Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.5. Wirtschafts-, Kataster- und Bauverwaltung
1.1.2.5.1. Wirtschaft und Finanzen
Sennergestüt Lopshorn
L 99 B Sennergestüt
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 99 B

Name : Sennergestüt

Beschreibung :
Vorwort

„Senner - Deutschlands älteste Pferderasse, so ist die Homepage www.senner.de im Internet überschrieben und zeugt damit von der Aktualität dieser Wahrnehmung. Die Zucht der nach der Landschaft benannten Senner-Pferde war stets eng verbunden mit dem Fürstlich Lippischen Sennergestüt in Lopshorn, welches wiederum als das älteste in der Geschichte der deutschen Pferdezucht gilt.

Sein Ursprung liegt zwar im Dunkeln, doch lassen sich seine Spuren weit zurückverfolgen. Im Jahre 1160 schenkte der Paderborner Bischof Bernhard I. dem Kloster Hardehausen ein Drittel seiner ungezähmten Stuten in der Senne (bei dieser halbwilden Zucht blieben die Stuten das ganze Jahr hindurch draußen, wobei jedes Frühjahr einige Hengste zu der Stutenherde geführt wurden). 1493 werden die wilden Pferde in der Senne bereits als herrschaftlich-lippischer Besitz erwähnt, allerdings taucht die Bezeichnung „Senner für die Pferde des Wildgestütes erst 1541 auf. Die ersten Gebäude, die mit der Pferdezucht in Zusammenhang standen, sind für das 16. Jahrhundert auf dem Winfeld und am Donoper Teich nachweisbar; im Jahre 1680 ließ Graf Simon Heinrich zur Lippe das Gestüt nach Lopshorn verlegen. Die frühesten im Bestand L 99 B überlieferten Beschälregister datieren von 1706/07, ab 1713 liegen fortlaufende Gestütsregister vor.

Die ganzjährig freie Weide der Stuten mit ihren Fohlen im Teutoburger Wald und in der Senne ließ die Senner einen festen, starken Körperbau, große Ausdauer und Leistungsfähigkeit sowie einen guten Ortssinn entwickeln. Ihre Freiheit nutzten die Tiere häufig zum Ausbruch in die umliegenden Felder der Bauern, wo sie erhebliche Schäden anrichteten. Auch die früh eingerichteten Einfriedungen großer Gebiete mit Hecken, Gräben oder Schlagbäumen konnten dies nicht verhindern, wie zahlreiche Klagen der Kolone beweisen.

Im Jahre 1768 trat mit Johann Gottfried Prizelius (1736-1784) ein Hippologe an die Spitze des Sennergestütes, der mit qualitativ hervorragenden Ankäufen das Zuchtziel der Veredelung des Senner-Pferdes zu erreichen suchte. So sind die finanziellen Erfolge des Gestüts zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch auf die strukturellen Maßnahmen von Prizelius zurückzuführen. Von Johanni 1800 bis Johanni 1825 wurden Pferde für 41.950 Taler in Gold verkauft (L 99 B Nr. 187). Das Sennergestüt verzeichnete als Einnahmen die Erlöse für verkaufte Pferde und die Einnahmen aus dem Landgestüt, wobei die letzteren - unter Graf Simon August durchschnittlich 450 Taler im Jahr - bereits für den Unterhalt des Sennergestüts ausreichten. Aus den Verkäufen von Sennern flossen erhebliche Geldmittel in den Gestütsetat, der von 684 Reichstalern im Jahr 1800 auf 5677 Reichstaler im Jahr 1846 anstieg und in den Folgejahren meist um 5000 Reichstaler lag (L 99 B Nr. 8).

Die ökonomische Blütezeit des Gestüts ging einher mit einer Entwicklung, die den Anfang vom Ende der klassischen halbwilden Zucht der Senner-Pferde bedeutete. 1803 wurde unter Stallmeister Wülcker die Winterweide der Senner abgeschafft, 1864 ein 38.000 Morgen (9500 ha) großes Areal für die Pferde umzäunt. Da zugleich eine starke Aufforstung stattfand, bekamen die Tiere neue Weideflächen im Johanettental bei Detmold und bei Varenholz sowie im ehemaligen Tiergarten bei Detmold zugeteilt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging mit der kostspieligen Vorliebe für englische Vollbluthengste als Beschäler die Periode der Prosperität des Sennergestüts zu Ende. Ab Ende der 1870er Jahre erforderte das Gestüt jährlich erhebliche Zuschüsse. Aus diesem Grunde wurde der Umfang der Pferdezucht bis Anfang des 20. Jahrhunderts stark eingeschränkt: von 130 Sennern 1873 auf 30 Pferde im Jahr 1903. Seit 1901 war den Sennern die Waldweide völlig entzogen worden mit der Begründung, dass sie nicht mehr ausreichend Futter finden könnten. Im Sommer kamen die Pferde auf die Weiden bei Varenholz und Johanettental, im Winter wurden sie nach Lopshorn geholt.

Nach der Revolution von 1918 wurde der damalige Bestand von 38 Pferden durch den neu gegründeten lippischen Staat beschlagnahmt. Der Staat beauftragte den Verband Lippischer Pferdezüchter, die Sennerzucht weiterzuführen, und gewährte dafür jährliche Zuschüsse (siehe dazu den Bestand D 107 E). Als diese 1935 eingestellt wurden, wurden die letzten 16 Senner-Pferde auf dem Schlossplatz von Detmold versteigert. Im kleinen Rahmen, auf verschiedenen Privatinitiativen beruhend, wurde die Zucht der Senner noch bis 1945 in Lopshorn fortgesetzt.


Hinweise zur Verzeichnung des Bestandes

Der erste Zugang von Akten des Sennergestüts erfolgte im Jahr 1920. 1940 erfolgte ein weiterer Zugang von Senner Gestütsregistern. Diese Akten wurden im älteren (undatierten) Repertorium L 99 B erfasst.
Die neue Verzeichnung wurde November bis Dezember 2004 durchgeführt. Grundlage für die Bildung der Aktentitel war das bisher benutzte Repertorium. Die vorhandene Klassifikation ist erheblich verändert worden, indem inhaltlich verwandte Fächer zusammengefasst wurden. So enthält das Findbuch nunmehr 12 statt vorher 25 Titel.
Bewusst wurde darauf verzichtet, die im Verlaufszeitraum in der Pferdezucht gebräuchlichen Ausdrücke dem heutigen Sprachgebrauch anzugleichen, da sie sich im Allgemeinen gut erschließen lassen. Eine Ausnahme bildet vielleicht der Terminus „gefallene Fohlen, damit sind geborene Fohlen gemeint.
Einen Schwerpunkt des Bestandes bilden Decklisten und Gestütsregister. Sie reichen von 1706-1895 (Mutterstutenlisten bis 1945). Zu verweisen ist zu diesem Thema auch auf die Akten L 98 Nr. 641-642 „Angelegenheiten des Marstalls und des Sennergestüts Bd. 1-2.
Insgesamt umfasst der Bestand L 99 B 263 Nummern mit einer Laufzeit von 1666 bis 1945. Die letzte vergebene Nummer ist 263.

Der Bestand ist zu zitieren L 99 B Nr. …

Dr. Claudia Puschmann


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