Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.5. Wirtschafts-, Kataster- und Bauverwaltung
1.1.2.5.1. Wirtschaft und Finanzen
Rentkammer
Lippische Rentkammer - Allgemeine Kammersachen
L 92 A Rentkammer - Allgemeine Kammersachen
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 92 A

Name : Rentkammer - Allgemeine Kammersachen

Beschreibung :
Rentkammer oder kurz Kammer hieß bis zum Ende der Monarchie die Wirtschafts- und Finanzbehörde des Landes Lippe.

In der sich allmählich entwickelnden Zentralverwaltung des Territoriums zu Beginn der Frühen Neuzeit wurden Finanz- und Wirtschaftsangelegenheiten noch bis ins 17. Jh. von Mitgliedern der Kanzlei wahrgenommen. In erster Linie ging es um Wahrung und Verbesserung der landesherrlichen Einkünfte und Rechte, um Vorschriften über Abrechnung und Rechnungslegung der Ämter, die das Rückgrat der Finanzverwaltung bildeten.

Grundlage für die Entstehung einer eigenen Kammerbehörde schuf eine undatierte Kammerordnung von ca. 1610 (siehe L 92 A Nr. 1404 / Abschrift Ende 17. Jh.). Zuvor hatte man unter "Kammer" die landesherrliche Kassenverwaltung mit einem Kammerschreiber oder -sekretär verstanden. Nun erhielt die Kammer Anweisungsbefugnis gegenüber den Amtmännern (Beamten) und den Einnehmern (Rendanten) der Abgaben und Leistungen (Prästanda, Gefälle). Zwei der vorhandenen Räte wurden mit der Wahrnehmung der Kammergeschäfte betraut.

Während des 17. Jh. vollzog sich die entgültige Trennung der Kammer von der Regierung. Noch während des 30jährigen Krieges (wohl nach 1636) taucht ein besonderer Kammer-Rat auf, der bald auch ein eigenes Kammersiegel führt. Folgende Kammerordnungen weiten die Zuständigkeit des Kollegiums auf die Gebiete Landwirtschaft, Forstwirtschaft file://fn@01, Bauwesen, Gewerbe sowie Verwaltung des Domanial-Grundbesitzes aus.

Staatshaushalt und Hofhaltung, auch private und familiäre Bedürfnisse des Landesherrn waren in älterer Zeit noch nicht getrennt. Zur wirtschaftlichen und finanziellen Situation Lippes im 17. und 18. Jh. siehe die Vorbemerkung von W. Bender zum Findbuch L 63.

Der regierende Graf oder Fürst (bzw. die Regentin) kümmerte sich früher in heute kaum mehr vorstellbarem Ausmaß um Details der Regierungsgeschäfte, unterschrieb oft eigenhändig einen Abgabennachlass von wenigen Talern. Graf Simon August, dem die Sanierung der lippischen Finanzen in der 2. Hälfte des 18. Jh. zu verdanken ist, hinterließ seine Paraphe, ein verschlungenes SA (siehe unten *), tausendfach in den Kammerakten (seine Handakten betr. Rechnungswesen s. L 92 A Nr. 1623) file://fn@03 . Auch Fürstin Pauline und ihr Sohn Leopold II. genehmigten höchstpersönlich Verkäufe irgendwelcher Ackerstücke oder z.B. die Beschaffung einiger Tannenholzbretter für die Anfertigung eines Aktenrepositoriums.
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Die Trennung des Domanialvermögens vom Staatsvermögen, in Deutschland seit dem 18. Jh. üblich geworden und in der Schlussakte des Wiener Kongresses 1815 allen deutschen Fürsten aufgegeben, erfolgte in Lippe erst 1868 (siehe Bestand L 100: Direktion der Lippischen Fideikommissverwaltung).

Nach der Revolution von 1918 beschlagnahmte der Volks- und Soldatenrat das Domanium; 1919 wurde seine Verwaltung wieder der Rentkammer als Staatsbehörde übertragen (ein Teil verblieb als Fideikommiss dem ehemals regierenden Haus); ab April 1921 lautete die Behördenbezeichnung "Direktion der Domänen und Forsten".

