußerungen, er sei jederzeit bereit, seine Stellung aufzugeben, sein Wissen um die Diskrepanzen und die darin liegenden Gefahren. Wiederholt, schon als Präsident der Seehandlung 1863/64, dann 1873, 1876 und noch 1877 im November hatte er auf Grund von sachlichen Differenzen oder Mißverständnissen sein Rücktrittsgesuch bereit. Im Mai 1876 lehnte Camphausen das Angebot, preußischer Ministerpräsident zu werden, ab. 1877 sollte er den beurlaubten Reichskanzler vertreten, weigerte sich aber, da ihm die eigene Kontrasignatur nicht zugestanden wurde. So ist wohl nicht zuviel gesagt mit der Behauptung, daß Otto Camphausens Persönlichkeit und Charakter mit dazu beigetragen haben, Bismarck endgültig den Konservativen in die Arme zu treiben.

Nach seinem Ausscheiden als Finanzminister ging Otto Camphausen zunächst 14 Monate auf Reisen in die Schweiz, Italien, Mittelmeer, Ägypten. Er behielt seinen Wohnsitz in Berlin. Nachdem er zu Anfang der 1880er Jahre noch gelegentlich im Parlament gegen Bismarcks Finanz- und Steuerpläne aufgetreten war, zog er sich bald ganz von der Teilnahme an der Politik zurück. Jedoch verfolgte und beurteilte er die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse weiterhin mit großem

Interesse. Die Kaiserin Augusta, die vor allem in regem Austausch mit Ludolf Camphausen stand, hielt auch die Verbindung zu Otto aufrecht. Im Jahre 1896 erhielt Otto Camphausen vier Monate vor seinem Tode mit dem Schwarzen Adlerorden den erblichen Adel; er hatte ihn schon anläßlich seines Rücktritts erhofft, wo ihm stattdessen der Hohenzollern Hausorden verliehen wurde.

Noch während Otto Camphausens Schulzeit wurde 1829 auf seine Veranlassung ein Briefwechsel zwischen seinem 9 Jahre älteren Bruder Ludolf und ihm eingeleitet, der über 60 Jahre bis zu Ludolfs Tod 1890 regelmäßig weitergeführt wurde. Im Anfang förderte Ludolf besonders Ottos Interesse für Literatur, für Finanz- und Handelsfragen und nahm an seinem beruflichen Leben teil. Da sie beide politisch gleichgesinnt waren - abgesehen von gelegentlichen sachlichen Differenzen

- unterstützte Otto während Ludolfs Ministerpräsidentschaft, wie er sagte ”als Adjutant", ihn bei seinen Geschäften. Nach Ludolfs Rückzug aus der Politik wurde Otto, im Staatsdienst und mit dem Wohnsitz in Berlin, mehr und mehr der Anregende und Gebende. Erhalten dürften annähernd vollständig die Jahrgänge 1842-49 (davon 1846 nur im Druck: /H IV) sein, ferner 1858-82 und 1884-90. Aus den übrigen Jahren sind jeweils einige Briefe oder Einzelstücke, aus den Jahren 1834, 1835, 1853 und 1856 keine, vorhanden. Trotz ihres Altersunterschieds von 9 Jahren lagen die Höhepunkte ihrer äußeren Wirksamkeit im öffentlichen Leben etwa 20 Jahre auseinander. Bei Ludolf waren es 2 Jahre um das 45. Lebensjahr, während Otto mit 57 bis 66 Jahren als Finanzminister wirkte. Auch nach seinem Rücktritt wurden vorwiegend politische und wirtschaftliche Fragen und andere geistige und technische Interessen (Ludolfs Astronomie) erörtert. Der Austausch zwischen dem mehr zurückhaltenden Theoretiker und dem unbeirrbaren Praktiker, beide hochbegabt, ist sehr aufschlußreich.

Eine eingehende Biographie Otto Camphausens liegt noch nicht vor. Kurze Lebensläufe findet man bei A. Bettelheim: Biographisches Jahrbuch Bd. 2, Berlin 1898. - ADB Bd. 47, Leipzig 1903. - NDB Bd. 3, Berlin 1957. Viele Einzelheiten finden sich in den Darstellungen seiner Zeit. Sein umfangreicher Briefwechsel mit Ludolf, der sich z. gr. T. in dessen Nachlaß befindet1), wurde auch dort belassen. Ein Auseinanderreißen nach Provenienzen hätte den Charakter des Austausches zerstört und die sachliche Einsicht nur erschwert. Ein ergänzender Rest von Briefen befindet sich in dem Familienarchiv der Urenkelin Frau Martha Stollwerck in Godesbergs). Otto Camphausens Nachlaß enthält nur einen verschwindend kleinen Rest von Handakten (A) und einzelne Briefe (B), wohl als Erinnerungsstücke an Bismarck, Kaiserin Augusta, Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm I. Eine Anzahl von Familienbriefen vervollständigt das Lebensbild.

Es handelt sich bei der Signatur der Briefwechsel nicht um Bücher. Das Präfix "B" wurde aufgrund der alten Signatur gewählt

(2) Von 1867-76 Präsident des Bundes- und Reichskanzleramtes.

Enthält u.a.:

(Restnachlass, Erinnerungsstücke): Wenige Blatt "Handakten";

Briefwechsel meist mit der Familie, auch mit dem preußischen Königshause;

angereichert durch Briefe Camphausens an Elise Camphausen, Frau seines Bruders Ludolf

Siehe auch im Nachlass Camphausen, Familie; Hauptnachlass (lt. Mommsen) verlorengegangen

Umfang : 0,30 m

>> zum Findbuch Best. 1023a Camphausen, Otto von
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