Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen
4. NICHTSTAATLICHES SCHRIFTGUT
4.5. ARCHIVISCHE SAMMLUNGEN
4.5.1. Manuskripte
Msc. II ("Kindlingersche Sammlung")
W 002, Msc. II (Kindlingersche Sammlung)
Permalink des Findbuchs


Signatur : W 002

Name : Msc. II ("Kindlingersche Sammlung")

Beschreibung :

Einleitung :

1.Zum Leben Kindlingers

Johannes Nikolaus Kindlinger wurde am 17. Februar 1749 im kurmainzischen Neudorf im Rheingau als ältestes unter insgesamt acht Kindern geboren. Seine Eltern waren der begüterte Müller Johannes Kindlinger und dessen Ehefrau Maria Katharina, geb. Werner.

Mit 9 Jahren verlor Kindlinger seinen Vater, worauf sich die finanzielle Situation der Familie mehr und mehr verschlechterte. Bis zum 12. Lebensjahr besucht er die Dorfschule seines Heimatortes, wechselte dann 1761 auf die Jesuitenschule in Mainz, welche er bis 1766 mit mäßigem Erfolg besuchte. Aus wirtschaftlichen Gründen, jedoch ohne innere Neigung, entschloß sich Kindlinger in einen Orden einzutreten. Aus äußerlichen Erwägungen wählte er den Minoritenorden und wurde in Köln eingekleidet. Seine Entscheidung zum Ordensleben reute ihn bald, doch fehlt ihm die Kraft, ins weltliche Leben zurückzukehren. 1768 wurde er nach Münster versetzt, wo er bis 1773 Theologie studierte. Dank einer Bekanntschaft mit den Minoriten Severus Campill und vor allem Erasmus Köster fand Kindlinger während seines Studiums zur Geschichtswissenschaft. Durch den Stationsdienst in verschiedenen Klöstern des Münsterlandes gelang es ihm, in die ersten Archive Einsicht zu nehmen: Durch einen Zufall (Verstrickung des Klosters in einen Prozeß) erhielt er 1773 die Gelegenheit das Archiv des Klosters Kentrup zu ordnen und begann damit, Urkunden wörtlich abzuschreiben. Eine Geschichte des Klosters wurde sein erster wissenschaftlicher Versuch.

Prozessverwicklungen der Familien v.d. Reck zu Heeßen und von Landsberg zu Drensteinfurt und Velen öffneten dem ”Experten“ Kindlinger 1774 auch diese Archive. Die Grundlage seiner späteren Veröffentlichungen im Bereich der Verfassungs- und Rechtsgeschichte ergab sich aus der Sammlung von Materialien zur Widerlegung eines gegnerischen Prozessgutachtens Justus Mösers. Daraus sollte seine ”Geschichte der Familie von Volmerstein“ resultieren. Es folgte ab 1774 das Domarchiv (-1782), ab 1778 u.a. die Archive der Stifte Fröndenberg und Herdecke sowie das Archiv von Plettenberg zu Nordkirchen. Durch Mundpropaganda wurde Kindlinger zur Bearbeitung immer weiterer westfälischer Archive herangezogen. Es folgte ab 1780 das Archiv der Abtei Marienfeld, 1781 das Archiv des Herzogtums Westfalen in Arnsberg. 1782 bis 1783 arbeitete er im kurfürstlichen Archiv in Bonn, 1785 im Stift Cappenberg, 1787 und 1790 - 1792 in Corvey.

Bei der Arbeit in den Archiven war Kindlinger nicht zimperlich: Zweitschriften nahm er ohne Zögern in Besitz, später ”rettete“ er auch Originalurkunden aus vernachlässigten Archiven und fügte sie einer Sammlung bei. Ziel war die Erstellung einer Geschichte des Hochstifts Münster; ein Projekt, welches Kindlinger wegen der Wechselfälle seines Lebens jedoch nie zu einem Abschluss führen sollte.

