Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.3. Organisationen, Güter, Familien, Personen
1.3.2. Vereine, Verbände, Firmen
Jüdische Kultusgemeinde Detmold und Herford
D 109 Jüdische Kultusgemeinde Detmold und Herford
Permalink des Findbuchs


Signatur : D 109

Name : Jüdische Kultusgemeinde Detmold und Herford

Beschreibung :

Einleitung :

Vorbemerkung

Der vorliegende Bestand gelangte als Depositum unter der Zugangsnummer 52/1994 in das Nordrhein-Westfälische Staatsarchiv Detmold. Er umfasst 66 Verzeichnungseinheiten mit einer Laufzeit von 1890 bis 1981. Den größten Teil der überlieferten Akten bildet der Schriftwechsel der ehemaligen jüdischen Kultusgemeinde Detmold für den Zeitraum von 1945 (Neugründung nach dem Krieg) bis 1970, als sie nach dem Weggang ihres Vorsitzenden Tobias Blaustein mit der Gemeinde Herford zur "Jüdischen Kultusgemeinde Detmold und Herford" verschmolz.

Der Bestand enthält außerdem einen Archivband Korrespondenzen aus dem Zeitraum 1946 bis 1948 von Adolf Sternheim, dem Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde Lemgo, die sich 1950 nach Sternheims Tod mit der Gemeinde Detmold vereinigte (siehe Bestand D 72 Sternheim - Nachlass Adolph Sternheim). Außerdem enthalten sind sieben Archivbände der jüdischen Kultusgemeinde Herford, die v. a. für die Zeit von 1940 bis 1946 das Leben und Überleben der wenigen in Herford noch verbliebenen Juden zum Inhalt haben. Bei der Verzeichnung wurde der vorgefundene Ordnungszustand (alphabetische Ordnung nach Absender) bewusst beibehalten. Die beim Bestand verbliebenen Fotos, Dias und Bücher sind mit der Bildersammlung D 75 bzw. der Bibliothek verzahnt worden.

Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde Detmold nach dem 2. Weltkrieg

Nur einige wenige Mitglieder der ehemals jüdischen Gemeinde Detmold hatten den Holocaust überlebt. Sie kehrten im Mai 1945 aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nach Lippe zurück und konnten nach einigen Wochen wieder ihre alten Häuser und Wohnungen beziehen. Allerdings mussten sie dafür Miete an das Finanzamt zahlen, das die 1942 beschlagnahmten Immobilien im Auftrag des Reiches nach wie vor verwaltete. Da es an allem fehlte, wurde die Bevölkerung vom Detmolder Bürgermeister durch Verfügung vom 28.8.1945 zur Rückgabe des Judeneigentums aufgefordert, was zu vielen ungehaltenen Reaktionen führte. Jede weitere Sonderanschaffung musste unter großen Schwierigkeiten vom Wohlfahrtsamt der Stadt besorgt werden. Erst durch die Anweisung Nr. 20 der Militärregierung über Zonenpolitik vom 4.12.1945 wurden auch für Lippe Kreis-Sonderhilfsausschüsse eingerichtet. Für den Kreis Detmold ernannte die Militärregierung am 26.2.1946 den Rechtsanwalt Blanke aus Detmold, den Kraftfahrer August Strate aus Pottenhausen und Wilhelm Ehrmann aus Heidenoldendorf zu Mitgliedern.

