Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland
1. Behörden und Bestände vor 1816
1.2. Geistliche Institute
1.2.3. J - L
1.2.3.7. Kerpen, Stift
Kerpen, Stift, Urkunden AA 0349
121.23.00 Kerpen, Stift (DFG-gefördert)
Permalink des Findbuchs


Signatur : 121.23.00

Name : Kerpen, Stift

Beschreibung :
Ausgefertigt zum Jahresbericht pro 1872.
Düsseldorf, im Januar 1873.
Der Königliche Staats-Archivar, Archiv-Rath: Harless
Ergänzt: Lau. 26. Januar 1925.

Vorbemerkung:

Kerpen, der Hauptort der vormaligen Grafschaft Kerpen und Lommersum, jetzt ein Flecken im Kreise Bergheim, Regierungs-Bezirk Cöln, nahm seine ersten Anfänge von einer Villa Regia, einem Königshofe, welcher daselbst in sehr alter Zeit angelegt wurde. Von dieser Königlichen Villa haben wir offenbar den in Acten und Litteralien der genannten Grafschaft vorkommenden Namen "Königs-Kerpen" herzuleiten. Später war Kerpen ein Reichsgut mit einem herrschaftlichen Schlosse (siehe A. Nr. 112), dessen Ruinen wir heute auf einer Anhöhe finden, welche vor dem Eingang des Fleckens zur linken Seite belegen ist. Als erste Burgherrn von Kerpen kommen in urkundlichen Nachrichten die Herrn von Gymnich vor (siehe A. Nr. 7 u. Nr. 8). Im Jahre 1284 schenkte Kaiser Rudolf die Herrschaft dem Herzog Johann von Brabant: "Rudolfus imperator ... Joanni duci Brabantiae dat carpense castrum eo jure tenendum, quo illud Venemarus de Gemmenich a nobis imperio tenuit." (Vergl. Binterim und Mooren, die alte und neue Erzdiöcese Köln, B: I. - IV., Mainz. 1828-1839, I. S. 195.) Im Jahre 1336 wurde Kerpen "cum omnibus praeposituris, parochiis ecclesiis" dem Grafen von Jülich übergeben. (Vergl. Binterim u. Mooren, a. a. O., I. S. 195 u. f. Siehe A. Nr. 19; Nr. 41; Nr. 56; Nr. 87.) Nachdem es dann unter Landeshoheit der Herzöge von Brabant (siehe A. Nr. 61; Nr. 77; Nr. 80) im Besitze verschiedener adliger Familien gewesen, wie die nachstehend repertorisirten Urkunden erwähnen, überließ Kaiser Karl VI. als Herzog von Brabant im Jahre 1711 die Grafschaft mit aller Landeshoheit und Gerechtigkeit dem Kurfürsten Johann Wilhelm v. d. Pfaltz, welcher dieselbe noch in demselben Jahre dem Grafen Johann Friedrich von Schaesberg übertrug. (Vergl. A. Nr. 86.)

In diesem Flecken, wie gesagt, vormals dem Hauptorte der Grafschaft, lag das ehemalige Canonichen-Stift St. Martin, dessen Urkunden- und Acten-Archiv hiernach repertorisirt folgt.

Die urkundlichen Nachrichten des Archivs melden nichts von der Entstehung des Stifts, setzten vielmehr, mit dem Jahre 1211 beginnend, dessen Dasein voraus, wie die Urkunden der meisten Stifte. Ueber den Ursprung u. die Zeit der Entstehung können wir also nur Muthmaßliches sagen, und zwar, mit Rücksicht auf die erwähnte Villa Regia, auf den Namen des Stifts und den Umstand, daß sein Gränzbezirk sich in anderer Pfarreien Bezirke hinein erstreckte, dies, daß die Gründung des Stifts in die Zeit der Merowingischen oder Carolingischen Könige zu setzen sei, überlassen wir Binterim und Mooren, a. a. O., I. S. 83, die Bürgschaft für die nicht urkundlich belegte Notitz: "Das St. Martinsstift zu Kerpen verdankt sein Dasein Carl G."

