Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen
3. BEHÖRDEN UND EINRICHTUNGEN DES STAATES UND DER SELBSTVERWALTUNG NACH 1816
3.1. INNERE VERWALTUNG
3.1.6. Polizei
3.1.6.3. Politische Polizei und polizeiliche Sonderdienste (Weimarer Republik und Drittes Reich)
Büro Kölpin, Münster
K 752, Büro Kölpin, Münster
Permalink des Findbuchs


Signatur : K 752

Name : Büro Kölpin, Münster

Beschreibung :

Einleitung :

Der Kriminalbeamte Heinz Kölpin (geb. 20.04.1878) war zu Beginn seiner Laufbahn an den Polizeipräsidien in Koblenz und Gelsenkirchen tätig und wurde "schon vor dem Ersten Weltkrieg mit schwierigen Aufgaben im Ausland betraut" ("Westfälische Nachrichten" in einer Kurzbiographie anläßlich des 85. Geburtstages von Kölpin am 20.04.1963).

Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum stellvertretenden Generalstab der Armee berufen, war Kölpin während des Krieges in der Spionageabwehr tätig, zuletzt (als Kriminal-Wachtmeister) bei einer Heeresabwehrstelle Nord in Wesel, von wo aus er häufiger in Verkleidung nach Holland ging, um dort unter anderem deutsche politische Flüchtlinge zu beobachten.

Über den dann folgenden Abschnitt seines Lebens, mit dem zugleich auch die Geschichte des Bestandes "Büro Kölpin" beginnt, gibt es in einer Akte dieses Bestandes eine Niederschrift Kölpins vom 5. Juni 1921: "Bei Eintritt der Revolution wurde ich zum Wehrkreiskommando VI berufen, um eine Organisation im Korpsbezirk ins Leben zu rufen, die es ermöglichte, auf illegalem Wege Nachrichten aus den Parteien des Ruhrbezirks, die sich hauptsächlich auf die linksradikalen Parteien erstreckte, zu erhalten".

Ein Generalkommando, von dem Kölpin in seine Stellung in Münster berufen wurde, war im Kaiserreich die zentrale Befehlsstelle eines Armeekorps, das aus 2-3 Divisionen bestand; an seiner Spitze stand der Kommandierende General, der in der Rangstufe dem Oberpräsidenten entsprach. In Münster stand vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges das Generalkommando des VII. Armeekorps; an seine Stelle trat im Ersten Weltkrieg das Stellvertretende Generalkommando.

Am 21.01.1919 übernahm Generalleutnant v. Watter auf Ersuchen der Volksbeauftragten das Oberkommando an Rhein und Ruhr in der Stellung eines Kommandierenden Generals des VII. Armeekorps. Nach der Umbildung der alten Armee zur Reichswehr wurde v. Watter am 1.10.1919 Kommandeur der Reichswehrbrigade 7 und zugleich Befehlshaber des neugebildeten Wehrkreises VI, der räumlich die Provinzen Hannover, Westfalen und die Länder Braunschweig, Bremen, Oldenburg, Lippe und Schaumburg-Lippe umfasste. Die Reichswehrbrigaden 7 (Münster) und 10 (Hannover) bildeten zusammen die 6. Division.

Ein Wehrkreis war etwa doppelt so groß wie ein früherer Armeekorpsbezirk, aber mit wesentlich geringerer Truppenzahl; trotzdem nahm der Umfang der Verwaltung erheblich zu. Befehlsstelle des Wehrkreises war das Wehrkreiskommando mit den Verschiedenen Generalstabsabteilungen I a (Führung), I b (Transport, Nachschub) und I c ("Feindnachrichten") und Stabsabteilungen. Nächst höhere Befehlsstelle waren die beiden Reichswehrgruppenkommandos 1 und 2, die jeweils mehrere Divisionen umfassten. Der Wehrkreis VI gehörte zum Reichswehrgruppenkommando 2 in Kassel.

