Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.2. Allgemeine und innere Verwaltung
1.1.2.2.2. Regierung
Lippische Regierung - Fürstliche Abteilung
L 77 B Lippische Regierung - Fürstliche Abteilung
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 77 B

Name : Lippische Regierung - Fürstliche Abteilung

Beschreibung :
Vorwort

Der Bestand L 77 B - Lippische Regierung, Fürstliche Abteilung - umfasst im Wesentlichen die Teile der eher einer Grauzone zwischen privater und öffentlicher Sphäre gehörenden Dokumente der fürstlichen Familie. L 77 B schließt sich chronologisch an die Bestände L 7 Familienakten und L 50 Reichsständische Notifikationen an, die der Archivar Johann Ludwig Knoch 1778 rückwirkend bis ins 16. Jahrhundert angelegt hatte. Unter dem Innentitel des noch vom Archivar Hans Kiewning zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstellten Findbuchs notierte Kiewnings Nachfolger Erich Kittel: Gewissermaßen als Hausarchiv nach Art einer Sammlung bis 1918 geführt.
Eine Ergänzung und Weiterführung vollzog Martin Sagebiel mit der Verzeichnung des Bestandes Fürstlich Lippisches Archiv - Schloss Detmold, Geheimes Zivilkabinett, Fürstliches Haus (Fußnote 1). Dabei listete er mit den Akten des Hofmarschallamtes (das im 18. Jahrhundert mit der Einstellung des Hofmarschalls von Donop neben dem Schlosshauptmann eine ständige Institution wurde) ebenfalls viele ältere private Bestände auf, die entweder Kiewning seinerzeit noch nicht für wichtig gehalten hatte oder die noch nicht von der fürstlichen Familie freigegeben worden waren. Sagebiel führte die Verzeichnung der Bestände ab 1918 weiter für die Zeit der Biesterfelder Regentschaft. Im Laufe der Zeit variieren die Ordnungskategorien für die verschiedenen Provenienzen, was zumal bei einer gesamten Laufzeit von nahezu 400 Jahren und einem Abstand von ca. 250 Jahren von der ersten Verzeichnung Johann Ludwig Knochs bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht verwundern dürfte.

Im Jahr 1880 bittet der Archivrat Falkmann darum, Dokumente aus den Jahren 1785 bis 1815, die bis dahin unter Verschluss gehalten wurden, an das Archiv zu übergeben, zumal die ursprünglich als Grund für die Zurückhaltung angegebene Rücksicht auf die nun längst verstorbene Fürstin Pauline nicht mehr gelten könne (Fußnote 2). Sieben Jahre später wird sein Ersuchen immer noch abgelehnt. Die Dokumente, die mindestens zum Teil eine Zeit betroffen haben dürften, in der Fürst Leopold I. unter Kuratel stand wegen hoher Schulden, zum Teil handgreiflicher Auseinandersetzung mit den Regierungsbeamten und zuletzt wegen einer Gemütskrankheit, sollten offenbar auch Ende des 19. Jahrhunderts nicht das Ansehen der fürstlichen Familie trüben.

Hans Kiewning beschrieb in seinem Aufsatz in der Archivalischen Zeitschrift (Fußnote 3) den Werdegang des Landesarchivs von den ersten Anfängen an, schilderte Missstände und Unzulänglichkeiten der Vergangenheit. Er erwähnt, man habe es lange Zeit - auf beiden Seiten - versäumt, die schriftlichen Nachlässe der Familie an das Archiv zu übergeben. Wie lange die Akten im Schloss blieben und wann sie schließlich ins Archiv übernommen wurden, ist heute zum Teil nur noch mit Mühe nachzuvollziehen.

