Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
1. Staatsarchiv Detmold
1.1. Land Lippe (bis 1947)
1.1.2. Verwaltung, Justiz
1.1.2.6. Militaria
Dreißigjähriger Krieg in Lippe
Dreißigjähriger Krieg in Lippe (1621-1634)
L 56 Dreißigjähriger Krieg in Lippe (1621-1634)
Permalink des Findbuchs


Signatur : L 56-L 60

Name : Dreißigjähriger Krieg in Lippe

Beschreibung :

Einleitung :

Einleitung

In seinem pro Memoria zum Findbuch "Registratura und Repertorium Dreyssig Jährigen-Kriegs-Acten ab anno 1621 ad 1634" (L 56) bemerkte Knoch am 6. Januar 1796 (wohl eher 1797) einleitend, seine für seine Verhältnisse mitunter etwas flachere Verzeichnung und ohne seine sonst vielzähligen und vielfältigen Verweise ("remissoria") auf andere Bestände erläuternd:

"Ich habe lange den äusserst verworrenen Zustand dieses Rubri zu ordiniren und genau zu durch sehen Bedencken genommen, woferne nicht sehr viele dahin nicht einschlagende Materien darunter beyhanden gewesen wären, welche nothwendig um der Ordnung willen in andere Rubra annoch eingeschaltet werden müssen und das Übrige als unnütze Chartequen, welche propter historica noch ihren guthen Nutzen angesehen werden möchten.

Freylich lohnte es wohl nicht der Mühe sich lange dabei aufzuhalten, in dem zum Endzweck der Registratur weiters nichts als das nothwendigste daraus anzumercken nöthig wäre, um nur eine allgemeine Ordnung aus dem Chaos zu machen, damit man nur die damalige betrübte unglaubliche Zeiten daraus ersehen möge."

In der Tat werden anhand der von Knoch erschlossenen Akten nicht nur die Kriegsläufte (auch vielzählige Mitteilungen über das benachbarte "Ausland") beleuchtet, die Archivalien geben auch profunden Einblick in die Alltagsgeschichte und das Leid der Menschen in Stadt und Land (z.B. Selbstzeugnis über die erschütternden Lebensumstände des Oerlinghauser Pastors J. Martheus in L 58 Nr. 65 und zahlreiche andere "Ego-Dokumente" mehr), hervorgerufen durch seit 1623 bis in die Nachkriegszeit immer wiederkehrenden Einquartierungen und Durchmärsche der Kriegsparteien, die drückenden Kontributionen und Lieferungen aller Art an diese - den vielen Dutzenden von erhaltenenen Schutzbriefen der Kriegsparteien für die Grafschaft Lippe zum Trotz - sowie die zahlreichen Plünderungen, Brandschatzungen, Räubereien etc. der Soldateska und halbmilitärisch-ziviler Räuberbanden (Schnapphähne). Dabei ist festzustellen, dass sich die Bürger und Bauern mitunter auch mit Widerstand, Gewalt und Totschlag durchaus zu wehren wussten, was zahlreiche Aktenstücke sinnfällig belegen, und dass die Soldaten und ihre Begleiter/innen mitunter auch bittere Not litten.

Obschon die bereits vor dem Kriege finanziell angeschlagene Grafschaft neutral war, wurde das Land mit zunehmender Kriegsdauer (v.a. seit den beginnenden 1630er Jahren) durch Kontributionen, Einquartierungen, Plünderungen, Hand- und Spanndienste, Fourage- und Naturallieferungen, Holz- und Palisadenlieferungen sowie Seuchen immer mehr verheert und finanziell völlig ruiniert. Städte wechselten ihre ausländischen Besatzungen z.T. mehrfach, und die sich mit "Reiterpartien" bekämpfenden Schweden und Kaiserlichen und sonstigen Kriegsparteien bezogen Quartier in benachbarten Städten, deren Bevölkerung sich immer mehr reduzierte bzw. "verlief", während auf dem platten Lande viele Höfe wüst fielen. Lippe war, wie gesagt, nie Partei, konnte es aber nicht verhindern, dass die sich bekriegenden Truppen das Land auspressten und die erzwungene Untertstützung der Gegenpartei zum Vorwand für eigene Forderungen nahmen. Die ewigen Querelen der Repräsentanten der meist vormundschaftlichen Detmolder Regierung mit Graf Otto zur Lippe-Brake taten ein Übriges zur Zerrüttung der lippischen Verhältnisse. Nach Kriegsende hatte das Land einen Geldverlust von über zwei Millionen RT, die privaten Verlust durch Raub und Plünderungen nicht mitgerechnet. Die Bevölkerungszahl war um rund ein Drittel des Vorkriegsstandes gesunken. Aber auch nach dem Westfälischen Frieden war die materielle Not für Lippe noch nicht vorbei. Es mussten Kriegsentschädigungsgelder an die Schweden gezahlt werden und die kaiserlichen Truppen des Philipp Ludwig Herzog von Schleswig-Holstein-Sonderburg blieben noch zwei Jahre im Land und pressten dieses aus, weil dieser als Witwer der Katharina geb. Gräfin zu Waldeck-Wildungen und vormalige Gattin des Grafen Simon Ludwig zur Lippe diverse Forderungen an die Grafschaft stellte.

