Stadtarchiv Lemgo
8.1 Nachlässe (Personen)
NL 65 - Nachlass Familie Vietmeier (Brake, Mühlen- und Sägewerkbesitzer
NL 65 - Nachlass Familie Vietmeier
Permalink des Findbuchs


Signatur : NL 65

Name : NL 65 - Nachlass Familie Vietmeier

Beschreibung :

Vorwort :

Geschichte und Überlieferung

Die Ölmühle am Schloss Brake wurde 1630 in Betrieb genommen. Zusammen mit der Ölmühle wurde eine Sägemühle, eine Bockemühle und später eine Graupenmühle verpachtet, da diese alle das Wasser einer Staustufe nutzten. Eine staustufe darüber war eine Mahlmühle mit drei Wasserrädern in Betrieb. 1805 baute Christoph Bracht aus Brake die Ölmühle um und richtete das "Geschirr" auf holländische Art ein, sodass die Mühle erst 1808 wieder in Betrieb gehen konnte.

Der Name Vietmeier geht auf den Meier, im Mittelalter ein Verwalter von adligem oder kirchlichem Besitz, zurück. Die Vorsilbe beschreibt die Herkunft des jeweiligen Meier. Der Name Vietmeier kommt also von den Meiern der Vituskirche in Detmold. Die Vietmeiers waren also ein altes lippisches Bauerngeschlecht, das sich ab dem Spätmittelalter auch immer mehr dem Mühlengewerbe widmete. Im 17. und 18. Jahrhundert stößt man in Mühlen in Lippe immer wieder auf Vietmeiers.
Die Ahnreihe der Vietmeiers aus Brake führt zurück zu Otto Vietmeier, der 1678 als Sohn des Iggenhauser Müllers geboren wurde und in der Mühle am 1. November 1737 starb. Sein Sohn Hermann Otto, der 1711 geboren wurde, verheiratete sich in Lage und stirbt dort 1758. Anton Adolph Konrad Vietmeier, sein Sohn, wurde 1750 geboren und heiratete 1781. 1784 kam Simon Konrad Ludwig zur Welt, der wie seine Vorfahren ebenfalls Müller wurde und 1809 die Meierjobstsche Mühle in Leese pachtete. Aus seiner Ehe mit der Lemgoer Bürgerstochter Spohie Katharine Mische gingen elf Kinder hervor. Der älteste Sohn, Simon Anton Vietmeier, wurde 1810 geboren und arbeitete als Müller auf verschiedenen Mühlen im Umkreis, bevor er 1846 Pächter der Braker Mühle wird.

Der damalige Pächter der Mühle, Oberkontrolleur Pape aus Lemgo, verpachtete die Säge-, Bocke- und Graupenmühle in sogenannter Afterpacht ab 1846 an Simon Anton Vietmeier weiter und behielt die Ölmühle zunächst selbst. 1848 lief die Pacht Papes aus und Simon Anton übernahm als selbstständiger Pächter den gesamten Mühlenbetrieb für zunächst drei Jahre. Simon Anton übergab die Mühle erst 1891, mit 81 Jahren, an seinen ältesteten und einzigen noch lebenden Sohn Ernst.

Ernst Vietmeier, geboren 1847, hatte 1883 Sophie Trompeter geheiratet und mit ihr sieben Kinder. Im Laufe seiner Pachtzeit stellten die Bocke- und die Graupenmühle aus wirtschaftlichen Gründen die Arbeit ein. Nichtsdestotrotz war Ernst Vietmeier ein erfolgreicher Unternehmer, der viele Modernisierungen umsetzte und auch in der Lemgoer Bürgerschaft hochgeachtet war. 1908 starb er überraschend in Bad Neuenahr, wohin er zur Erholung seines sich plötzlich verschlechternden Gesundheitszustand gefahren war. Seine Frau Sophie Vietmeier übernahm den Betrieb in den Folgejahren und übergab ihn 1916 an ihren ältesten Sohn Fritz, geboren 1884, der schon vorher das Sägewerk führte und deshalb vom Kriegsdienst zurückgestellt wurde.
Fritz' Bruder Paul erlebte den Krieg in Belgien und Frankreich und hatte bereits Ende des Jahres 1914 das Eiserne Kreuz und die Lippische Verdienstmedaille in Gold erhalten. Er fiel am 13. April 1915 in Frankreich, nachdem sich seine zuerst euphorische Stimmung immer mehr gedreht hatte.
Sein jüngster Bruder Walter starb am 27. Dezember 1916 mit 20 Jahren in Mazedonien an einer Lungenentzündung. 1917 fiel schließlich auch Ernst Vietmeier jr. bei einem Gefecht in Frankreich.
Den 1. Weltkrieg überlebten also Fritz, seine Brüder Otto und Willi und seine Schwester Johanne.

