Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen
NICHTSTAATLICHES SCHRIFTGUT
ARCHIVISCHE SAMMLUNGEN
Archivalische Subsidien
Archivalische Subsidien
W 701 Urkundenselekt
Permalink des Findbuchs


Signatur : W 701

Name : Urkundenselekt

Beschreibung :

Einleitung :

Das Urkundenselekt

Umfang

Das Urkundenselekt im Landesarchiv NRW Abt. Westfalen in Münster umfasst 409 großformatige Urkunden mit einer Gesamtlaufzeit von 813 bis 1861 (Stand 15.02.2017) und wird im Zuge der Urkundenumbettung ständig erweitert. Aus konservatorischen Gründen und wegen ihrer herausragenden Bedeutung werden die Selekturkunden getrennt von ihren Beständen aufbewahrt. Aktuell handelt es sich um:

·194 Kaiser- und Königsurkunden KU (813-1794)

·42 Papsturkunden PU (1005-1826)

·154 Privaturkunden PRU (888-1861)

·19 Ablaßbriefe AB (1283-1503)

Gleichwohl sprechen wir hierbei bei Weitem nicht über alle Kaiser-, Papst-, Bischofs- oder sonstigen Dynastenurkunden, welche im Landesarchiv NRW Abt. Westfalen verwahrt werden. Viele davon sind in den jeweiligen Beständen verblieben. Erläuterungsbedürftig ist hierbei lediglich, dass es sich bei den sogenannten ”Privaturkunden“ um Urkunden von Ausstellern handelt, welche nicht majestätisch oder päpstlich waren; meist handelt es sich hierbei um Landesfürsten - etwa Bischöfe.

Selektbildung und erste Umbettung

Möglicherweise wurde die archivtheoretische Grundlage für die Bildung von Selekten in preußischen Staatsarchiven für besonders wertvolle und großformatige Urkunden 1894/95 durch einen Lehrenden an der ersten Marburger Archivschule gelegt, durch den Staatsarchivar Karl Gustv Könnecke.

In den frühen 1970er Jahren - der genaue Zeitpunkt ist nicht mehr zu ermitteln - ergriff der für die Restaurierungswerkstatt zuständige Referent Volker Buchholz die Initiative und ließ die großformatigen Urkunden in eigens gefertigte Kartons umbetten. Eine Ausnahme bildet bis heute die Papyrusurkunde, die von Papst Stephan IV. (V.) 891 ausgestellt wurde und bis heute hinter Glas auf Holz aufgezogen ist (Stift Heerse (Neuenheerse) - Urkunden 3a).

Verwahrung und zweite Umbettung

Entsprechend der archivischen Tradition wurde im Landesarchiv NRW Abt. Westfalen lange Zeit an einer jahrzehntealten Lagerungstechnik für Urkunden festgehalten. Noch immer befinden sich die meisten Urkunden der letzten 1200 Jahre in säurehaltigen Papiertüten, welche sich wiederum in aufeinandergestapelten Klappkartons befinden. Dem begegnen wir seit 2007 mit dem langfristig für alle über 100.000 Urkunden unseres Hauses angelegten Projekt ”Urkundenumbettung“.

Eine besondere Form der Umbettung erfuhr das Urkundenselekt, indem ein neuer lagerungstechnischer Weg beschritten wurde, nämlich durch Einbringung eines passenden Museumskartons in einen Kasten aus Wellkarton. Der Museumskarton kann für Ausstellungszwecke leicht wieder entnommen werden. Die Position der Urkunden wird hierbei mit Hilfe durchsichtiger Polyesterstreifen gehalten. Das gesamte Selekt wurde 2015 von unserem Neubau in den preußischen Archivzweckbau von 1889 am Bohlweg in Münster umgelagert.

Benutzung und virtueller Lesesaal

Bis zu ihrer digitalen Bereitstellung wurden die Selekturkunden physisch im Lesesaal vorgelegt. Dabei erfolgte die Bestellung nach Lokaturen (z.B. KU 1, PU 1, PRU 1, AB 1), die Zitierweise richtet(e) sich jedoch nach der Beständszugehörigkeit (z.B. Fürstabtei Corvey - Urkunden 1a). Bei der Präsentation in digitaler Form ist nun die Zugehörigkeit sowohl zum Selekt als auch zum Provenienzbestand möglich geworden, d.h. die Digitalisate sind in zwei Beständen vorzufinden.

