Stadtarchiv Lemgo
01.02 Gerichtsakten des Rates / Magistrates
Bestand 01.02.02 A - Rats- und Magistratsgericht - Hexenprozesse
01.02.02 A - Rats- und Magistratsgericht - Hexenprozesse
Permalink des Findbuchs


Signatur : 01.02.02 A

Name : 01.02.02 - A Rats- und Magistratsgericht - Hexenprozesse

Beschreibung :

Vorwort :

Die Stadt Lemgo war seit spätestens Ende des 15. Jhds. im Besitz der Blutgerichtsbarkeit, das ius gladii, und konnte damit auch Todesurteile durch die Bürgermeister und die beiden Räte fällen. Die sich im Jahresrythmus abwechselnden Räte des Stadtregiments fungierten dabei als (Kriminal-)Gericht oder Halsgericht. Aus der Mitte der beiden Räte wurde eine Abordnung, die sogenannten Hexendeputierten gewählt, die die Untersuchung tatsächlich durchführten. Über das Prozessverfahren und Änderungen im Prozessablauf stimmten allerdings die beiden Räte als Gesamtheit ab.

Die Aufsicht über die Hexenprozesse oblag den beiden Stadträten. In der Ratsversammlung wurde regelmäßig vom zuständigen Ratsauschuss über den Stand der Inquisition berichtet.

Gelangten Denunziationen oder Gerüchte über Zauberei an die Ohren der Ratsmitglieder, so wurde häufig ein Prokurator mit der Sammlung der Indizien als Amtsankläger beauftragt. Dieser legte er schriftlich den beiden Räten vor. Nach dem Mehrheitsprinzip wurde dann über eine Fortführung der Voruntersuchung entschieden. Die darauf gebildete Untersuchungskommission konnte zwei oder auch mach mal 9 Ratsmitglieder umfassen. Der Stadtsekretär fungierte dabei als Gerichtsschreiber, der alles protokollierte.

Der vorliegende Bestand umfasst etwa 200 Prozeßakten einschließlich Prozessfragmente. Mit Hilfe von anderen Quellen lassen sich etwa 50 weitere Hexereiverfahren in Lemgo rekonstruieren, so dass eine Gesamtzahl der Opfer auf etwa 250 Personen geschätzt werden kann, wobei nicht alle Verfahren mit einem Todesurteil enden mussten. Eine Stadtverweisung war als Strafform auch möglich. Teilweise sind auch Injurienverfahren wegen Zauberei im Bestand enthalten, die im Akkusationsverfahren statt im Inquisitionsverfahren durchgeführt wurden.

Im Bestand A - Kriminalgericht und A - Sonstige Prozessakten finden sich unter den Signaturen A 2504, A 4755, A 6411 und A 7237 noch weitere Gerichtsverfahren (Injurienprozesse) mit Bezug Hexerei und Zauberei.

Unter der Signatur A 10878 finden sich zudem Rechnungen über Einnahmen und Ausgaben der Hexenprozesse.

Vgl. auch im Bestand S des Stadtarchivs den Klassifikationspunkt Hexenprozesse.

Wichtige ergänzende Quellen zu den eigentlichen Hexenprozessakten sind die 1583 beginnenden Ratsprotokolle (siehe A - Akten und Amtsbücher bis 1930), die seit 1557 mit Lücken vorliegenden Kämmereirechnungen (dort wurden bis 1628 die Ausgaben für die Hexenprozesse aufgeführt; danach wurden die Kosten aus dem Vermögen der Beklagten und der Familien bestritten), das ab 1561 geführte Urfehdebuch (über Verfahren im 16. Jhd., die nicht zu einer Hinrichtung führten) und das Aktenmaterial zu den Irrungen mit der Landesherrschaft; dort auch Streitigkeiten wegen des Begnadigungsrechtes und insbesondere der Gnadengelder, die 1663 dem Grafen zur Lippe zugefallen waren.

Im Bestand A Kriminalgericht und im Bestand A Sonstige Prozessakten finden sich Injurienklagen (Beleidigungsklagen) wegen Hexereibeschuldigungen, die zwar zu einem Hexenprozess führen konnten, aber nicht mussten. Beschimpfungen und Verdächtigungen, die nicht zu einem förmlichen Prozess führten, wurden vor den Räten verglichen und in den Ratsprotokollen dokumentiert.

