Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland
Abteilungsübergreifendes Sachthematisches Inventar Revolution und Systemwechsel 1918 und 1919
Permalink des Findbuchs


Signatur : ASTI.1

Name : Systemwechsel 1918/19

Beschreibung :

Einleitung :

Vorwort

Die Idee zu einer Veröffentlichung archivalischer Quellen zur Revolution und zum Systemwechsel im Rheinland, in Westfalen und in Lippe entstand in einem längeren Gespräch mit Kollegen anderer staatlicher Archive im März 2015 auf einer Zugfahrt von Hannover nach Köln. Gegenstand des Mei-nungsaustauschs war die Frage, wie Archive die historische Forschung mit Blick auf das 100jährige Jubiläum der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie anregen und unterstützen können. Für Nordrhein-Westfalen war mit dieser generellen Frage zugleich ein konkretes Vorhaben zu ver-knüpfen. Die Historische Kommission für Westfalen, die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen werden gemeinsam am 8. und 9. November 2018 eine wissenschaftliche Tagung zum Themenkomplex Revolution, Räte und Parlamentarismus durchführen. Ein besonderer Fokus sollte deshalb auf die Anfänge der Weimarer Republik gerichtet werden.

Die Überlegung, im großen Stil einschlägige Archivbestände zu digitalisieren und online zu präsentieren, hätte sich gut in aktuelle Bestrebungen der deutschen Archive eingepasst. Diese haben nämlich kürzlich erklärt, ”die digitale Erfassung der archivalischen Überlieferung zu intensivieren und als Teil des kulturellen Erbes in Übereinstimmung mit den archiv- und urheberrechtlichen Grundlagen über das Internet für jedermann zugänglich zu machen“ (Positionspapier zur Entwicklung der Portallandschaft der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder vom 1. September 2015, https://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/bundesarchiv_de/fachinformation/ark/kla__20150901_positionspapier__portallandschaft.pdf). Darüber hinaus stünde ein derartiges Vorhaben auch im Einklang mit der Strategie des Landesarchivs NRW, bis zum Jahr 2025 fünf Prozent seiner analogen Bestände zu digitalisieren.

Der fachliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen im Landesarchiv NRW verknüpft mit tie-fergehenden inhaltlichen Recherchen förderte aber rasch zutage, dass die einschlägigen Archivalien über viele Bestände hinweg gesät sind, so dass eine Digitalisierung ausgewählter Bestände oder Teilbestände im Rahmen der verfügbaren Ressourcen kaum zu dem erwünschten Erfolg führen würde. Angesichts der sich über viele Provenienzen erstreckenden Quellen erschien es zudem ratsam, Recherche und Benutzung durch eine zusätzliche, sachlich strukturierte Erschließung zu fördern. Die Überlegungen mündeten schließlich in der Verbindung beider Anliegen: Die verstreuten Quellen zur Revolution und zum Systemwechsel der drei Abteilungen des Landesarchivs sollten mit dem bewährten Medium eines sachthematischen Inventars zwar weitgehend vollständig erfasst, aber nur in Auswahl digitalisiert und online bereit gestellt werden.

Für die Internet-Präsentation des Inventars und seine Einbindung in die Informationsstruktur der Bestände mussten technische Erweiterungen der Online-Plattform des Landesarchivs entwickelt werden. Die bereits bestehenden Online-Formate der Beständeübersicht, der Findbücher und der Editionen sind nun erweitert worden um den Typ des sachthematischen Inventars, von dessen Einzeleinträgen der Benutzer sowohl ins Findbuch als auch - sofern hinterlegt - zum Digitalisat navigieren kann.

Allen Mitwirkenden der Abteilungen Rheinland, Westfalen, Ostwestfalen-Lippe und des Fachbereichs Grundsätze danke ich für ihre engagierte Arbeit. Den Benutzern wünsche ich ertragreiche Recherchen, aussagekräftige Quellen und eine erfolgreiche Forschung zur deutschen Geschichte an der Wiege der parlamentarischen Demokratie.

Frank M. Bischoff

(Präsident des Landesarchivs NRW)

Einleitung

Anlass für die Erstellung des Sachthematischen Inventars ”Systemwechsel 1918/19“ ist der bevorstehende 100. Jahrestag der ”Novemberrevolution“, das Ende der Monarchie und die Begründung der Republik in Deutschland. Die ausgewählten Quellen spiegeln die Auswirkungen und Folgen des Endes des Ersten Weltkrieges ebenso wider wie die sich daran anschließenden Entwicklungen, die zum Aufbau der Weimarer Republik führten.

Mit dem Inventar hat das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen eine abteilungsübergreifende Übersicht von Quellen zum politischen Umbruch am Ende des Ersten Weltkrieges erstellt. Zentrale Archivalien wurden digitalisiert und lassen sich in dem Inventar einsehen.

