Stadtarchiv Lemgo
8.2 Nachlässe (Firmen, Unternehmen)
NL 27 - Firma Scheidt (Wagenbau)
NL 27 - Firma Scheidt (Wagenbau)
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Signatur :

Name : NL 27 - Firma Scheidt (Wagenbau)

Beschreibung :

Firmengeschichte und Überlieferung

Der Stellmacher Johann Jobst Scheidt zog im Jahre 1734 aus Rehme bei Bad Oeynhausen nach Lemgo und übernahm die Stellmacherwerkstatt seines Schwiegervaters. Er stieg als Rentmeister der Kürschner-Zunft (die in Lemgo aus Kürschnermangel auch andere Mitglieder aufnahmen) zum Ratsmitglied auf. In den nächsten Generationen blieben die männlichen Familienmitglieder Rad- oder Stellmacher.

Erst ein Urenkel von Johann Jobst Scheidt, Johann Wilhelm (*1803 +1879), spezialisierte sich 1858 ganz auf den Wagenbau. Die Werkstatt des Betriebes befand sich seit 1807 in der Echternstraße 40-42. Johann Wilhelm hatte sieben Söhne. Ernst Scheidt (*1841 +1919) führte zusammen mit seinem Bruder Louis (*1850 +1918), der Lackierer war, den väterlichen Betrieb weiter. Vermutlich übernahm diesen dann Ernsts Sohn Ernst (*1888).
Louis Scheidt gründete 1901 in der Paulinenstraße 36 einen weiteren Wagenbaubetrieb. Seine Arbeiten wurden mehrfach prämiert (u.a. von der Handwerkskammer des Fürstentums Lippe). 1909 wurde eine Filiale in Dortmund eröffnet. Im Jahre 1922 übernahmen die Söhne Kurt (*1889), Louis (*1881 +1960) und Paul Scheidt (*1884 +1962) das Unternehmen. 1948 wurde der Wagenbau eingestellt, die Firma bestand noch bis 1956 als Möbelzulieferer für die Firma Wrenger und wurde dann verpachtet.

Der Stellmacher Heinrich Scheidt, ein weiterer Sohn Johann Wilhelms, ging nach Lage, um dort eine eigene Werkstatt aufzumachen.

Sein Bruder August Scheidt (*1845 +1916) eröffnete im Jahre 1873 einen neuen Betrieb in der Echternstraße 138 (Ecke Slavertor/Pastorenstraße), die "Wagenfabrik August Scheidt". Später übernahm diesen Betrieb Augusts Sohn Wilhelm (*1875 +1958). Nach dessen Tod wurde die Wagenfabrik im Jahre 1959 aus dem Handelsregister gelöscht.

Ein weiterer Bruder, Schmied Gustav Scheidt (*1848 +1898), gründete im Jahre 1876 in der Leopoldstraße 9 die "Lippische Wagenfabrik". Die Fabrik besaß durchgehend zwischen zehn und zwanzig Mitarbeiter. Nach dem Tod Gustavs führte dessen Witwe Karoline das Unternehmen, teilweise zusammen mit dem ältesten Sohn Wilhelm (*1878 +1954), genannt "Blitz", bis 1912 weiter. Wilhelm übernahm dann 1913 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Gustav (*1883 +1950) die Firma, die nun den Namen "Lippische Wagenfabrik vorm. Gustav Scheidt" trug. Ab 1919 führte Gustav den Betrieb alleine, da Wilhelm Betriebsleiter des Kondor-Werkes an der Lageschen Straße 31 wurde (zur Geschichte des Kondor-Werkes s. Lemgoer Hefte 3/1995, S. 22-28). Die "Lippische Wagenfabrik vorm. Gustav Scheidt" stellte nach Gustavs Tod 1950 die Arbeit ein. Wilhelm "Blitz" Scheidt hatte nach 1945 einigen Erfolg mit dem "kleinen Lemgoer", einem Handwagen mit Kastenaufbau. Sein Bruder Theodor Scheidt (*1880 +1974), genannt "Donner", war in der Holzverarbeitung tätig.

