Stadtarchiv Solingen
Fi 22 Friedrich Herder Abraham Sohn


Signatur : Fi 22

Name : Fi 22 Friedrich Herder Abraham Sohn

Beschreibung :

Zur Bestandsgeschichte

Der inhaltliche Schwerpunkt der in das Stadtarchiv Solingen 1994/95 übernommen Teile des Archivs der Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn, Besteck- und Werkzeugfabrik, Obenpilghausen und Grünewalder-straße, liegt auf den von der Fa. Herder unterhaltenen Beziehungen zu Lieferanten und Kunden. Erkennbar wird das Netz von Geschäftspartnern in dessen Mittelpunkt Herder stand und der Wandel dieses Netzwerkes im Laufe der Jahrzehnte. Verhältnismäßig wenig Material konnte dagegen über die Innenverhältnisse der Firma übernommen werden, lediglich einige wenige Akten geben Auskunft über den Umgang der Teilhaber miteinander. Auch Akten zur Arbeitsorganisation, Kostenkalkulationen u.ä. sind nur spärlich vorhanden und geben dann auch nur Momentaufnahmen wieder.

Das ursprünglich abgelieferte Archivmaterial erwies sich mit einem Umfang von rund 180 lfdm als kaum handhabbar; die Kosten einer vollständigen Verzeichnung und Aufbewahrung hätten außerdem in keinem vertretbaren Verhältnis zum Informationswert gestanden. Um trotz einer selektiven Verzeichnung die inhaltlichen Zusammenhänge des Bestandes zu wahren und für den Benutzer nachvollziehbar zu erhalten, wurden die folgenden Auswahl an Archivalien aufbewahrt:

1. Journale

In den Journalen finden sich die interne Buchhaltung und Kalkulationen der Fa. Herder. Informationen zum Buchwert der Firmengebäude findet man hier genauso wie Listen der erfolgten Warenlieferungen. Die Journale sind größtenteils in sehr gutem Zustand und auch äußerlich sehenswert. Insgesamt umspannen sie einen Zeitraum von 1816 bis 1942, die größte Informationsdichte betrifft jedoch die Jahre 1914 bis 1925. Die vorgefundenen Journale wurden fast vollständig verzeichnet, lediglich im Falle vollständiger inhaltlicher Überschneidungen wurde die Doppelüberlieferung kassiert.

1.1 Aktiva

Hier findet sich ein kompakter Überblick über die Bewertung von Immobilien bis hin zu ausstehenden Forderungen in den „Beständen zur Jahresbilanz“. Detailliertere Einblicke bieten die „Forderungen“ und „Kasse und Bankkonten“, hier sind auch die einzelnen Geschäftsvorfälle festgehalten.

1.2 Passiva

In den Kreditorenbüchern sind die Zahlungsverpflichtungen, in der Regel gegenüber Lieferanten, festgehalten.

1.3 Lohnbuchhaltung

Die Lohnbuchhaltung ist zunächst entsprechend des Verarbeitungsprozesses in drei Stufen gegliedert. Unter „Rohware“ findet man die Lohnansprüche der einzelnen Schläger, Härter, Schlosser, Schreiner, Heizer, Platzarbeiter und Wächter. In den „Zwischenstufen“ finden sich Schleifer und Reider, jeweils nochmals untergliedert nach den verarbeiteten Produkten. Unter „Fertigware“ wurde schließlich der Lohnanspruch der Kontrolleure, Abzieher, Abpolierer, Putzer, Packer und Putzfrauen verbucht. In den „Lohn- und Gehaltslisten“ befinden sich unabhängig von der übrigen Lohnbuchhaltung Listen der Angestelltengehälter und in den älteren Journalen auch der Heimarbeiter.

1.4 Hauptbücher und -journale

Die als Bindeglied zwischen dem Jahresabschluß und den jeden einzelnen Geschäftsvorfall berücksichtigenden Kontenbüchern fungierenden Hauptjournale dienen der Weiterbuchung von den Einzelkonten auf zusammengefaßte Bilanz- oder Gewinn- und Verlustkonten, und zwar in chronologischer Form. Die Hauptbücher dagegen enthalten eine nach Kunden bzw. Lieferanten sortierte Aufstellung der erfolgten Geschäfte. Die Hauptbilanzen geben schließlich einen Überblick über den Zustand der Firma insgesamt.

1.5 Verkaufsbücher

Die nach Absatzgebieten sortierten Verkaufsbücher bieten ein chronologisches Verzeichnis der Warenverkäufe unter Angabe von Arten, Mengen, Abnehmern und Preisen.