Jedenfalls blühte das Stift schnell auf: die urkundlichen Nachrichten desselben aus dem 13., und mehr noch die aus dem 14. - 16. Jahrhundert zeigen es in Folge von Schenkungen, Käufen, Tauschakten und Darlehen im Besitze umfangreicher Höfe des heutigen Kreises Bergheim, von dem es fast ein Drittheil sein eigen nannte, bedeutender Erbrenten, Zehnten und Patronate und reicher Pfarreien, wie der von Kerpen, a. 1509 incorporirt (siehe A. Nr. 54 u. Nr. 55), und von Cuchenheim, incorporirt im Jahre 1488 (siehe A. Nr. 38).

Nicht minder bedeutend, als die Besitzungen, Patronate und Einkünfte des Stifts, waren die Stellungen, welche seine Pröbste und Dechanten und Canoniche außerhalb des Stiftes einnahmen: a. 1177 ist Dechant Rudolf Zeuge eines Actes, durch welchen Graf Wilhelm von Jülich und Gemahlin die Kirche zu Grefrath behufs Aufnahme von Ordensgeistlichen von ihrem Patronate freigeben; a. 1209 unterschreibt Probst Gerard zu Speier eine Urkunde Königs Otto IV. für das Kloster Nivelle; Dr. Godfried von Harf, Probst und päbstlicher Protonotar, ist einer der Ersten, welche ihren Namen an der neuen Universität zu Cöln einschreiben lassen (siehe A. Nr. 87). Probst Br. Wigher von Hassent steht in nahen Beziehungen zu Herzog Wilhelm III. von Jülich-Berg (siehe A. Nr. 41 und Nr. 43), ist zweimal, a. 1478 und a. 1499, Rector Magnificus der Universität zu Cöln (siehe A. Nr. 87); Probst Johann von Vlatten ist Kanzler des Herzogs Wilhelm IV. von Jülich (siehe A. Nr. 87) u. s. w.

Das 16. und noch mehr das 17. Jahrhundert waren schlimme Zeiten für das Stift. Eine Feuersbrunst und Feindeshand zerstörten im Jahre 1515 das ganze Stifts-Gebäude (siehe A. Nr. 57). Hundert Jahre später, in den Jahren 1642 u. ff. hielt das vereinigte Französische, Hessische und Weimarsche Heer seinen verheerenden Siegeszug durch das Erzstift Cöln: das reiche Stift Kerpen wird es auf demselben sicherlich nicht verschont haben. Die am 5. November 1673 beginnende Belagerung von Bonn durch die vereinigten Holländer, Spanier und Kaiserlichen Truppen, die Capitulation Bonn's am 13. November 1673 und die folgende Besetzung der Stadt durch Französische Truppen brachten dem Stifte und seinen Pächtern ebenso, wie die am 5. Oct. 1689 erfolgte abermalige Belagerung und Einnahme Bonn's durch Friedrich Wilhelm von Brandenburg an der Spitze der Kaiserlichen, Brandenburgischen, Holländischen und Münsterschen Heere und die abermals folgende Besetzung der Stadt durch Französische Truppen urkundlich die schwersten Lasten und empfindlichsten Beschädigungen (siehe A. Nr. 85; Nr. 97 und Nr. 188), welche in den folgenden bösen Zeiten des XVIII. Jahrhundert nicht geringer werden konnten. Die Französische Herrschaft am Rhein machte auch dem Stifte Kerpen ein Ende, muthmaßlich 1881 oder ff., in den Jahren 1805-1811 verkaufte der Cantonal-Präsident von Kerpen das Probstei-Gebäude an die Gemeinde als Pfarrerwohnung, wozu es noch dient (siehe A. Nr. 87).