1925 musste die Ölmühle aufgrund der geringen Auslastung stillgelegt werden, sodass das Auskommen der Familie alleine durch die Sägemühle und den Holzhandel gedeckt werden musste.
Fritz Vietmeier hatte bereits 1916 Minna Witte, die Tochter eines Zieglermeisters aus Lage, geheiratet, die 1894 geboren wurde, und bekam mit ihr fünf Kinder. Sein Sohn Fritz, 1923 geboren, fiel im 2. Weltkrieg. Die Schwestern Ilse, Margret und Irmgard wurden während des 2. Weltkriegs zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Vorher waren alle drei Mitglieder des Bundes deutscher Mädchen gewesen.

Ernst Vietmeier nahm nach knapp einjähriger Militärausbildung am Polenfeldzug teil. Danach wurde er zum Grenzschutz an der Saar eingesetzt und nahm sowohl am Frankreich- als auch später am Russlandfeldzug teil. 1943 heiratete er nach einem Lazarettaufenthalt Irma Jucknischke aus Insterburg. Im Oktober 1944 wurde er zu einem Kompanieführerlehrgang an die Offiziersschule in Greifswald abkommandiert, wo er bis April 1945 blieb.
Er floh vor den ankommenden Russen nach Westen und geriet bei Lübeck in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er aber entkommen konnte und sich zu Fuß auf den Weg nach Brake machte. Von der Besatzungsmacht bekam Ernst bald die Erlaubnis im Sägewerk seines Vaters zu arbeiten, welches große Holzlieferungen nach England zu tätigen hatte. Nach dem Tod von Fritz Vietmeier 1957 führte seine Witwe Minna den Betrieb zuerst mit ihrem Sohn Ernst weiter. Ernst übernahm 1963 den Sägemühlenbetrieb alleine. Dieser wurde noch bis 1965 aufrecht erhalten, bis er wegen Platzbedarfs der Kreisverwaltung geschlossen wurde.

1976 schloss der Landesverband Lippe mit der Stadt Lemgo einen Erbbauvertrag auf 99 Jahre, der das Grundstück und sämtliche aufstehende Gebäude umfasst. Die Stadt Lemgo ist darin vertraglich verpflichtet das Ölmühlengebäude als technisches Baudenkmal und das im Innern befindliche Ölmühlenwerk der Bevölkerung zugänglich zu machen und in einem guten Zustand zu erhalten.
Im Anschluss an den Vertragsabschluss konnten die Mühlen durch die Hilfe des Vereins Alt Lemgo restauriert werden. Die Ölmühle erhielt ein neues Dach, neuen Fußboden, Glastüren und ausreichende Beleuchtung. Zusätzlich wurde der Vorplatz neu gepflastert und das Fundament gefestigt.

Im Jahre 1986 konnte das Mühlenmuseum der Öffentlichkeit vorgestellt werden, dass die Familie Ernst Vietmeier in dreijähriger Vorbereitungszeit aufgebaut hatte.

2006 musste das Museum geschlossen werden. Der Landesverband Lippe ließ die ehemalige Ölmühle 2007 thermisch behandeln und sanieren.

Der Bestand ist als Depositum des Landesverbandes Lippe, vertreten durch Dr. Vera Lüpkes (Leitende Direktorin des Weserrenaissancemuseums in Schloss Brake), ins Stadtarchiv gelangt (Zugangsnr.: 2014/043).

