Westfälisches Literaturarchiv
Schriftsteller
Erwin Sylvanus
1035 - Erwin Sylvanus
Permalink des Findbuchs


Signatur : 1035

Name : Erwin Sylvanus

Beschreibung :
Vorwort:

Der Teilbestand Erwin Sylvanus - ergänzend zu seinem 1987 von der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund aus den Dichterhäusern in Völlinghausen/Möhnesee und auf der Insel Aegina/Griechenland übernommenen sehr umfangreichen echten Nachlass (vgl. dazu den Arbeitsbericht von Hans-Christian Müller, in: Literatur in Westfalen 1, 1992, S. 245-251) - war im Besitz von Jürgen P. Wallmann (1939-2010), der seit 1973 als freiberuflicher Publizist und Kritiker in Münster lebte und viele zeitgenössische Autoren kannte und sie freundschaftlich begleitete. Zusammen mit dem Nachlass J. P. Wallmanns wurde auch der Bestand Erwin Sylvanus im Juli 2010 dem Westfälischen Literaturarchiv übergeben. Der Teilnachlass umfasst 46 Verzeichnungseinheiten mit Unterlagen von 1925 bis 1986. Er ist benutzbar im Lesesaal des LWL-Archivamtes und zu bestellen bzw. zu zitieren als: Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt für Westfalen (WLA), Bestand 1035/Nr. [...]. Ein Online-Findbuch kann auf der Website des LWL-Archivamtes bzw. über das Internetportal NRW-Archive abgerufen werden.

1. Anmerkungen zu Biographie und Werk

Erwin Sylvanus wurde 1917 in Soest geboren und wuchs dort und später in Dortmund-Hombruch auf. Am Soester Archigymnasium legte er 1937 sein Abitur ab (eine Festschrift zum Abitur enthält Gedichte von Sylvanus, 1035/Nr. 34). Danach meldete er sich freiwillig zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht. Bereits als Schüler war er als Pressestellenleiter für die in Soest organisierte Hitlerjugend tätig gewesen (vgl. ein von ihm verfasstes Tagebuch einer Ostpreußenfahrt, 1035/Nr. 35); für die Soester Lokalpresse schrieb er seit Mitte der 30er Jahre journalistische und essayistische Arbeiten. Während des Krieges veröffentlichte Sylvanus zwei Erzählungen, die in Westfalen spielen ("Der ewige Krieg", 1942; "Der Dichterkreis", 1943). Sowohl seine literarischen als auch seine publizistischen Beiträge belegen seine damalige Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie. Schwer verwundet kehrte Sylvanus aus dem Krieg zurück und verbrachte mehrere Jahre in Krankenhäusern und Sanatorien. Seit 1953 lebte er als freier Schriftsteller in Soest und Völlinghausen am Möhnesee, hatte zeitweise Wohnsitze in der Schweiz und in England und besaß seit den 70er Jahren auch ein Haus auf der griechischen Insel Aegina. In seiner Geburtsstadt Soest ist Erwin Sylvanus 1985 gestorben.

In den 1950er Jahren distanzierte sich Sylvanus von seiner Haltung in der NS-Zeit und vertrat einen engagierten Humanismus. Der Journalismus half ihm, sich als freier Autor zu etablieren. In der Anfangszeit des "Westfalenspiegels" (1951ff.) unterstützte er die Redaktion unter Clemens Herbermann und verantwortete u. a. eine ständige Rubrik zu Kunstausstellungen in Westfalen-Lippe. Parallel arbeitete er an einer eigenen literarischen Karriere. Ein erster internationaler Erfolg war sein 1957 uraufgeführtes Theaterstück "Korczak und die Kinder", das den polnischen Arzt, Dichter und Pädagogen Janusz Korczak, der 1942 mit den jüdischen Kindern seines Warschauer Waisenhauses in den Tod ging, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Das Stück wurde zu einem der meistgespielten deutschen Nachkriegsdramen mit über 120 Inszenierungen und Übersetzungen in 15 Sprachen. Nachfolgend avancierte Sylvanus zu einem vielbeschäftigten Bühnen-, Rundfunk- und Fernsehautor. Er war Mitglied des P.E.N. und der Dortmunder "Gruppe 61", hatte sich zuvor bei westfälischen Dichtertreffen - vor allem 1956 in Schmallenberg - sehr für einen Anschluss der regionalen Literatur an die literarische Moderne eingesetzt und 1957 die Vergabe des Droste-Preises an Ernst Meister mitbewirkt. Für seine literarische Auseinandersetzung mit Themen wie Hass, Gewalt, Willkürherrschaft und Unmenschlichkeit wurde er 1959 mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet - dem bis 1943 in Berlin wirkenden Rabbiner hatte Sylvanus ein Theaterstück und eine Hörfolge gewidmet - und erhielt 1960 die Jochen-Klepper-Medaille in Erinnerung an den 1942 mit seiner jüdischen Familie in den Freitod gegangenen Dichter.