Was die innere Einrichtung und Jurisdiction des Stifts anlangt, so gibt das Archiv darüber noch dürftigere Nachrichten, über die Geschichte (siehe A. Nr. 5 und Nr. 86), wir erfahren indeß, daß im Jahre 1725 Verhandlungen über eine Trennung des Dechanats von der Probstei gepflogen worden (siehe A. Nr. 88), der Probst war also zugleich Dechant, was die Kellnerei-Rechnungen des Stifts de 1711-1796 (siehe A. Nr. 90) erhärten.

Weitere Aufschlüsse über die Geschichte und die innere Einrichtung des Stifts geben vielleicht die vermuthlich durch den letzten Besitzer der Grafschaft bei Auflösung derselben in das Gräflich von Schaesberg'sche Familien-Archiv geflüchteten Archivalien des Stifts, von denen zuverläßig ein nur sehr geringer Bruchtheil zur nachstehenden Repertorisirung vorgelegen hat.

Stadt Kerpen/Stadtarchiv
Anlage 1
Pröpste des Martins-Stifts
1. Wecelinus, 1178, Lacomblet Bd. I, Nr. 466
2. Gerardus, 1209, Bd. II, 57 + 60
3. Henricus, 1220, Bd. II, 90, 94, 105
4. Hermann, 1252-1266, Best. Stift Kerp. Urk. 5
5. Wolfram, 1271, Best. Stift Kerp. Akten 13
6. Wicboldo, 1292, Lac. Band II, Nr. 925
7. Heinrich, 1308, HA Köln, St. Gereon, Rep. 102
8. Joh. v. Virnenburg, 1314-1364, Propst in Kerpen, Gereon + Xan-
9. Winand v. Hengbach, 1363-1369, HStA Stift Kerp. Urk. 18
10. Godfried v. Harff, 1389-1410, HStA Akten 13/Kan. St. Gereon
11. Albrecht Zobbe, 1430-1442, HStA Urk. 26
12. Reinard v. Paland, 1446, HStA Akt. 13
13. Wigher v. Hassent, 1462-1510, HStA Urk. 39, 41, 55
14. Bernhard Heinrich, 1510-1512, HStA Urk. 56
15. Jaspar v. Rennenberg, 1525-1540, HStA Urk. 66
16. Johann v. Vlatten, bis 1562, Propst zu Aachen, Kanzler Jü
17. Johann v. Hochstaden, 1569-1589
18. Heinrich v. d. Horst, 1607
19. Heinrich von Dadenberg, 1614-1617
20. Joh. von Eynatten, 1617-1653, Domherr/Lüttich-Propst/Aache
21. Ernst von Walpott, 1653-1667, Domherr/Mainz
22. Wilh. v. Fürstenberg
23. Adolf v. Bongart, 1673
24. Franz v. Stratmann, 1682-1689, Propst in Aachen
25. Theodor Bürgers, 1689-1691
Joh. Godefrid v. Bequerer, 1691-1720, Domherr zu Köln
27. Maximilian von Otten, 1720-1725
28. Nikolaus von Caspars, 1725-1766
29. Anton W. Jos. von Roberts, 1766-1771
30. Reiner Jos. Linden
31. C. M. Brewer, 1778-1780

