Stadtarchiv Solingen
3. Archivalien nichtstädtischer Provenienz
3.2 Nachlässe und Sammlungen
Na 42 Julius Bolthausen
Na 042 Bolthausen
Permalink des Findbuchs


Signatur : Na 042

Name : Na 042 Bolthausen

Beschreibung :

Der Nachlass enthält 75 Aktenstücke mit Dokumenten verschiedener Art und 15 Fotografie- und Urkundenmappen über den Geber Julius Bolthausen jr. (1913-), seinen Vater Julius Bolthausen sen. (1868-1947) und seinen Bruder Arthur Bolthausen (1897-1981). Die drei Männer wurden im Solinger Bezirk geboren und verbrachten hier den größten Teil ihres Lebens.

Der Bestandsteil A (26 Aktenstücke und Bücher, 9 Fotomappen) bezieht sich auf Julius Bolthausen sen., Teil B (41 Aktenstücke, 7 Foto- und 1 Urkundenmappen) auf Julius Bolthausen jr. und Teil C (6 Aktenstücke) auf Arthur Bolthausen.

Der umfangreichste Bestandsteil B enthält zahlreiche amtliche und private Dokumente und Fotografien über seine Familie, frühe Reisen und die Ehen des jüngeren Julius Bolthausen. Nach dem Schulbesuch in Köln machte er in den Jahren 1930 bis 1932 ein Volontariat in Palästina und Ägypten, um sich als Reisekaufmann auszu-bilden. Als 1933 die Pläne für eine Fortsetzung des väterlichen Reiseunternehmens aufgegeben werden mussten, trat Julius eine Ausbildung bei der Polizei in Bonn an und wurde schon bald in die neu aufgerüstete Wehrmacht übernommen, in der er als Berufssoldat (Feldwebel) bis 1945 diente. Im Rußlandfeldzug erkrankte er 1943 an Fleckfieber und kam seitdem anscheinend nicht mehr zum Fronteinsatz. Der Großteil der Überlieferung bezieht sich jedoch auf die Zeit nach 1945 und zeigt vor allem seine Schwierigkeiten, in der zivilen Nachkriegsgesellschaft Fuß zu fassen. Von geschichtlichem Interesse ist, wie sich in seinem Fall das vielberufene "Wirtschafts-wunder" aus verschiedenen Gründen nicht vollzieht. Beruflicher Misserfolg, Schulden und (verlorene) Prozesse begleiten Julius Bolthausen jr. durch die 1950er Jahre, bis er eine Anstellung als Pförtner bei der Fa. Hörster findet. Seine Sammelleidenschaft hat eine Fülle von Werbeprospekte aller Art überliefert, die einen Eindruck vom Stil der Massenwerbung in den 50- und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts geben. Die Bewahrung von Zeitungen und Zeitschriften aus den Jahren 1934, 1945 und 1947 deutet an, dass Bolthausen bestimmte Ereignisse und Entwicklungen in diesen Jahren (Tod Hindenburgs, Besetzung am Kriegsende, Notlage 1947) mit besonderer Anteilnahme verfolgt hat. Insgesamt scheint der Nachlassteil historisch interessant für ein eher durchschnittliches, unspektakuläres Leben der Vor- und Nachkriegszeit.

Reizvoll ist der Nachlassteil A über den Vater, Julius Bolthausen sen. Als Sohn eines Landwirts in Gräfrath geboren und seit 1888 Volksschullehrer in Solingen wurde er über die Grenzen der Stadt hinaus durch seine großen Radtouren in den 1890er Jahren bekannt, die ihn bis nach Nordafrika brachten. Seit 1902 organisierte er (Bildungs-)Reisen - vornehmlich für Lehrer und Geistliche, später auch für andere Berufsgruppen - ins Mittelmeer und nach Ägypten und Palästina. Bis zum 1. Weltkrieg fanden 62 Fahrten statt; 1924 nahm er die Reisetätigkeit wieder auf und führte 21 weitere Fahrten durch, bis das Geschäft 1932 zum Erliegen kam. Julius Bolthausen sen. kann wohl als ein Solinger Pionier für Radreisen und Tourismus um die Jahrhundertwende angesehen werden. Neben einem leider begrenzten Nachlass an Akten, Reisebeschreibungen und -büchern sind die Fotografien über die Fahrten von besonderem Interesse. Julius Bolthausen ist eine Persönlichkeit, an der sich die Öffnung Deutschlands nach außen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eindrucksvoll zeigt.

Nur wenige Stücke sind Arthur Bolthausen in Teil C zugeordnet. Es ist nicht eindeutig zu belegen, dass das Material aus C II (Sammlungen, Zeitschriften, Zeitungen Bücher) aus seinem Besitz kommt. Da es sich aber ausnahmslos um Dokumente zur NS-Bewegung handelt, in der Arthur spätestens seit 1930 eine führende lokale Rolle spielte, liegt die Vermutung nahe, dass die Schriften von ihm gesammelt und eventuell an seinen Bruder abgegeben wurden. In seiner Rolle als NS-Leiter und Adjudant des Solinger Oberbürgermeisters Dr. Otto stand Arthur Bolthausen hoch in der lokalen Parteihierarchie. 1949 wurde er wegen seiner Mitbeteiligung an dem Mord an Max Leven in der Pogromnacht vom November 1938 verurteilt.

Der Reiz des gesamten Nachlasses, auch wenn er verhältnismäßig klein und unvollständig ist, liegt in der Vermittlung von Zeitströmungen, "Moden" und auch politischen und ökonomischen Bedingungen, in denen sich Solinger seit der Reichsgründungszeit bewegten. Er kann daher als ein Beitrag zu einem größeren Bild der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands seit der Reichsgründung genutzt werden.


Der Bestand wurde von Hartmut Roehr im Sommer 2007 verzeichnet.





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