2. Bestandsstruktur und Bearbeitung

Als Materialgruppen lagen bereits getrennt vor: Werkmanuskripte, Korrespondenzen, persönliche Dokumente sowie Sammlungen (Theaterprogramme, Presseausschnitte, Veröffentlichungen Erwin Sylvanus' sowie fremder Autoren). Auf die Ordnung des Bestandsbildners zurück ging wohl lediglich ein Holzkasten mit Privatkorrespondenz aus der Zeit 1938 bis 1945, darunter viele Feldpostbriefe, u. a. des mit Sylvanus befreundeten Walter Grasemann, dem auch einige der Dramenmanuskripte gewidmet sind.

Die Bestandsklassifikation entspricht dieser Überlieferung: Vorangestellt sind die Werkmanuskripte (23 Verzeichnungseinheiten), in der Mehrzahl Reinschriften von Theaterstücken, von Rundfunksendungen und Filmdrehbüchern. Die Korrespondenzen (12 VE) wurden in der vorgefundenen Ordnung belassen; lediglich die separat im Holzkasten aufbewahrte Privatkorrespondenz ist in zwei Bänden neu formiert (1035/Nr. 23 und Nr. 33). Hervorzuheben ist ein Briefwechsel mit Siegfried Unseld resp. dem Suhrkamp-Verlag v. a. zu dem 1973 bei Suhrkamp erschienenen Band mit drei Theaterstücken (1035/Nr. 22). Wichtige Einzelkorrespondenzen, etwa zu seinem Engagement für die "Gruppe 61", sind durch Sachbetreffe ausgewiesen. Als Lebensdokumente (2 VE) enthalten sind Porträtfotos, eine "Soester Chronik" (1944), die Abitur-Festschrift (1937), das von Sylvanus geschriebene Tagebuch einer Ostpreußenfahrt (1936). Die Sammlungen (9 VE) enthalten Theaterprogramme, darunter 21 Programmhefte zu "Korczak"; Presseausschnitte zu Aufführungen von Stücken, zu Fernseh- und Hörspielproduktionen; Veröffentlichungen Erwin Sylvanus' 1936 bis 1981 (enthalten auch die erste selbständige Publikation: Jahresring. Erlebnisreihe der Jungen des Bannes 132 der Hitler-Jugend im Jahre 1936. Soest 1936); Veröffentlichungen anderer Autoren 1938 bis 1982.

Im Rahmen eines freiwilligen Praktikums im LWL-Archivamt für Westfalen wurde der Bestand von Tobias Hachmann im Oktober 2011 erstverzeichnet; die Redaktion seiner Verzeichnung sowie das Vorwort zum Findbuch wurden im Januar 2012 von der Facharchivarin besorgt.

3. Literaturhinweise

Die wichtigsten bio-bibliographischen Angaben zu Erwin Sylvanus enthält der Eintrag in der Datenbank "Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren" (www.lwl.org/literaturkommission/alex/index.php), auf der Grundlage und in Fortführung des vierbändigen "Westfälischen Autorenlexikons 1750-1950" im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hrsg. und bearb. von Walter Gödden und Iris Nölle-Hornkamp, Paderborn: Schöningh Verlag, 1993-2002. Das Wirken Erwin Sylvanus' für die "Gruppe 61" ist dokumentiert in: Schreibwelten - erschriebene Welten. Zum 50. Geburtstag der Dortmunder Gruppe 61. Hrsg. v. Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande. Essen 2011 (Schriften des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt 22).

Zitierweise: Westfälisches Literaturarchiv, Best. 1035/lfd. Nr.


Anfang  Erweiterte Suche
Warenkorb  Drucken