Dem klösterlichen Leben und seinen geistlichen Pflichten, die sich aus seiner Priesterweihe ergaben, konnte Kindlinger durch seine Archivarbeiten weitgehend aus dem Weg gehen. Seinen Status als Mönch betrachtete er in inzwischen als nachteilig und lebte weitestgehend wie ein Laie. Wenn es seine Mittel erlaubten unternahm er durchaus Vergnügungsreisen, etwa nach Straßburg, München, Berlin oder in den heimatlichen Rheingau. Das Kloster besuchte er nur noch sporadisch zum Übernachten. 1787 trat er aus dem Orden aus, fand in Westfalen aber kein dauerhaft gesichertes Auskommen. Im gleichen Jahr ließ Kindlinger den ersten Band der ”Münsterischen Beiträge zur Geschichte Deutschlands“ erscheinen, erlitt jedoch wegen einer zu umfangreich kalkulierten Auflage einen großen wirtschaftlichen Verlust. Der zweite Band 1790 brachte ebenfalls keinen Gewinn; für den dritten, der 1793 erschien, übernahm ein Gönner die Druckkosten.

1793 begann Kindlinger mit der Ordnung des Archivs des gräflichen Kapitels des Stifts Essen und half dabei auch bei der Erarbeitung eines neuen Landesgrundvergleichs. Die Bearbeitung des fürstlichen Archivs schloss sich an. 1802 verließ er Essen.

Zur Geschichte der ”Herrschaft und Familie von Volmestein“ veröffentlichte er 1797 bis 1799 mehrere Aufsätze, die 1801 in zwei Bänden in Buchform erschienen.

Von Essen zog Kindlinger zurück in den Rheingau. In Mainz schrieb er viele Urkunden aus diversen Archiven ab, die der Professor Franz Joseph Bodmann sich angeeignet hatte und zu Hause verwahrte. Dort gab er 1806 auf unter dem Titel ”Sammlung merkwürdiger Nachrichten und Urkunden für die Geschichte Deutschlands“ ein Buch mit Urkunden zu Kaiserwahlen im 13. und 14. Jh. heraus.

1803 wurde durch die Erbschaft einer Tante finanziell unabhängig und erwarb ein Haus in Mainz. Durch einen Kurzsturz bei österreichischen Anleihen war es mit Unabhängigkeit jedoch bald wieder vorbei und Kindlinger musste 1806 eine Arbeit in Fulda annehmen, wo er als Oranien-Nassauischer Archivar das Archiv der säkularisierten Abtei bearbeitete. Zu seinen Obliegenheiten gehörte ebenfalls das Archiv in Corvey. Die Stelle behielt er auch nach der französischen Besetzung und unter dem Großherzogtum Frankfurt bis 1816. 1817 zog er wieder nach Mainz, ordnete in diesem Jahr aber noch das Solmsche Archiv in Lich. 1819 erhielt er von Preussen eine Pension.

Gespräche mit Kindlinger trugen dazu bei, dass der Freiherr vom Stein die Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtsforschung gründete. Kindlinger war als Leiter eines in Münster einzurichtenden Archivs im Gespräch, 1818/1819 auch als Berater für das preussische Archivwesen in Westfalen. 1819 erschien seine ”Geschichte der deutschen Hörigkeit“.

Kindlinger starb am 15. September 1819 in Mainz.