Reihenfolge der Pröbste und Dechanten
I. Pröbste:
Dr. Gerardus (Heinrich), 1209-1249, 1209 Böhmer-Ficker I. 784, 1216, 13, 1217, 11, Archiv des Domstifts zu Cöln, Nr. 145, Archiv des Severinstifts zu Cöln, Nr. 31, 1249 Okober 21 Archiv des Capitels zu Rees, Nr. 24, Lacomblet, Archiv 2, 16 in VII Kal. Aug.
Hermann, 1252-1266, Archiv des Apostelstift zu Cöln, Nr. 88, Archiv des Domstifts zu Cöln, Nr. 331, Bottenbroich 9
Wolfram, 1271
Heinrich, 1308-1311, Archiv des Gereonstifts zu Cöln, Nr. 102 u. Nr. 111
Johann von Virnenburg, 1325
Winand von Hengbach, 1363-1369
Dr. Godfried von Harff, 1398-1410
Albrecht Lobbe, 1433-1448, Archiv des Severinstifts zu Cöln, Nr. 313
Reinart von Palant, 1446
Dr. Wigher von Hassent, 1462-1510, Archiv des Cunibertstifts zu Cöln, Nr. 492 u. Nr. 558, Hoven Nr. 58
Bernhard (Heinrich) Herzog von Sachsen Lauenberg, 1510-1512
Jaspar Graf von Rennenberg, 1525-1540, Bottenbroich Nr. 56
Johann von Vlatten, 1562
Johann von Hochstaden, 1569-1589
Heinrich v. d. Horst, 1607
Heinrich von Dadenberg, 1614-1617
Johann Frhrr von Eynatten, 1617-1653
Ernst Frhrr von Walpott, 1659-1667
Wilhelm Graf von Fürstenberg, 1653
Adolf Frhrr von Bongart, 1673
Franz Graf von Stratman, 1682-1689
Theodor Bürgers, 1689-1691
Joh. Godfr. von Bequérer, 1691-1720
Maximilian Frhrr von Otten, 1720-1725
Nicolaus von Caspars, 1725- +1770
Philipp (Anton Wilhelm) von Robertz, 1766-1771
II. Dechanten:
Rudolf, 1177, Archiv der Abtei Knechtsteden, No. 7
Matthaeus Kleinerman, 1673
J. G. von Bequérer, 1711-1718
Nicolaus von Caspars, 1740-1755
Philipp von Robertz, 1766-1771
C. M. Brewer, 1778-1780
S. Tille-Crudewig I S. 96 f.

Akten (u. a. Prozeß geg. den Pfarrer Heyblom) c. 1754 im Bes. d. Urk. Alt Bonn (Stadtarchiv Bonn) (Tille Kr. I 144)

Lit.: Kunstdenkm. 4 III, 1899, 102 ff.; Handb. EB Köln 25, 1958, 365 f.; Heyd, Beitr. z. Gesch. von Kerpen-Lommersum, 1810; A. Tille, Eine unbekannte Urkunde des Pfalzgrafen Hermann I. von Lothringen (Neues Archiv 26, 161 ff.); Beiträge zur Geschichte des ehem. Kollegiatstifts u. der heutigen Pfk. St. Martinus zu K., 1953.

Im Kath. Pfarrarchiv Kerpen Kopiar ca. 1800 (ca. 1070-1718) um 1800; Urkunden 1585, 1725 (Ablass) (Tille 1, 96 f.); Prozess Pf. Heyblum ca. 1760. (s. oben; die Akten des Vereins Alt-Bonn im Stadtarchiv Bonn (Tille 1, 144) sind vernichtet).
Im Diözesenarchiv Aachen Hs. 425) Rentverzeichnis des 17. Jh.; Akten betr. Golzheim u. Propsteiallee zu K. ca. 1800.
Kerpen, Stift: zur Säkularisation s. H. Höhner (Kerpener Heimatbll. nr. 10 (1966) 205 ff.)

Akten zur Geschichte des Stiftes Kerpen, s. Verfassung und Zugehörigkeit zu Brabant, im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen den Pastor Heyblan in Kerpen, um 1754. Auch: Extractio ex originalibus ... ecclesiae Carpensis 1579 im Stadtarchiv Bonn.
Vgl. Tille-Krudewig I S. 144.

Kopiar von c. 1800 im Pfarrarchiv Kerpen (Tille-Krudewig I 96) / Kopiar des Stifts im kath. Pfarramt Kerpen, 95 Urk., 1242-1718.

Kerpen, Stift
Akten:
1. Erbpacht des Stiftes Kerpen in Golzheim, 1. Hälfte des 19. Jh. (Ala Golzheim, Ort 1).
2. Akten über Besitzstreit an Propstei-Allee in Kerpen, Anfang 19. Jh. (Bao Heinsberg, Gangolfstift 1).
3. Franz Otto Beckers, ehemals Kanonikus zu Kerpen, stiftet für die Kirche zu Niederau ein Jahrgedächtnis, 1824 (Bao Niederau 5).

