Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn
A STADTARCHIV
2. Nichtamtliche Überlieferung
2.1. Sonderbestände
2.1.1. Sammlung Bonn
SN 058 - Bonn-Beueler Fähr-Aktien-Gesellschaft (Fährbeerbte)
Permalink des Findbuchs


Signatur : SN 58

Name : NL Fährbeerbte

Beschreibung :


"Die Alte 'Fliegende' Gierfähre" am Beuler Ufer vor dem Bonner Panorama.
Lithografie (Ausschnitt) von Schnell nach einer Zeichnung von C. Fries.




VORWORT


Das Bonner Fährwesen

Bevor zwischen 1896 und 1898 die "Alte Rheinbrücke" als erste feste Bonner Brücke errichtet wurde, erfolgte die Rheinüberquerung zwischen Bonn und Beuel mit der Fähre und in französischer Zeit mit einer Schiffsbrücke. Die Übergangsstelle über den Rhein in vorgeschichtlicher und römisch-fränkischer Zeit lag wohl weiter nördlich in der Höhe des Römerlagers. Mit der Verlagerung des städtischen Schwerpunkts zum Cassiusstift verschob sich auch der Rheinübergang nach Süden.

Der Betreiber der Fähre war seit dem 10./11. Jahrhundert die Vereinigung der Schiffer, die das Privileg des Fährbetriebes erhalten hatten: die Fährgerechtsame. 1325 bestätigte der Kölner Erzbischof Heinrich von Virneburg den zwanzig Fährerbberechtigten ihre Rechte und Pflichten. Sie besaßen das Fährrecht zwischen Römlinghoven und der Siegmündung.
Durchziehende Truppen setzten im 17. Jahrhundert mit Pontonbrücken oder Gierbrücken, so genannten fliegenden Brücken, über den Rhein, so 1763 bei Bonn. Diese Gierponte wurde ein Jahr später nach Köln gebracht. Die Bonner Fährberechtigten betrieben eine weitere im kaiserlichen Auftrag, die ihnen 1677 überlassen wurde.

Die Gier(seil)fähre war an einem im Fluss verankerten Drahtseil angehängt. Durch am Bug und am Heck angebrachte Seile wurde der Winkel zum Fluss verändert und die Fähre so nur durch den Druck des fließenden Wassers an das gewünschte Ufer gebracht. Auf diese Weise transportierte die Bonner Gierponte Personen und Fuhrwerke über den Fluss. Für den Personenverkehr gab es zusätzlich Nachen.

Die zunächst weggefallene Fähre zwischen Bonn und Oberkasseler war wohl zu Ende des 17. Jahrhunderts an einen Pächter gegeben worden. Sie erweckte die Begehrlichkeit des bergischen Staates, der im Laufe des Jahrhunderts mehrmals versuchte, die Fähre in Besitz zu bringen. Auch die kurkölnischen Herrscher waren dazu geneigt und die Fährberechtigten bemüht, ihre alten Rechtsurkunden vorzeigen zu können. Die Fährerbberechtigten konnten aber mit Verweis auf ihre alten Rechte alle Enteignungen abwehren.

Die Aufsicht bzw. die Geschäftsführung für die Fährbeerbten auf der Gierponte hatte der Brückenmeister. Im 18. Jahrhundert war dies Leonhard Stammels. Sein Nachfolger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war sein Schwiegersohn Johannes Paul Mehlem, der im Haus Mehlem wohnte. Nach dessen Tod 1787 übernahm sein Sohn Heinrich die nunmehrige Pacht. Mittlerweile waren die Fähr- bzw. Brückenbeerbten nicht mehr nur Schiffer, sondern vielfach Beamte im städtischen und kurfürstlichen Dienst.

Nach dem Einmarsch französischer Truppen errichteten diese kurzzeitig 1795/96 eine Schiffsbrücke, um den Transport von Soldaten und Kriegsgerät auf das rechte Rheinufer zu bewerkstelligen. Mit der französischen Besetzung des Rheinlandes traten auch hier die französischen Gesetze in Kraft. Da der Rhein die neue Staatsgrenze bildete, bestand ab 1799 am linken Rheinufer Fährfreiheit, während das Fährrecht auf dem rechten Rheinufer immer noch bei den Fährberechtigten lag.

1805 errichteten die Franzosen erneut eine Schiffsbrücke, die im September erstmals von durchziehenden Truppen benutzt wurde. 1810 beschlagnahmten sie die fliegende Brücke der Fährberechtigten und übergaben deren Verwaltung der Stadt Bonn. Im Mai 1810 erließ die Stadt eine Fahrordnung, die Überfahrten mit Nachen verbot.