Die durch den Kreis-Sonderhilfsausschuss als Opfer des Faschismus anerkannten Personen erhielten vorzugsweise Zuteilung von Wohnungen, Arbeit, Lebensmittelkarten usw. Im Juni 1946 traf aus Breslau ein Transport mit 43 Menschen in Detmold ein, die als Angehörige von "Mischehen" den Holocaust überlebt hatten, von den polnischen Behörden aber als Deutsche ausgewiesen worden waren, sodass die Gruppe der Juden im Kreis Detmold auf fast 50 Personen anwuchs. Am 15.7.1946 wurde dann offiziell in Detmold eine neue jüdische Kultusgemeinde für den Kreis Detmold gegründet. 1. Vorsitzender war Wilhelm Ehrmann (geb. 12.2.1891 in Nußloch bei Heidelberg, gest. 29.1.1950 in Maayan Zwi/Israel). Unterstützung bekam die Gemeinde in dieser Zeit von den jüdischen Hilfsorganisationen in England und den USA, so vom Jewish Committee For Relief Abroad in London, vom American Jewish Joint Distribution Committee mit Sitz in Bergen-Belsen und vom Landesverband der jüdischen Gemeinden Westfalen in Dortmund. Die Aufgaben, die der Vorsitzende der Gemeinde W. Ehrmann zu erledigen hatte, waren umfangreich: Organisation der sozialen Hilfe, Beratung der Gemeindemitglieder, Erteilung von Auskünften an lippische Juden in aller Welt, die nach ihren Angehörigen forschten, Unterstützung von Auswanderungswilligen, Durchführung von Sammlungen für die Haganah. Es gelang ihm schließlich auch nach vielen Mühen das Haus Gartenstraße 6, in dem sich von 1939 bis 1942 die jüdische Schule befunden hatte, wieder für die Gemeinde nutzbar zu machen. 1948 zogen hier einige alte Menschen ein. Jüdische Kinder erhielten wieder durch einen Privatlehrer zusätzlichen Unterricht. Es wurde ein Betraum eingerichtet und der erste feierliche Gottesdienst in der Synagoge Gartenstraße 6 fand zu Pessach 1948 statt. Vom 21. bis 23.3. veranstaltete das Jewish Committee For Relief Abroad im Detmolder Schloss eine Konferenz der jüdischen Juristen in der britischen Zone zu Fragen der "Wiedergutmachung" durch den Staat. Die Rückerstattung des den Juden durch Zwang entzogenen Eigentums wurde allerdings erst durch das Militärgesetz Nr. 59 vom 12.5.1949 (Britische Zone) angeordnet und es dauerte noch bis 1953, bis der Deutsche Bundestag das Bundesentschädigungsgesetz verabschiedete. 1950 verzichtete die Gemeinde auf die Rückgabe des alten Friedhofs zwischen der Spitzenkamptwete und der Richthofenstraße zugunsten der Stadt. Die alten Grabsteine wurden auf den "neuen" Friedhof Blomberger Straße überführt. Noch vorhandener Antisemitismus führte u.a. zu Schändungen jüdischer Friedhöfe in Horn (1948) und Schwalenberg (1950). Die unzureichenden Versuche der Justiz, die in der NS-Zeit an Juden in Detmold begangenen Verbrechen zu verfolgen, das Scheitern der Entnazifizierung und die Rückkehr der Belasteten in die Amtsstuben und in das politische Leben waren der Grund für viele Gemeindemitglieder, auszuwandern. Auch der 1. Vorsitzende Wilhelm Ehrmann ging 1949 mit seiner Familie nach Israel. Tobias Blaustein (geb. 1896 in Chemnitz, gest. 1993 in Frankfurt a.M.) wurde sein Nachfolger und führte im Mai 1950 nach dem Tod von Adolf Sternheim (geb. 14.9.1871 in Dortmund, gest. 19.4.1950 in Ilten, Kreis Burgdorf) die Vereinigung der jüdischen Gemeinde Lemgo mit der Detmolder Gemeinde herbei. Im städtischen Haus Allee 13 (alte Zählung) wurde 1955 ein neues Zentrum der Gemeinde mit einer Synagoge und Wohnungen für alte Menschen eingerichtet. Zur Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge 1938 wurde in der Lortzingstraße am 10. November 1963 eine von der Lippischen Landeskirche und der katholischen Kirchengemeinde Detmold gestiftete Gedenktafel angebracht. 1970 verließ Tobias Blaustein Detmold und die selbstständige jüdische Gemeinde für den Kreis Detmold mit ihren nur noch 10 Mitgliedern verschmolz mit der Gemeinde Herford zur "Jüdischen Kultusgemeinde Detmold und Herford".

