Bestand 99 Paul Otto Rosin, Berlin - Professor Dr.-Ing.



Laufzeit : 1904 - 1939



Inhalt : Geboren am 24. Juli 1890 in Freiburg (Breisgau) - gestorben am 13. März 1967 in London
Paul Otto Rosin wurde 1890 als Sohn des Professors für Rechtswissenschaften Heinrich Rosin in Freiburg (Breisgau) geboren. Er besuchte dort von 1899 bis 1908 das humanistische Gymnasium und begann anschließend ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Freiburg. Nach seinem Wechsel zur Bergakademie Freiberg (Sachsen) beendete er 1914 sein Studium als Dipl.-Ingenieur für Hüttenkunde. 1920 promovierte er bei Carl Anton Schiffner über "Die Grundlagen der Wärmeverluste metallurgischer Öfen", nur ein Jahr später vollendete er seine Habilitation im Fachbereich für Theoretische Hüttenkunde.

Wissenschaftliche Forschungsarbeit, Lehraufträge, internationale Forschungsreisen und schließlich die Beratung von Wirtschaftsunternehmen stellten die Schwerpunkte im beruflichen Werdegang Rosins bis zu seiner Emigration im Jahr 1936 dar. Der Energieengpass nach 1918 motivierte die intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung Rosins mit der Verfeuerung von Kohlenstäuben nach dem Vorbild der USA. Als Leiter der Wärmestelle der Staatlichen Sächsischen Hütten- und Blauwarenfabrik in Freiberg interessierten ihn vor allem die Möglichkeiten, die die Verfeuerung von heimischen Braunkohlestäuben eröffnete. Erste praktische Versuche wurden 1926 im hierfür vorgesehenen Kraftwerk Hirschfelde in Zittau unternommen. Mit seinen Mitarbeitern Rammler, Kauffmann und Kayser beteiligte sich Rosin auch an der Entwicklung geeigneter Mühlen für die Zerstäubung der Kohle und an der Herrichtung passender Öfen. Seit 1927 betrieb Rosin gemeinsam mit Erich Rammler ein eigenes Laboratorium für Brennstofftechnik in Dresden.

Aus dieser Forschungstätigkeit ergaben sich internationale Vortragsreisen, u. a. in die USA und nach Großbritannien und 1932 ein Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Berlin als Honorarprofessor, den Rosin infolge der sich etablierenden NS-Herrschaft nur rudimentär erfüllen konnte.

Mehr Gewicht für seinen beruflichen Werdegang erlangte die Beratertätigkeit auf technischem wie auf betriebswirtschaftlichem Gebiet. Aufgrund seiner führenden Position im Bereich der Verbrennungstechnik gehörte er seit 1923 als festes Mitglied dem Kohlenstaubausschuss des Reichskohlenrats an, seit 1928 fungierte er als Berater für die Studiengesellschaft für Kohlenstaubfeuerungen auf Lokomotiven und seit Beginn der 30er Jahre beriet er die Schwelwerke Minna Anna AG in Gölzau (Sachsen-Anhalt) in energietechnischen Fragen.

In den 30er Jahren gewannen zunehmend wirtschaftliche Fragestellungen in Rosins beruflicher Tätigkeit an Gewicht. Neben der betriebswirtschaftlichen Beratung einzelner Unternehmen entfaltete Rosin als Mitglied der Firma Bestgestaltung von 1931 bis 1933 vielfältige Aktivitäten auf dem Gebiet der Rationalisierungen und Wirtschaftsprüfungen, ein Fachbereich, der infolge der Wirtschaftskrise seit 1929 allgemeines Interesse fand. Neben Rosin gehörten Dr.-Ing. Franz Hahn als Gründer und der Amerikaner Russel W. Allen, der bereits seit 15 Jahren als "industrial engineer" tätig war, dem Unternehmen an. Das Projekt Bestgestaltung fand allerdings 1933 mit dem Unfalltod Franz Hahns in Davos ein plötzliches Ende.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft war Rosin seit 1933, vor allem aber nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze 1935, zunehmend Diskriminierungen ausgesetzt und in seiner beruflichen Tätigkeit eingeschränkt: 1935 erfolgte der Ausschluss von der TH Berlin und die Verdrängung aus mehreren Aufsichtsräten. Sein Dresdner Labor verkaufte er an seinen Mitarbeiter Erich Rammler. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Schweiz lebte Rosin seit 1936 vorwiegend in London. Mit Hilfe seines Mitarbeiters Reinhard Fehling gelang es ihm, sein Vermögen weitgehend dorthin zu überführen.