Dem Pertinenzprinzip geschuldet, ordnete Knoch die zahlreichen und verunordneten Verfolge nach Betreffen und chronologisch (nicht immer konsequent und mitunter recht willkürlich). Das führt dazu, dass man einzelne Vorgänge, z.B. die Plünderung einer Ortschaft oder den Durchmarsch eines Regimentes, gleich in mehreren VZE finden kann (z.B. Korrespondenzen mit den Heerführern, mit dem stets widerborstigen Graf Otto zur Lippe-Brake oder unter Kontributionszahlungen) und sie an anderer Stelle (z.B. Ortsbtr., Durchmärsche), wo sie zu erwarten wären, vermisst oder nur teilweise antrifft. Mit anderen Worten, man kommt zumeist nicht umhin, mehr oder weniger alle Akten zu einem Jahrgang im Original zu konsultieren.

Für die familienkundliche, lokal- und hofgeschichtliche Forschung sind die Unterlagen ("Vorkirchenbuchzeit"!) mit ihren umfangreichen Namen- und sonstigen Listen von herausragender Bedeutung, denn es gibt wohl keine lippische Ortschaft, zu der solche Namenlisten - auch zu verschieden Jahrgängen - nicht vorhanden sind.

Die Übertragung des Ende 1796 angefertigten Knochschen Findbuchs nach VERA erfolgte im Rahmen der Konvertierung analoger Findmittel. Für die vorliegende Neuverzeichnung mit nunmehr 209 VZE (Laufzeit 1620-1634) wurden auf Grundlage des Knochschen Repertoriums nach modernen Verzeichnungsgrundsätzen Aktentitel gebildet und dabei neue fortlaufende Signaturen vergeben (Vorarbeiten früherer archivarischer Hand). Die ursprüngliche chronlogische Gliederung wurde nicht verändert.

Auf die Prüfung des Vorhandenseins jedes einzelnen von Knoch aufgeführten Vorgangs (mitunter Einzelblattverzeichnung) sowie auf sachliche Korrekturen, ob etwa eine Verzeichnungseinheit besser zu einem anderen Gliederungspunkt passt oder ein Vorgang in einen anderen Aktenband, wurde weitesgehend verzichtet; dies ist im Rahmen einer einigermaßen zügigen, digitalen Erschließung der Knochschen Bestände nicht zu leisten. Denn eine so gründliche Erfassung des Akteninhalts wie vor über 200 Jahren ist unter heutigen Umständen nicht mehr möglich. Zusätzlich werden deshalb die Knochschen Repertorien aufgrund ihrer tiefen Erschließung - die allerdings nicht von der eigenen Akteneinsicht enthebt - als "Images" online gestellt (VZE Nr. 999). Die Benutzung des Knochschen Findbuchs bzw. der scans bleiben für eine detaillierte Recherche und eine seriöse Forschung weiterhin unverzichtbar.

Es ist nach Bestellnummer zu zitieren: L 56 Nr.

Detmold, im September 2016

Wolfgang Bender

Umfang : 205 Kartons = 1055 Archivbände 1616-1656. - Findbücher: L 56 - L 60.

Verweise :

B. Rinke, Lippe 1618-1648. Der lange Krieg. Der ersehnte Frieden, Detmold 1998.

R. Stegmann, Die Grafschaft Lippe im dreißigjährigen Kriege, in: Lippische Mitteilungen Bd. 3 (1905), S. 1-153.

E. Kittel, Heimatchronik des Kreises Lippe, 2. Aufl. Köln 1978, S. 129-133.

Ergänzungsüberlieferung:

L 7, L 10, L 12, L 13, L 42-49, L 17-36



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