Die drei Fachabteilungen Westfalen, Ostwestfalen-Lippe und Rheinland haben unter jeweils dem gleichen Klassifikationsschema diejenigen Unterlagen aus ihren Beständen gruppiert, die signifikant für die Umbruchszeit sind.

Die Ereignisse spiegeln sich in der Überlieferung ganz überwiegend nicht in klar abgegrenzten Beständen, sondern in Archivalien aus einer Vielzahl von Beständen eine Ausnahme gilt hier für die Abteilung Westfalen. Dies liegt vor allem daran, dass der Systemwechsel von 1918/19 nicht auf allen Ebenen einen radikalen Bruch bedeutete. So behielten nicht nur zahlreiche Amtsträger ihre Ämter, sondern auch die Verwaltungsstrukturen blieben weitgehend unverändert.

Das Augenmerk bei der Auswahl der Quellen liegt auf den beiden Jahren 1918/1919, und nur selten wird über diesen Zeitpunkt hinausgegangen. Einige der Aktenbände sind Serien, bei denen dann auch nur diejenigen Bände aufgenommen wurden, die weitestgehend in die zwei Jahre 1918 und 1919 fallen.

Die Zusammenstellung der Archivalien beruht überwiegend auf Findbuchrecherchen und zeigt die maßgeblichen Findbücher und Bestände aus den drei Regionalabteilungen des Landesarchivs auf. Die Aktentitel aus den Findbüchern wurden im Rahmen dieses Projektes nicht bzw. nur an wenigen Stellen verändert.

Das Inventar versteht sich vor allem als "Anregung zum Weiterforschen" (vgl. hierzu auch: Wilfried Reininghaus, Die Revolution 1918/19 in Westfalen und Lippe als Forschungsproblem. Quellen und offene Fragen. Mit einer Dokumentation zu den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten, Münster 2016 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, NF 33), in gekürzter Fassung online unter http://www.lwl.org/hiko-download/HiKo-Materialien_011_(2016-01).pdf.), erschließt durch die Digitalisate aber auch eine Vielzahl von bisher unpublizierten Quellen, die durch Verknüpfung mit den Findbucheinträgen Benutzern auf bequemem Wege zugänglich gemacht werden.

Digitalisiert wurden beispielhaft Akten, die besonders signifikant für die Entwicklungen sind. Es wurde hierbei darauf Wert gelegt, Unterlagen von möglichst unterschiedlicher Provenienz, also von unterschiedlichen Registraturbildnern auszuwählen, um die Vielfältigkeit der Verwaltung aufzuzeigen.

Neben Verwaltungsakten wurden auch Unterlagen aus Nachlässen vor allem aus der Abteilung Ostwestfalen-Lippe in das Inventar aufgenommen. Sie ergänzen die amtliche Überlieferung und zeigen eine andere Sicht auf die Ereignisse. Allerdings war die Möglichkeit beschränkt, Nachlässe zu berücksichtigen, da die Rechtsverhältnisse nicht immer eindeutig geklärt sind.

Der Systemwechsel 1918/19 findet seinen Niederschlag auch in den Plakatsammlungen der Abteilungen des Landesarchivs NRW. Diese Sammlungsbestände enthalten Plakate je nach Anlass aus staatlichen, kommunalen und privaten Bereichen und bilden neben den Nachlässen eine wichtige Ergänzungsüberlieferung.

Abteilung Ostwestfalen-Lippe

Die ausgewählten lippischen Archivalien (=L-Signaturen) dokumentieren den Systemwechsel in dem kleinen Fürstentum von der unteren bis zur oberen staatlichen Ebene. Da Lippe vor und nach 1918/19 - im Gegensatz zu den preußischen Provinzen Westfalen und Rheinland - ein eigenständiger, nicht zu Preußen gehörender Reichsteil war, sind auch zahlreiche Aktenstücke vorhanden, die die Beziehungen und Kontakte zwischen den Räteregierungen auf Reichsebene und deren Pendants in Lippe abbilden. Vergleichbare Unterlagen gibt es in den Abteilungen Rheinland und Westfalen nicht.

Im Bereich der Regierung Minden konzentriert sich die staatliche Überlieferung auf die Bereiche Polizei (Bestand M 1 I P) und Präsidialregistratur (Bestand M 1 I Pr) sowie auf die Landratsämter.

Die Polizei überwachte die Arbeiter- und Soldatenräte, die politischen Kundgebungen, die politischen Parteien (v.a. Kommunisten) und die Presse ebenso wie Unruhen und Ausschreitungen. Schwerpunkt der Überlieferung in der Präsidialregistratur ist dagegen vorrangig die Demobilisierung, Entmilitarisierung und die neue Verfassung.