In die Generalstabsabteilung I c, der damals der Hauptmann i. G. v. Hanstein vorstand, wurde Kölpin in der Stellung eines "Politischen Kommissars" berufen. Sein Büro war organisatorisch der Abteilung I c angeschlossen, wenn auch Kölpin seinen Arbeitsplatz im Allgemeinen nicht im Gebäude des Generalkommandos und späteren Wehrkreiskommandos in der Lotharingerstraße hatte, sondern in Münster, Kanalstraße 49. Eine gewisse organisatorische und räumliche Selbständigkeit des "Büros Kölpin" war wohl aus Tarnungsgründen durchgeführt und damit sich das Wehrkreiskommando VI, Abtlg. I c, von der etwas illegalen und zwielichtigen Arbeit Kölpins, die ja weit über die an sich nur militärische Aufgabenstellung der Abteilung I c hinausging, distanzieren konnte, wie es denn auch einmal in einem Schreiben des Generalkommandos heißt.: "Das Generalkommando beschäftigt keine Agenten".

Es ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob Kölpin sein Büro allein geführt hat oder ob er noch Mitarbeiter hatte. "Z.d.A." und andere Aktenformierungsanweisungen von Kölpins Hand deuten darauf, daß Kölpin eine Hilfe hatte. Kölpin wertete die eingehenden Berichte nicht nur aus und führte die Vertrauensleute von seinem Büro aus, er war auch selbst im Ruhrgebiet tätig. 1922, nach Abklingen der linksradikalen Unruhen im Ruhrgebiet, reichte Kölpin, dessen Gesundheit durch dienstliche Überbeanspruchung sehr angegriffen war, seinen Abschied ein.

1923, nach dem Einmarsch der Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet, betätigte sich Kölpin im aktiven Widerstand. Aus den Akten, die er oder seine Mitarbeiter damals anlegten, geht hervor, daß er damals für eine "Organisation" handelte, wohl jene "Zentrale Nord, Nachrichtenstelle", mit dem Hauptsitz Wesel, die nach den Ein- und Ausgängen dieser Akten als Provenienz anzusprechen ist. Diese Organisation, an der auch der ehemalige Freikorpsführer v. Pfeffer beteiligt war, ist sicherlich illegal gewesen, wenn sich auch in den Akten Hinweise für eine Mitwisserschaft und wohl auch Zusammenarbeit von Reichswehroffizieren mit dieser Organisation finden, die militärische Informationen betr. die Besatzungstruppen und deutsche Kollaborateure sammelte und auch Sabotageakte plante und ausführte. Vielleicht bezog sich Kölpins Erklärung aus dem Jahre 1935, er sei "seiner Zeit im Auftrag der Ruhr-Industrie in dem Abwehrkampf gegen den Kommunismus eingesetzt gewesen und auch von privater industrieller Seite bezahlt worden" (Staatsarchiv Münster, Akte Dienstregistratur C, IV, 4, Bd. 2), auf diesen Abschnitt seiner Tätigkeit, denn für die Zeit von 1919-1922 finden sich in den Akten keinerlei Anhaltspunkte für einen Auftrag der Industrie.

Über die Tätigkeit Kölpins 1924-1928 fehlt jeder Hinweis. Am 1.08.1928 eröffnete er mit zwei anderen ehemaligen Kriminalbeamten in Münster bzw. Krefeld als Mitinhaber die "Detektiv-Auskunftei Langer, Kölpin & Föller".

Am 12. Juni 1933 machte Kölpin dem Gau Westfalen-Nord der NSDAP schriftlich Mitteilung über sein Aktenmaterial. Bei einer ersten Überprüfung erklärte die Gestapostelle Recklinghausen, daß das Material "z. T. für eine Auswertung brauchbar und wertvoll, z. T. jedoch, auch hinsichtlich seiner Auswertungsmöglichkeit und Brauchbarkeit überholt sei". Im Jahre 1934 erklärte die gleiche Stelle dann, es handele sich "um längst überholtes Material, das nur Archivzwecken dienlich sein könnte", ein Urteil, das wohl kaum für die Akten des Polizeipräsidiums Bochum mit Berichten über linksradikale und rechtsradikale Gruppen aus den Jahren 1929-1932 gelten kann, die die Gestapo übersehen haben muss.

Nach längeren Verhandlungen zwischen verschiedenen Dienststellen und mit Kölpin wurde das Material schließlich am 14.03.1935 vom Staatsarchiv Münster übernommen. Ein erstes Findbuch entstand im April 1974. Zu beachten ist, dass folgende Archivsignaturen des Bestandes ”Büro Kölpin“ nicht belegt sind: 1, 10-16, 25-30, 32, 34-35, 37-38, 44-46, 52, 59-63, 65-69, 242 und 331.

