Bestand 14 Zechenverband, Essen



Laufzeit : 1899 - 1943



Inhalt : Der Zechenverband wurde am 22. Januar 1908 gegründet. Hauptsitz wurde Essen, wo auch der 1858 gegründete Bergbau-Verein residierte. Organisatorisch knüpfte die Neugründung an den Ausstands-Versicherungs-Verband an, der nach dem großen Streik der Ruhrbergleute im Mai 1889 auf Initiative führender Mitglieder des Bergbau-Vereins am 13. Februar 1890 ins Leben gerufen worden war. In den Bezirksausschüssen des Ausstands-Versicherungs-Verbandes und im Vorstand des Bergbau-Vereins hatte man bereits seit dem Bergarbeiterstreik 1905 die Bildung eines Arbeitgeberverbandes diskutiert.

Im Wesentlichen verfolgte man mit der Gründung des Zechenverbandes drei Ziele:
Erstens sollte ein engerer Zusammenschluss der Unternehmen des Ruhrbergbaus zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen in Arbeiter- und Angestelltenfragen erreicht werden.
Zweitens sollte die Streikversicherung des Verbandes die von einem Arbeitskampf betroffenen Zechen entschädigen. Allerdings waren die Voraussetzungen für eine Zahlung sehr eng gefasst.
Drittens unterhielt der Zechenverband seit dem 1. Januar 1910 einen Arbeitsnachweis, der die berüchtigten "Schwarzen Listen" ablöste, mit denen man bis dahin relativ erfolglos versucht hatte, die außerordentlich hohe Belegschaftsfluktuation einzudämmen. Beide Instrumente zielten auf die Beherrschung des Arbeitsmarktes und richteten sich damit nicht nur gegen das so genannte Zechenlaufen sondern konnten auch als Disziplinierungsmittel streikender Arbeiter und damit zur Schwächung der Gewerkschaften genutzt werden.

Obwohl der Zechenverband sich als sozialpolitische Interessenorganisation definierte, lehnte er Gespräche und Verhandlungen mit den Gewerkschaften bis Oktober 1918 stets mit dem Hinweis auf seine Nichtzuständigkeit in Lohn- und Arbeitszeitfragen ab. Nach der Konstituierung der Zentralarbeitsgemeinschaft vertrat er bis zu deren Zerbrechen im Jahr 1924 die Arbeitgeberseite in der Bezirksgruppe für den rheinisch-westfälischen Steinkohlenbergbau der Reichsarbeitsgemeinschaft Bergbau. Auch danach blieb der Verband Verhandlungs- und Vertragspartner für die Gewerkschaften.

Mitglied im Zechenverband konnte jede im Bergbau-Verein organisierte Zeche im rheinisch-westfälischen Industriebezirk werden. Ausnahmen konnte die Hauptversammlung mit Dreiviertelmehrheit beschließen. Die enge Verflechtung mit dem Bergbau-Verein wird auch in der Personalunion der Vorstände, der Vorsitzenden und der Geschäftsführung deutlich. Vorsitzende des Bergbau-Vereins und des Zechenverbandes waren:

Geh. Bergrat Eduard Kleine (1908 bis 1909)
Bergrat Paul Randebrock (1909 bis 1912)
Geh. Finanzrat Dr. rer. pol. Alfred Hugenberg (1912 bis 1925)
Bergrat Dr.-Ing. E. h. Fritz Winkhaus (1925 bis 1927)
Bergassessor Dr.-Ing. E. h. Ernst Brandi (1927 bis 1933).

Als Geschäftsführer des Zechenverbandes fungierte während der ganzen Zeit seines Bestehens Bergassessor a. D. Dr.-Ing. E. h. Hans von und zu Loewenstein, der diese Position auch von 1905 bis 1937 im Bergbau-Verein innehatte.

Neben dem Vorstand existierte mit dem Geschäftsführenden Ausschuss ein Lenkungsgremium, das besonders während des Ersten Weltkriegs zunehmend die Leitung des Verbandes übernahm. Ihm gehörten neben dem Vorsitzenden und seinen beiden Stellvertretern nur noch vier bis sieben weitere vom Vorstand aus seinen Reihen bestimmte Mitglieder an. Die organisatorische Basis bildeten die sieben, später acht Bezirksausschüsse, die sich aus den einzelnen Vertretern der Zechen zusammensetzten. Ihnen oblag in erster Linie die Entscheidung über die Auszahlungsanträge im Rahmen der Streikversicherung. Jedoch konnte auch gegen ihren Beschluss Berufung beim Vorstand eingelegt werden, der darüber hinaus in Einzelfällen auch bei Nichterfüllung der Voraussetzungen Entschädigungen gewähren konnte.

Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933, der Aufhebung der Tarifautonomie und derEingliederung der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände in den neu gebildeten Reichsstand der deutschen Industrie, der aus dem Reichsverband der Deutschen Industrie hervorging, hatte der Zechenverband einen großen Teil seiner Aufgaben und damit seine Existenzlegitimation verloren. Ende Juni 1933 verfügte der Vorsitzende Ernst Brandi die Auflösung. Der Zechenverband und mit ihm ein Teil seiner Aufgaben gingen im sozialwirtschaftlichen Dezernat des Bergbau-Vereins auf. Das im Vergleich mit den anderen bergbaulichen Arbeitgeberverbänden frühe Datum der Selbstauflösung resultierte wohl nicht zuletzt aus der Sorge um das Vereinsvermögen, das nun ebenfalls auf den Bergbau-Verein überging.

Die erhalten gebliebenen Akten des Zechenverbandes stellen einen recht gut erhaltenen Restbestand aus einer geordneten Registratur dar, die bei dem Bombenangriff auf Essen am 5. März 1943 zum großen Teil verbrannte. Erhalten blieben lediglich einige wenige Splitter aus der A-Registratur (Arbeiterfragen) und der B-Registratur (Angestelltenfragen) sowie große Teile der Untergruppe C (Tarifvertragsfragen) der A-Registratur.

Das vorhandene Aktenmaterial zum Tarifvertragswesen und die zahlreichen Rundschreiben des Zechenverbandes aus den Jahren 1908 bis 1933 an die Verbandszechen, an die Bergwerksdirektoren und an die Direktionen bieten wertvolle Einblicke in die Gestaltung der Arbeitsbedingungen im Ruhrbergbau in der Weimarer Republik. Schriftwechsel/Rundschreiben 1908-1933 (17)
Jahresberichte 1908-1926 (14)
Tarifverträge/Vertragsverhandlungen 1907-1936 (37)
Tarifverträge/Grundsatzfragen übergreifend 1919-1938 (17)
Tarifverträge Angestellte 1919-1943 (9)
Lohnordnungen 1888, 1921-1936 (59)
Löhne/Lohnpolitik 1919-1935 (15)
Löhne/Südrandzechen 1919-1936 (8)
Deputatkohlen 1918-1937 (55)
Geleucht/Gezähe/Berufsbekleidung 1908-1935 (13)
Mehrarbeit 1925-1936 (20)
Feierschichten 1918-1936 (25)
Sonn- und Feiertagsarbeit 1832-1839, 1899-1935 (21)
Urlaubsregelung 1907-1937 (70)
Arbeitsbedingungen für Lehrlinge 1919-1935 (4)
Internationales Arbeitsamt 1921-1933 (11)
Nachrichtenblätter 1925-1933 (9)
Statistiken/Materialien aus dem Bezirk Dortmund des Zechenverbandes 1908-1926 (2)

Umfang : 15 m

Verweis : Ergänzungsüberlieferungen im Bergbau-Archiv: Bezirksgruppe Ruhr der Fachgruppe Steinkohlenbergbau (Bestand 13), Fachgruppe/Wirtschaftsgruppe Bergbau (Bestand 15), Bergbau-Verein (Bestand 16)

Literatur : Paul Osthold: Die Geschichte des Zechenverbandes 1908-1933. Ein Beitrag zur deutschen Sozialgeschichte, Berlin 1934.
Friedrich Schunder: Tradition und Fortschritt. Hundert Jahre Gemeinschaftsarbeit im Ruhrbergbau, Stuttgart 1959, S. 155-176.
Evelyn Kroker: Hans von und zu Loewenstein, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 15, Berlin 1987, S. 102 f.
Rudolf Tschirbs: Tarifpolitik im Ruhrbergbau 1918-1933, Berlin/New York 1986.
Stefan Przigoda: Unternehmensverbände im Ruhrbergbau. Zur Geschichte von Bergbau-Verein und Zechenverband 1858-1933, Bochum 2002.
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