Stadtarchiv Lemgo
8.2 Nachlässe (Firmen, Unternehmen)
NL 21 - Firma Thospann und Siegmann (Konservenfabrik)
NL 21 - Firma Thospann und Siekmann (Konservenfabrik)
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Signatur :

Name : NL 21 - Firma Thospann und Siekmann (Konservenfabrik)

Beschreibung :

Firmengeschichte und Überlieferung

Das Thospannsche Haus, Mittelstraße 58, wurde nach der Balkeninschrift "Anno Domini 1559" erbaut. Der Erbauer des Hauses war der Kaufmann Hermann Corvey, der von einem alten Lemgoer Geschlecht abstammte. Er betrieb im Haus Mittelstraße 58 das Gasthaus "Zum weißen Schwan". Das Haus blieb bis 1654 in Familienbesitz. Dann wurde es im Zuge des Hexenprozesses gegen Adam van Dahl (zweiter Ehemann der Witwe Engel Corvey, geb. Selhorst, +1654) zwangsversteigert. Im Jahre 1710 war laut den Steuerlisten der Besitzer des Gasthauses Christian Wiermann.

Nach mehreren Generationen in unterschiedlichem Besitz erwarb der Kaufmann Friedrich Bernhard Thospann (*1834 +1902) das Haus 1866. Bereits in den fünf Jahren davor hatte er als Mieter dort ein Kolonialwarengeschäft betrieben. Friedrich Bernhard Thospann war außerdem noch Geschäftsführer des Bundes der Landwirte und Rendant der Zieglerkrankenkasse. Nebenbei muss er eine Firma mit Insektenvernichtungsmitteln betrieben haben (F.B. Thospann Fabrikation von Hederichvernichtungspulver). Diese Firma ging neun Jahre nach seinem Tod 1911 in Konkurs.
Friedrich Bernhards Sohn aus erster Ehe, Carl Heinrich Thospann (*1868 +1919) war Kaufmann am Markt und ab 1905/1906 Geschäftsführer der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Er heiratete 1905 Frieda Meyer (*1872 +1934), die Tochter des Ökonomen Friedrich Meyer. Diese führte nach dem Tod ihres Mannes 1919 das Kaufmannsgeschäft bis zu ihrem Tod weiter.

Friedrich Bernhards Bruder, Wilhelm August Thospann (*1842 +1898) gründete im Jahre 1882 zusammen mit Heinrich Siekmann (*1858 +1927) mit einem Anfangskapital von 7 950 Mark eine Fabrik zur Herstellung von Essig und Senf. Die Fabrik hatte ihren Standort zuerst in der Neuetorstraße (damals Tröger Bauerschaft 143). Bereits 1884 wurde die Fabrik an den Pöstenweg verlegt. Dort saß eine Leimfabrik, die aber nicht rentabel wirtschaftete. Der Sohn des Gründers Isaak Hochfeld, Willy, war mit Heinrich Siekmann befreundet und wurde Teilhaber der vergrößerten Firma mit Essig-, Senf- und Sauerkrautproduktion. Nebenbei vertrieb Thospann und Siekmann auch "Lemgoer Käse", den sie aus dem Allgäu, aus Ost- und Westpreußen einführten und der vor Ort an Kolonialwarengeschäfte weiterverkauft wurde. Bereits 1894 trat Willy Hochfeld aus dem Betriebe aus und zog aus familiären Gründen nach Hamburg. Die Firma Thospann und Siekmann bekam im Jahre 1895 Telefonanschluss und war damit die erste Lemgoer Adresse mit Telefon.

Im Jahre 1898 starb Wilhelm August Thospann. Aus den vorliegenden Unterlagen geht nicht hervor, ob seine Angehörigen ausbezahlt wurden oder sie (stille) Teilhaber blieben. Die Familie Thospann wird auf jeden Fall in den geschäftlichen Unterlagen zur Firma Thospann und Siekmann nicht mehr erwähnt.
Da Lemgo 1898 Anschluss an das Schienennetz erhalten hatte, konnte Thospann und Siekmann sein Geschäft ausweiten. Vorher waren die Güter mit Pferdefuhrwerken nach Lage oder nach Herford gebracht worden.

Laut der Festrede Helmut Siekmanns (NL 21 / 5) kam es nur durch Zufall zur Gründung der Konservenfabrik. Heinrich Siekmann lernte auf einer Dienstreise nach Ostpreußen zum Käseeinkauf einen Herrn Karges aus Braunschweig kennen. Dieser baute Kessel und Maschinen für die Herstellung von Konserven. Durch Gespräche über die große Fruchtbarkeit des Lipperlands reifte bei Heinrich Siekmann die Idee in Lemgo Konserven herzustellen. Zusammen mit Bauern der Umgebung, die auch zugleich Gemüselieferanten waren, wurde eine Gesellschaft gegründet. Bereits 1906 wurde die Firma dann zum lippischen Hoflieferanten ernannt (siehe Kopie der Ernennungsurkunde in NL 21 / 5). Im Ersten Weltkrieg wurden für das Militär zusätzlich Fleischkonserven hergestellt.

