Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.4. Kirchen- und Schulverwaltung, Bildungseinrichtungen
1.1.2.4.3. Schule, Kultur und Bildung
Lippischer Landeskonservator
L 104 Landeskonservator
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 104

Name : Landeskonservator

Beschreibung :
Einleitung

Der Bestand enthält die Handakten des von 1925 bis 1950 amtierenden Lippischen Landeskonservators. Dessen Amt beruhte vornehmlich auf dem Lippischen Heimatschutzgesetz vom 17. Januar 1920 (Lippische Gesetzsammlung, Jg. 1920, Nr. 4. v. 21.1.1920). Die Dienstanweisung der Lippischen Regierung für den Konservator aus dem Jahre 1888 wurde 1925 praktisch unverändert übernommen (vgl. L 80.04 Nr. 1379, Anlage zur Verfügung vom 23.10.1888 und ebd. Nr. 1443, Dienstanweisung vom 7.1.1925). Diese Dienstanweisung war maßgeblich für die praktische Arbeit des Landeskonservators.

Danach standen alle Bau- und Naturdenkmäler unter staatlicher Aufsicht. Ihre bauliche oder sonstige Veränderung unterlag staatlicher Genehmigung. Der Konservator führte diese Aufsicht an erster Stelle durch. Er schlug die Aufnahme von Denkmälern in Denkmallisten vor (§§ 8 u. 10 Heimatschutzgesetz). Vor jeglicher Veränderung oder Renovierung musste seine Stellungnahme eingeholt werden. Gegebenenfalls überwachte er auch die Erfüllung bestimmter Auflagen. Daneben begutachtete und beaufsichtigte der Konservator auch historische Grabungen. Eine Fülle von kunsthistorischen, denkmalpflegerischen und Landschaftsschutz-Gutachten fielen bei der Arbeit des Konservators an. Ein Denkmalsbeirat und ein Pflegeausschuss standen ihm zur Seite (vgl. H. Drake, Die Lippische Landesverwaltung in der Nachkriegszeit, Detmold 1932, S. 28). Freilich hatten beide Gremien keinen staatlichen Charakter, sondern wurden von der lippischen Regierung eher als „private Angelegenheit des Landeskonservators verstanden (L 80.04 Nr. 1379 / Kiewning an Vollpracht am 14.6.1926). Der Pflegeausschuss kam sogar erst 1931 zustande. Ihm gehörten vornehmlich Lehrer an; sie beobachteten die Denkmäler 'vor Ort' und berichteten dem gegebenenfalls. Auch das Amt des Landeskonservators selbst war ehrenamtlich und nur mit einer Aufwandsentschädigung verbunden.

Als Nachfolger des Domänenbaurats Bernhard Meyer wurde der Leiter des Staatlichen Bauamtes in Blomberg, Karl Vollpracht, am 13. Januar 1925 zum Konservator berufen (vgl. Staatsanzeiger für das Land Lippe, Jg. 1925, Nr. 6 v. 17.1.1925, S. 37). Vollpracht wurde am 14. Februar 1876 in Hilden geboren. Nach dem Hochbaustudium in München und Berlin trat er in den preußischen Staatsdienst ein. 1908 übernahm er als Landbaumeister das Staatliche Bauamt in Blomberg, dem er bis zu dessen Auflösung 1932 vorstand. 1933 wurde ihm (seit 1935 als Oberregierungs- und Baurat) die Leitung des Lippischen Hochbauamtes in Detmold übertragen. Am 1. April 1939 wurde er in den Ruhestand versetzt und auch als Landeskonservator von Kreisbaurat Bruno abgelöst. Dabei wurde offenbar das Amt des Landesbeauftragten für Naturschutz zeitweilig von dem des Konservators abgetrennt (vgl. Staatsanzeiger, Jg. 1939, Nr. 26 v. 1.4.1939 und L 80.04 Nr. 1443). Nach Kriegsausbruch wurde Vollpracht jedoch wieder an die Spitze des Bauamtes und in das Amt des Konservators zurückberufen. Mit kurzen Unterbrechungen blieb er Bauamtsleiter bis zum 1. Januar 1946, um dann, mit fast 70 Jahren, endgültig in den Ruhestand zu treten. Das Amt des Landeskonservators versah Vollpracht jedoch noch weiter bis zum 31. Dezember 1950. Dabei blieb die behördliche Zuordnung nach dem Aufgehen Lippes im Lande Nordrhein-Westfalen ungeklärt. Man ließ den Lippischen Landeskonservator wohl einfach weiter im Amt, war der eigentlich zuständige Konservator in Münster doch mit der Wiederherstellung kriegsbeschädigter Denkmäler doch stark belastet. Neben seiner Funktion als Konservator hatte Vollpracht noch zahlreiche weitere (Ehren-) Ämter inne; unter anderem war er lange Jahre Landesbeauftragter für den Naturschutz und Mitglied des Hermannsdenkmalkuratoriums.

