Bestand 157 Schachtanlage Westfalen, Ahlen (Westfalen)



Laufzeit : 1902 - 1986



Inhalt : Am 15. Juli 1902 wurde die 1 000-teilige Bergwerksgesellschaft Westphalen mit Sitz in Essen gegründet, um erste, bereits in den 1890er Jahren in Ahlen (Westfalen) erfolgte Tiefbohrversuche weiterzuführen. Bis 1907 hatte man mit einem Kapitalaufwand von 2,2 Mio. Mark weitere 33 Bohrungen mit einer Gesamtteufe von 30 000 m niedergebracht, wobei fast alle fündig waren. Durch die bis 1908 auf über 3 Mio. Mark angewachsenen Zubußen hatte sich die Zahl von ursprünglich sechs Gesellschaftern unter Führung des Bankiers Wilhelm Laupenmühlen, der fast 70 % der Anteile hielt, fast verzehnfacht. Außerdem herrschte eine hohe Fluktuation unter den Anteilseignern, sodass nun die Harpener Bergbau-AG mit knapp einem Viertel der Anteile größter Gesellschafter wurde. Um eine größere Teilung des Gesellschaftsbesitzes und so eine Minderung des Risikos für den einzelnen Eigner zu erreichen, wurde 1907 nach dem Vorbild der Gewerkschaften Trier I-III und der Bergwerksgesellschaft Trier mbH vier 1 000-teilige Gewerkschaften unter dem Namen Westfalen I-IV gegründet. Letztere war zu gleichen Teilen Eigentum der Gewerkschaften, besaß andererseits aber einen Ausbeutungsvertrag über deren Grubenfelder. 1908 wurden die Gewerkschaften Westfalen V-VII gegründet und die 31 Einzelfelder Westfalen unter den sieben Gewerkschaften aufgeteilt.

Wie bei der Gesellschaft Trier war diese Rechtsform äußerst umstritten und daher nicht von Dauer. Bereits am 24. Mai 1910 wurde die Neuorganisation der Gruppe beschlossen, sodass Ende des Jahres die 10000-teilige Gewerkschaft Westfalen entstand. Während 70 % der Kuxe an die Gesellschafter der früheren Gewerkschaften verteilt wurden, gelangten 30 % in den freien Verkauf auf Rechnung der neuen Gesellschaft. Zum Generaldirektor wurde Bergmeister a. D. Reinhold Morsbach bestellt, den Grubenvorstand bildeten u. a. Bergrat a. D. Heinrich Kost als Vorsitzender, Robert Müser als Stellvertreter und Wilhelm Laupenmühlen.

Nach Anlage einer Straße zur Stadt begannen am 1. Februar 1909 die Abteufarbeiten an den Schächten Wilhelm 1 und Wilhelm 2, die nach Fertigstellung der Grubenanschlussbahn im Mai mit einer Monatsleistung von fast 100 Metern - der noch bis in die 1930er Jahre größten Geschwindigkeit - große Fortschritte machten. Zwei Jahre später, am 1. Februar 1911, erreichte Schacht 1 bei 1 088 m seinen vorläufig tiefsten Punkt. Westfalen war damals Deutschlands tiefste Zeche. Schacht 2 folgte zwei Monate später mit 1 051 m. Insgesamt waren neun bauwürdige Flöze mit einer Gesamtmächtigkeit von 10,55 m durchteuft worden.

Die nächsten Jahre waren, nur unterbrochen durch den Bergarbeiterstreik im März 1912, ausgefüllt mit dem Bau der Tagesanlagen und Fördereinrichtungen sowie der Ausrichtung unter Tage, sodass die Förderung am 5. März 1913 begonnen werden konnte. Kurz zuvor hatte man mit dem Bau der Kokerei nebst Nebenproduktengewinnungsanlage begonnen, die im Januar 1914, fast zeitgleich mit der Wäsche, die Arbeit aufnahm. Mit dem vollautomatischen Wagenumlauf und Schüttelrutschenbetrieb in einigen Bauabschnitten war Westfalen eine der modernsten Zechen des ausgehenden Kaiserreichs.

