Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.5. Wirtschafts-, Kataster- und Bauverwaltung
1.1.2.5.2. Forst
L 39 Ältere Jagd-, Forst- und Fischereiakten
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 39

Name : Ältere Jagd-, Forst- und Fischereiakten

Beschreibung :
Historisches

Forst
Erste Anfänge einer geregelten Forstwirtschaft in Lippe fallen in die Zeit Simons VI. zum Ende des 16. Jahrhunderts. Überall begannen um diese Zeit die Landesherren, ihre Territorien zu ordnen, wozu auch der Eingriff in den Wald gehörte. Die eher freizügige Waldnutzung durch die Landbewohner wurde drastisch eingeschränkt. Über verkauftes Holz wurden nun Forstregister geführt. Während der Regierungszeit Graf Simon Augusts (1748-1782) suchte die Rentkammer nach forstlichen Verbesserungen, die die fiskalischen Nutzen des Landesherrn steigerten. Der umfangreiche lippische Domanialwald bot die besten Voraussetzungen dafür, die steigenden Finanzbedürfnisse, die vornehmlich zur Schuldentilgung verwandt wurden, zu befriedigen.

Jagd- und Fischerei
Seit dem Hochmittelalter war die Jagd ebenso wie die Fischerei in den Bächen und Flüssen in Lippe ein landesherrliches Regal. Nur dem Landesherrn stand die hohe Jagd auf Schwarz- und Rotwild zu, mit dem Recht, diese sowie die niedere Jagd auch auf den privatem und Gemeindegrundbesitz auszuüben (Wildbann). Dieses Recht galt mit kurzer Unterbrechung während der Revolutionszeit von 1848/49 noch bis zum Jahre 1872. Dem Adel und einigen Amtsmeiern stand durch Privilegierung oder Tradition die niedere Jagd und Fischerei in mehr oder weniger definierten Grenzen zu.
Neben dem Jagd- und Fischereiregal besaß der Landesherr zudem die Jagd- und Fischereihoheit, also das Recht, im Benehmen mit den Ständen die Jagd- und die Fischerei zu regeln, was zu einer Fülle von Verordnungen wie der Fischereiverordnung vom 12. Mai 1724 führte.

Zum Bestand
Der vorliegende Bestand wurde 1796 von Johann Ludwig Knoch verzeichnet und erfuhr von späterer archivarischer Hand einige wenige Ergänzungen.
Hinzuweisen ist auf den Anhang des Knochschen Repertoriums, das weiterhin in Gebrauch bleibt, darin schrieb Knoch die Rechte und Grenzen der vielzähligen Jagd- und Fischereiinterssenten nieder:
Jagd und Fischerey Lager-Buch der in der gantzen Graffschafft Lippe gelegenen adlichen und andern Privatis zugehörigen Jagd- und Fischerey-Limitten. Nach Inhalt des alten Lager-Buchs de A[nn]o 1729 und andern ex archivo und neuen Saalbüchern genommenen Urkund[en] von neuem zusammengetragen. Anno 1775.
Ein weiterer Grund - neben der fast sprichwörtlichen Knochschen Erschließungstiefe - warum das Knochsche Repertorium neben dem vorliegenden Findbuch weiterhin genutzt werden sollte, liegt in den zahlreichen randschriftlichen Querverweisen (remissoria) des alten Findbuches, die dem Pertinenzsystem geschuldet sind. Knoch bemerkt dazu am Schluss seiner ausführlichen Einleitung: … daß ohne die in margine beygefügte Remissoria kein Rubrum für volständig und diese insgemein von weit größerer Wichtigkeit und Nutzen, als die Specialacten selbsten geachtet werden müssen, da sie nun unter diversen Rubris verborgen liegen und also nicht wohl getrennet werden können. (sic!)
L 39 umfasst 171 VZE. Die frühesten Originalstücke setzen im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts ein; die jüngsten reichen bis zum Beginn des 19.. Abschriften älterer Urkunden gehen zeitlich bis Anfang des 15. Jahrhunderts zurück. Der inhaltliche Schwerpunkt der Überlieferung liegt eindeutig auf dem lippischen Jagdwesen, obgleich auch die Forstwirtschaft mit zahlreichen Holz- und Mastregistern, die auch für Genealogen hoch interessant sind, Eingang in den Pertinenzbestand gefunden hat.
Der Bestand bietet dem Benutzer vielfältige Informationen zur Orts-, Forst-, Jagd- und Umweltgeschichte der einst so wald-, wasser- fisch- und wildreichen vormaligen Grafschaft Lippe. Er gewährt Einblicke in Jagd- und Fischereitechniken und -gebräuche und zeigt wie lebenswichtig der Wald als Rohstofflieferant (Bau- und Brennstoffe), vielfältige Arbeitsstätte und Nahrungsquelle (Weide, Mast und Lebensmittel) für die Altvorderen, ihre Anwesen, Haushaltungen und Nutztiere war. Kurzum, der Wald hatte für den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Menschen eine ganz andere Bedeutung als für den heutigen!
Oft gab es unter den Adligen oder zwischen diesen und dem Landesherren Streit um die Fischerei- und Jagdrechte, mit denen der lippische Adel und seine neu errichteten Güter seit dem 16. Jahrhundert vom Grafenhaus zu unterschiedlichen Konditionen privilegiert wurden. Diese landesherrlichen Privilegierungen mussten beigezogen werden, um die vorgeblichen Rechte zu bestätigen oder zu verneinen. Gelegentlich widersprachen sich die unterschiedlichen Rechtsverleihungen aber auch inhaltlich. Der renitente Adel dehnte teilweise seine Niederjagd und Fischerei zum Schaden der Landesherrschaft und der Städte unrechtmäßig aus und verwüstete bei Treibjagden die Felder der Bauern. Diese hatten zudem unter den Feldschäden durch Rot- und Schwarzwild zu leiden, da die hohe Jagd auf Rot- und Schwarzwild in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts stark vernachlässigt wurde und die Bauern in keinerlei Weise jagdberechtigt waren. Eine Belastung stellten auch die zahlreichen Dienste bei Treibjagden für die Untertanen dar. Die männlichen erwachsenen Einwohner ganzer Ämter wurden beispielsweise zu mehrtägigen herrschaftlichen Wolfsjagden zusammengezogen. Das Recht in den Bächen und Teichen Flachs zu rotten, wurde den Untertanen wegen der damit verbundenen Wasserverschmutzung zum Schaden der Fische verweigert, so dass sie Flachskuhlen anlegen mussten. Schließlich bietet der Bestand auch Informationen zu den Jagd- und Forstbediensteten und ihren Tätigkeiten, der Bekämpfung der Fisch- und Wilddieberei, der hohen Bedeutung der frühneuzeitlichen Teichwirtschaft und Fischzucht mit ihren damals noch wesentlich zahlreicher in Lippe erhaltenen Teichen sowie der (Jagd)grenzstreitigkeiten mit den Nachbarterritorien
Folgende Bestände sind zudem noch in erster Linie zu konsultieren: L 93 (Forstverwaltung und -gericht), L 97 A (Forstämter), L 38 (Grenzakten), L 18-36 (Ortsakten), L 101 C (Salbücher), L 77 A (allgemeine und innere Verwaltung).
Es ist nach Bestellnummer zu zitieren: L 39 Nr.

Detmold, im September 2008



(W. Bender)


Anfang  Erweiterte Suche
Warenkorb  Drucken