Handschriften:
Rentenverzeichnis des Stiftes Kerpen, 17. Jh. (Ha 423). (Alles im Diözesanarchiv, Aachen)




Ausgefertigt zum Jahresbericht pro 1872.Düsseldorf, im Januar 1873.Der Königliche Staats-Archivar, Archiv-Rath: HarlessErgänzt: Lau. 26. Januar 1925.Vorbemerkung:Kerpen, der Hauptort der vormaligen Grafschaft Kerpen und Lommersum, jetzt ein Flecken im Kreise Bergheim, Regierungs-Bezirk Cöln, nahm seine ersten Anfänge von einer Villa Regia, einem Königshofe, welcher daselbst in sehr alter Zeit angelegt wurde. Von dieser Königlichen Villa haben wir offenbar den in Acten und Litteralien der genannten Grafschaft vorkommenden Namen "Königs-Kerpen" herzuleiten. Später war Kerpen ein Reichsgut mit einem herrschaftlichen Schlosse (siehe A. Nr. 112), dessen Ruinen wir heute auf einer Anhöhe finden, welche vor dem Eingang des Fleckens zur linken Seite belegen ist. Als erste Burgherrn von Kerpen kommen in urkundlichen Nachrichten die Herrn von Gymnich vor (siehe A. Nr. 7 u. Nr. 8). Im Jahre 1284 schenkte Kaiser Rudolf die Herrschaft dem Herzog Johann von Brabant: "Rudolfus imperator ... Joanni duci Brabantiae dat carpense castrum eo jure tenendum, quo illud Venemarus de Gemmenich a nobis imperio tenuit." (Vergl. Binterim und Mooren, die alte und neue Erzdiöcese Köln, B: I. - IV., Mainz. 1828-1839, I. S. 195.) Im Jahre 1336 wurde Kerpen "cum omnibus praeposituris, parochiis ecclesiis" dem Grafen von Jülich übergeben. (Vergl. Binterim u. Mooren, a. a. O., I. S. 195 u. f. Siehe A. Nr. 19; Nr. 41; Nr. 56; Nr. 87.) Nachdem es dann unter Landeshoheit der Herzöge von Brabant (siehe A. Nr. 61; Nr. 77; Nr. 80) im Besitze verschiedener adliger Familien gewesen, wie die nachstehend repertorisirten Urkunden erwähnen, überließ Kaiser Karl VI. als Herzog von Brabant im Jahre 1711 die Grafschaft mit aller Landeshoheit und Gerechtigkeit dem Kurfürsten Johann Wilhelm v. d. Pfaltz, welcher dieselbe noch in demselben Jahre dem Grafen Johann Friedrich von Schaesberg übertrug. (Vergl. A. Nr. 86.)In diesem Flecken, wie gesagt, vormals dem Hauptorte der Grafschaft, lag das ehemalige Canonichen-Stift St. Martin, dessen Urkunden- und Acten-Archiv hiernach repertorisirt folgt.Die urkundlichen Nachrichten des Archivs melden nichts von der Entstehung des Stifts, setzten vielmehr, mit dem Jahre 1211 beginnend, dessen Dasein voraus, wie die Urkunden der meisten Stifte. Ueber den Ursprung u. die Zeit der Entstehung können wir also nur Muthmaßliches sagen, und zwar, mit Rücksicht auf die erwähnte Villa Regia, auf den Namen des Stifts und den Umstand, daß sein Gränzbezirk sich in anderer Pfarreien Bezirke hinein erstreckte, dies, daß die Gründung des Stifts in die Zeit der Merowingischen oder Carolingischen Könige zu setzen sei, überlassen wir Binterim und Mooren, a. a. O., I. S. 83, die Bürgschaft für die nicht urkundlich belegte Notitz: "Das St. Martinsstift zu Kerpen verdankt sein Dasein Carl G."Jedenfalls blühte das Stift schnell auf: die urkundlichen Nachrichten desselben aus dem 13., und mehr noch die aus dem 14. - 16. Jahrhundert zeigen es in Folge von Schenkungen, Käufen, Tauschakten und Darlehen im Besitze umfangreicher Höfe des heutigen Kreises Bergheim, von dem es fast ein Drittheil sein eigen nannte, bedeutender Erbrenten, Zehnten und Patronate und reicher Pfarreien, wie der von Kerpen, a. 1509 incorporirt (siehe A. Nr. 54 u. Nr. 55), und von Cuchenheim, incorporirt im Jahre 1488 (siehe A. Nr. 38).Nicht minder bedeutend, als die Besitzungen, Patronate und Einkünfte des Stifts, waren die Stellungen, welche seine Pröbste und Dechanten und Canoniche außerhalb des Stiftes einnahmen: a. 1177 ist Dechant Rudolf Zeuge eines Actes, durch welchen Graf Wilhelm von Jülich und Gemahlin die Kirche zu Grefrath behufs Aufnahme von Ordensgeistlichen von ihrem Patronate freigeben; a. 1209 unterschreibt Probst Gerard zu Speier eine Urkunde Königs Otto IV. für das Kloster Nivelle; Dr. Godfried von Harf, Probst und päbstlicher Protonotar, ist einer der Ersten, welche ihren Namen an der neuen Universität zu Cöln einschreiben lassen (siehe A. Nr. 87). Probst Br. Wigher von Hassent steht in nahen Beziehungen zu Herzog Wilhelm III. von Jülich-Berg (siehe A. Nr. 41 und Nr. 43), ist zweimal, a. 1478 und a. 1499, Rector Magnificus der Universität zu Cöln (siehe A. Nr. 87); Probst Johann von Vlatten ist Kanzler des Herzogs Wilhelm IV. von Jülich (siehe A. Nr. 87) u. s. w.Das 16. und noch mehr das 17. Jahrhundert waren schlimme Zeiten für das Stift. Eine Feuersbrunst und Feindeshand zerstörten im Jahre 1515 das ganze Stifts-Gebäude (siehe A. Nr. 57). Hundert Jahre später, in den Jahren 1642 u. ff. hielt das vereinigte Französische, Hessische und Weimarsche Heer seinen verheerenden Siegeszug durch das Erzstift Cöln: das reiche Stift Kerpen wird es auf demselben sicherlich nicht verschont haben. Die am 5. November 1673 beginnende Belagerung von Bonn durch die vereinigten Holländer, Spanier und Kaiserlichen Truppen, die Capitulation Bonn's am 13. November 1673 und die folgende Besetzung der Stadt durch Französische Truppen brachten dem Stifte und seinen Pächtern ebenso, wie die am 5. Oct. 1689 erfolgte abermalige Belagerung und Einnahme Bonn's durch Friedrich Wilhelm von Brandenburg an der Spitze der Kaiserlichen, Brandenburgischen, Holländischen und Münsterschen Heere und die abermals folgende Besetzung der Stadt durch Französische Truppen urkundlich die schwersten Lasten und empfindlichsten Beschädigungen (siehe A. Nr. 85; Nr. 97 und Nr. 188), welche in den folgenden bösen Zeiten des XVIII. Jahrhundert nicht geringer werden konnten. Die Französische Herrschaft am Rhein machte auch dem Stifte Kerpen ein Ende, muthmaßlich 1881 oder ff., in den Jahren 1805-1811 