Nach dem Krieg kehrte Rosin nach Deutschland zurück. 1955 wurde er erneut in den Aufsichtsrat der Frank''schen Eisenwerke Adolfshütte Niederscheld bei Dillenburg berufen und seit 1959 hatte er den Vorsitz des Werks inne. Rosin starb am 13. März 1967 in London.

Der Bestand konstituiert sich aus dem Nachlass Paul Otto Rosins, der im Herbst 1983 durch Dr. Manfred Rasch - heute Leiter des ThyssenKrupp Konzernarchivs - aus einer Grunewald-Villa geborgen wurde. Der bisherige Besitzer hatte bei seinen Nachforschungen keine Angehörigen Rosins auffinden können. Der Nachlass ist unvollständig. Er umfasst lediglich jene 1939 in der Villa untergestellten Akten. Es ist nicht bekannt, welche Unterlagen Rosin und Fehling bei ihrer Emigration nach Großbritannien mitnahmen.

Die Unterlagen stehen alle im Zusammenhang mit Rosins Tätigkeit auf dem Gebiet der Feuerungstechnik und Kohleveredelung. Neben den Veröffentlichungen Rosins gehören zum Bestand auch Unterlagen über Labor- und Betriebsversuche mit der Feuerungstechnik, über die Versuche der Gas- und Ölgewinnung aus Kohle und Dokumente über die Zusammenarbeit mit Verbänden und Organisationen. Einen wichtigen Teil des Bestandes bilden die Archivalien des Rationalisierungsunternehmens Bestgestaltung und der betriebswirtschaftlichen Beratungen durch Rosin. Die persönlichen Unterlagen von Dr. Reinhard Fehling, einem engen Mitarbeiter Rosins, und von Professor Rosin selbst vervollständigen den Bestand.

Das Manuskript der Veröffentlichung von Dr. Manfred Rasch zur Persönlichkeit Rosins enthält eine Konkordanz zwischen den Altsignaturen (Aufschriften auf den Aktenordnern) und den verbindlichen Signaturen des Findbuchs. Veröffentlichungen 1923-1938, 1987 (22)
Labor- und Betriebsversuche 1925-1938 (34)
Gas und Öl aus Kohle 1929-1938 (10)
Zusammenarbeit mit Verbänden und Organisationen 1926-1937 (6)
Bestgestaltung der Arbeit 1920-1938 (28)
Beratung von Unternehmen 1906-1939 (88)
Persönliche Unterlagen von Professor Dr.-Ing. Paul Otto Rosin 1904-1939, 1989 (34)
Persönliche Unterlagen von Dr.-Ing. Reinhard Fehling 1919-1939, 1989 (26)

Umfang : 10 m

Literatur : Manfred Rasch: Bemerkungen zum Nachlass Paul Otto Rosin, unveröffentlichtes Manuskript, in: Bergbau-Archiv 99/1.
Wolfhard Weber: Paul Rosin, eine biographische Skizze, in: Humanismus und Technik, 1987, S. 63-69.
Manfred Rasch: Paul Rosin - Ingenieur, Hochschullehrer und Rationalisierungsfachmann. Beiträge zur Wirtschafts-, Technik- und Unternehmensgeschichte der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts anhand eines Nachlasses, in: Technikgeschichte 56, 1989, S. 101-132.
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