Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.4. Außerlippische Bestände
Lippische Reichskammergerichtsakten
L 82 Reichskammergericht
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(1) H 3392(2) Kläger: Hermann Hermens, Chirurg, Lemgo, namens seiner Frau Maria Rampendahl (3) Beklagter: Lipp. Regierung und Konsorten, nämlich Bürgermeister und Rat der Stadt Lemgo (4) Prokuratoren (Kl.): Lic. Johann Adam Roleman 1681 ( Subst.: Dr. Johann Heinrich Seiblin Prokuratoren (Bekl.): für Lemgo: Dr. Friedrich Heinrich von Gülich [1682] 1682 ( Subst.: Dr. Johann Friedrich Stieber ( für die Regierung: Dr. Heinrich Wilhelm Erhardt [1671] 1682 ( Subst.: Dr. Moritz Wilhelm von Gülchen (5) Prozeßart: Citationis super nullitate cum compulsorialibus Streitgegenstand: Der Kläger erklärt, auf den Vorwurf einer wegen Hexerei zum Tode verurteilten Frau, der sog. Blatglaadischen, sei seine Frau unter dem Vorwurf, dieser ein Pulver gegeben zu haben, trotz ihres Einwandes, es habe sich um ein von ihrem Mann verfertigtes medizinisches Pulver gehandelt, in den Hexenturm geworfen und der Folter unterworfen worden. Nachdem sie der Folter 3 Stunden lang unterworfen worden sei und davon dauernde Schäden davongetragen, aber die Vorwürfe nicht bestätigt habe, habe man ihr erneute Folter angedroht, dies aber, nachdem er (= Kläger) dagegen protestiert habe, unterlassen, sie aber noch 4 Wochen lang ohne Pflege im Hexenturm belassen und sie dann auf öffentlichem Marktplatz der Stadt und Grafschaft verwiesen und sie anschließend in Begleitung des Scharfrichters aus der Stadt führen lassen. Nachgängig habe man seinem Bruder und ihm, die ihr aus der Stadt gefolgt seien, sie untersucht und mit Essen und Kleidung versorgt hätten, weil sie mit ihr Umgang gehabt und sie berührt hätten, gezwungen, die Barbierschüsseln (= Berufszeichen) von den Häusern zu nehmen und ihnen die Zunft aufgesagt (= Verbot der Berufsausübung). Massive Vorwürfe insbesondere gegen "daß blutdürstige Gemüth deß unbarmhertzigen Richters und BürgerMeisters Kothman". Der Kläger verweist darauf, daß gemäß der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. (Carolina) niemand bei unzureichendem Verdacht inhaftiert oder gefoltert werden dürfe, und daß er vor allem, wenn er den Verdacht nicht gestanden habe, als entlastet gelten und nicht weiter wegen des verdächtigten Verbrechens belangt oder belastet werden dürfe. Er legt ein Gutachten der Rintelner Juristen über die Nichtigkeit des Vorgehens vor. Die Klage richtet sich dagegen, daß, obwohl er dies Gutachten der Kanzlei vorgelegt habe und um Aufhebung der Landesverweisung gebeten habe, diese von der Stadt lediglich einen Bericht angefordert habe und schließlich die Wiederaufnahme in die Grafschaft abgelehnt und auf Fortbestand des Urteils entschieden hatte. Der beklagte Lemgoer Magistrat erklärt, er habe auf "starcke undt in denen Rechten Begründete indicia, auf eingeholten Rhatt frembder Rechtsgelehrten" gehandelt, so daß die Regierung ihr Vorgehen zu Recht bestätigt habe. Die Frau des Klägers sei "propter urgentissima indicia ( auf Grund drängendster Indizien) undt den großen Verdacht ihrer Schuldt", um nicht "bey unß noch mannige gesunde Seele anzustecken" des Landes verwiesen worden. Bitte um Abweisung des Verfahrens, wobei das RKG bedenken möge, "daß, daferne wir bey abstreffunge diese allerschändt- und scheu[s]lichsten Lasters ... indeme es Leider dieses ortes sehr weit eingerißen ist, allermahl gewertig sein sollennen, einen Jedweden unserer inquisition und geführten processus halber zu recht zu stehen, wir endtlich dabey die Hände würden sincken laßen" müssen. Maria Rampendahl habe seit 20 Jahren immer wieder im Verdacht der Zauberei gestanden. Ihre Großmutter väterlicherseits sei als Hexe hingerichtet worden und sie sei bei dem "famosen Zauberer" Hermann Buschar zur Schule gegangen. Hinzu komme schlechter Lebenswandel und Säumigkeit im Gottesdienstbesuch. Geständnis von Agneta, Adolf Voß' Frau, daß sie ihr das Zaubern beigebracht habe. Hinweise auf Schadenszauberei. Insgesamt seien dies mehr als hinreichende Verdachtsmomente für Tortur und Landesverweisung. Tiefe Ohnmacht und Unfähigkeit zu Sprechen nach der Tortur als Hinweise auf Teufelsbesessenheit, da der Teufel sie so am Geständnis gehindert habe. Sie sei mithin außer dem eigenen Geständnis völlig überführt worden, so daß die Entscheidung der Jenenser Juristen zu Recht ergangen sei. Das gesamte Vorgehen entspreche dem in Lemgo althergebrachten und durch diverse frühere Rechtsgutachten und Sprüche von Juristenfakultäten angeordneten. Beschwerde, daß der Kläger sich während des laufenden Peinlichen Verfahrens mit insbesondere ein Mitglied des Rates, aber auch das gesamte Gremium beleidigenden Schriften an das RKG gewandt habe, was als unzulässiger Versuch, während des laufenden Verfahrens eine Freilassung zu erwirken, und Beleidigung des Magistrats zu werten sei. Das Protokoll abschließende Completum- und Expeditum-Vermerke vom 30. Oktober 1682. (6) Instanzen: RKG 1682 (1666 - 1682) (7) Beweismittel: Akten des Lemgoer Peinlichen und des lipp. Kanzleiverfahrens (Q 17 a, b). Responsum juris der Juristenfakultät der Universität Rinteln, 1681 (Q 3). Notarielles Instrument einer auf Veranlassung des Klägers durchgeführten Zeugenbefragung seiner Frau, 1681 (Q 9). Spruch der Rintelner Juristen in Sachen Hans Kedden alias Eisenbein, 1666 (Q 23). Dgl. bezüglich Witwe Lage, 1666 (Q 24). Dgl. bezüglich Jost Hoßbeckers Frau, 1675 (Q 25). Rationes decidendi der Jenenser Juristen bezüglich Maria Rampendahl, 1682 (Q 26). (8) Beschreibung: 3 Bde., 9 cm; Bd. 1: 3 cm, Bl. 1 - 71, 292 - 357, lose; Q 1 - 16, 18 - 30, 1 Beil.; Bd. 2: Bl. 72 - 104, geb.; Akten des Stadtlemgoer Peinlichen Verfahrens ./. Maria Rampendahl, 1681 (Q 17a); Bd. 2: 5 cm, Bl. 105 - 291, geb.; Akten des Verfahrens vor der lipp. Kanzlei Hermann Hermens ./. Bürgermeister und Rat der Stadt Lemgo, 1681, Q 17b. Lit.: Oestmann, Hexenprozesse (wie Nr. 151).


Bestellsignatur : L 82 Nr. 290
Altsignatur : L 82 Nr. 318


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