Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
L 89 A Gogerichte
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 89 A

Name : Gogerichte

Beschreibung :
Gogerichte sind ein wichtiger Bestandteil des mittelalterlichen Rechtssystems im ehemals sächsischen Stammesbereich. Sie waren zuständig für die niedere Gerichtsbarbeit in Strafsachen im gesamten Land außerhalb der Städte. In diesen konkurrierten sie mit der städtischen Gerichtsbarkeit file://fn@04 . Die Zuständigkeit für die städtische Feldmark war umstritten. Ausgenommen waren freie Höfe und Rittergüter.

Zu Beginn des Spätmittelalters bemühte sich der Landesherr systematisch um den Erwerb aller in der Hand lokaler Machthaber (Gerichtsherren) befindlichen Gerichte. Regelmäßige Gerichtstage wurden zweimal im Jahr gehalten, um Ostern und nach Michaelis (29. September); aus dem Jahre 1643 ist eine Terminliste der Michaelis-Wruge erhalten (lfd. Nr. 413 Bl. 234). Den Vorsitz führte der vom Landesherrn bestellte Landgograf oder dessen Vertreter. Prokurator (Vertreter der Anklage) war der Freigraf, umgekehrt war der Gograf Prokurator beim Freigericht file://fn@01 . Die Trennung der Freigerichte von den Gogerichten ist für Ende des 16. Jahrhunderts belegt file://fn@02 . Seit 1713 wurde für die Bewohner des "platten Landes" ein eigenes Forstgericht zusammen mit dem Gogericht abgehalten file://fn@05 .

Verhandelt werden an den Gerichtsterminen z.B. Beleidigungsklagen, Diebstähle, Schlägereien, Grenzstreitigkeiten, Verstöße gegen die Polizeiordnung wie z.B. zu aufwendige Hochzeitsfeiern. Außerdem sind in den Registern Weinkäufe (Abgaben bei Besitzerwechsel eines Hofes), Brautschätze, Sterbfälle und Erbteilungen sowie Unpflichten (Strafen für unehelichen bzw. vorehelichen Verkehr) und Freilassungen vermerkt; Freilassung bzw. Freikauf ist in der Regel ein Indiz für beabsichtigte Eheschließung file://fn@08 . Die Gogerichte bilden somit eine wichtige genealogische Quelle für die Zeit vor Einsetzen der Kirchenbücher.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts verloren die Gogerichte immer mehr an Bedeutung und wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur noch wenig in Anspruch genommen. Zumindest am Gogericht Heiden fanden ab 1771 nur noch einmal jährliche Sitzungen statt file://fn@06 . Immerhin wurden aber noch 1817 zwei Landesverordnungen erlassen, die die Zuständigkeit der Gogerichte regelten file://fn@03 . Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gingen sie ohne nachweisbare förmliche Aufhebung ein: 1854 fand es das Kabinettsministerium "nicht für räthlich ... , in diesem Jahre die Abhaltung der Gohgerichte eintreten zu lassen ... " file://fn@07 ; die Ämter wurden angewiesen, die vor die Gogerichte "observanzmäßig gehörigen Entscheidungen in gohcommissarischer Eigenschaft selbst vorzunehmen" (ebd.).

Vorliegendes Findbuch ist die Abschrift eines älteren maschinenschriftlichen Verzeichnisses, das durch zahlreiche Zusätze und Nachträge sowie eine vor dem Jahre 1979 erfolgte Neusignierung (lfd. Nr.) und teilweise Neuordnung unübersichtlich geworden war. Ein Teil dieser Änderungen stammt ausweislich der Handschrift vom früheren Kollegen Dr. Sagebiel. Viele Angaben auf den Umschlägen der Nachträge waren zudem nicht ins Findbuch übertragen und mussten eingearbeitet werden, wodurch eine Vielzahl von Hinweisen und Querverweisen notwendig wurde. 6 Kartons und drei Protokollbücher "Varia" wurden neu verzeichnet.

Die Neufassung des Findbuchs bot die Gelegenheit, den bisherigen Teil A II mit fortlaufender Nummer zu versehen und die bisherige Aufteilung der Signatur in L 89 A I und L 89 A II zu beseitigen. Zukünftig ist nur noch zu zitieren:
L 89 A Nr. ...

Die Überarbeitung bedingte auch die Erstellung einer Vorbemerkung und einer überarbeiteten Gliederung.


Detmold. im Juli 2003


gez. Arno Schwinger


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