Der Bestand enthält überwiegend Akten aus der Amtszeit des Konservators Vollpracht, also aus den Jahren 1925 bis 1950. Daneben finden sich noch Vorakten des Amtsvorgängers Meyer, der von 1888 bis 1924 amtierte. Da die Lippische Regierung, Abteilung des Innern, die unmittelbar vorgesetzte Behörde des Konservators war, besteht hier eine umfangreiche Parallelüberlieferung (vgl. Bestand L 80.04, Gliederungspunkte 20.4., 20.5., 20.2., besonders 20.05.). Der Bestand wurde in drei Teile gegliedert:

I . Denkmal- und Naturschutz, Allgemeines
II . Bau- und Naturdenkmäler nach örtlicher Gliederung
III . Kriegsmaßnahmen 1940-1945

Der Erste Teil enthält unter anderem Richtlinien, Gesetzentwürfe, Erlasse zu allgemeinen Fragen des Denkmalschutzes in Lippe und im Reich. Soweit örtliche Objekte betroffen sind, werden sie nach Möglichkeit besonders genannt.

Im zweiten Teil lassen sich Unterlagen zu vielen lippischen Denkmälern leicht finden. Daneben gewährt dieser Teil des Bestandes einen lebendigen Einblick in die Arbeit des Konservators. Von der Aufstellung von Reklameschildern über die Kontrolle baulicher oder landschaftlicher Veränderungen bis zur Beaufsichtigung von Ausgrabungen reichte die Palette seiner Tätigkeiten. Nicht zuletzt die Kirchengemeinden ersuchten ihn um seinen Rat bei Restaurierungen und Umbauten. Zahlreiche Gutachten mit teilweise interessanten kunsthistorischen Informationen beziehen sich denn auch auf die lippischen Kirchen. Einen Großteil seiner Zeit widmete der Konservator dem Versuch, zahlungskräftige Pächter oder Käufer für die im Unterhalt kostspieligen, aber erhaltenswerte Bauten zu finden. Besonders ging er „mit lippischen Burgen und Schlössern hausieren, für die ich [= Vollpracht] Verwendung suche (L 104 Nr. 10 / Vollpracht an Hespeler am 6.11.1928). Für das Schloss Varenholz beispielsweise versuchte er Städte des Ruhrgebiets, den Jugendherbergsverband, die Firma Siemens und den Mediengroßunternehmer und deutschnationalen Politiker Hugenberg zu interessieren. Ähnliches versuchte er bei der Burg Horn und mit einem Fachwerkbau in Heiligenkirchen, dem Anwesen Wendt (vgl. ebd. Nr. 2, 5 u. 12). Der Fall des Fachwerkhauses Obere Mühlenstraße 1 in Salzuflen erscheint charakteristisch für die Not des Besitzes eines im Unterhalt teuren und in der Nutzung beschränkten Baudenkmals. Nur bescheidene staatliche Zuschüsse konnten mit Hilfe des Landeskonservators veranlasst werden (vgl. ebd. Nr. 4). Schließlich beeinflusste der Nationalsozialismus auch die Arbeit des Konservators. Abgesehen von der seit ca. 1937 allgemein regeren Bautätigkeit, erscheinen einzelne Projekte charakteristisch. So sollte Heiligenkirchen zum nationalsozialistischen Musterdorf nach Richtlinien der Deutschen Arbeitsfront umgestaltet werden. Das Anwesen Wendt, schon lange ein ¿Sorgenkind¿ des Konservators, sollte ein Hitlerjugendheim werden. Damit wäre dieses Baudenkmal zumindest erhalten geblieben. Beides ist nicht zustande gekommen. Auf dem Marktplatz in Lemgo sollte - offenbar zum Missfallen von Vollprachts zeitweiligen Nachfolger Bruno - ein dem herrschenden nationalsozialistischen Kunstgeschmack entsprechender Brunnen errichtet werden (vgl. ebd. Nr. 7).

Der dritte Teil des Bestandes ist allgemeinen Kriegsmaßnahmen gewidmet. Darunter fällt sowohl der Schutz von Kulturgütern gegen Kriegseinwirkungen (Luft- und Brandschutz, Auslagerung u.a.) als auch die Heranziehung von Metallbeständen zur Kriegsproduktion. Auch hier stehen Erlasse, Rundverfügungen, Richtlinien u.ä. im Vordergrund. Dabei wird im Übrigen deutlich, dass die Arbeit des lippischen Konservators zunehmend stärker von Berlin, das heißt vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung bestimmt wurde. Das war wiederum symptomatisch für den allgemeinen Prozess der Zentralisierung der Zivilverwaltung unter dem Nationalsozialismus.

Literatur

Denkmalpfleger in Ostwestfalen-Lippe. Bibliographie und Dokumente - Ausstellung des Regierungspräsidenten Detmold in Zusammenarbeit mit der Lippischen Landesbibliothek und dem Staatsarchiv Detmold anlässlich des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975, Detmold 1975.

Karl Vollpracht, in: Freie Presse, Lippisches Volksblatt, 5. Jg. 1950, Nr. 293 vom 15.12.1950.

Karl Vollpracht, in: Lippische Rundschau, 11. Jg. 1956, Nr. 37 vom 14.2.1956

Karl Vollpracht, in: Mitteilungsblatt des Lippischen Heimatbundes, Nr. 16 vom 15.11.1957, S. 169-172



Detmold, im März 1985
gez. Dieter Krüger



Das maschinenschriftliche Findbuch wurde im Rahmen eines Digitalsierungsprogramms von Marco Hönerlage aus Detmold in VERA abgeschrieben.

Detmold, im Oktober 2008
gez. Schwinger



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