1916 erwarb die Bergwerksgesellschaft Georg von Giesches Erben aus Breslau die Gewerkschaft Westfalen. Neben ihren 7 754 Kuxen besaß die Deutsche Bank 1 249 und die Harpener Bergbau-AG 601 Anteile. Zur selben Zeit vergrößerte sich auch der Grund- und Felderbesitz durch den Ankauf mehrerer benachbarter Höfe und die Übernahme der mark- scheidenden Grubenfelder Anneliese 1-30, sodass sich der Besitz der Gewerkschaft, auf die noch 1930 gültige Zahl von 61 Normalfeldern, fast verdoppelte.

Im November 1920 kam es zum schwersten Grubenunglück der Zeche, als nach einem Seilbruch 14 Bergleute mit dem Förderkorb in den Schacht stürzten.

Die erste Hälfte der 20er Jahre waren durch den Ausbau der Tagesanlagen sowie den Umbau und die Erweiterung der Kokerei geprägt. Mitder Ausdehnung der Grubenbaue war außerdem ein neuer Schacht zur Verbesserung der Bewetterung nötig geworden, doch musste dieses Projekt wegen der desolaten Finanzlage zurückgestellt werden. Dies galt ebenso für die später geplante Doppelschachtanlage, die die geringe Syndikatsbeteiligung der Zeche erhöht und damit die Absatzlage verbessert hätte. Ein Ausweg schien dem seit 1924 verantwortlichen Direktor, Bergassessor a. D. Karl Hilgenstock, die Versorgung der Stadt mit Kokereigas zu sein, da zu dieser Zeit nach dem Syndikatsvertrag ein im Mehrheitsbesitz einer Zeche befindliches Gaswerk von dieser zu Selbstverbrauchskonditionen betrieben und der entstandene Koks außerdem auf den Markt gebracht werden konnte. Am 29. September 1926 schloss daher die Gewerkschaft mit der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW) einen Vertrag über die Lieferung von 20 Mio. m3 Rohgas ab, die VEW verpflichtete sich ihrerseits zum Bau eines Gasbehälters sowie von Reinigungs- und Regeleinrichtungen. 1927 wurde das erste Gas an die Stadt Soest, 1928 an die Stadt Ahlen abgegeben.

Vier weitere Projekte in Darmstadt, Karlsruhe, Köln und Hannover, die als Grundlage den Bau von Gasereien zur kommunalen Versorgung mit 51 % Beteiligung der Zeche Westfalen hatten, scheiterten, da die Gewerkschaft 1927 durch die Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft, Dessau, übernommen wurde. Diese hatte die gleichen Grundinteressen wie die vorgenannten Städte, doch richtete sich ihr Augenmerk auf die Gasversorgung des mitteldeutschen Raumes. Nach Inbetriebnahme der Großgaserei Magdeburg-Rothensee 1930 wurden dort täglich 1 000 t Ahlener Kohle verarbeitet, was den Absatz der Zeche endgültig sicherte.

Im September 1936 wurde unter der Leitung von Heinrich Morsbach, dem Nachfolger des von 1928 bis 1935 amtierenden Direktors Erich Quentin und Neffen des ersten Direktors, mit dem Abteufen von Schacht 3, der den Namen Magdeburg hielt, begonnen. Nach einer ähnlichen Abteufleistung wie bei Schacht 1 erreichte man bereits im März 1938 die Endteufe von 1 060 m. Durch den neuen Förderschacht erhöhte sich die Belegschaft um 500 Mann im Jahr 1939, nachdem die Förderung bereits 1937 die geplante Menge von 1 Mio. t überschritten hatte. Durch die Erweiterung des Baufeldes wurde zur erneuten Verbesserung des Grubenklimas mit dem Abteufen von Schacht 4 begonnen, der im März 1943 seine Endteufe von 885 m erreichte und im Oktober 1944 als ausziehender Wetterschacht in Betrieb ging. 1944 erlitten die Tagesanlagen der Zeche bei Luftangriffen starke Schäden, doch blieben die Fördermaschinen und Fördertürme betriebsfähig.

