Stadtarchiv Lemgo
8.1 Nachlässe (Personen)
NL 51 - Nachlass Wilhelm Gräfer (Bürgermeister)
NL 51 - Nachlass Wilhelm Gräfer
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Name : NL 51 - Nachlass Wilhelm Gräfer

Beschreibung :

Vorwort zum Nachlass von Ernst Roloff

Der Nachlass zu Wilhelm Gräfer wurde von Ernst Roloff (*30.06.1914 in Stargard (Szczecinski, PL), + 27.11.2001 in Lemgo) dem Lemgoer Stadtarchiv als Schenkung am 05.05.2009 übergeben. Es handelt sich um einen Spezialnachlass, da nur vereinzelt Unterlagen über Ernst Roloff, hauptsächlich aber eine Dokumentation inkl. Schriftgut und Bildmaterial über Bürgermeister Wilhelm Gräfer, Roloffs Schwiegervater, vorliegt. Insgesamt umfasst er 31 Verzeichnungseinheiten. Der Nachlass wurde mit dem Programm AUGIAS Archiv 8 erschlossen.

Zur Person Wilhelm Gräfer (*08.10.1885 in Bad Gandersheim, + 04.05.1945 in Lemgo)

Als Nachfolger von Karl Otto Floret war Wilhelm Gräfer von 1923 bis 1945 Bürgermeister von Lemgo. Nachdem er 1933 in die NSDAP eingetreten war, folgte drei Jahre später aufgrund früherer Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge sein Ausschluss aus der Partei. Kurze Zeit später erfolgte seine Wiederaufnahme. Im Jahre 1942 wurde Gräfer zum Bürgermeister auf Lebenszeit ernannt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs war Gräfer bemüht, die Stadt Lemgo, die bis dahin kriegerisch fast unbeschadet war, auch ohne weitere Schäden zu erhalten. Daher wollte er die Stadt den amerikanischen Truppen, die sich Lemgo immer weiter näherten und auch schon beschossen, kampflos übergeben. Dafür fuhr er zusammen mit dem Konservenfabrikanten Herbert Lüpke, der als sein Dolmetscher fungierte, am 04.04.1945 den Amerikanern mit weißer Flagge entgegen. Einverstanden mit der Übergabe, gewährte der Colonel Hugh R. O'Farrell eine halbe Stunde Feuerpause, damit ein verantwortlicher deutscher Offizier ausfindig gemacht werden konnte, da Gräfer keine militärische Verantwortung für die Stadt besaß, und mit die-sem Offizier dann die Übergabe festzusetzen. Gräfer erschien persönlich beim Lemgoer Führungsoffizier und Hauptmann Walter Heckmann, um ihn von der kampflosen Übergabe zu überzeugen. Dieser war jedoch von seinem Vorgesetzten, dem Generalmajor Paul Goerbig, angewiesen worden, "Lemgo bis zum letzten Mann" zu verteidigen. Heckmann ließ Gräfer und Lüpke festnehmen. Er habe Gräfer angeblich gedroht, dass dieser für sein Handeln mit seinem Leben bezahlen müsse. Noch am gleichen Tag sollte beiden mit Standgerichten in Lügde der Prozess gemacht werden. Auf der Fahrt dorthin gelang beiden die Flucht, jedoch konnte Gräfer wieder eingefangen werden. Abends entschied das schnell zusammengerufene Standgericht, zu dem auch Goerbig als Ankläger und Vorsitzender gehörte und Heckmann als Zeuge beiwohnte, dass Gräfer wegen Lan-desverrats schuldig sei und er dafür erschossen und erhängt werden solle. Die Verurteilung, für die Gräfer keinen Verteidiger bekam und bei dem auch kein Protokoll geführt wurde, erfolgte mündlich. Schuldig wegen Landesverrats, da Gräfer angeblich den Amerikanern die Schwachstellen in Lemgos Verteidigung aufgezeigt habe. Das Urteil wurde am darauffolgenden Morgen in Bodenwerder an der Stadtkirche ausgeführt. Nach Zeugenaussagen sei Gräfer vor der Hinrichtung jedoch von Soldaten und Zivilisten u.a. mit Kolbenschlägen auf den Kopf misshandelt worden. Sein Leichnam wurde anschließend an einem Baum aufgehängt und zwei Tage später, kurz vorm Eintreffen der Amerikaner, die die Stadt Lemgo zuvor fast gewaltlos eingenommen hatte, wieder abgenommen. Er wurde nach Lemgo überführt und dort auf dem Friedhof an der Rintelner Straße beigesetzt.
In den darauffolgenden Jahren versuchten Freunde von Gräfer, Ermittlungsverfahren gegen die Personen, die für das Urteil und die Exekution verantwortlich waren, einzuleiten. Letztendlich wurde festgehalten, dass General Mattenklott die "volle Verantwortung" für Gräfers Urteil übernahm. Der von ihm abgegebene Befehl wurde über Generalmajor Becher an Goerbig weitergeleitet. Becher starb 1957 und zwei Jahre später waren sämtliche Verfahren, auch das gegen Goebig, eingestellt. Heckmann habe in militärischer Hinsicht pflichtbewusst gehandelt und wurde daher nicht verurteilt.
Knapp zehn Jahre später sollte der Fall erneut aufgerollt werden, da Verwandte und Freunde noch immer an der Rehabilitierung Gräfers festhielten. Inzwischen konnte Colonel O'Farrell ausfindig gemacht werden, der zu Protokoll gab, dass Gräfer keinen Landesverrat begangen habe, den Amerikanern auch nicht die Schwachstellen der Lemgoer Verteidigung verraten habe und dass auch keine deutschen Soldaten deswegen ungekommen seien. Hinzu kommt, dass Gräfers Absicht, Lemgo in der aussichtslosen Situation kampflos zu übergeben, mit den damaligen Gesetzen zu vereinbaren gewesen sei. Dass heißt wiederum, dass er unschuldig verurteilt und hingerichtet worden sei. 1970 wurde somit das Urteil gegen Gräfer vom Landgericht Detmold aufgehoben, Gräfer wurde rehabilitiert.
In Lemgo gibt es heute eine nach ihm benannte Straße. Die ehemalige Bürgermeister-Gräfer-Realschule wurde in 2009 in Realschule Lemgo umbenannt. Aufgrund von Kontroversen um Gräfers nationalsozialistischer Amtsführung besteht noch immer die Diskussion, ob er als Held Lemgos gefeiert werden sollte.