Kölpin führte sein Detektivbüro in Münster weiter, bis es im Jahre 1943 ausgebombt wurde und er es nach Altenberge bei Münster verlegte. 1957 kehrte er nach Münster zurück und starb 1965 im Alter von 87 Jahren.

Provenienz "Wehrkreiskommando VI, Abteilung I c"

Da die Kölpinschen Akten der Provenienz "Wehrkreiskommando VI, I c", aus amtlichen bzw. halbamtlichem Sonderauftrag erwachsen sind, können sie als Kommissionsakten bezeichnet werden. Kommissionsakten bilden einen Nebenbestand der den Auftrag erteilenden Behörde; die Akten, die Kölpin als Politischer Kommissar der Abteilung I c des Wehrkreiskommandos VI angelegt hat, stellen also nicht die eigentliche Zentral-Registratur der Abteilung I c dar, auch nicht einen Teil derselben, sondern eine selbständige, zeitlich begrenzte Sachbearbeiter- und Nebenregistratur der Abteilung I c. Viele dieser Akten sind nicht mit strenger Betreff-Trennung angelegt, was sich vielleicht aus der Eigenart der Arbeit und der Berichte ergab. Die Aktentitel waren oft sehr weit gefasst; so waren, um ein Beispiel zu geben, unter dem Aktentitel "Russen" Berichte betr. deutsche Gefangenenlager für russische Soldaten um 1919 und innenpolitische Nachrichten aus der Sowjetunion unter einem Aktendeckel verbunden worden, so daß hier zwei neue Akten formiert werden mussten.

Sehr oft sind die Eingänge, die überhaupt in den Kölpinschen Akten der Provenienz I c überwiegen, keine Originale, sondern Abschriften mit dem Vermerk "Original an I c zurück", dazwischen finden sich aber immer wieder auch Originaleingänge des Wehrkreiskommandos mit dessen Eingangsstempel, selten besteht eine Akte auch ganz aus Originaleingängen bzw. Originalkonzepten des Wehrkreiskommandos oder militärischer Einheiten.

Alle Akten, die seiner Zeit im Zuge der Tätigkeit Kölpins für die Abteilung I c angelegt worden sind, wurden auch zunächst bei der Verzeichnung unter dieser Provenienzbezeichnung zusammengefasst, wenn auch oft keine Originaleingänge und Konzepte der Abteilung I c die Akten bilden, sondern Abschriften Kölpins, zwischen denen aber immer wieder auch Originalschreiben der Abteilung I c liegen, einmal zum Zwecke einer eindeutigen und treffenden Provenienzbezeichnung, dann aber auch vor allem deswegen, weil Kölpins Büro zumindest bis zum Jahre 1921, vielleicht auch bis 1922 kein privates, freies Detektivbüro war, das für vereinbarte Honorare recherchierte, sondern ein externes "schwarzes" Büro der Abteilung I c des Wehrkreiskommandos, dessen Chef des Stabes Eingänge des Wehrkreises auf Kölpins Abteilung auszeichnete.

Quellen

Akten:

Büro Kölpin, Wehrkreiskommando VI, Abtlg. I c: Nr. 17, 154, 173.

Staatsarchiv Münster, Dienstregistratur, C, IV, Nr. 4 Bd. 2

Literatur (u.a.):

Beelke, Münster und seine Artillerie. Münster. 1961.

Ed. Schulte, Münstersche Chronik zu Spartakismus und Separatismus . Münster. 1939.

Handbuch zur deutschen Militärgeschichte . VI. Reichswehr und Republik ” Frankfurt/Main, 1970 .

Münzberg, Rainer M.: Das Nachrichtenbüro des Politischen Kommissars Kölpin in Münster zu Beginn der zwanziger Jahre (Staatliche Prüfungsämter, Examensarbeiten, Nr. 2211)

Zitierweise:

Büro Kölpin Nr. ...

Umfang : 352 Akten (44 Kartons), 18 Karteikästen, Findbuch K 752.



Anfang  Erweiterte Suche
Warenkorb  Drucken