Vereinigte Westfälische Adelsarchive e.V.
Tat Tatenhausen (AD)
Tat.Kol - Kolonate
Tat.Kol - Archiv Tatenhausen, Kolonate
Permalink des Findbuchs


Signatur : Tat.Kol - Kolonate

Name : Kolonate

Beschreibung :

Einleitung :

Im Rahmen des Referendariates für den Höheren Archivdienstes haben Thomas Brakmann und Antje Diener-Staeckling im November und Dezember 2006 den Akten- und Urkundenbestand "Tatenhausener Kolonate", der Teil der Überlieferung des Gutsarchivs Tatenhausen ist, verzeichnet. Das Archiv des Gutes Tatenhausen, dem Stammsitz der Familie Korff genannt Schmising, gelangte 1995 als Depositum in das LWL-Archivamt für Westfalen.

Der Bestand umfasst Unterlagen von etwa 600 Jahren (vom frühen 14. bis zum frühen 20. Jahrhundert), wobei ein Großteil der 536 Verzeichnungseinheiten aus der Zeit zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert stammt.

Der Bestand "Archiv Tatenhausen, Kolonate" vereint die Unterlagen zu Kolonaten ohne ein Hauptgut und von Höfen, die zum Gut Tatenhausen gehörten. Im Einzelnen umfasst der Bestand die Kolonate ohne Hauptgut im Fürstbistum Münster und in der Grafschaft Tecklenburg, die in den Kirchspielen Beelen, Clarholz, Hoetmar, Holtwick, Lienen, Osterwick, Rheine, Füchtdorf, Milte, Roxel, Warendorf, Ostbevern und Westbevern (Alte Registratursignatur K 16) liegen, des Weiteren die Kolonate ohne Hauptgut im Fürstbistum Osnabrück in den Kirchspielen Dissen, Oesede, Schledehausen, Glane, Hilter, Glandorf und Laer (Alte Registratursignatur K 18), und schließlich die Tatenhausener Kolonate im Kirchspiel Hörste in der Grafschaft Tecklenburg, wozu auch jene Kolonate gehörten, mit denen Korff-Schmising von der Abtei Herford belehnt wurde (Alte Registratursignatur K 20), sowie diejenigen Kolonate, die den Zehnten zu Kleikamp zu leisten hatten und ein Lehen des Paderborner Domkapitels waren (Alte Registratursignatur K 21, K 23).

Der Bestand beinhaltet ferner jene Unterlagen der direkt zum Gut Tatenhausen gehörigen Kolonate in der Grafschaft Ravensberg, und zwar in den Kirchspielen Halle, Hörste und Borgholzhausen (Alte Registratursignatur K Y) und in den Kirchspielen Versmold, Bockhorst, Werther, Bielefeld und Schildesche (Alte Registratursignatur K X); darüber hinaus die Hofesakten der Kolonate im Fürstbistum Osnabrück in den Kirchspielen Laer und Dissen (Alte Registratursignatur K M) und in den Kirchspielen Glandorf, Glane, Oesede und Schledehausen (Alte Registratursignatur K V).

Der Herr zu Tatenhausen war als Grundherr Eigentümer des von den Kolonen bearbeiteten Landes und zugleich Eigenherr der darauf sitzenden Bewohner. Die Eigenhörigkeit, wozu immer auch die Eigentumsrechte des Herrn an Grund und Boden zäh len, war als Rechtsverhältnis auf personen- und sachrechtlichem Gebiet wirksam. Die Eigenhörigen von Tatenhausen waren mit ihrer Familie dem Gutsherr Korff-Schmising zu Leistungen verpflichtet, die entweder an seine Person oder an sein Kolonat geknüpft waren. Insofern waren sie wegen ihrer Abgaben und Leistungen für die Familie des Grundherrn ein wichtiges "Kapital", über das es - wie über das sonstige Vermögen des Grundherrn - sorgfältig Buch zu führen galt: es wurden genau die Anzahl, der Familienstand, das Alter, die Rechte und der Besitz eines jeden Mitgliedes der Eigenhörigen eines Kolonats aufgezeichnet. Freilassungen, Wechsel und Eigengebungen wurden als wichtige Rechtsgeschäfte beurkundet.

Die Kolonatsakten beinhalten darüber hinaus in der Regel eine ausführliche Dokumentation der Eigenhörigkeitsabgaben, die sich in personenrechtliche Abgaben und Leistungen (Geldzahlungen für Frei- und Wechselbriefe; Beddemundzahlung bei vor- und außerehelicher Schwängerung; Sterbfallzahlung; halbjährige Zwangsdienste der erwachsenen Kinder auf dem Hauptgut des Grundherrn), besitzrechtliche Abgaben (u.a. Mahlschwein sowie Antrittsgelder wie Weinkaufzahlungen, Auffahrten und Gewinnbriefe), Dienste (Wochendienste, Jahresdienste und Fuhrdienste) und Ertragsrenten (Getreide und Vieh), die sich an der Größe des Kolonats orientierten und etwa 10 % des Ertrages umfassten. Vielfach schlägt sich in den Kolonatsakten auch die Kapitalisierung der Spanndienste oder der Naturalabgaben nieder. Umfangreich und oft sehr aufschlussreich sind auch die Sterbfallsprotokolle, die - zumindest von ihrer Zielsetzung her - den gesamten beweglichen Besitz eines Eigenhörigen nach seinem Tode als Inventar aufführen. Frei- und Wechselbriefe ermöglichen dem Eigenhörigen, nachdem die Nachfolge auf dem Heimat-Kolonat geklärt war, die Entlassung aus der Abhängigkeit zum Grundherrn. Während ein Freibrief die grundsätzliche Freilassung beinhaltete, ermöglichte ein Wechselbrief nur den Übergang in eine andere Grundherrschaft. Diesem Austausch ging meist ein Kurzettel voraus, in dem ein Grundherr dem anderen den Wechsel vorschlug und dabei bis zu drei Personen benannte, unter denen der andere Grundherr auswählen sollte.

