Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
2 - Nichtamtliches Schriftgut
270 - Vereine und Verbände
270,10/Kreisarchiv Gumbinnen
270,10/Kreisarchiv Gumbinnen
Permalink des Findbuchs


Signatur : 270,010/KA Gumbinnen

Name : 270,10/Kreisarchiv Gumbinnen

Beschreibung :

Vorwort :

Bestand 270,10/Kreisarchiv Gumbinnen


Geschichte der Kreisgemeinschaft Gumbinnen

Das etwa 90 Kilometer östlich von Königsberg liegende Gumbinnen/Gusev war eine klassische ostpreußische Verwaltungsstadt: Hier residierten Regierungspräsident, Landrat und Bürgermeister sowie zahlreiche Behörden. Das 1580 urkundlich ersterwähnte und 1724 zur Stadt erhobene Gumbinnen zählte 1939 etwa 25.000 Einwohner, der aus 157 Landgemeinden und zwei Gutsbezirken bestehende gleichnamige Kreis etwa 55.000. Der von Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg erreichte Gumbinnen nach ersten Bomberangriffen 1941 erst im Oktober 1944 in voller Intensität: Am 16. Oktober verwüstete ein schwerer Luftangriff die Innenstadt, am 20. Oktober musste die Zivilbevölkerung die Stadt verlassen, vom 21. bis 23. Oktober tobte südlich Gumbinnens eine schwere Panzerschlacht. Bis zum 21. Januar 1945 blieb die deutsche Frontlinie erhalten, ehe die Rote Armee Gumbinnen besetzte. Zu diesem Zeitpunkt war der größte Teil der Stadtbevölkerung bereits Richtung Westen geflohen.

Die Kreisgemeinschaft Gumbinnen wurde 1954 von ehemaligen Einwohnerinnen und Einwohnern des Kreises Gumbinnen (heute Gusev, Königsberger Gebiet, Russland) gegründet. Ein erstes Gumbinner Heimattreffen hatte bereits im Herbst 1948 in Hamburg stattgefunden. 1954 übernahm die Stadt Bielefeld eine Patenschaft für den Kreis und 1970 wurde die Kreisgemeinschaft in das Vereinsregister eingetragen. Sie ist Teil der Landsmannschaft Ostpreußen e. V.

An der Spitze des Vereins standen zunächst der Kreisvertreter und der Kreisausschuss. Diese leiteten die Geschäfte der Kreisgemeinschaft, wobei die Mitglieder des Kreisausschusses verschiedene Aufgaben hatten. Der Kreisausschuss und der Kreisvertreter wurden von einer Delegiertenversammlung (Kreistag) gewählt. Der Kreistag setzte sich aus Personen aus Gumbinnen zusammen, die sich bei Heimattreffen bereit erklärt hatten, an der Arbeit der Kreisgemeinschaft mitzuwirken. Daneben gab es noch einen verkleinerten Kreisausschuss ("Geschäftsführenden Kreisausschuss"), der die Sitzungen des Kreisausschusses vorbereitete und die Geschäfte im engeren Sinne führte.

1994 und zuletzt 2011 wurden neue Satzungen verabschiedet, mit der die Organisationsstruktur grundlegend verändert wurden. Maßgebliches Wahlorgan ist die 1994 neu eingeführte Kreisversammlung, die Versammlung aller Gumbinner und deren Nachfahren. Der Kreistag wurde abgelöst durch den Kreisvorstand, dessen Geschäfte der neue Kreisausschuss (ehemals "Geschäftsführender Kreisausschuss") führt. Dementsprechend wurde der Kreisvertreter in Kreisvorsitzende/r umbenannt.

Die Organe der Kreisgemeinschaft sind:
- die Kreisversammlung (wahlberechtigte Mitglieder; oberstes Beschlussorgan)
- der Vorstand und
- der geschäftsführende Vorstand.

Dem Vorstand gehören an:
- die Mitglieder des geschäftsführenden Vorstandes
- die Beiräte
- die Stadtteilvertreter
- die Bezirksvertreter und
- der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Gumbinnen.

Der geschäftsführende Vorstand besteht aus:
- dem/der Vorsitzenden
- dem/der Stellvertreter/in
- dem/der Schriftführer/in
- dem/der Schatzmeister/in
- dem/der Schriftleiter/in des Gumbinner Heimatbriefes
- dem/der Verantwortlichen der Kreisdatei/Daten/Genealogie und
- dem/der Verantwortlichen des Digitalen Archivs.