1.6 Versandbücher

Hier gilt inhaltlich das gleiche wie für die Verkaufsbücher, die Unterschiede liegen vor allem in den abgedeckten Zeiträumen und in der Tatsache, daß die Versandbücher größtenteils nicht nach Absatzgebieten geordnet sind.

1.7 Sonstige Journale

Hier finden sich Einzelstücke wie die Reisekassenbücher von Vertretern, aber auch Umsatzlisten, die einen kompakten Überblick über die Verkaufszahlen in verschiedenen Absatzgebieten geben.

2. Kopierbücher und Sammelakten

Die Kopierbücher enthalten die gesammelte ausgehende Korrespondenz der Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn an ihre Geschäftspartner von 1872 bis 1912. Die Korrespondenz ist chronologisch geordnet, in aller Regel befindet sich jedoch in den Kopierbüchern ein alphabetisches Namensregister. In den gemischten Sammelakten befindet sich, alphabetisch geordnet, eingegangene handschriftliche Korrespondenz der Jahre 1895 bis 1904, die Korrespondenz mit wichtigeren Geschäftspartnern wurde in der Herder-Registratur zu dieser Zeit zu Sammelakten einzelner Firmen zusammengefaßt. Archivwürdig erschienen die Kopierbücher und die frühe handschriftliche Korrespondenz sowohl wegen ihrer äußeren Form als auch, weil sie einen kompakten Einblick in die Geschäfte der Fa. Herder in diesem Zeitraum geben.

3. bis 9. Die einzelnen Jahrgänge

Mit dem Jahrgang 1913 ändert sich die Registratur der Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn. In der Regel wird nun jedem Geschäftspartner und jeder Institution eine eigene Akte zugeordnet, bzw. mehrere Akten sofern der Umfang der Korrespondenz dies erfordert. In diesen Akten ist jeweils die ein- und ausgehende Korrespondenz enthalten. In den wenigen noch verbleibenden Sammelakten findet sich Korrespondenz mit den Geschäftspartnern, für die die Anlage einer eigenen Akte offensichtlich nicht lohnte.

Die Akten innerhalb eines Jahrgangs sind nicht alphabetisch geordnet. Sie sind vielmehr einerseits in der Reihenfolge ihrer Ablage innerhalb eines Jahrgangs durchgehend numeriert, andererseits trägt jede Akte eine zweite, vierstellige Ordnungsnummer. Diese ist firmenspezifisch, d.h. eine einmal an einen Geschäftspartner oder eine Institution vergebene Ordnungsnummer blieb über die Jahre hinweg gleich. Vermutlich muß es in der Herder-Registratur übergeordnete Registerbände gegeben haben, in denen der Benutzer ausgehend vom Firmennamen Verweise auf die den Akten innerhalb der Jahrgänge zugewiesenen Nummern fand. Solche Registerbände sind jedoch nicht erhalten.

Alle zur Archivierung vorgesehen Jahrgänge der neuen Registraturschicht wurden vollständig aufbewahrt und erschlossen. Die Akten sind innerhalb eines Jahrgangs im Findbuch alphabetisch nach den Namen der Korrespondenzpartner geordnet. Der erste vollständig archivierte Jahrgang ist aus dem Jahre 1913, der nächste erst von 1926. Zu rechtfertigen ist dies mit der großen Anzahl von Journalen, die für die Zwischenzeit vorliegen und deren Informationswert dem der Korrespondenz vergleichbar ist. Informationen über Anzahl und Art der Geschäfte sowie über die Modalitäten ihrer Abwicklung sind aus den Journalen bereits weitgehend ersichtlich.

Von 1926 an erfolgte die Aufbewahrung der Jahrgänge dann in 7-Jahres-Schritten, wobei die Nachkriegsjahre 1945-48 in der Herder-Registratur zu einem Aktenjahrgang zusammengefaßt vorgefunden wurden. Die Verzeichnung in 7-Jahres-Schritten erscheint ausreichend, um sich ein zutreffendes Bild vom Wandel des Geschäftes der Fa. Herder im Laufe der Zeit zu machen. Herder zeichnete sich durch eine große Kontinuität in den Kunden- und Lieferantenbeziehungen aus; einige ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Bestand, so daß man hier von einem fast stabilen Netzwerk sprechen könnte. Abrupte Änderungen ergeben sich lediglich zu Kriegszeiten und dann auch meist nur vorübergehend. Die verzeichneten Jahrgänge decken diese kritischen Zeiträume ab und lassen insgesamt über den Zeitraum von 1913 bis 1962 die Entwicklung der Firma Herder nachvollziehbar werden. Dies gilt für Details wie die Art und Weise der Abwicklung der Geschäfte bis hin zu Grundsätzlichem wie der Dominanz verschiedener Absatzgebiete oder der Spannbreite angebotener Produkte. Auffallend ist hier ein sich über den gesamten vom Bestand abgedeckten Zeitraum hinziehender Schwerpunkt der Aktivitäten Herders auf holländischen und belgischen Absatzmärkten.

