Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.5. Wirtschafts-, Kataster- und Bauverwaltung
1.1.2.5.1. Wirtschaft und Finanzen
Lippische Kammer- und Finanzsachen
L 63 Kammer- und Finanzsachen
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 63

Name : Kammer- und Finanzsachen

Beschreibung :
Zur finanziellen Situation der Grafschaft Lippe im 17. und 18. Jahrhundert.
Am Ende des 30jährigen Krieges (1618-1648) waren die schon unter Graf Simon VI. angeschlagenen lippischen Staatsfinanzen endgültig und nachhaltig zerrüttet. Die Schulden des regierenden Hauses in Detmold waren auf rund 450.000 Rtlr. angestiegen und an rückständigen Zinsen waren zusätzlich noch ca. 350.000 Rtlr. zu zahlen. Da außer der Zinszahlung und Schuldentilgung beträchtliche Apanage- und Wittumsgelder an die Verwandten sowie Gehälter gezahlt werden mussten, blieb dem Haus Lippe-Detmold aus den Einnahmen nicht mehr viel übrig für den Hofetat und den eigenen Unterhalt.
1657 stellte der Landdrost Simon Moritz von Donop gutachterlich fest, dass sich das Haushaltsdefizit jährlich auf über 15.000 Rtlr. belief (L 63 Nr. 227). Lippe und das gräfliche Haus liefen auf einen „Staatsbankrott zu. Getrennte Haushalte für Hof- und Staatshaushalt gab es zu jener Zeit noch nicht; alle Einnahmen flossen in ein- und dieselbe Kasse, die gräfliche Kammerkasse auch Landrenteikasse genannt.
Deren regelmäßige Einnahmen speisten sich aus drei, von den Beamten und Unterbeamten in den Ämtern erhobenen und abgeführten Quellen:
1) vom umfangreichen landesherrlichen Domanium (Kammergut) herrührende Ein-künfte (z.B. Meiereien, Mühlen, Ziegeleien, Wälder etc.),
2) aus der Landeshoheit erwachsende Einkünfte (Regalien)
(z.B. Gerichtsgefälle, Zölle, Judengeleit, Post- und Münzregal etc.)
3) ordentliche (ordinaria) und außerordentliche (extraordinaria) Steuereinnahmen unter-
schiedlicher Art
(z.B. Landschatz/Kontribution, Akzisen (Verbrauchssteuern), Fräuleinsteuer, Sub-
levationsgelder der Stände, Weserbaumonat etc.)

An der katastrophalen Finanzlage änderte sich trotz aller kommissarischen Mahnungen und Sanierungsvorschläge, die an Gutachten heutiger Unternehmensberater erinnern, auch mit der Einrichtung der so genannten Landkasse im Jahre 1686 wenig. In diese Kasse flossen v.a. die extraordinären, von den Ständen zur Schuldentilgungen bewilligten außerordentlichen Kontributionen.
Die hemmungslose Schuldenwirtschaft wurde unter den absolutistisch regierenden Grafen Simon Henrich (1666-1697), Friedrich Adolf (1697-1718) und v.a. Simon Henrich Adolf (1718-1734) fortgesetzt und erreichte unter letzterem und seiner vormundschaftlich regierenden Witwe Wilhelmine (1737-1747) ihren Höhepunkt, besser gesagt traurigen Tiefpunkt (Haushaltsdefizit der Rentkammer für das Jahr 1727: über 54.000 Rtlr.). Die üppige Hofhaltung und Bauten Versailles wurden en miniature kopiert, ein stehendes Heer aufgestellt und Kredite über die jüdischen Hoffaktoren beschafft, da die klassische Kreditaufnahme über Verpfändungen von Rechten und Immobilien, ja, sogar ganzer Ämter und Vogteien (Z.B. 1737 Amt Sternberg an Hannover) den Kredit- und Tilgungsbedarf dauerhaft nicht mehr decken konnte.
Die ordentliche Rechnungsführung wurde unter Wilhelmine absichtlich völlig vernachlässigt, um ihre undurchsichtigen finanziellen Machenschaften zu verdunkeln. Selbst kleine Kaufmanns- und Handwerkerrechnungen wollte und konnte die Rentkammer nicht mehr zahlen. Mehrfach drohte unter ihrer Regentschaft - wie auch unter der ihrer Vorgänger - die Exekution Lippes durch Reich bzw. Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis aufgrund der Gläubigerforderungen oder nicht abgeführter Reichssteuern wie der so genannten Türkensteuer.
Auch der Verkauf der Herrschaft Vianen mit Ameiden für 100.000 Rtlr. im Jahre 1725 an die Generalstaaten brachte den maroden lippischen Finanzen nur vorübergehend ein wenig Linderung. Große Kreditgeber klagten zu jener Zeit ihre Forderungen vor den höchsten Reichsgerichten in Wetzlar (RKG) und Wien (RHR) ein. Zugleich wurde die Liste der Restanten (Außenstände bei den Einnahmen aus den Ämtern) von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts immer länger. Viele Bauern konnten die monatlich zu entrichtenden direkten Steuern unterschiedlicher Art und die Kontributionen nicht mehr zahlen.
Erst unter der langen und sparsamen Regentschaft des Grafen Simon August (1747-1782) gelang es der Regierung, v.a. unter dem Präsidenten F.B. v. Hoffmann, - trotz der finanziellen und wirtschaftlichen Rückschläge des Siebenjährigen Krieges (Schäden, Geldentwertung) - das finanzielle Chaos (realiter und in der Rechnungsführung) zu beseitigen, durch die Einführung des Kontributionskatasters (Hebungsordnung von 1783) eine gerechtere Steuerpolitik zu gestalten, gesundere Haushaltsverhältnisse herbeizuführen und damit den Fortbestand Lippes zu garantieren. Simon August wurde so zum „Vater des Vaterlandes (So der Text auf dem ihm zu Ehren errichteten Denkmal im Bad Meinberger Kurpark).
Zur Trennung von Staats- und Domanialhaushalt kam es erst im Jahre 1868.