Am 31. Dezember 1815 erhielten die Fährberechtigten ihre Rechte und die Fähre zurück. Aber auch die preußische Regierung versuchte die Fährgerechtsame einzuziehen und erhob Ansprüche auf das Fährrecht. Doch immer wieder konnten die Fährbeerbten dieses Ansinnen zurückweisen. Die wirtschaftliche Lage war jedoch zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht besonders gut, zwischen 1859 und 1862 konnten keine Dividenden gezahlt werden. Für das seit dem 3. Juli 1863 betriebene Dampfboot musste eine Konzession gezahlt werden. Nach der Eröffnung des Oberkasseler Trajekts 1870 entfielen die Einnahmen aus dem Fährbetrieb von Bonn nach Oberkassel. Seit dem 1. Juli 1875 fuhr aber auch wieder eine Nachenfähre zwischen der Beueler Johannes- bzw. Faulstraße und der Bonner Ersten Fährgasse.

Die Fährgerechtsame löste sich 1878 auf. Die am 16. Mai 1878 neu gegründete Bonn-Beueler-Fähr-Actien-Gesellschaft übernahm den Fährdienst. Sie war auch wirtschaftlich in der Lage die notwendigen technischen Neuerungen umzusetzen. Am 7. August 1886 fuhr erstmals eine eiserne Ponte über den Rhein.

Nach 1889 wurden Pläne für den Bau einer festen Rheinbrücke zwischen Bonn und Beuel immer konkreter. 1894 sammelte die Stadt Gelder für den Bau, die Grundsteinlegung fand 1896 statt. Die Familien der Fährerberechtigten erhielten nach langwierigen Verhandlungen am 13. Mai 1896 von der Stadt Bonn eine Abfindung. Die Fährgesellschaft stellte ihren Betrieb mit der Eröffnung der Bonner Rheinbrücke am 17. Dezember 1898 ein.



Das "Archiv der Fährbeerbten" (Bestand SN 58) im Stadtarchiv Bonn

Im Stadtarchiv Bonn befanden sich unter der Signatur Pr 3159/1-6 sechs Aktenbündel. Sie sind vermutlich über den Juristen und Heimatforscher Felix Hauptmann (1856-1934) in das Archiv gelangt. Aus der Signatur kann von einer - vorläufigen - Verzeichnung bzw. Übernahme in den Bestand Preußische Zeit in der Zeit des ersten Archivleiters Friedrich Adolf Knickenberg (1863-1932) ausgegangen werden, also nach 1899. Im letzten Umschlag befand sich zusätzlich ein unter der Zugangsnummer 946 der nichtstädtischen Erwerbungen des Stadtarchivs registrierter, 1982 von einem Bonner Antiquariat getätigter Ankauf. Diese sechs Aktenbündel sowie zwei fadengebundene Akten Pr 4684 und Pr 6767 sind zu einem späteren Zeitpunkt aus dem Bestand Pr Preußische Zeit ausgesondert und als eigenständigen Bestand SN 58 Fährbeerbte zusammengelegt worden.

Eine Verzeichnung des bisher unerschlossenen Bestandes konnte 2014 mit der großzügigen Unterstützung des Schiffervereins Beuel 1862 e.V. erfolgen. Zu diesem Zweck sind die Aktenbündel auf ihren Inhalt untersucht worden. Sie enthielten zwei fest gebundene Kladden, in Mappen gelegte Dokumente und lose Blätter. Die Überlieferung der Akten der Fährberechtigten im Stadtarchiv Bonn umspannt einen Zeitraum von über 200 Jahren. Die frühesten Dokumente stammen aus dem 18. Jahrhundert. Abschriften früherer - bis ins Mittelalter zurückreichende - Dokumente vom Original und aus wissenschaftlichen Quelleneditionen bezeugen die lange Fährtradition.

Die 1982 erworbenen Papiere beinhalteten Dokumente aus dem Archiv der Fährbeerbten aus den Jahren 1814 bis 1829, die wohl aus dem Besitz des Brückenmeisters Caspar Oppenhoff stammten.1870 fand eine Übergabe von Papieren zum Fährwesen statt. Der Sekretär des Caspar Oppenhoff (1781-1869) übergab einer unbekannten Person Unterlagen. Dafür wurde ein aufwändiges Verzeichnis als Übergabeprotokoll angelegt, von dem noch mehrere Entwürfe vorhanden sind. Im März 1870 beinhaltete die Liste 38 Konvolute, in römischen Ziffern (I-XXXVIII) durchnummeriert. Im Juni 1870 folgte ein Nachtrag. Ein weiteres Übergabeprotokoll weist nunmehr 47 Konvolute (I-XLVII) auf.