Der Inhalt des Nachlasses

Persönliche Unterlagen von Ernst Roloff liegen in Form von persönlichem Schriftverkehr sowie den Ahnen-pässen seiner Frau Gerda Roloff, geb. Gräfer, und seines Stiefsohnes Jürgen Kleine vor.

Thematischer Schwerpunkt des Nachlasses bildet der Gerichtsprozess und dessen Wiederaufnahmeverfahren um die Hinrichtung des Bürgermeisters Wilhelm Gräfer kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Laufzeit des Bestandes umfasst 104 Jahre (1900-2004), wobei der zeitliche Schwerpunkt zwischen 1945 und 1970, dem Zeitraum nach der Hinrichtung bis zum Ende des Wiederaufnahmeverfahrens, liegt.

Neben einer umfangreichen Fotosammlung (mehr als 60 Motive, teils mit Negativen), befinden sich unter dem Schriftgut hauptsächlich Korrespondenzen, Zeugenprotokolle und Zeitzeugenberichte hinsichtlich des Gerichtsprozesses sowie Zeitungsartikel (1927-2004) . Sowohl Ernst Roloff als auch Gräfers Sohn Dieter bemühten sich um die Aufklärung des Prozesses gegen Wilhelm Gräfer. Letztlich wurde im Jahre 1968 Gräfers Rehabilitierung gerichtlich beschlossen. Dieter Gräfer sowie Familie ging es nicht nur um einen Freispruch Wilhelm Gräfers, sondern auch um die Bestrafung derer, die seinen Vater misshandelt und hingerichtet hatten. Ein Großteil der Protokolle liegt als Kopie oder Abschrift vor. Hinsichtlich der Auffindung von Zeugen wurde zum Beispiel Korrespondenz mit amerikanischen Offizieren geführt sowie ein Aufruf in niederländischen Zeitungen gestartet.