In den Laufzeiten der Prozessakten spiegeln sich die verschiedenen Verfolgungswellen in Lemgo wieder: 1.) 1564 - 1566, 2.) 1583 - 1605/06, 3.) 1628 - 1637 und 4.) 1653 - 1681. Dabei gliedert sich die letzte Verfolgungswelle in vier Untereinheiten: 1653 - 1656, 1665 - 1669, 1675/76 und 1681.

Die Archivalieneinheiten können unter einer Signatur auch mehrere Prozessakten bzw. Prozessverfahren umfassen. Soweit Urteile in den Prozessakten vorhanden sind, ist auch der Ausgang des Prozesses mitangegeben. Bei Frauen ist nach Möglichkeit der Mädchenname und der Name des Mannes angeführt. Mögliche Digitalisate (als digitale Benutzerkopien) sind bei den entsprechenden Verzeichnungseinheiten vermerkt.

Im Jahr 2013 gab das Landesarchiv NRW Abteilung OWL in Detmold aus dem Bestand L 86 Hexenprozesse Prozessakten an das Stadtarchiv ab, die sich im 19. Jahrhundert noch im Stadtarchiv Lemgo befunden hatten. Der Salzufler Bürgermeister und lippische Rat Christian Antze hatte sich in den 1820er Jahren für seine Arbeit über Hexenprozesse in Lemgo und Lippe sämtliche auffindbaren Prozessakten nach Hause ausgeliehen. Es erfolgte offensichtlich keine vollständige Rückgabe, so dass einzelne Prozessakten in seinem Nachlass erhalten blieben und darüber ins Staatsarchiv Detmold gelangten, wo sie Teil des Bestandes L 86 Hx wurden. Die ursprünglichen Signaturen des Landesarchivs sind miterfasst worden.

Einzelne Prozessakten wurden in der NS-Zeit entfremdet und befinden sich nicht mehr im Stadtarchiv Lemgo. So wurde 1937 die Prozessakte gegen Goske Bierbaums, Johann Heinemanns Frau (1666) an den Reichsleiter Alfred Rosenberg durch Bürgermeister Wilhelm Gräfer verschenkt. Im Bestand (A 3666) befindet sich seitdem nur eine maschinenschriftliche Kopie des Prozesses. Der Verbleib des Originals ist unbekannt. Auch 1937 wurde die Prozessakte gegen Ilsche Cronshagen, Jobst Schückenbohmers Witwe (1666) durch Gauamtsleiter Walter Steinecke an Heinrich Himmler übersandt. Heute befindet sich das Original, neben den Materialen des Hexen-Sonderauftrages des Reichsführers SS, im Woiwodschaftsarchiv Posen (Polen) (vgl. dazu auch S 326 und S 327 im Stadtarchiv). Vor 1937 gelangte auf bisher unbekannten Wegen die Prozessakte gegen Hans Kehdens Frau (1666) in die Privatsammlung Hans Liebl, Wien (heute: Landesmuseum Niederösterreich, St. Pölten).

Literatur

Siehe unter Menüpunkt "Literatur" auf der Internetseite des Stadtarchivs (http://www.stadtarchiv-lemgo.de)

Transkriptionen, Drucke und Editionen Lemgoer Hexenprozesse

1. Veröffentlicht

A[ugust] W[ilhelm] O[verbeck]:
Schreiben von 1666 die Hexen-Processe betreffend, in: Lippische Intelligenzblätter, Jg. 1785, Stück 32 vom 6. August, S. 251-253.
ders.:
Schreiben an die zur Führung des Hexen-Processes Verordnete, in: ebd., Stück 38 vom 17. September, S. 301-303.
Bibl. 9060 (Fotokopie)

Karl Stukenbrock:
Das Zeitalter des Absolutismus (1648-1789), Leipzig 1928.
Darin S. 5-8: Ein Hexenprozeß aus Lemgo; enth. drei Schriftstücke aus dem Prozeß Maria Rampendahl (1681 März 17: Ratsprotokoll betr. Verhaftungsbeschluß und erstes Verhör; 1681 März 19: Folterprotokoll; 1681 Apr. 15: Protokoll Urteilsverkündung und Stadtverweisung).
Bibl. 579