10. Institutionen

Vollständig aufbewahrt und verzeichnet wurden die Akten zu Institutionen, also Ämtern, Behörden, Verbänden und Vereinen. Diese enthalten neben normaler Korrespondenz meistens auch Rundschreiben und Bekanntmachungen, die einen Einblick in Aktivitäten und Ziele der Organisationen geben. Besonders interessant aus Solinger Sicht dürften hier die Akten zu den Solinger Arbeitgeberverbänden aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sein, die etwas von der lokalen Interessenpolitik aus Sicht der Arbeitgeber vermitteln. Einen Eindruck von der Bedeutung ausländischer Märkte für Solinger Firmen vermitteln die Akten der Außenhandelsverbände, deren Ziel die Förderung von Exporten war.

Der Versuch der zentralen Lenkung der Wirtschaft im Dritten Reich ist nachvollziehbar in den Akten der NS-Zwangsverbände, in denen Unternehmen zur Mitgliedschaft verpflichtet waren und die die Planung und Koordinierung wirtschaftlicher Aktivitäten von der Rohstoffzuteilung bis zur Produktionsplanung zum Ziel hatten. In die gleiche Richtung gehen inhaltlich die Akten zu NS-Organen und -Behörden, die sich größtenteils die Überwachung des Ressourcenverbrauchs zur Aufgabe machten, teils aber auch als Kunden auftraten.

11. Rechtsstreitigkeiten

Die Sammelakten Solinger Gerichte enthalten hauptsächlich vor dem Amtsgericht Solingen ausgetragene Rechtsstreitigkeiten von nicht übermäßig großer Bedeutung. Daneben finden sich hier aber auch Grund-bucheinträge sowie Einträge ins Musterregister. Interessanter sind die Prozesse um Warenzeichen; hier geht es meistens um die Ähnlichkeit der von verschiedenen Firmen benutzten Warenzeichen mit denen der Fa. Herder. In der Mehrzahl der Fälle ist die Fa. Herder der Kläger, die aus ihrer Sicht unlauteren Konkurrenten sind meist ebenfalls Solinger Firmen. Der früheste dieser Prozesse, die Beklagte ist hier die Solinger Fa. H. Herder, nimmt bereits im Jahre 1848 seinen Lauf.

Ähnlich rigoros wie gegen die Kopie ihrer Warenzeichen durch fremde Firmen ging die Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn gegen die aus ihrer Sicht illegitime Verwendung des Familiennamens „Herder“ durch andere Unternehmen vor. In den Akten zu sonstigen Rechtsangelegenheiten geht es schließlich um die verschiedensten Probleme, von ausstehenden Mietzahlungen bis zu unlauterer Werbung.

12. Teilhaber und Internes

Neben Grundstückskaufverträgen und Schuldverschreibungen liegt hier der Schwerpunkt auf Erb- und Nachfolgeproblemen der Teilhaber der Firma Herder. Der Teilungsvertrag über den Nachlaß Friedrich Herders aus dem Jahre 1888 findet sich hier genauso wie ein neuer Gesellschaftsvertrag von 1972. Die Akten geben aber nicht nur über Formalitäten Auskunft, vielmehr spiegelt sich hier auch das Verhältnis zwischen den jeweiligen Teilhabern in Ansätzen wider.

13. Sonstiges

Die verhältnismäßig wenigen Akten, die nicht sinnvoll einer der anderen Kategorien zugeordnet werden konnten, finden sich hier. Dies sind z.B. Tarifverträge, Arbeitsordnungen, Annoncenent- würfe und auch einzelne Konstruktionspläne.

Der Bestand Fi 22 - Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn, Besteck- und Werkzeugfabrik, Obenpilghausen und Grünewalderstraße wurde 1994/95 in das Stadtarchiv Solingen übernommen und im Jahre 1997 von Jan Schnellenbach erschlossen. Die Laufzeit der Archivalien liegt zwischen 1816-1976, der Umfang des Bestandes beträgt 4745 Archiveinheiten.