Im Nachlass enthaltene persönliche Dokumente Gräfers sind beispielsweise sein Schulabschlusszeugnis, diverse Urkunden von Universitäten oder von Berufswegen sowie sein Wehrpass.

In der Fotosammlung unter "Personen > Ernst Roloff" befinden sich die aus dem Nachlass entnommenen Fotos. Insgesamt liegen über 60 verschiedene Motive vor, wobei einige davon mehrfach und/ oder in verschie-denen Größen vorhanden sind. Es handelt sich hauptsächlich um Schwarzweißaufnahmen. Thematisch ge-gliedert ergeben sich folgende Bereiche: Portrait, berufliche Tätigkeit, Hinrichtungsort, Beisetzung und Grabstätte, sonstige Personen, Einweihung der Bürgermeister-Gräfer-Schule.

In der Negativsammlung (Sign. 285/204-285/210) befinden sich 25 Negative, darunter ein Portrait Gräfers, Bilder betr. berufliche Tätigkeit, Hinrichtungsstelle, Beisetzung und Grabstätte, sonstige Personen und Einweihung der Bürgermeister-Gräfer-Schule.

Im Nachlass befinden sich des Weiteren Publikationen über Wilhelm Gräfer, darunter zwei Gedenkschriften anlässlich seines 24. und 35. Todestages sowie eine wissenschaftliche Analyse über Gräfers Stellung zur NS-Zeit von Studenten der Universität Bielefeld aus dem Jahre 1982. Herr Roloff fügte seiner Sammlung über Bürgermeister Gräfer ebenso die Publikationen "Lemgo im 3. Reich", herausgegeben von einer Arbeitsgruppe der Volkshochschule 1983, und Hanne Pohlmanns Werk "Kontinuität und Bruch - Nationalsozialismus und die Kleinstadt Lemgo", erschienen als Heft Nr. 5 in der Reihe "Forum Lemgo" 1990, hinzu.

Sachverwandte Unterlagen

Abschließend wird auf folgende sachverwandte Unterlagen hingewiesen: Zeitungsausschnittssammlung (M II Personen Gräfer), Personalakten Gräfers (J 1/01 - 01/07), Fotosammlung (Personen, Gräfer, 4 Stück), Ehrenbuch für die Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege (B 5572, Blatt 107). Zudem besteht die Möglichkeit, dass sich weitere Strafakten diverser Personen bei Staatsanwaltschaften bzw. in den dafür zuständigen Archiven befinden könnten (s. in Akten des Nachlasses).

Literatur

- Bauerkämper, Arnd u.a.: Zur Stellung des Bürgermeisters im Nationalsozialismus Staat Wilhelm Grä-fer in Lemgo. Eine Fallstudie, in: Lippische Mitteilungen 51, Detmold, 1982;
- Pohlmann, Hanne: Kontunität und Bruch. Nationalsozialismus und die Kleinstadt Lemgo, in: Forum Lemgo, Schriften zur Stadtgeschichte, Heft 5, Bielefeld, 1990;
- Alte Hansestadt Lemgo am 4. und 5. April 1945. Zur Erinnerung an Wilhelm Gräfer aus Anlass seines 24. Todestages, 1969;
- 25 Jahre Bürgermeister-Gräfer-Schule Städtische Realschule Lemgo, 1960-1985. Festschrift zum 25jährigen Jubiläum, 1985;
- Lemgo im 3. Reich, Lemgo, 1983;
- Wiese, Josef: Lemgo in schwerer Zeit, Lemgo, 1950;
- Meier, Karl: Die Geschichte der Stadt Lemgo, Lemgo, 1952;
- Der Spiegel: An einem Baum, Ausgabe 09/1970 vom 23.02.1970, S. 55 http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=45202809&top=SPIEGEL

Lemgo, September 2009 Stephanie Kortyla