Im Dezember 1951 wurde die Gewerkschaft Westfalen in die Steinkohlenbergwerk Westfalen AG umgewandelt. Mit mehr als 99 % der Aktien blieb die Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft Hauptanteilseigner. Um die östlichen Teile des Felderbesitzes aufzuschließen, wurde 1953 ein fünfter Schacht mit Namen Düsseldorf niedergebracht, der 1956 in Förderung ging. Trotz der Kohlenkrise und der Stilllegung zahlreicher Schachtanlagen im Ruhrbergbau folgte bereits 1962 Schacht 6, der wiederum als Wetterschacht 1965 den Betrieb aufnahm.

1969 gelangte die Zeche nicht in den Besitz der neu gegründeten Ruhrkohle AG (RAG), sondern wurde von der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft an den Eschweiler Bergwerks-Verein in Kohlscheid bei Aachen verkauft. Mit dem 1976 begonnenen und 1981 in Förderung gegangenen Schacht 7 wurden erneut weitere Felder erschlossen und die Hauptförderung außerhalb des Ahlener Stadtgebietes nach Heessen verlagert. 1986 wurden die Schächte 2 und 5 aufgegeben und verfüllt. Zum 1. Januar 1989 ging die Zeche durch einen Betriebsführungsvertrag in die Verwaltung der RAG über, der sie seit dem 1. Juli 1993 gehörte. Die Stilllegung des Bergwerks Westfalen erfolgte am 20. Juni 2000. Gewerkschaft Westfalen
Berechtsame 1908-1939 (10)
Geschäftsberichte 1902-1910, 1938-1950 (22)
Die Gewerkschaft unter Führung eines Bankenkonsortiums/Repräsentant Heinrich Kost 1906-1926 (13)
Die Gewerkschaft im Besitz von Giesches Erben 1908-1935 (14)
Die Gewerkschaft im Besitz der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft 1927-1946 (19)
Beschlagnahmung der Gewerkschaft durch die Militärregierung 1945-1951 (26)
Führung des Grubenbetriebs 1908-1969 (21)
Belegschaftsfragen 1908-1961 (46)
Beteiligungen Handel 1913-1945 (44)
Beteiligungen an Grundstücks- und Baugesellschaften 1907-1965 (20)
Steinkohlenbergwerk Westfalen AG
Gründung/Aufsichtsrat 1944-1969 (33)
Neuordnung des Steinkohlenbergbaus 1965-1971 (29)
Eingliederung der Gesellschaft in den Eschweiler Bergwerks-Verein 1969-1981 (35)
Betriebsleitung 1943-1986 (55)
Grubenbetrieb 1943-1982 (50)
Belegschaftsfragen 1918, 1951-1979 (21)
Beteiligungen 1955-1974 (38)
Wirtschaftsnahe Organisationen 1937-1957 (19)
Presse/Wissenschaftliche Arbeiten (38)
Karten/Pläne/Risse

Umfang : 42,6 m

Verweis : Ergänzungsüberlieferung im Bergbau-Archiv: Eschweiler Bergwerks-Verein (Bestand 160)

Literatur : Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft. 100 Jahre. Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft 1955, o. O. 1955.
Kurt Jericho: 50 Jahre Steinkohlenförderung in Ahlen (Westfalen). Chronik der Schachtanlage Westfalen, Ahlen (Westfalen) [1963].
Uwe Rennspieß: Jenseits der Bahn. Geschichte der Ahlener Bergarbeiterkolonie und der Zeche Westfalen, Essen 1989.
Michael Huhn: Ein ganz eigener Schlag. Kolonie und Bergwerk Westfalen: Leben und Arbeit in Ahlen nach 1945, Essen 1997.
Glückauf-Stiftung (Hrsg.): Zeche Westfalen. Ein Jahrhundert Steinkohlenbergbau in Ahlen, Essen 2000.
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