Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland
1. Behörden und Bestände vor 1816
1.2. Geistliche Institute
1.2.2. E - H
1.2.2.5. Essen
1.2.2.5.1. Stift
Essen, Stift, Urkunden AA 0248
120.75.01 Essen, Stift, Urkunden
Permalink des Findbuchs


Signatur : 120.75.01

Name : Essen, Stift, Urkunden

Beschreibung :
Essen. Reichsunmittelbares adeliges Damenstift, 852-1803. "Der Titel der Äbtissinn ist: Von Gottes Gnaden Wir N.N. des kaiserl. freyweltlichen Stifts Essen Äbtissinn, des heil. röm. Reichs Fürstinn, Fraun zu Breysich, Rellinghausen und Huckarde. Das Capitel bestehet auch Prinzessinnen und Gräfinnen ..." (aus: Büsching, Erdbeschreibung 6, 1790, S. 257)

Das neue Findbuch 120.75.01 führt die bisher lediglich maschinenschriftlich vorliegenden Findbücher 120.75.02 "Essen, Stift, Urkunden" [ab S. 113], 120.75.03 "Essen, Stift, Urkunden I (870-1327)" und 120.75.05 "Essen, Stift, Urkunden II (1328-1361)" in einem einzigen Repertorium zusammen. Dabei wurde eine Klassifikation vorgenommen, die sich an der zeitlichen Einteilung der v.g. Altfindbücher orientiert. Die ehemaligen Findbuchvorworte wurden als Bemerkungen aufgenommen. So bleiben die alten Verzeichnungsschichten weiterhin erkennbar.

Die Abschrift (Retrokonversion) und Überarbeitung in VERA erfolgte von Juni 2006 bis Februar 2007 durch Staatsarchivoberinspektor Jörg Franzkowiak.

Übersicht:

Das Kloster zu Essen wurde um die Mitte des 9. Jahrhunderts von Alfrid, Bischof von Hildesheim, auf dessen Landgut Astnide [= Essen] gestiftet und auf dem Provinzialkonzil zu Köln im Jahr 874 bestätigt. Das Original dieser Urkunde ist sehr wahrscheinlich in dem Klosterbrand, wovon schon in der Urkunde [von] 947 Erwähnung geschieht, sehr stark beschädigt und damals in die jetzt vorliegende Abschrift, welcher das Bleisiegel des Originals lose beigefügt ist, übernommen worden. Den Einwürfen Mabillons gegen die Echtheit wird in dem Urkundenbuch des Unterzeichneten I N° 69 begegnet, dass die Stiftung gleich Anfangs für das weibliche Geschlecht aus höherem Stand berechnet gewesen, beweist die Urkunde Zwentebolds vom Jahr 898, worin dieser dem Kloster auf Anstehen seiner Gemahlin und eines Grafen Otto großartige Besitzungen in sieben Gauen der linken Rheinseite schenkte. König Otto I. zählt ferner im Jahr 947 namentlich den Zehnten, dessen Umkreisung später das Stiftsgebiet gebildet, und die vielen meist königlichen Villen auf, welche bis auf dem Kloster zugewendet worden, worüber aber die Urkunden in dem schon erwähnten Brand untergegangen. Der König sowie Papst Agapitus verliehen und bestätigten demselben zugleich die freie Wahl der Äbtissin und des Vogts, sowie völlige Immunität. Otto fügte im Jahr 966 noch das Geschenk des unmittelbar bei Essen gelegenen Hofes Ehrenzell hinzu. König Otto II. wiederholte dies Alles auf Bitte seiner Nichte, der Äbtissin Mathilde, im Jahr 974 und 993, und Kaiser Otto III. verehrte eben derselben den Ort Bruggihem [= Brüggen an der Leine], welches Geschenk jedoch später eine andere Bestimmung erhielt. Auch König Heinrich II. erneuerte im Jahr 1003 diese Bewilligungen. Das Kloster hatte sich, wie wir bald nachher erfahren, nur teilweise im Besitz des von dem Erzbischof Gunthar von Köln ihm geschenkten Zehnten erhalten, und da dasselbe noch keine förmliche Exemption von dem Diözesanverband der kölnischen Mutterkirche erlangt, so nahm Erzbischof Piligrim denselben, als zu seiner Verfügung gehörig, in Anspruch. Die Äbtissin Sophia, Tochter des Kaisers Otto II., bewog indes im Jahr 1027 den Erzbischof zur bestätigenden Anerkennung des Guntharschen Geschenkes, musste aber durch ihren Vogt im Frankenland, den Pfalzgrafen Ermfrid, verschiedene Besitzungen im Jülicher Land aus der Schenkung Zwentebolds abtreten. Kaiser Konrad II., welcher dieser Übereinkunft beigewohnt, bestätigte der Äbtissin nun auch alle Besitzungen und Immunitäten. Die nachfolgende Äbtissin Theophanu, Tochter des Pfalzgrafen Ezo, erwirkte von König Heinrich III. im Jahr 1041 die Bewilligung eines sechstägigen Jahrmarktes zu Essen vor und nach dem Fest der Stiftspatronen Cosmas und Damian, welcher der Stiftskirche Zoll und andere Gefälle abwarf und zur Emporhebung des Stiftsortes vorzüglich wirksam war. Sie starb 1054, und aus ihrem Testament sehen wir, dass der Konvent aus einer Pröpstin, Dechantin, elf Klosterfrauen und sechs Priestern bestand. Die nächstfolgende Äbtissin Suanehild schenkte im Jahr 1085 ihre beträchtlichen Erbgüter zu Wachtendonk, im Kirchspiel Gladbeck, zu Hückeswagen und sonst zur Stiftung eines besonderen kirchlichen Amtes, welches ihren Namen führte und bis zur Säkularisation fortbestanden hat. Die reichen Besitzungen der Stiftskirche und ihre Immunität hatten nicht nur die Ansiedlung vieler Gewerbetreibender und die Elemente einer Stadt veranlasst, sondern auch Ministerialen angezogen, welche ihre Benefizien zu erblichen Berechtigungen zu erheben und gewaltsam sich darin zu erhalten strebten, im Jahr 1142 aber durch kräftigen Einschritt der Äbtissin Irmentrud entsetzt wurden. Seitdem sehen wir auch von 1148-1190 die Sorgfalt der Äbtissin Hadewig und ihrer Nachfolgerin Elisabeth um das Güterwesen des Stifts. Unter der Äbtissin Aleidis, im Jahr 1216 und 1224, findet bereits eine Trennung des Stiftsvermögens zwischen den Dignitäten, dem Damen- und dem Kanonichenkapitel statt. Die Erledigung der Vogtei des Stifts durch Hinrichtung des Grafen von Isenburg hatte eine einstweilige Vogteiverwaltung namens des Reichs und hiernach ein vielfältiges Andrängen der Nachkommen desselben, des Grafen von der Mark, der Erzbischöfe von Köln veranlasst. Im Jahr 1241 vernehmen wir zuerst von dem Filialstift Rellinghausen, dessen Kirche bis dahin den Namen Kapelle geführt. Im Jahr 1243 sehen wir die städtische Verfassung des Stiftsortes sich ausbilden, und 1246 wird wegen Baufälligkeit der Stiftskirche zum Neubau geschritten. Als Erzbischof Engelbert II. von Köln nach Konrads Tod im Jahr 1262 den erzbischöflichen Stuhl bestieg, teilte auch das Stift Essen die von demselben allgemein gehegten günstigen Erwartungen und übertrug ihm die Schirmvogtei, zwar nur auf Lebenszeit, allein es verwickelte sich hierdurch in einen lange fortdauernden Streit mit den kölnischen Kirchenfürsten, welche dieselbe nicht mehr aufgeben wollten. Nach Engelberts Tod nahm sich zwar König Rudolf im Jahr 1273 und Papst Gregor X. des Stifts kräftig an, dieses wählte auch den König selbst zum Vogt, Erzbischof Sifrid aber erhob Einsprüche. Die berühmte Schlacht bei Worringen führte den Erzbischof im Jahr 1288 in die Gefangenschaft des Grafen von Berg, und im Oktober des nämlichen Jahres übertrug König Rudolf die Vogtei, wie sie ihm anvertraut worden, auf den Grafen Eberhard von der Mark, dem sie auch, in Folge Kompromisses, von dem Grafen von Berg zugesprochen ward. Die Ansprüche Sifrids und seines Nachfolgers, des Erzbischofs Wicbold, hörten indes nicht auf. Zwar bestätigte König Albert die Privilegien des Stifts, welche die Wahlfreiheit enthielten, und transsumierte die Rudolfsche Urkunde, welche eine Anerkennung dieser Freiheit in sich trug; auch wurde der nachfolgende Graf Engelbert von der Mark 1308 vom Kapitel zum Vogt erwählt und König Heinrich VII. bestätigte am 5. Januar 1310 die Privilegien des Stifts: allein Erzbischof Heinrich von Köln hatte seine Stimme und seinen Einfluss bei der Königswahl gegen viele Zugeständnisse, wohin auch die Vogtei von Essen gehörte, verkauft, und König Heinrich kassierte das Wahlrecht des Stifts und gab der erzbischöflichen Kirche auf stete Zeit die Vogtei. Das Stift nahm jetzt seine Zuflucht zum päpstlichen Stuhl und ward durch von Clemens V. angeordneten Kommissarien in seinem guten Recht bestätigt. Nach dem Tod des Grafen Engelbert von der Mark im Jahr 1328 wählte das Kapitel dessen Sohn Adolf zum Vogt, jedoch nur auf 6 Jahre, wahrscheinlich um in dieser gräflichen Familie kein erbliches Recht zu begründen; welche Wahl 1334 auf fernere 8 Jahre erneuert wurde. In derselben Weise wurde dessen Sohn Engelbert 1347 auf 4 Jahre, 1351 auf 8 und 1371 auf 10 Jahre gewählt. Am 11. und 15. Februar 1349 bestätigte Karl IV. die Privilegien des Stifts unter Einrückung der Urkunde Heinrichs VII., erteilte der Äbtissin Katharina [von der Mark] die Regalien und nahm im Jahr 1357 sämtliche königliche Gnadenbriefe seit König Zwentebold in eine neue bestätigende Urkunde auf, woran er seine Goldbulle heften ließ. Auch die von dem Papst Clemens V. dem Stift erteilte Exemption von dem Diözesanverband ward nun gehandhabt, die Vogteien entfernter Besitzungen, zu Breisig und im Bistum Münster, wurden geordnet oder abgelöst und die Verwaltung der Güter reguliert. Seit 1361 finden sich auch die Instrumente über die stattgehabte Wahl der Äbtissinnen vor. Zur Beseitigung aller noch immer erhobenen Anstände und Zudringlichkeiten gegen die Unmittelbarkeit der Äbtissin und ihres Gebiets erneuerte im Jahr 1372 Karl IV. die Reichsbelehnung, bestätigte im Besonderen das Freigericht im Stift und erlaubte, einen Freistuhl nach Borbeck, zum Schutz des dortigen Sommersitzes der Äbtissin, zu verlegen. Im Jahr 1375 vermittelte Graf Engelbert von der Mark einen Vergleich der beiden Kapitel mit der Stadt Essen, wodurch deren Verfassung festgestellt und im Jahr 1390 noch näher geordnet wurde; im Jahr 1392 ward Graf Adolf von Kleve und Mark auf 25 Jahre, 1394 Graf Dietrich von der Mark und 1398 dessen Bruder Adolf auf Lebenszeit zum Stiftsvogt erwählt. Die Wahl eines Vogtes aus derselben gräflichen, später herzoglichen Familie auf bemessene Frist währte fort bis auf den Herzog Johann von Kleve, Grafen von der Mark, welcher 1495 zum Erbvogt ernannt wurde. Ebenso wiederholten sich unter den nachfolgenden Kaisern, nach dem Vorbild Karls IV., die Bestätigung der Privilegien und die Investitur mit den Regalien; und die Päpste fuhren fort, unmittelbar oder durch bezeichnete Kommissarien, die Stiftsgerechtsame zu beschützen. Im 16. Jahrhundert erhob die Stadt Essen Ansprüche auf Reichsunmittelbarkeit, wozu sie allmählich die Elemente erlangt; und auch die Ritterschaft erhob sich als Landstände des Stifts hervor. Mit der Stadt wurde seit 1656 bis 1739 verschiedene Übereinkünfte getroffen, die jedoch nicht alle Zwistigkeiten dauernd beseitigen konnten; mit den Ständen kam endlich 1797 ein umfassender Landesvergleich zustande.