Die Amtsperiode des Kreisvertreters betrug zunächst vier, später fünf Jahre. Die Kreisvertreter bzw. -vorsitzenden waren:
- Hans Kuntze (Amtszeit: 1948-1969)
- Dietrich Goldbeck (1970-1991)
- Karl-Friedrich von Below (1992-1995)
- Manfred Scheurer (1995-1997)
- Fritz Meitsch (interim) (1997-1999)
- Arthur Klementz (2000-2002)
- Eckard Steiner (2003-2014)
- Karin Banse (seit 2015).


Bestandsgeschichte

Im März 2007 unterzeichneten die Stadt Bielefeld, vertreten durch Oberbürgermeister Eberhard David, und die Kreisgemeinschaft Gumbinnen, vertreten durch den Vorsitzenden Eckard Steiner (Idstein) einen Depositalvertrag über die Hinterlegung des Kreisarchivs, das bis dahin in einem gesonderten Raum im Gebäude des Stadtarchivs aufbewahrt und eingeschränkt zugänglich gemacht wurde.

Der Bestand 270,10/Kreisgemeinschaft Gumbinnen enthält kein amtliches Schriftgut, sondern allenfalls Splitterüberlieferung der Kommunalverwaltungen, vor allem aber nahezu ausschließlich über Jahrzehnte aus Privatbesitz übergebene, gesammelte und angekaufte Dokumente, Bücher und Fotos zur Geschichte des Kreises.

Von wertvollem Nutzen für die Erschließung sind die umfangreichen Vorarbeiten von Dietrich Goldbeck, der die Sammlung als bester Kenner seit 1967 in Bielefeld intensiv betreute, und von Peter Bahl, der 1989/90 Findbücher für einige Teilbestände anlegte. Das Findbuch von D. Goldbeck, in dem die Verzeichnungen von P. Bahl enthalten sind, liegt in Kopie vor und ist im Archiv benutzbar.

Das Kreisarchiv umfasst drei Hauptabteilungen:
1. Akten der Kreisgemeinschaft Gumbinnen,
2. Akten anderer Herkunft: Vereine (darunter vor allem der Vereinigung ehemaliger Angehöriger der Friedrichsschule und Cecilienschule), Firmen und Personen (u.a. der Nachlass des letzten Gumbinner Landrates Roderich Walther),
3. Sammlungen mit Plakaten, Zeitungen, Druckschriften, Urkunden, Manuskripten und Lebensberichten, Karten und Plänen, Fotos, Filmen, Museumsgut, Biographien und Familienforschung.

Für die Erforschung des Kreises Gumbinnen sind die Unterlagen umso wertvoller, da die amtlichen Unterlagen des alten Landratsamts Gumbinnen, der Regierung Gumbinnen und der Provinz Ostpreußen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges größtenteils untergegangen sind. Splitterüberlieferung vor allem für das 19. Jahrhundert bewahrt das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin auf.

Die Original-Seelenlisten der einzelnen Gumbinner Gemeinden wurden von der Lastenausgleichsbehörde an das Bundesarchiv abgegeben. Sie befinden sich heute im Bundesarchiv, Lastenausgleichsarchiv Bayreuth. Die Mitte der 1950er Jahre angefertigte "Kreiskartei" (Klassifikationsgruppe A 5) erfasst die Bevölkerung des Kreises Gumbinnen. Die Listen wurden zu dem Stichtag 1. September 1939 erstellt und teilweise ergänzt, so dass nahezu die gesamte Bevölkerung zum Zeitpunkt der Vertreibung 1944/45 aufgeführt ist.

Der Bestand dokumentiert außerdem sehr gut die Funktionsweise einer Vertriebenenorganisation.

Ergänzende Quellen befinden sich in der amtlichen Überlieferung des Stadtarchivs Bielefeld, insbesondere in den Beständen 102,1/Oberbürgermeister, 102,2/Oberstadtdirektor, 103,5/Presse- und Verkehrsamt sowie 400,1/Westermann-Sammlung.