Für die Benutzung des Bestands gelten die Vorschriften der Benutzungsordnung für die staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen.

Es ist nach der Bestellnummer zu zitieren: D 109 Nr. ...

Detmold, im Mai 1999

gez. Klinge

Ergänzungen

Die Verzeichnungseinheiten D 109 Nr. 67 (Farbdias über den jüdischen Friedhof in Detmold an der Spitzenkamptwete, ca. 1963), Nr. 65 (14 Farbdias zur Einweihung eines Gedenksteins in der Nähe des jüdischen Friedhofs in der Gartenstraße in Schlangen am 20.10.1963), Nr. 66 (15 Farbdias zur Einweihung eines Mahnmals auf dem Grundstück der Synagoge, dem heutigen Synagogenplatz der jüdischen Gemeinde Minden in Lübbecke, am 12.11.1961) und Nr. 68 (sieben Schwarz-Weiß-Dias aus Israel (möglicherweise Maayan Zwi), ca. 1950) wurden aus dem Bestand entfernt und unter den Signaturen D 75 Nr. 13854 und D 75 D Nr. 1743, 1836 und 1831 verzeichnet.

Detmold, im Juli 2015

Scholz

Weiterführende Hinweise

Der Bestand D 72 Sievert, Ernst (Nachlass Ernst Sievert) enthält Unterlagen der Detmolder Judenschaft aus der Zeit zwischen 1718 und 1791, die 1982 während der Restaurierungs- und Umbauarbeiten an der ehemaligen Synagoge in der Exterstraße 8 in Detmold gefunden wurden. Es handelt sich überwiegend um Bittschriften an die jeweiligen Fürsten, Entscheidungen durch Gerichte oder die Rentkammer, Verordnungen und Rechnungen über geleistete Arbeiten, Namenslisten, Geleiterteilungen, Reisekostenabrechnungen der Vorsteher der Judenschaft und Bescheinigungen über gezahlte Schutz-, Geleit- und Synagogengelder. Kopien der in diesem Bestand verzeichneten Unterlagen liegen im Bestand D 70 (Kleine Erwerbungen) unter der Signatur Nr. 187 vor. Unter den Kopien befindet sich auch eine Kopie eines hebräischen Gebetsbuches, das das zunächst unter der Signatur D 70 C Nr. 28 verzeichnet war, im Jahr 2010 an das Stadtarchiv Detmold abgebeben wurde und dort mittlerweile unter der Signatur DT N 19 vorliegt.

Die Akten Nr. 1272 bis 1280 des Bestands L 113 (Schriftgut von NSDAP und NS-Organisationen in Lippe) enthalten Unterlagen der Synagogengemeinde Detmold aus der Zeit zwischen 1782 und 1930, die im Rahmen der Plünderung jüdischer Wohnungen und Büros während der Pogromtage vom 9. bis 11.11.1938 oder in Einzelaktionen bei jüdischen Privatpersonen beschlagnahmt wurden. Diese umfassen Kassenangelegenheiten, Verzeichnisse steuerpflichtiger und stimmberechtiger Gemeindemitglieder, Steuerlisten, Familienverzeichnisse, Gebete zum Tod des Kommissionsrates Salomon Joel Herford und Tagebuchaufzeichnungen zu Reisen des Simon Niv.