Der älteste Sohn von Johann Wilhelm, Heinrich Wilhelm (*1839 +1896), wurde Sattler und arbeitete seinen Brüdern zu, während dessen Sohn Hugo (*1881 +1936), ebenfalls Sattler, 1904 die Wagenbaufabrik Pohl in der Leopoldstraße 12 übernahm. 1910 wurde seine Fabrik zum fürstlich-lippischen Hofwagenfabrikanten ernannt. Hugo versuchte sein Werk zu modernisieren und baute sogar ein Automobil, das aber über den Status als Prototyp nie hinaus kam. Zwischen 1915 und 1926 arbeitete Hugo Scheidt mit Gottfried Helms zusammen, so dass der Betrieb in dieser Zeit "Scheidt & Helms Lemgoer Karosseriewerke" hieß. 1919 brannte der Werkstättenbereich ab, was eine Neustrukturierung des Betriebsgeländes möglich machte. Nachdem seine erste Frau früh gestorben war, heiratete Hugo Scheidt im Jahre 1920 Marie Küster (*1888 +1940), die Tochter des Klempnermeisters Heinrich Küster (s. NL 41). 1926 übernahm Hugo die Handelsvertretung für den französischen Autobauer Citroën.

Nach Hugos Tod 1936, der die letzten Jahre an Multipler Sklerose gelitten hatte, übernahm sein Sohn Eberhard (*1910), Stellmacher, die mittlerweile kriselnde Firma und brachte sie mit Rüstungsaufträgen durch den Krieg. Ab 1940 (Eberhard befand sich im Militärdienst und später in Kriegsgefangenschaft) wurde der Betrieb an die die Firma Eduard Odau & Co verpachtet, die Sperrholzholzplatten mit Edelfurnieren herstellten. Diese Firma ging 1951 in Konkurs, was Eberhard zur Übernahme des Betriebs einschließlich der etwa 30 Arbeiter nutzte. Während der nächsten zwanzig Jahre lief das Geschäft gut, bis sich Eberhard Anfang der 1970er Jahre aus wirtschaftlichen Gründen und wegen Konflikten mit der Gewerbeaufsicht entschloss, den Betrieb zu schließen.

Zeitweise gab es in Lemgo 15 Wagenfabriken, von denen allein fünf im Besitz der Familie Scheidt waren. Dies waren zumeist kleinere Beitriebe, die selten mehr als fünf Arbeiter beschäftigten. Im 19. Jahrhundert kam es immer wieder zu Problemen mit den Lemgoer Zünften, da die Wagenbauer Gesellen aus verschiedenen Gewerbezweigen, z.B. Sattler und Schmiede, anstellten (genauer zu dem Konflikt: Luchterhandt, S. 73-75).

Den Kundenkreis der Lemgoer Wagenbauer stellten zu einem großen Teil die Bauern der Umgebung. Gleichzeitig betrieben die Wagenbauer allerdings auch offensive Kundenwerbung durch Inserate und Vertreterbesuche (v.a. bei adligen Familien im Umkreis). Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt durch den Lemgoer Bahnanschluss 1896, konnten die Produkte allerdings weit über Lemgo hinaus verkauft werden. Ein Wagen aus der Werkstatt von Hugo Scheidt wurde sogar in die deutschen Kolonien nach Afrika versandt. 1908 vereinigten sich die Lemgoer Wagenmacher in einer eigenen freien Handwerkerinnung, die sich 1925 zu einer Zwangsinnung wandelte.

Die beiden Weltkriege sorgten kurzfristig für einen zusätzlichen Aufschwung der Branche, da vor allem Feld- und Proviantwagen gebraucht wurden. Mit dem immer stärkeren Aufkommen des Automobils in den 1920er Jahren verfiel allerdings das Wagenbauerhandwerk immer mehr, auch wenn teilweise die Anfertigung hölzerner Autokarosserien betrieben wurde. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg stellten nach und nach alle Lemgoer Wagenbaubetriebe ihre Arbeit ein.