Es existiert über den Bestand hinaus noch weiteres Bildmaterial, das bei der Auflösung des Museums an der Wand hing oder in den Schränken und Regalen stand. Es befindet sich, zusammen mit den übrigen Museumsobjekten, verpackt in Kartons mit der Bezeichnung des jeweiligen Raumes/Ausstellungszusammenhangs im Magazin des Weserrenaissancemuseums in Brake. Eine Benutzung dieser Materialien ist zur Zeit noch nicht möglich.

Inhalt

Der Bestand umfasst 212 Verzeichnungseinheiten mit einer Laufzeit von 155 Jahren (1842 - 1997). Er umfasst sowohl geschäftliche Teile zur Sägemühle als auch private Teile der Familie Vietmeier. Der geschäftliche Teil beinhaltet vor allem Geschäftsbücher, Rechnungen und vertragliche Angelegenheiten. Der private Teil des Nachlasses umfasst Anlasskarten, Feldpostbriefe, weitere Korrespondenz und zahlreiche Fotos der Familie Vietmeier. Dazu kommen berufliche Unterlagen der Familienangehörigen, die die Mühle hinter sich ließen und andere Berufe ergriffen.
Einen dritten Teil machen Unterlagen zur späteren Nutzung des Gebäudes als Mühlenmuseum aus, die insbesondere als Ergebnisse einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme entstanden sind. Dabei wurden Objekte und Dokumente erfasst bzw. inventarisiert.

Die Dokumentation zur Ölmühle, angefertigt von Studenten des Studiengangs Gestaltung und Darstellung der Universität Dortmund, gehört ebenfalls zum Depositum Vietmeier und ist jetzt Teil der Archivbibliothek (Bib.Sig. 5785).

Die archivische Erschließung des Bestandes basiert auf den Vorarbeiten von Regina Fritsch, die im Rahmen eines Museumsvolontariats am Weser-Renaissance-Museum ein erstes Inventar anlegte und eine Darstellung zur Familien- und Mühlengeschichte verfasste (siehe Bib. Sig. 4311). Sie führte auch eine Zeitzeugenbefragung der Eheleute Ernst und Irma Vietmeier durch. Die Interviews sind auf insgesamt 14 Tonbandkassetten dokumentiert (siehe NL 65/182), die digitalisiert vorliegen. Eine Transkription der Zeitzeugengespräche ist unter NL 65/201 vorhanden.

Die Feldpostbriefe und Feldpostkarten, die Paul Vietmeier (8.11.1892 - 13.4.1915) von der Front während des Ersten Weltkrieges nach Hause schrieb, sind fast vollständig online verfügbar (mit Transkriptionen). Siehe: http://www.stadtarchiv-lemgo.de/4342.html.

Literatur

Das "Vietmeiersche" Gebäude wird restauriert, in: Rund um die Wälle (2007), S. 5.

Ein Werk sucht seinesgleichen. In drei Jahren entstanden: Das Braker Mühlenmuseum, in: Lemgoer Hefte, 9. Jg. Heft 35 (1986), S. 15.

Karl Vietmeier: 100 Jahre Vietmeier in der Sägemühle zu Brake 1846/1946, Lemgo 1946 (Bib.Sig. 4032).

Karl-Heinz Richter: 80 Jahre in der Sägemühle Brake. Aus den Erinnerungen von Minna Vietmeier, in: Rund um die Wälle (2014), S. 12.

Marianne Bonney: Erinnerungen an Minna Vietmeier, in: Lemgoer Hefte 2/1997, S. 20 f.

Regina Fritsch: Von Mühlen und Menschen. Führer durch das Mühlenmuseum am Schloß Brake - mit der Geschichte der Mühlen und ihrer Bewohner, Lemgo 1997 (Bib.Sig. 4311).

Reinhold Knümann: Ölmühle am Schloss Brake in Lemgo. Dokumentation historischer Objekte im Fachgebiet Gestaltung und Darstellung Abteilung Bauwesen der Universität Dortmund, Dortmund 1988 (Bib.Sig. 5785).


Fabian Hartl, im September 2014.



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