Ein Teil der in der Zeit zwischen 1848 und 1938 entstandenen Aktenüberlieferung des Landesverbands der Synagogengemeinden in Lippe, der lippischen Synagogengemeinden Alverdissen-Barntrup, Bad Salzuflen-Schötmar, Bösingfeld, Cappel, Detmold, Lemgo, Oerlinghausen und Schwalenberg sowie einzelner Detmolder Gemeindemitglieder liegt unter der Bestandssignatur B 1/34 (Landesverband der Synagogengemeinden im Land Lippe) im Heidelberger Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland vor. Das von Jürgen Hartmann und Dr. Andreas Ruppert erstellte Findbuch ist auf der Homepage http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/INSTITUT/HAMBURG/detmold.htm einzusehen.

Im Bestand D 80 C (Optische Massenspeicher) liegt unter der Signatur D 80 C Nr.30 eine DVD mit einem am 28.6.1990 von Jürgen Hartmann und Wolfgang Müller in Frankfurt aufgenommenen Interview mit Tobias Blaustein, dem früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Detmold vor. Eine weitere Version des Interviews auf VHS ist unter der Signatur D 80 B Nr. 117 verzeichnet.

Einige der von dem ehemaligen Direktor der Lippischen Landesbibliothek und Leiter des Lippischen Landesarchivs, Dr. Eduard Wiegand, übernommenen Bücher der Detmolder Synagogengemeinde und aus jüdischem Privatbesitz befinden sich möglicherweise noch im Archiv der jüdischen Kultusgemeinde Herford-Detmold.

Detmold, im August 2015

Schumacher

Umfang : 11 Kartons = 66 Archivbände 1855-1988. - Findbuch: D 109.

Verweise :

Brade, Lutz; Brade, Christine; Heckmann, Jürgen; Heckmann, Jutta (Hrsg.): Juden in Herford (Herforder Forschungen, Bd. 4), Bielefeld [AJZ] 1990

Faassen, Dina van; Hartmann, Jürgen (Bearb.): ".... dennoch Menschen von Gott erschaffen" - Die jüdische Minderheit in Lippe von den Anfängen bis zur Vernichtung, Bielefeld [Verlag für Regionalgeschichte] 1991

Hengst, Karl; Olschewski, Ursula (Hg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen - Neue Folge, Bd. 10), Münster [Ardey] 2013

Juden in Lemgo und Lippe. Kleinstadtleben zwischen Emanzipation und Deportation. Forum Lemgo, Schriften zur Stadtgeschichte, Heft 3., Bielefeld 1988

Kolatch, Alfred J.: Jüdische Welt verstehen, Wiesbaden [Fourier Verlag] 1997

Meynert, Joachim; Klönne, Arno (Hrsg.): Verdrängte Geschichte, Verfolgung und Vernichtung in Ostwestfalen 1933-1945, Bielefeld 1986

Meynert, Joachim; Mitschke, Gudrun: Die letzten Augenzeugen zu hören. Intervies mit antisemitisch Verfolgten aus Westfalen, Bielefeld [Verlag für Regionalgeschichte] 1998

Müller, Wolfgang: Die jüdische Gemeinde Detmold in der Nachkriegszeit, in: Detmold in der Nachkriegszeit, S. 161-192, Bielefeld [Aisthesis Verlag] 1994

Müller, Wolfgang: Gartenstraße 6. Zur Geschichte eines Detmolder "Judenhauses" und seiner Bewohner (Panu derech - bereitet den Weg, Bd. 7), Detmold 1992

Oppenheimer, John F.; Gorion, Emanuel Bin; Lowenthal, E.G. (Hrsg.); Lexikon des Judentums, Gütersloh [C. Bertelsmann Verlag] 1967

Philo-Lexikon. Handbuch des jüdischen Wissens, Frankfurt a. M [Jüdischer Verlag] 1992

Pohlmann, Klaus (Bearb.): Vom Schutzjuden zum Staatsbürger jüdischen Glaubens, Quellensammlung zur Geschichte der Juden in einem deutschen Kleinstaat (1650-1900), Lemgo 1990

Pracht, Elfi: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil 3: Regierungsbezirk Detmold (Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern von Westfalen, Bd. 1,1), Köln [Bachem] 1998