1924 wurden im Zuge einer Neuorganisation Regierung und Rentkammer zu einer in Abteilungen gegliederten Behörde zusammengefasst. Damit endet die Geschichte der Lippischen Rentkammer und somit auch die Laufzeit dieses Bestandes. - Fortgeführte Akten sowie Folgebände zu hier verzeichneten Betreffen befinden sich im Bestand L 80.20 (Regierung/Landesregierung - Domänenabteilung) bzw. wurden während der Verzeichnung dorthin überwiesen.

Zeit ihres Bestehens hat sich die Kammer - wie aus vielen Formulierungen in den Akten hervorgeht - offenbar immer als eigenständigen Bereich neben der Regierung empfundenen. Das Nebeneinander der beiden Verwaltungen war in Lippe stets spürbar. Es gab auch immer eine Regierungs- und eine Kammerregistratur.

Der Bestand L 92 A umfasst hauptsächlich allgemeine und grundsätzliche Angelegenheiten, Anstellungen file://fn@02 , Organisation, Rechnungswesen aus allen Bereichen des staatlichen Wirtschafts- und Finanzwesens. Auf die Teilbestände L 92 B - L 92 Z wird verwiesen.

Vorliegende Verzeichnung ersetzt das bisher in Gebrauch gewesene maschinenschriftliche Behördenrepertorium, das teilweise noch auf Ordnungsarbeiten des Amtsrats Meyer von ca. 1786-1799 zurückgeht (siehe Vorbemerkung zum Bestand L 92 T 1 / Rentkammer - Kolonate). Die Akten gelangten - soweit es die leider recht ungenauen früheren Aufzeichnungen erkennen lassen - wohl in den Jahren 1911, 1912, 1921 und 1944 ins Landesarchiv (siehe D 29 Nr. 1269).

In erheblichem Umfang (42 Kartons / 212 Akten) wurden bisher noch völlig unverzeichnete Akten eingearbeitet (bis dahin pauschal am Ende einiger Titel als "xx Kartons unverzeichnet" vermerkt).

Der Bestand war in 208 Gliederungspunkte (Titel) unterteilt, die bei der Verzeichnung in 24 Gruppen zusammengefasst wurden. Die Reihenfolge der Titel + und der Akten wurde grundsätzlich beibehalten (auf Ausnahmen wird hingewiesen), so dass auf die Angabe einer laufenden Nummer und die Erstellung einer Konkordanz alte/neue Signatur verzichtet werden konnte ( + Titel 208 [Domanialvertrag] wurde der Gruppe 23 - Domanialgefälle, Grundbesitz - zugeordnet, Titel 206 [Lippstadt und Amt Lipperode] der Gruppe 16).



Detmold, im August 2008
gez. Arno Schwinger


Laut Vermerken in einigen Akten* sind diese "während des Krieges in der Ausweichstelle des Archivs auf der Meierei in Schwalenberg untergebracht gewesen und dort bei den Plünderungen im April 1945 zum Teil beschädigt und verloren gegangen." gez. S[ievert] 5.11.1945.




Literatur :
Kittel, Erich / Stöwer, Herbert / Sundergeld, Karl: Die älteren lippischen Landesgesetze und Ordnungen, in: Lippische Mitteilungen, 26 (1957), S. 48-78; Heidemann, Joachim: Das lippische Wirtschaftsleben und Finanzwesen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Westfälische Forschungen, 15 (1962), S. 143-171; Schiefer, Berbeli: Die Steuerverfassung und die Finanzen des Landes Lippe unter der Regierung Graf Simon Augusts (1734-1782), in: Lippische Mitteilungen, 32 (1963), S. 88-132; Contzen, Hans: Die lippische Landkasse. Ein Beitrag zur Finanzgeschichte Lippes, in: Lippische Mitteilungen, 8 (1910), S. 1-44; Contzen, Hans: Von den lippischen Finanzen im 18. Jahrhundert, in: Lippische Mitteilungen, 9 (1911), S. 85-131.