Inhalt

Der Nachlass besteht sowohl aus geschäftlichen als auch privaten Teilen. Die Geschäftsunterlagen umfassen ein Geschäftsbuch, ein Hauptbuch, ein Bilanzbuch, diverse Kassenbücher und Ein- und Ausgabebücher, ein Lagerbuch, Rechnungen, Kontoauszüge, Geschäftskorrespondenz, Musterzeichnungen über verschiedene Wagen- und Schlittentypen, Steuer- und Versicherungsangelegenheiten und Prospekte. Den privaten Anteil des Nachlasses bilden Grundstücksangelegenheiten, Personenstandsunterlagen, Feldpostbriefe, ein Tagebuch von Lina Scheidt und Lebenserinnerungen Herbert Scheidts.
Für die Benutzung des Bestandes ist wichtig zu wissen, dass man die einzelnen Personen und die verschiedenen Firmen nicht immer ganz trennscharf auseinander halten kann.

Der Nachlass ist über Elisabeth Meya (*1948, Hölandstraße 22, Lemgo) ins Archiv gelangt (Zugangsnr.: 53/1991). Sie ist die Tochter von August Scheidt (*1910). Dazu wurden 3 Musterbücher (in Kopie) von Annelore Scheidt (*1930 +2012, zuletzt Hinter dem Friedhof 12, Lemgo) abgegeben (Zugangsnr.: 52/1996).

Folgende Einheiten sind Übergrößen und lagern gesondert: NL 27/72 - NL 27/75.

Der Bestand umfasst insgesamt 75 Verzeichnungseinheiten mit einer Laufzeit von 1871 bis 1971.

Fotos zur Firma Scheidt befinden sich in den Beständen N1 und N2. Im N1-Bestand sind die Fotos auch über die Systematik zu finden. Sie befinden sich unter den Systematikgruppen 12.02.01 (Wagenfabrik des Hugo Scheidt) und 14.03.05 (Familie Scheidt).

Literatur

200 Jahre Familie Scheidt, in: Lippische Post. 21 (1934), 25.01.

Friedrich Sauerländer: Das Handwerk in Lippe. Vornehmlich in Lemgo, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, Band 25, 1956, S. 192-203.

Friedrich Sauerländer: Gewerbliches Leben in Lemgo vor 80 Jahren, in: Hans Hoppe, Lemgo Anno Dazumal, Lemgo 1976, S. 80-91.

Friedrich Sauerländer: Die Familie Scheidt, 1950.

Günter Rhiemeier: Zwischen Bega und Bredaerbruch, S. 180-183.

Günter Rhiemeier: Zwischen Bega und Biesterberg. Vom Urdorf Biest zur Lemgoer Südstadt, 1999, S. 156 f.

Heinrich Moeller-Friedrich: Geschichte der Lemgoer Familie Scheidt. Nach den Akten des Lemgoer Stadtarchivs erarbeitet, o.J. (zwischen 1935 und 1945).

Jobst Brunsiek verhilft "Schelmen" und "Käuzen" zu einem neuen Leben, in: Lippische Rundschau 204 (1981), 04.09.

"Made in Lemgo": Vom Landauer zum Motorwagen, in: Lippische Blätter für Heimatkunde, Nr. 1 (1992), S.1.

Martin Luchterhandt: Modernisierung einer Kleinstadt. Lemgo 1850 bis 1900, Forum Lemgo, Heft 6 (1990).

Regina Fritsch: Erforschung und Dokumentation zur Geschichte des Lemgoer Wagenbaus, in: Heimatland Lippe, 91. Jg. Nr. 12 (1998), S. 339-341.

Fabian Hartl, im April 2014

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