Die im Bestand 58 vorgefundenen Dokumentenkonvolute wiesen zum Teil diese römische Nummerierung in roter Schrift auf, entweder "Convolut XX" oder einfach nur "XX". Weitaus mehr Konvolute wiesen in blauer Schrift eine Nummerierung in arabischen Zahlen auf. Die höchste blaue Nummer ist die 104, die höchste rote die 27 bzw. 34.

Bei der Verzeichnung sind die blauen und roten Nummern als Altsignatur übernommen worden. Standen sowohl blaue als auch rote Nummern auf dem Konvolutsumschlag sind diese bis auf einen Fall (91/XXXIV) identisch gewesen und beide vermerkt worden.Verschiedene Konvolute haben ein Inhaltsverzeichnis und paginierte Blätter, andere nur paginierte Blätter, viele beides nicht. Die Aufschriften der Umschläge sind übernommen worden. Der Inhalt ist im Enthält- bzw. Darin-Feld erfasst.

Fehlende Urkunden aus dem Bestand können bereits um 1900 im Archiv entnommen und der Urkundensammlung (SN 7)zugefügt worden sein.



Weitere Quellen

Ergänzend zu diesem Bestand befinden sich weitere Akten zum Fährwesen in den Beständen "Preußische Zeit" (Pr) und Beuel (Be):

- Akte Pr 1664: Veräußerung der Grundflächen des hinter dem Besitztum der Brückenbeerbten und der Witwe Hochköpper belegenen supprimierten Teils des Hospengässchens an die Bonn-Beueler Fährgesellschaft und die Witwe Johann Hochköpper in Bonn, 1864-1868
- Akte Pr 4684: Registratur Bürgermeister-Amt Bonn : Erwerbung der Fährgerechtsame von der Bonn-Beueler Fähr-Aktien-Gesellschaft durch die Stadt Bonn 1889-1900
Enthält u.a.: Verleihungsurkunde des Erzbischofs Heinrich v. Virneburg von 1325 betr. die Bestätigung der Rechte und Pflichten der zwanzig Erbfährberechtigten zu Bonn (Abschrift und Übersetzung 17./18. Jh.); Bestätigungsurkunde des Erzbischofs Walram zu Köln von 1335 (Abschrift 17./18. Jh.); Protokoll über die Abschätzung der Gierbrücke (fliegende Brücke) sowie der Gerätschaften, Ausfertigungen des Kreisdirektors zu Bonn und des Bürgermeisters von Vilich, Leonhard Stroof (1815); Protokoll über die Wiedereinsetzung der Brückenbeerbten in ihre Gerechtsame seitens der Kreisdirektion (1815); Vertrag über die Verpachtung der Personen-Dampffähre zwischen Bonn und Beuel an die Bonn-Beueler Fähr-Aktien-Gesellschaft (1889); Darin: Druckschrift, Felix Hauptmann: Bilder aus der Geschichte von Bonn
- Akte Pr 5730: Beaufsichtigung der Rheinfähren, 1816-1869
- Akte Pr 5933: Vorverhandlungen, Rentabilitätsberechnungen, Erörterungen der Standortfrage einer Rheinbrücke, Vorverhandlungen über Aufrechterhaltung des Fährbetriebs nach Bau der Brücke, 1889-1894
- Akte Pr 5939: Beschwerden gegen die Bonner Rheinfähre, 1840-1897
- Akte Pr 5940: Rheinfähre zu Bonn: Berechtigung, Reglement, Tarife, 1841-1897
- Akte Be 898: Rhein-Weber-Fähre, 1839-1900
- Akte Be 898a: Tarif und Reglement für Überfahrten (Rheinbrücke und Nachen) zwischen Bonn und Beuel (2 Blatt), 1834-1841
- Akte Be 899: Rheinfähren, Landebrücken, 1892-1940



Literatur

Clausen, Ferdinand: Von Ufer zu Ufer. Die technische Entwicklung der Fähren im Bonner Raum, Bonn 1987.
Ennen, Ludwig: Weistümer, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 15 (1864), S. 138-170, hier S. 156-161; Nachdruck von Großjohann, Klaus (Bearbeiter): Des Dorfs Obercassel Gerechtigkeit wegen des Fahrs zu Beuel alhier aufgericht, Bonn-Oberkassel 2004 (9. A.) (Beiträge zur Geschichte von Oberkassel und seiner Umgebung, 3).
Hofmann, Gustav: Über die Fähren im Raum Bonn und Bad Godesberg, in: Godesberger Heimatblätter, 43 (2005), S. 9 - 36 und 44 (2006), S. 17 - 39.
Kaufmann, Felix: Bilder aus der Geschichte von Bonn und seiner Umgebung. Die Bonner Rheinfähre im Mittelalter und in der Neuzeit, Bonn o.J. [nach 1886/1891].


Ansgar S. Klein, Bonn 2014.

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