verkaufte der Cantonal-Präsident von Kerpen das Probstei-Gebäude an die Gemeinde als Pfarrerwohnung, wozu es noch dient (siehe A. Nr. 87).Was die innere Einrichtung und Jurisdiction des Stifts anlangt, so gibt das Archiv darüber noch dürftigere Nachrichten, über die Geschichte (siehe A. Nr. 5 und Nr. 86), wir erfahren indeß, daß im Jahre 1725 Verhandlungen über eine Trennung des Dechanats von der Probstei gepflogen worden (siehe A. Nr. 88), der Probst war also zugleich Dechant, was die Kellnerei-Rechnungen des Stifts de 1711-1796 (siehe A. Nr. 90) erhärten.Weitere Aufschlüsse über die Geschichte und die innere Einrichtung des Stifts geben vielleicht die vermuthlich durch den letzten Besitzer der Grafschaft bei Auflösung derselben in das Gräflich von Schaesberg'sche Familien-Archiv geflüchteten Archivalien des Stifts, von denen zuverläßig ein nur sehr geringer Bruchtheil zur nachstehenden Repertorisirung vorgelegen hat.Stadt Kerpen/StadtarchivAnlage 1Pröpste des Martins-Stifts1. Wecelinus, 1178, Lacomblet Bd. I, Nr. 4662. Gerardus, 1209, Bd. II, 57 + 603. Henricus, 1220, Bd. II, 90, 94, 1054. Hermann, 1252-1266, Best. Stift Kerp. Urk. 55. Wolfram, 1271, Best. Stift Kerp. Akten 136. Wicboldo, 1292, Lac. Band II, Nr. 9257. Heinrich, 1308, HA Köln, St. Gereon, Rep. 1028. Joh. v. Virnenburg, 1314-1364, Propst in Kerpen, Gereon + Xan-9. Winand v. Hengbach, 1363-1369, HStA Stift Kerp. Urk. 1810. Godfried v. Harff, 1389-1410, HStA Akten 13/Kan. St. Gereon11. Albrecht Zobbe, 1430-1442, HStA Urk. 2612. Reinard v. Paland, 1446, HStA Akt. 1313. Wigher v. Hassent, 1462-1510, HStA Urk. 39, 41, 5514. Bernhard Heinrich, 1510-1512, HStA Urk. 5615. Jaspar v. Rennenberg, 1525-1540, HStA Urk. 6616. Johann v. Vlatten, bis 1562, Propst zu Aachen, Kanzler Jü17. Johann v. Hochstaden, 1569-158918. Heinrich v. d. Horst, 160719. Heinrich von Dadenberg, 1614-161720. Joh. von Eynatten, 1617-1653, Domherr/Lüttich-Propst/Aache21. Ernst von Walpott, 1653-1667, Domherr/Mainz22. Wilh. v. Fürstenberg23. Adolf v. Bongart, 167324. Franz v. Stratmann, 1682-1689, Propst in Aachen25. Theodor Bürgers, 1689-1691Joh. Godefrid v. Bequerer, 1691-1720, Domherr zu Köln27. Maximilian von Otten, 1720-172528. Nikolaus von Caspars, 1725-176629. Anton W. Jos. von Roberts, 1766-177130. Reiner Jos. Linden31. C. M. Brewer, 1778-1780Reihenfolge der Pröbste und DechantenI. Pröbste:Dr. Gerardus (Heinrich), 1209-1249, 1209 Böhmer-Ficker I. 784, 1216, 13, 1217, 11, Archiv des Domstifts zu Cöln, Nr. 145, Archiv des Severinstifts zu Cöln, Nr. 31, 1249 Okober 21 Archiv des Capitels zu Rees, Nr. 24, Lacomblet, Archiv 2, 16 in VII Kal. Aug.Hermann, 1252-1266, Archiv des Apostelstift zu Cöln, Nr. 88, Archiv des Domstifts zu Cöln, Nr. 331, Bottenbroich 9Wolfram, 1271Heinrich, 1308-1311, Archiv des Gereonstifts zu Cöln, Nr. 102 u. Nr. 111Johann von Virnenburg, 1325Winand