2.Bestandsgeschichte

Die Bände der Sammlung Kindlinger scheinen mit Ausnahme einiger Bände in Folio und Quart ab Band 203 in etwa chronologisch den Lebensstationen Kindlingers zu folgen. Dieser bot während seines Lebens mehrfach Teile seiner Sammlung zum Verkauf an. Tatsächlich verkaufte er 1803/4 sechs Bände zum Herzogtum Westfalen an den Grafen von Plettenberg-Lehnhausen. Weitere Verkäufe scheiterten an den von Kindlinger geforderten vergleichsweise hohen Kaufsummen. Bei Erscheinen der ”Geschichte der deutschen Hörigkeit“ wurde durch preußische Beamte bemerkt, dass Kindlinger im Besitz von Urkunden sein musste, welche in den Archiven in Marienfeld, Liesborn und Freckenhorst, nicht mehr vorhanden waren. Oberpräsident Vincke wurde hierüber informiert. Nach dem Tod Kindlingers ließ Vincke ein allerdings unvollständiges Verzeichnis von durch Kindlinger veröffentlichten Urkunden aufstellen, auf die Preussen Besitzansprüche zu haben glaubte. Die Erben Kindlingers wollten die Sammlung versteigern lassen und ließen einen Katalog drucken (Sammlung merkwürdige Urkunden und geschriebener Codices aus der Verlassenheit des Archivarius Kindlinger, Mainz 1820). Weil die Zeit drängte entschloss sich der preußische Staat die Sammlung im Ganzen zu kaufen. Doch auch die kurhessische Regierung zeigte Interesse und konnte die Versteigerung in letzter Minute blockieren. Preussen erwarb von den Erben nun die gesamte Sammlung für 2.500 Gulden und zeigte sich bereit, Stücke aus dem Archiv zu Fulda auf gütlichem Wege an Kurhessen und Bayern abzugeben. Entsprechend wurden die Bände 90, 130, 140-160 sowie die Quartbände mit den damaligen Nummern 9, 11 und 17 im Jahr 1821 nach Fulda gesandt. Nach einer Zwischenstation in Kassel befanden sich diese Bände noch 1867 in Fulda, gelangten dann nach Marburg. Dort befinden sie sich noch heute (Staatsarchiv).

Der preußische Hauptteil der Sammlung wurde zunächst ins Geheime Staatsarchiv nach Berlin gebracht. 1827 kam er nach Paderborn wo er dem Verein für westfälische Geschichte und Altertumskunde übergeben wurde. In der Folge wurden verschiedene Bände ausgeliehen. 1844 gelangte die Sammlung nach Münster.

3.Hinweise zur Benutzung

Zu zahlreichen in der Sammlung Kindlinger vorhandenen Urkundenabschriften sind die Originale durch die Wechselfälle der Zeit, insbesondere im Zuge der Säkularisierung, heute nicht mehr erhalten. Dies lässt sich bei Urkunden nach dem Jahr 1325, der Aufnahmegrenze des Westfälischen Urkundenbuches, nur durch eine ausführliche Recherche ermitteln. Eine Beurteilung der Echtheit der Kindlinger in Abschrift vorliegenden Urkunden wird teilweise durch dessen Angewohnheit erleichtert, Siegel in Umzeichnung wieder zu geben. Die Sammlung zeichnet sich daneben dadurch aus, dass Kindlinger relativ frühe Abschriften aus dem 16.-18. Jh. integriert hat, die tlw. notariell beglaubigt sind. Auch eine größere Anzahl von Originalen ist in der Sammlung enthalten. Die Sammlung ist durch die Aufnahme von Material nicht durch aus Westfalen, sondern auch aus dem Rheinland und den heutigen Bundesländern Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz von überregionaler Bedeutung.

Die Mehrzahl der Bände der Sammlung Kindlinger ist mit einer vorangestellten handschriftlichen Inhaltsübersicht versehen. Diese fehlt bei den Bänden 23, 30, 49, 76, 84, 87, 94, 103, 105-111, 125, 130 und 138.

Eine erste gedruckte Inhaltsübersicht der Sammlung erschien 1828 (Ignaz Th. Meyer, Verzeichniß über die Kindlinger¿sche Handschriftensammlung und die darin vorkommenden Urkunden-Abschriften für die Mitglieder des Vereins für Vaterländische Geschichte Westphalens, Paderborn 1828). Diese wurde 1916 durch Ernst von Oidtmann ergänzt (Inhaltsverzeichnis der Kindlingerschen Sammlung im Staatsarchiv zu Münster i.W. in: Mitteilungen der westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde 7/8 (1916-1917), 222-226, 275-282. Beide Übersichten sind sehr kursorisch und nennen nur die Hauptinhalte.