Aufgabe der darunter liegenden Ebene - der Landratsämter - war es, in der Region umzusetzen, was von der Regierung angeordnet wurde. Entsprechend findet sich hier in besonderem Maße weiterführende Überlieferung zur Aufgabenwahrnehmung der Polizei. Die Landratsämter dokumentieren auch die Reichstagswahl und die preußische Landtagswahl, die auf Ebene der Bezirksregierung kaum zu finden sind. Eine auffallend geringe Rolle spielt im Bereich der Regierung Minden die Justiz und damit die juristische Aufarbeitung der Ereignisse von 1918/19.

Aus den Nachlässen der Abteilung (D 72) wurden aussagekräftige Archivalien aus den Beständen der lippischen politischen Protagonisten jener Zeit (Drake, Neumann-Hofer, und v. Biedenweg) ausgewählt. Aus dem Regierungsbezirk Minden fehlen bedeutende Nachlässe.

Abteilung Westfalen

Der überwiegende Teil der ausgewählten Archivalien zum Systemwechsel 1918/19 entstand bei den staatlichen Verwaltungen der Provinz Westfalen, namentlich beim Oberpräsidium in Münster sowie bei den nachgeordneten Bezirksregierungen und Landratsämtern. Hier fanden, von den Ministerien in Berlin ausgehend, die politischen Ereignisse und Veränderungen ihren Niederschlag in den Akten der Verwaltung. Ein Schwerpunkt wurde in dem Inventar auf Berichte über Vorkommnisse auf provinzialer Ebene gelegt.

Daneben finden sich Berichte aus rein fachbezogenen Verwaltungen, insbesondere aus den Bereichen Bergbau und Justiz, über Auswirkungen der Revolution und über den Systemwechsel dieser Zeit.

Von besonderem Interesse ist die Überlieferung in dem Bestand ”Büro Kölpin, Münster“. Hierbei handelt es sich um eine Sammlung des Münsteraner Kriminalbeamten und späteren Detektivs Heinz Kölpin (1878-1965). Im Auftrag des Wehrkreiskommandos VI trug er Nachrichten vor allem über linksradikale Bewegungen im Bereich Rheinland-Westfalen, aber auch im gesamten Reich zusammen. Ein Großteil dieses Bestandes bezieht sich auf den Zeitraum 1918-1923.

Abteilung Rheinland

Wie bei den beiden Inventaren aus den Abteilungen Ostwestfalen-Lippe und Westfalen entstand der Großteil der Unterlagen bei staatlichen Verwaltungen, insbesondere bei den Bezirksregierungen der Rheinprovinz, Köln, Düsseldorf und Aachen, sowie in den Landratsämtern.

Im Rheinland bildet die Gerichtsüberlieferung einen großen Teil der Akten staatlichen Ursprunges, die in das Inventar aufgenommen wurden. Hier dokumentieren zahlreiche Prozessakten revolutionäre Unruhen und Streiks der Jahre. Dabei sind die verfolgten Delikte vielfältig: Sie reichen von Auseinandersetzungen zwischen Mehrheitssozialisten und Kommunisten über Landfriedensbruch bis hin zu Zerstörungen und Plünderungen anlässlich von Demonstrationen und Wahlveranstaltungen. Aufschluss geben diese Akten auch hinsichtlich der Streikbewegungen in der Montanindustrie. Hier sind Duisburg-Hamborn, Essen und Mülheim als Hochburgen zu nennen.

Einzelne Unterlagen finden sich auch im Rheinland in rein fachbezogenen Verwaltungen auf staatlicher Ebene, so in der Überlieferung der Bahndirektionen, Versorgungsämter sowie Wasser- und Schifffahrtämter. Jedoch stellen diese nur einen vergleichsweise kleinen Teil im Gesamtinventar dar.

Aus dem nichtstaatlichen Bereich wurden vor allem Teile von drei Sammlungen in das Inventar aufgenommen:

- Arbeiter- und Soldatenräte (RWV 0006)

- Kleinere Parteien und Organisationen (RWV 0017)

- Rhein- und Ruhrbesetzung (RW 0009).

Aus RW 0009 wurden nur Unterlagen berücksichtigt, die die Jahre 1918/19 betreffen und damit die Zeit vor der Besetzung des Rheinlandes und des Ruhrgebiets.

Mark Steinert

(Leiter des Fachbereichs Grundsätze beim Landesarchiv NRW)

Verweise :

Wilfried Reininghaus, Die Revolution 1918/19 in Westfalen und Lippe als Forschungsproblem. Quellen und offene Fragen. Mit einer Dokumentation zu den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten, Münster 2016 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, NF 33



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