von Hengbach, 1363-1369Dr. Godfried von Harff, 1398-1410Albrecht Lobbe, 1433-1448, Archiv des Severinstifts zu Cöln, Nr. 313Reinart von Palant, 1446Dr. Wigher von Hassent, 1462-1510, Archiv des Cunibertstifts zu Cöln, Nr. 492 u. Nr. 558, Hoven Nr. 58Bernhard (Heinrich) Herzog von Sachsen Lauenberg, 1510-1512Jaspar Graf von Rennenberg, 1525-1540, Bottenbroich Nr. 56Johann von Vlatten, 1562Johann von Hochstaden, 1569-1589Heinrich v. d. Horst, 1607Heinrich von Dadenberg, 1614-1617Johann Frhrr von Eynatten, 1617-1653Ernst Frhrr von Walpott, 1659-1667Wilhelm Graf von Fürstenberg, 1653Adolf Frhrr von Bongart, 1673Franz Graf von Stratman, 1682-1689Theodor Bürgers, 1689-1691Joh. Godfr. von Bequérer, 1691-1720Maximilian Frhrr von Otten, 1720-1725Nicolaus von Caspars, 1725- +1770Philipp (Anton Wilhelm) von Robertz, 1766-1771II. Dechanten:Rudolf, 1177, Archiv der Abtei Knechtsteden, No. 7Matthaeus Kleinerman, 1673J. G. von Bequérer, 1711-1718Nicolaus von Caspars, 1740-1755Philipp von Robertz, 1766-1771C. M. Brewer, 1778-1780S. Tille-Crudewig I S. 96 f.Akten (u. a. Prozeß geg. den Pfarrer Heyblom) c. 1754 im Bes. d. Urk. Alt Bonn (Stadtarchiv Bonn) (Tille Kr. I 144)Lit.: Kunstdenkm. 4 III, 1899, 102 ff.; Handb. EB Köln 25, 1958, 365 f.; Heyd, Beitr. z. Gesch. von Kerpen-Lommersum, 1810; A. Tille, Eine unbekannte Urkunde des Pfalzgrafen Hermann I. von Lothringen (Neues Archiv 26, 161 ff.); Beiträge zur Geschichte des ehem. Kollegiatstifts u. der heutigen Pfk. St. Martinus zu K., 1953.Im Kath. Pfarrarchiv Kerpen Kopiar ca. 1800 (ca. 1070-1718) um 1800; Urkunden 1585, 1725 (Ablass) (Tille 1, 96 f.); Prozess Pf. Heyblum ca. 1760. (s. oben; die Akten des Vereins Alt-Bonn im Stadtarchiv Bonn (Tille 1, 144) sind vernichtet).Im Diözesenarchiv Aachen Hs. 425) Rentverzeichnis des 17. Jh.; Akten betr. Golzheim u. Propsteiallee zu K. ca. 1800.Kerpen, Stift: zur Säkularisation s. H. Höhner (Kerpener Heimatbll. nr. 10 (1966) 205 ff.)Akten zur Geschichte des Stiftes Kerpen, s. Verfassung und Zugehörigkeit zu Brabant, im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen den Pastor Heyblan in Kerpen, um 1754. Auch: Extractio ex originalibus ... ecclesiae Carpensis 1579 im Stadtarchiv Bonn.Vgl. Tille-Krudewig I S. 144.Kopiar von c. 1800 im Pfarrarchiv Kerpen (Tille-Krudewig I 96) / Kopiar des Stifts im kath. Pfarramt Kerpen, 95 Urk., 1242-1718.Kerpen, StiftAkten:1. Erbpacht des Stiftes Kerpen in Golzheim, 1. Hälfte des 19. Jh. (Ala Golzheim, Ort 1).2. Akten über Besitzstreit an Propstei-Allee in Kerpen, Anfang 19. Jh. (Bao Heinsberg, Gangolfstift 1).3. Franz Otto Beckers, ehemals Kanonikus zu Kerpen, stiftet für die Kirche zu Niederau ein Jahrgedächtnis, 1824 (Bao Niederau 5).Handschriften:Rentenverzeichnis des Stiftes Kerpen, 17. Jh. (Ha 423). (Alles im Diözesanarchiv, Aachen)

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