Benutzungsbedingungen

Die Benutzung erfolgt nach den Regelungen des Archivgesetzes Nordrhein-Westfalen (ArchivG NRW) und der geltenden Benutzungsordnung des Stadtarchivs Bielefeld.


Hinweise zur Verzeichnung

Im November 2007 wurde die von Dietrich Goldbeck angelegte Verzeichnung des damaligen Teilbestands A überprüft und in einigen Teilen modifiziert. Die Klassifikation wurde vereinfacht und dem tatsächlichen Quellenbestand angepasst. Neu aufgenommen wurde die Klassifikationsgruppe A 14 (Sammlung Meitsch), die eine chronologische Sammlung von Schriftstücken des Kreistages, des Kreisausschusses, des geschäftsführenden Kreisausschusses sowie ihrer Nachfolgeinstitutionen seit 1995 enthält, die Fritz Meitsch zusammengestellt hatte. Meitsch war Interims-Kreisvorsitzender 1997 bis 1999 und Ratsmitglied in Bielefeld, als das er für die Patenschaft zwischen Bielefeld und Gumbinnen zuständig war. Aus dieser Zeit finden sich einige Aktenstücke städtischer Provenienz (im Original oder in Kopie) in dieser Sammlung. Die Klassifikationsgruppen A 1 und A 2 sind daher unvollständig. Der ursprüngliche Teilbestand (jetzt Klassifikationsgruppe) A 4 wurde neu formiert. In A 7 (Kreisarchiv) überführt wurden diejenigen Akten, deren Provenienz eindeutig dem Kreisarchiv zuzuordnen waren und die nichts mit der unmittelbaren Vereinstätigkeit auf Bezirks- und Ortsebene zu tun haben, sondern der Dokumentation der lokalen Verhältnisse im Kreis Gumbinnen dienen.

Eine Modifizierung der Klassifikation sowie die Neuverzeichnung der Teilbestände A 4 (Bezirks- und Ortsvertreter), A 5 (Kreiskartei), A 14 (Sammlung Meitsch) sowie einige Teile von A 7 erfolgte im November/Dezember 2007 durch Archivreferendarin Astrid Küntzel M.A. Die Gruppe C 4 verzeichneten Franziska Schulte und Marc Hesling, C 5 Marc Hesling und Elisabeth Windhager.

Die Umstellung der Signaturen von der ursprünglichen Buchstaben-Zahlen-Kombination (festgehalten im Feld "alte Archiv-Signatur") als gleichzeitige Klassifikation wurde von Heino Siemens durchgeführt, der auch die Verzeichnungseinheiten Nr. 992 bis 3903 von 2015 bis 2016 erschloss.

Die Verzeichnung erfolgte nach dem Bär'schen Prinzip.

Fünf Archivalien ohne laufende Nr. waren nach dem alten Signaturschema verzeichnet worden, konnten bei der Neuverzeichnung aber nicht mehr aufgefunden werden. Unter Umständen sind sie unter einem anderen Titel als dem vorherigen verzeichnet worden. Die laufenden Nummern 463, 879, 880 und 881 sind nicht belegt.


Archivalienbestellungen: 270,10/Kreisarchiv Gumbinnen, Nr.
Zitation: Stadtarchiv Bielefeld oder StABi, Best. 270,10/Kreisarchiv Gumbinnen, Nr.


Literatur
- Gebauer, Otto, Gumbinnen. Stadt, Kreis, Regierungsbezirk (Gumbinner Heimatbuch), Leer 1958
- Grenz, Rudolf, Stadt und Kreis Gumbinnen. Eine ostpreußische Dokumentation, Marburg 1971
- Rath, Jochen, 15. Mai 1954: Bielefeld übernimmt die Patenschaft für Stadt und Kreis Gumbinnen in Ostpreußen - online-Ressource: http://www.bielefeld.de/de/biju/stadtar/rc/rar/01052009.html
- Sticklies, Herbert/Dietrich Goldbeck, Gumbinnen - Stadt und Land. Bilddokumentation eines ostpreußischen Landkreises, 2 Bde., Bielefeld 1985
- Stüttgen, Dieter, Die preußische Verwaltung des Regierungsbezirks Gumbinnen 1871-1920, Köln 1980


Heino Siemens
Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste - Fachrichtung Archiv

Dr. Jochen Rath
Archivleiter
Bielefeld, Mai 2017



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