Neben den Hinweisen zu Geldzahlungen und Leistungen von Spanndiensten, finden sich in den Kolonatsakten Unterlagen zur Wirtschaftsführung der Höfe, Veränderungen im Besitzstand, die immer die Erlaubnis des Grundherrn bedurften (Grundstückstausch, Grundstückskäufe), grundherrliche Genehmigungen zur Aufnahme von Anleihen auf das Kolonat sowie Rechtsstreitigkeiten mit dem Grundherrn oder mit anderen Kolonen.

Die Kolonatsakten gewähren aber nicht nur einen umfassenden Einblick in die Zeit der Leibeigenschaft und in die Praxis der Grundherrschaft im östlichen und westlichen Münsterland, sondern sie spiegeln den konkreten regionalen Verlauf des in Deutschland im 19. Jahrhundert stattfindenden Prozesses der Bauernbefreiung sowie der Ablösung der grundherrlichen Rechte. Die politischen Veränderungen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Westfalen (u.a. Aufhebung des Fürstbistümer, Wechsel zwischen Preußen und Franzosen) führten letztlich zur Bauernbefreiung. Diese brachte der Landbevölkerung zwar die persönliche Freiheit und schenkte den Kolonatserben ihren Hof, führte aber auch zu tiefgreifenden Veränderungen. Die bisherigen Rechte mussten abgelöst werden, was den kapitalschwachen Bauern oft nicht sofort möglich war, weshalb die Ablösung der Lasten in einem langgestreckten Prozess gegen Zahlung einer Rente ermöglicht wurde (vgl. die Anlegung der Hypothekenbücher). Zudem war die Bauernbefreiung mit technischen Besonderheiten verbunden, deren Kosten die Bauern zu tragen hatten: die Einrichtung des Grundkatasters, Abschätzung des Grund und Bodens zur Modifikation der Grundsteuern, Markenteilungen und Katastererstellung.

Aus rechtshistorischer Sicht lassen die Unterlagen den Wandel einer durch Abgaben und Dienste geprägten agrarischen Arbeitsverfassung hin zu einem freien selbständigen Bauerntum nachvollziehen. Trotz legislatorischer Maßnahmen gelang es sehr spät tiefgreifende und nachhaltige Agrarreformen durchzusetzen. Auch die Stellung der Frau in Westfalen und Fragen des Güter- und Erbrechts lassen sich anhand der Quellen erörtern.

Neben Rechtshistorikern dürften Genealogen, Regionalhistoriker sowie die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Forschung in den sehr umfangreichen Kolonatsakten reichhaltiges Material für ihre Forschungen finden.

Der Bestand wurde wie das gesamte Gutsarchiv Tatenhausen in den Jahren 1821 bis 1824 von Johann Heinrich Waldeck (1768-1840) verzeichnet. Waldeck ordnete das Archiv neu und erstellte ein umfangreiches und sehr ausführliches Findmittel, das die Grundlage für die vorliegende Verzeichnung und Klassifikation war. Er führte die zu einem Kolonat gehörigen Unterlagen zu einzelnen Paketen zusammen; zusammengehörige Schriftstücke wurden in einfachen Umschlägen voneinander getrennt, auf denen der Titel und häufig auch ein Kurzregest vermerkt war. Waldeck trennte offenbar auch die "historische" Kolonatsakte, die die Unterlagen von den Anfängen bis etwa 1800 vereinigt, von der Handakte für die laufende Verwaltung des Kolonats, die insbesondere die Ablösungsunterlagen umfassten. Daher liegen für zahlreiche Kolonate zwei Akten vor. Im Zuge der Verzeichnungsarbeiten wurden die Akten zudem gesäubert, umgebettet und die säurehaltigen Umschläge entfernt.

Ein Teil der Unterlagen wurde in den 1920er und 1930er Jahren durch den "Wanderarchivar" Max Geyer von Schweppenburg neu geordnet (Alte Registratursignaturen K 16, K 18, K 20 und K 21; etwa Nr. 1-328). Die übrigen Kolonatsakten (Alte Registratursignatur K M, K V, K X, K Y; Nr. 329-537) - in der Regel die historischen Akten -, waren in dem Zustand, wie sie Johann Heinrich Waldeck hinterlassen hatte.

Der Klassifikation der Neuverzeichnung liegt die regionale Ordnung der Herrschaften und Kirchspiele zu Grunde. Der Aktenbestand "Archiv Tatenhausen, Kolonate" wird durch 123 Pergamenturkunden des 14. bis 18. Jahrhunderts ergänzt, die aus bestandserhalterischen Gründen den Akten entnommen wurden, um insbesondere die Siegel zu schützen. Die Urkunden wurden durch Kurzregesten erschlossen und mit Verweisen zu den jeweiligen Verzeichnungseinheiten der Akten versehen.

Der Bestand ist zu zitieren: Archiv Tatenhausen, Kolonate, Nr. XX.

Die Bestandssignatur lautet: Tat.Kol.Nr. XX.

Thomas Brakmann, Antje Diener-Staeckling

Umfang : 10,00



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