Im Findbuch A 10b liegt ein (unvollständiger) Orts- und Personenindex der Sammlung vor.

Angesichts des Umfangs und der Art des Materials konnte die übertragene Aufgabe, eine Schnellverzeichnung der Sammlung Kindlinger durchzuführen, nur zu einem lediglich eingeschränkt befriedigenden Ergebnis führen. Bei den meisten Bänden konnte nur eine Auswahl des enthaltenen Materials in aller Kürze aufgenommen werden, die daneben den (subjektiven) Gesichtspunkten des Bearbeiters entsprach. Die vorliegende Verzeichnung wird daher den Ansprüchen vieler Benutzer nur teilweise entsprechen können.

Eine sicherlich gebotene sorgfältige Durcharbeitung der Sammlung hätte jedoch viele Jahre beansprucht und somit jeden in der heutigen Zeit realistischen Zeithorizont gesprengt. Der Bearbeiter hofft daher, dass die vorliegende Verzeichnung samt beigefügtem Index die Benutzung des Sammlung Kindlinger zumindest im Vergleich mit der Übersicht Oidtmanns aus dem Jahr 1916 erleichtern wird.

4.Verweise

Der Nachlaß Kindlingers befindet sich im Stadtarchiv Mainz, seine Autobiographie in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund (Hds 126). Ein Manuskriptband Kindlingers (vornehmlich zur Geschichte des Westfälischen Bauernhofes) befindet sich im Stadtarchiv Bad Homburg v.d. Höhe im Nachlass von Medem. Er enthält zudem ”...Briefe..., so von Hofkammerrat Christian Friedrich Habel (veröffentl. Nassauische Annalen 17, 1882, S. 64), Johann Konrad Dahl (Pfarrer in Gernsheim) und Johann Karl von Fichard (Frankfurter Historiker), zudem verschiedene Abhandlungen zum Klevischen Lehensrecht, Urkundenabschriften aus dem 13. und 14. Jahrhundert (lat.) sowie Korrespondenz des Freiherrn Friedrich Ludwig Carl von Medem betreffend den Verkauf des Kindlingerschen Manuskriptes u.a. an das Staatsarchiv.“) (freundlicher Hinweis der Stadtarchivarin Dr. Astrid Krüger, Tgb.-Nr. 2078/2009).

Daneben ist auch auf die Bestände derjenigen Archive zu verweisen, in denen Kindlinger seinerzeit seine Abschriften angefertigt hat. Sie befinden sich überwiegend in den Abteilungen Westfalen und Rheinland (insbesondere Stift Essen) des Landesarchivs NRW.

5.Literatur

·Gockeln, Walter, Johannes Nikolaus Kindlinger. Sammler, Archivar und Historiograph in der Nachfolge Justus Mösers. Ein Beitrag zur westfälischen Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts, Teil I in: Westfälische Zeitschrift 120 (1970), 11-201 (Zum Leben Kindlingers)

·ders., Johannes Nikolaus Kindlinger. Sammler, Archivar und Historiograph in der Nachfolge Justus Mösers. Ein Beitrag zur westfälischen Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts, Teil II in: Westfälische Zeitschrift 121 (1971), 37-70 (Zur Geschichte der Sammlung Kindlinger)

·Meyer, Ignaz Th., Verzeichniß über die Kindlinger¿sche Handschriftensammlung und die darin vorkommenden Urkunden-Abschriften für die Mitglieder des Vereins für Vaterländische Geschichte Westphalens, Paderborn 1828)

·Oidtmann, Ernst von, Inhaltsverzeichnis der Kindlingerschen Sammlung im Staatsarchiv zu Münster i.W. in: Mitteilungen der westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde 7/8 (1916-1917), 222-226, 275-282

Münster, im Juni 2009

Dr. Kreucher

Umfang : 211 Bände (72 Kartons), Findbuch W 002 und Gesamtindex zu Msc. I-VII.



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