Zur Firmengeschichte:

Als Gründungsdatum der Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn gilt der 27. Februar 1727. An diesem Tag ließ Peter Herder das Warenzeichen „Schöppen-As“ in die Zeichenrolle des Solinger Messmachergerichts eintragen. Nach dem Tod von Peter Herder im Jahre 1762 ging die Firma, die zu diesem Zeitpunkt bereits den holländischen Markt bediente, auf die Söhne Abraham und Johann Peter Herder über. Ihnen folgte der älteste Sohn Abraham Herders, der 1761 geborene Johann Abraham Herder, nach und nannte die Firma, nachdem er seine Söhne am Geschäft beteiligte, nun Joh. Abr. Herder & Sne. Nach dem Tod seines Sohnes Abraham und kurz vor seinem eigenen Tod nahm Johann Abraham Herder im Jahre 1839 seinen Enkel Friedrich Herder als Teilhaber auf. Dieser Friedrich Herder führte dann ab 1841 die Firma unter dem bis zu ihrem Ende beibehaltenen Namen Friedrich Herder Abr. Sohn weiter.

Nach Friedrich Herders Tod im Jahre 1887 übernahm Gustav Weyersberg die Leitung der Firma. Er war der älteste Sohn aus der Ehe von Emilie Herder, Friedrich Herders Tochter, mit Hermann Weyersberg. Der jüngere Sohn Carl Weyersberg übernahm im Jahre 1908 die Leitung der neu gegründeten Niederlassung in Buenos Aires gemeinsam mit Hermann Bick, dem Sohn aus der zweiten Ehe Emilie Herders mit dem Solinger Pastor Bick. Bis zum Konkurs der Fa. Friedrich Herder Abraham Sohn stellten dann die Familien Bick und Weyersberg ihre Hauptgesellschafter.

Der Standort der Firma war zunächst ein Wohn- und Geschäftshaus in Obenpilghausen. 1859 wurde auf dem zugekauften Grundstück an der heutigen Grünewalderstraße zunächst ein Wohnhaus errichtet. Auf dem nach und nach durch Zukäufe vergrößerten Grundstück wurden dann auch Produktionsstätten und 1913 schließlich das heute noch erhaltene Verwaltungs- gebäude errichtet.

In ihrem angestammten Geschäft, der Messer- und Scherenproduktion, war die Firma traditionell stark exportorientiert. Hauptabsatzmärkte waren Holland und Belgien, es wurden aber seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auch überseeische Märkte erschlossen. Der Schwerpunkt lag hier auf den Kolonialgebieten Asiens, spätestens mit der Gründung einer eigenen Niederlassung in Buenos Aires im Jahre 1908 nahm aber auch der Handel mit Südamerika einen deutlichen Aufschwung. Von weniger Erfolg gekrönt waren dagegen Versuche der Erschließung nordamerikanischer, afrikanischer und weiterer europäischer Märkte. Die hier abgesetzten Mengen blieben durchgehend relativ gering.Auf die Erfahrung, von den Hauptabsatzmärkten durch den Ersten Weltkrieg vorübergehend abgeschnitten gewesen zu sein, reagierte die Firma mit der Investition in eine eigene Gesenk- schmiede, die es ihr erlaubte, sich auch als Zulieferer heimischer Industrien zu betätigen. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung beschäftigte die Fa. Herder rund 450 Fabrikarbeiter und Angestellte sowie etwa genauso viele Heimarbeiter. Herder behielt bis zuletzt seinen Charakter als überschaubares und wohl auch konservatives Familienunternehmen, das sich abgesehen von der Aufnahme der Produktion von Gesenkschmiedestücken zu keiner weiteren Diversifizierung durchringen konnte.

Dem gegen Ende dieses Jahrhunderts an Intensität zunehmenden Preiswettbewerb auf ihren angestammten Märkten hatte die Firma 1993 schließlich endgültig nichts mehr entgegenzusetzen: Sie meldete Konkurs an, nachdem die traditionsreiche Messer- und Scherenfertigung zuvor bereits verkauft worden war.

Quellen zur Firmengeschichte:

Hendrichs, Franz: Friedr. Herder Abr. Sohn, Solingen. Festschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens. Solingen, 1927. (StAS Bibliothek KA 99)

Hendrichs, Franz: Friedr. Herder Abr. Sohn. In: Solinger Tageblatt vom 18.2.1927

Vetter, Uwe: Das „Schoppen-As“ ist 260 Jahre alt. In: Solinger Morgenpost vom 21.5. 1987

Weber, Herbert: Das war „Schöppen-As“ - Die Firma Friedr. Herder Abr. Sohn. In: Solinger Tageblatt vom 25.6.1994

Weyersberg, Albert: Die Solinger Herder. In: Die Heimat, 7. Jahrgang 1931, S. 38f. (StAS Bibliothek GA 23)




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