Allerdings folgt diesem herausgehobenen Urkundenbestand auch eine überdurchschnittliche Aufmerksamkeit seitens der Forschung und der Öffentlichkeit. Somit beschreiten wir im Spannungsfeld zwischen Benutzungswünschen und Archivalienschutz seit Jahrzehnten eine Gratwanderung. Die Digitalisierung eröffnet nun einen Ausweg aus diesem Dilemma, indem die Nutzung virtualisiert wird und die die Herausgabe der Originale auf das im begründeten Ausnahmefall unbedingt notwendige Maß reduziert, etwa zu hilfswissenschaftlichen Untersuchungen am Pergament oder von Dorsalvermerken. Erfüllt werden mit dem Projekt ”Urkundenselekt all inclusive“ die Bedürfnisse der Benutzer und das Schutzgebot für die Archivalien:

·Zugangserleicherung zum Selekt

·Gewährleistung der Benutzung

·Schutz der Originale

Maßnahmen

Die erfolgten Maßnahmen für das Urkundenselekt waren noch weitergehend:

·Retrokonversion des Inventars und teilweise Neuverzeichnung der Urkunden

·Digitalisierung der Urkunden

·Zugänglichmachung des Inventars und der Digitalisate sowohl im Lesesaal als auch auf dem Archivportal archive.nrw.de und in der Folge auch Möglichkeit eines Uploads auf das Archivportal D, die Deutsche Digitale Bibliothek und auf Europeana.

·Umbettung und z.T. Restaurierung der Urkunden (auch der arbeitsintensiven Privaturkunden mit ihren oft zahlreichen Siegeln und Transfixen)

·Montierung für Ausstellungszwecke

Besondere Verdienste bei der zweiten Umbettung, der Umlagerung und der Digitalisierung des Urkundenselekts haben sich unsere Querschnittsdezernenten Dr. Johannes Burkardt (2004-2015) und Dr. Ralf-Maria Guntermann (seit 2015) erworben.

Überlieferung

Die älteste Urkunde des Landesarchiv NRW, wohl auch des ganzen nördlichen Deutschlands, ist unsere ”KU 1“, nämlich das letzte von Kaiser Karl dem Großen ausgestellte Königsdiplom vom 9. Mai 813 (Fürstabtei Corvey - Urkunden 1a). Als weiteres prominentes Beispiel sei das Fragment der ältesten Corveyer Heberolle (9. oder 10. Jh.) angeführt (Fürstabtei Corvey - Urkunden 42a).

Neben der ältesten Überlieferung des Hauses aus karolingisch-ottonischer Zeit finden sich im Selekt pergamentene Leckerbissen wie die Purpururkunde König Konrads III. für Kloster Corvey vom 23. März 1147 (Fürstabtei Corvey - Urkunden 51a) oder ein prunkvoll illuminierter, immer wieder gerne in Ausstellungen gezeigter Ablassbrief vom 2. Januar 1347 (Stift Fröndenberg - Urkunden 162). Neben ihrer besonderen historischen Bedeutung, ihrem Alter oder einer außergewöhnlichen künsterlichen Qualität konnte auch die Beschaffenheit des Siegels oder auch die Anzahl der an einer Urkunde befindlichen Siegel Grund für die Separierung sein, vornehmlich bei den Ablaßbriefen. Bei den Herrscherurkunden liegt z.B. eine Urkunde Karls IV. mit anhängender Goldbulle (Domkapitel Münster - Urkunden I B1). Zwei Urkunden betreffend die Vereinigung der Städte des Bistums Münster sind mit 10 bzw. 11 Siegeln (Fürstbistum Münster, Landesarchiv - Urkunden 2888), ein anderes Pergament aus dem Bestand des Klosters Grafschaft mit 8 Siegeln (Kloster Grafschaft - Urkunden 17b) ausgestattet.

Hinweis

·Vormalige PU 21 ist jetzt PRU 105

·Vormalige PRU 68 ist jetzt PRU 68a

·Vormalige PRU 69 ist jetzt PRU 68b

Weitere Informationen zum Urkundenselekt:

·LAV NRW W Dienstregistratur Nr. 3156

·Burkardt, Johannes, Bestandserhaltung und Bestandssicherung mittelalterlicher Urkunden, in: Fees, Irmgard / Hedwig, Andreas / Roberg, Francesco (Hgg.), Papsturkunden des frühen und hohen Mittelalters. Äußere Merkmale - Konservierung - Restaurierung, Leipzig 2011, S. 45-61.

·Lentfort, Hermann, Verschiedene Systeme der Siegel- und Urkundenaufbewahrung. Neue Montage der wertvollen Urkunden im Staatsarchiv Münster, in: Arbeitsblätter des Arbeitskreises Nordrhein-Westfälischer Papierrestauratoren 10 - 17. Fachgespräch der NRW-Papierrestauratoren am 7. März und 8. März in Altenberg/Odenthal, 2006, S. 81-84.

Münster, den 15.02.2017

Dr. Thomas Reich



Anfang  Erweiterte Suche
Warenkorb  Drucken