Karl Meier:
Die Begnadigung beim landesherrlichen und beim lemgoischen Kriminalgericht, in: Lippische Mitteilungen, 28. Bd., Detmold 1959, S. 89-113.
Darin S. 111-112: Gnadengesuch der Anna Elisabeth Pöppelmans für ihren Ehemann, den Pfarrer Andreas Koch, vom 28. Mai 1666 [aus StA Dt, L 28 Lemgo B IX 2].
Bibl. 9089

N.N.:
Nach einer alten Ratsakte: Peinliche Akta in Sachen gegen Annecke Prott, Hermann Culemanns Witwe, wegen Zauberei 1635 [= A 3645], in: Lemgoer Hefte, 2. Jg. Heft 11, Sept.-Nov. 1980, S. 17-19, 3. Jg. Heft 12, Dez. 1980-Febr. 1981, S. 22-24.
Bibl. 9130 (A 3645)

Gisela Wilbertz (Bearb.):
Hexenverfolgung in Lemgo. Quellenauswahl. Hrsg. vom Stadtarchiv und vom Städt. Museum Hexenbürgermeisterhaus Lemgo, 1996.
Enth.: Zwölf Schriftstücke aus Hexenprozeßakten und anderen Quellen 1564-1681.

Macha, Jürgen / Topalovic, Elvira / Hille, Iris / Nolting, Uta / Wilke, Anja (Hrsgg.), Deutsche Kanzleisprache in Hexenverhörprotokollen der Frühen Neuzeit, Bd. 1: Auswahledition. Bd. 2: Kommentierte Bibliographie zur regionalen Hexenforschung, Berlin 2005. [Hexenprozessakte Ermgard Roleffs, A 3693, 47r - 52r.]

2. Unveröffentlicht

o.Sign. Lemgoer Hexenprozeß der Maria Rampendahl 1681 (A 3672)

Nachlaß Hoppe
Nr. 16 Elisabeth Bösendahl 1564 (A 3612); Merge Lipping, Hermann Buchstabs Frau, 1599 (A 3616, 1. Teil); Begnadigung von Anna Veltmans, Witwe Böndel, zum Schwert, 22. Dez. 1665 (aus A 3656); Franz Goedeke 1667 (A 3669).
Nr. 14 Jacob Piel-Schlierup/ Wilhelm Cloidt 1584 (A 3614)
Nr. 8 Wilhelm Cloidt, Teil I, 1585 (A 3675)
Nr. 15 Wilhelm Cloidt, Teil II, 1585 (A 3675)
Nr. 13 Wilhelm Cloidt 1586 (A 3613)
Nr. 10-12: Johann Rottmann, Teil I-III, 1665-1666 (A 3662-3664)

S 293
Hexenprozeß gegen Margarethe Schultze, David Lesemanns Ehehausfrau, Witwe des Hans Gronemeier 1654 (A 3651)

S 704
Hexen-Prozeß gegen Gottschalck Bredemeier, Metzgermeister. 1667 (A 10897), Abschrift angefertigt von H. Moeller-Friedrich.

S 703
Peinlicher Prozess gegen Ehefrau Ursula Bredemeier in Lemgo wegen Zauberei, 1665 (A 10892)
Abschrift der Akte B Sect. 20 aus dem Landesarchiv Detmold von Pr. Sauerländer.

S 814
Peinlicher Prozess gegen Alhardt Siverts Ehefrau Agnete Richter wegen Zauberei 1654 (A 3653)

Sig. Bib. 7382 (Notizen und Aufsätze aus Lemgos Vergangenheit gesammelt von Fr. Sauerländer)
Enthält:
Peinlicher Prozess gegen Hermann Prött wegen Zauberei, hingerichtet am 17. September 1669 (A 3671 d)
Peinliche Anklage gegen Heinrich Averbeck wegen Zauberei, Anno 1666 (A 3666 a)


Letzte Bearbeitung des Bestandes durch Florian Petersen.

Oeben, 2015



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