Das sehr zerstreut, am Oberrhein zu Breisig, zu Godesberg bei Bonn, im Herzogtum Jülich zu Paffendorf, Holzweiler usw., im Salland in der holländischen Provinz Oberijssel, in der Grafschaft Mark, im Stift Münster, im Hessenschen usw. gelegene Güterwesen war nach seiner örtlichen Lage unter 13 abteiliche und 4 propsteiliche Oberhöfe oder Schultheißen zusammengefasst, insofern dasselbe nicht die Eigenschaft eines Lehens gewonnen. Die den Oberhöfen zugeteilten Güter [Hufen, Hoben, daher Hobsrechte] waren in Leibgewinn [Nutzung auf Lebenszeit] oder zu Behandigungsrechten ausgeliehen, worüber seit 1727 besondere Protokolle geführt wurden. Neben diesen und da die Behandigungsbriefe nur in dem Namen des aufsitzenden Kolonen aus bäuerlichem Stand eine Verschiedenheit enthalten, so sind die desfällsigen Konzepte als wertlos ausgeschieden worden. Außerdem finden sich fast über alle Gegenständ, wovon die Urkunden melden, auch Akten vor. Der bekannte Archivar Kindlinger hatte ehedem das Archiv mit Ausnahme des gräflichen und des Kanonichenkapitels geordnet und verzeichnet und, da das Stift und seine Verfassung noch bestanden, auf alle und jede Schriftstücke seine Sorgfalt gerichtet. Es ist leicht zu ermessen, dass ein großer Teil dieser Papiere, welche nur ein praktisches Interesse hatten, nach dem Erlöschen der Selbstständigkeit des Stifts, und in Folge der neueren Gesetze des Stifts, namentlich über die bäuerlichen und gutsherrlichen Verhältnisse, allen Wert verloren und ein mehr übersichtliches Zusammenfassen, als es Kindlinger gestattet war, erforderlich geworden.

(Leicht modernisierte Abschrift des Vorworts Lacomblets im alten handschriftlichen Repertorium C 270/1 bzw. M 165 "Essen, Urkunden I" - jetzt Essen, Stift, Rep. u. Hs. Nr. 39)


Anfang  Erweiterte Suche
Warenkorb  Drucken