Kiewning, von 1899 bis 1933 Archivar des Lippischen Landesarchivs, zeigte mit seinem kritischen Aufsatz seine eigenen Ambitionen, das Archiv offensiver und professioneller zu führen. Und so hat er auch den vorliegenden Bestand durch Neuzugänge erweitert, hat selbst außerhalb Lippes nach noch fehlenden Briefbeständen recherchiert, so die Korrespondenzen der Fürstin Pauline mit ihren Söhnen Leopold und Friedrich und mit der Prinzessin Luise oder mit dem Legationsrat Scherff; verschiedene einzelne Briefe, unter ihnen der Brief der russischen Zarin Katharina der Großen, der, so ist es im Zugangsbuch vermerkt, 1917 vom Regierungsassessor Petri an das Archiv übergeben wurde. Kiewning selbst ergänzte den Bestand durch Typoskripte von Briefen der fürstlichen Familie in anderen Nachlässen, so z. B. von den Briefen der Fürstin Pauline und des Fürsten Leopold I. an Paulines Bruder Alexius, Fürst von Anhalt-Bernburg, deren Originale heute im Landeshauptsarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau liegen (Fußnote 4), und von dem Briefwechsel der Fürstin mit dem französischen Gesandten Reinhard in Kassel aus dem Nachlass Reinhard. Bis zu Kiewnings Ausscheiden aus dem Dienst werden immer wieder noch neue Eingänge von Briefen vermerkt, die vor allem über Antiquariate wie Stargard und Salomon in Berlin ins Archiv gelangen (Fußnote 5).

Kiewning verzeichnete den gesamten zu seiner Zeit im Archiv vorliegenden Bestand ab 1765 bis 1926. Dieser umfasst - nach der Neuverzeichnung - 142 Kartons mit insgesamt 681 Verzeichniseinheiten. Inhaltlich lässt sich der Bogen spannen von Geburts-, Trauungs- und Todesanzeigen, die nicht nur an die engeren Verwandten und Freundeskreise, sondern teilweise bis in europäische Adelshäuser versandt wurden, bis zu Nachlässen, privaten, gelegentlich sehr intimen Briefen, Briefen an die jeweiligen Kinder und Verwandten, aber auch, besonders in politisch schwierigen Zeiten, Briefwechseln mit politischen Beratern. Sehr umfangreiche Sammlungen von Schulheften der Prinzen Leopold II. und III. sowie des Prinzen Friedrich erlauben zudem einen guten Einblick in die Erziehung der Prinzen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aufschlussreicher noch als die Reiseberichte der Prinzen dürften die äußerst detaillierten Tagebücher der Fürstin Pauline von ihrer Reise nach Paris sein, in denen sie neben dem politischen Anlass, ihr Treffen mit Napoleon, die Reisebedingungen zu jener Zeit schilderte, die Beschaffenheit der Wege und der Herbergen (Fußnote 6).
Auf die Angabe der zahlreich vorhandenenen Literatur über Pauline wurde im Rahmen dieses Findbuchs verzichtet. Zu den Ereignissen um Leopold I. sei noch besonders auf die Arbeiten von Johannes Arndt hingewiesen, z.B. in den Lippischen Mitteilungen Band 60/1991. (gez. Schwinger)


Detmold, 9. Dezember 2008

gez. Anne Tegtmeier-Breit



Fussnoten :
1: Fremde Archivalien, Findbuch O 518, Bd. 3.
2: Vgl. StAD, L 79 Nr. 340.
3: Hans Kiewning: Das Lippische Landesarchiv in Detmold. In: Archivalische Zeitschrift, hrsg. v. Bayrischen Hauptstaatsarchiv in München. Dritte Folge. Neunter und Zehnter Band, der ganzen Reihe 42./43. Band. München 1934. S. 281-321.
4: Signatur A 10 Nr. 16. Akteneinheit mit dem Titel "Korrespondenz Herzog Alexius Friedrich Christian von Anhalt-Bernburg mit seiner Schwester Pauline, Fürstin zur Lippe und deren Familie" aus dem Zeitraum 1796 bis 1833.
5: Vgl. StAD D 29 Nr. 1269 (Zugangsbuch).
6: Veröffentlicht in: Eine Fürstin unterwegs. Reisetagebücher der Fürstin Pauline zur Lippe 1799-1818. Bearb. von Hermann Niebuhr. Detmold 1990. Reihe: Lippische Geschichtsquellen. Hrg. v. Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein für das Land Lippe e. V. und v. Lippischen Heimatbund e. V.

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