Im Jahre 1926 wurde die alte Leimfabrik durch einen neuen Betrieb ersetzt. Die Firma hatte zu dieser Zeit einen hohen Anteil an Saisonkräften, die häufig weiblich waren. Im April 1927 starb der zweite Firmengründer, Heinrich Siekmann. Spätestens ab diesem Zeitpunkt übernahmen dessen Söhne Heinrich (*1888 +1976) und Wilhelm (*1899 +1983) die Firma. Im Zweiten Weltkrieg wurde Thospann und Siekmann Wehrmachtlieferant. Nach dem Kriegsende waren sowohl das Fabrikationsgebäude als auch die Maschinen stark abgewirtschaftet. Durch den Verlust der Ostgebiete kam es zu großen Veränderungen im Käsehandel, da diese als Ankaufsgebiet und auch als Absatzmarkt verschwanden. Auch sonst machte sich ein Strukturwandel bemerkbar, den "Thospa Konserven" (neuer Vertriebsname) nur mit wenig wirtschaftlichem Erfolg überstand. Ab Anfang der 1960er Jahre konnten allerdings durch die, letztendlich zwölf Jahre andauernde, Tätigkeit als Lohnauftragshersteller für die Firma Milupa-Babynahrung Erfolge erzielt werden (Festrede Siekmanns, siehe NL 21 / 5). Nebenbei wurde die traditionelle Konservenproduktion weitergeführt.

Nachdem im Jahre 1982 noch groß das 100-jährige Bestehen der Firma Thospann und Siekmann gefeiert wurde, veräußerte der letzte Geschäftsführer Helmut Siekmann, Sohn von Heinrich Siekmann, 1985 die Immobilien von Thospa Konserven an die TEGROS GmbH (Teich & Grosse), die in der Folge dort Konserven ihres Sortiments fertigten. Diese erschienen teilweise auch weiterhin unter dem Namen Thospa. Im Jahre 2003 ereilte allerdings auch den Nachfolgebetrieb das wirtschaftliche Aus.

Auf dem ehemaligen Werksgelände wurde in den letzten Jahren durch die Stadt Lemgo die Wohnanlage "Pöstenhof" errichtet, die ein Projekt für generationenübergreifendes Wohnen darstellt.

Die Teile des Bestandes, die jetzt die Einheiten NL 21 / 1-6 bilden, wurden 1992 durch Helmut Siekmann abgegeben (Zugangsnr.: 54/1992). Zusätzlich kam es 2003 zu einer weiteren Abgabe durch Karl-Heinz Richter (Zugangsnummer: 41/2003). Dies waren verschiedenste Materialien zu Thospann und Siekmann sowie zu Friedrich Bernhard, Carl und Albert Thospann. Sie sind unter den Bestandsnummern NL 21 / 7-14 zu finden.


Inhalt

Der Nachlass enthält Geschäftsunterlagen der Firma Thospann und Siekmann wie ein Inventurbuch, ein Hauptbuch, ein Auftragsbuch, Geschäftsunterlagen in Kopie und eine Firmengeschichte(-chronik).
Außerdem befinden sich im Bestand private Unterlagen der Familie Thospann wie Familienchroniken, Impfscheine und private Post. Dazu gibt es geschäftliche Unterlagen zu der Firma F.B. Thospann Fabrikation von Hederichvernichtungspulver, v.a. zu ihrem Konkurs 1911. Zuletzt enthält der Bestand auch verschiedene geschäftliche Unterlagen von Carl und Albert Thospann.

Der Bestand umfasst insgesamt 14 Verzeichnungseinheiten mit einer Laufzeit von 1700 bis 1986.

Im Stadtarchiv lassen sich in den Beständen N1 (unter der Systematikgruppe 12.02.13), N2, N8 und K auch viele audiovisuelle Medien zur Firma Thospann und Siekmann finden. Daneben finden sich in NL 54 (Fritz Waldeyer) genealogische Aufzeichnungen zur Familie Thospann und zum Haus Mittelstraße 58.


Literatur

Das "verjährte" Telefon-Jubiläum! Vor 91 Jahren hielt in Lemgo das Telefon seinen Einzug, in: Lippe aktuell. Sonderausgabe (1986), 14.9.

Friedrich Sauerländer: Die Häuser in Lemgo am Markt - Zeugen der Stadtgeschichte. Das Haus Thospann am Markt, In: Lemgoer Hefte, Heft 35 (1986), S. 12 f.

Hermann Hentschel: Thospann & Siekmann, ein Kultur-Denkmal, In: Rund um die Wälle (2009), S. 2.

Lebenserinnerungen von Willy Hochfeld, In: Juden in Lemgo und Lippe, Forum Lemgo, Heft 3 (1988), S. 119-121.

"Thospann & Siekmann" besteht nun 100 Jahre. Unternehmen startete mit 7950 Mark Eigenkapital, In: Lippische Rundschau, 227 (1982), 01.10.

Thospann & Siekmann besteht seit 100 Jahren. Festakt mit Belegschaft und Vertretern der Industrie, In: Lippische Landeszeitung. 228 (1982), 02.10.

W. Thospann & Siekmann erkannte im Biotrend Zeichen der Zeit, in: Lippische Landeszeitung. 203 (1984), 14.09.


Fabian Hartl, April 2014.

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