Zum Bestand
Der vorliegende Fonds wurde von Knoch nach dem zeittypischen Pertinenzprinzip verzeichnet und von ihm als Registratura generalis Oeconomicorum Cameralium diversorum, publicorum et privatorum bezeichnet, ergänzt um den Anfang Renth Cammer Oeconomica. Die von ihm vorgegebene Ordnung (lokale Pertinenz in alphabetischer Reihung) wurde vom Unterzeichner weitgehend beibehalten und die vorhandenen nicht verzeichneten Inseranda erfasst bzw. zugeordnet.
Der hoch betagte, rastlose Knoch urteilte 1799 in seiner Einleitung - wohl bedingt durch die zeitliche Nähe und seinem herrschaftsbezogenen Selbstverständnis als Archivar - über den Stellenwert des vorliegenden Mischbestandes im Gefüge des Landesarchivs überaus kritisch und dabei sein Arbeitsethos dezent offenbarend:
Es hat sich wohl der Mühe gegenwärtige oeconomische Miscellanea in einer Registratur zusammen zu bringen nicht gelohnet, da so viele Dinge ohne practischen Nutzen, darinnen enthalten.
Da aber dennoch das gantze Archiv endlich einmahl zur volständigen Ordnung gebracht werden müssen und darinnen nichtsdestoweniger ohne Wissenschafft des Inhalts gelassen werden kan, besonders da dennoch hin und wieder noch viele Stücke zum nutzbaren Gebrauch darinnen enthalten, welche auch bey ihren Haupt Rubris in den Ämtern per remissionem angemerckt zu werden verdienen, so ist dieses die Ursache meines gegenwärtigen Unternehmens, weilen meine erlangte alte [Tage] bey meinen noch wenig übrig verbliebenen gesunden Tagen meine Zeit ohne Beschäftigung nicht zubringen können.
Der Bestand umfasst 287 Verzeichnungseinheiten mit einer Laufzeit von der Mitte des 16. bis zum späten 18. Jahrhundert. Der Schwerpunkt der Überlieferung liegt in dem Säkulum zwischen Dreißig- und Siebenjährigen Krieg. Um die frühneuzeitlichen finanziellen, steuerlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse Lippes auf lokaler und staatlicher Ebene in ihrer Gesamtheit zu erforschen, müssen neben dem vorliegenden Fonds vor allem die Beständegruppe L 92 (Kammer), L 83 (Kanzlei), L 17-36 (Ortsakten), L 56-61 (30jähriger- und 7jähriger Krieg), L 9-11 (Landtag/Landstände) mit herangezogen werden.
Für den heimatgeschichtlichen Forscher und Genealogen bietet der Bestand u.a. zahlreiche, detaillierte und unterschiedlichste Höfe- und Namenlisten, die z.T. bis ins 16. Jahrhundert - mithin in die „Vorkirchenbuchzeit zurückreichen und die weitere spannende Informationen zu den Altvorderen bieten (z.B. in der Bestellnr. 161: Liste der Säufer und Müßiggänger aus dem Amt Varenholz, 1771).

Es ist nach Bestellnummer zu zitieren: L 63 Nr. …

Detmold, im März 2006

(W. Bender)