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Fremdarbeiter/innen in kirchlichen Einrichtungen

Zwangsverpflichtet in einer kirchlichen Einrichtung des Bistums Aachen

Der eigene Weg der Katholischen Kirche

Zwangsarbeit während der nationalsozialistischen Herrschaft ist nach inzwischen allgemeiner Einschätzung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen – und damit auch eines der katholischen Kirche. In den letzten Kriegsjahren wurden vermehrt von Pflege- und Krankeneinrichtungen Fremdarbeiter und Fremdarbeiterinnen angefordert: Ohne deren Hilfe konnte der Betrieb nicht aufrechterhalten werden, da das übrige Personal zum Wehrdienst eingezogen war. Außerdem bestand seitens des NS-Regimes Interesse am Aufrechterhalten der Lazarette wie der Landwirtschaft. Unabhängig vom gemeinsamen Entschädigungsfonds von Staat und Wirtschaft entschied sich die Deutsche Bischofskonferenz im Sommer 2000 für eine direkte Entschädigung, um der kirchlichen Mitverantwortung gerecht zu werden. Hierfür stellten die deutschen Bistümer fünf Millionen Mark bereit. Alle in katholischen Einrichtungen eingesetzten Fremd- bzw. Zwangsarbeiter/innen sollten möglichst schnell und unbürokratisch entschädigt werden.

Der Generalvikar des Bistums Aachen Manfred von Holtum gab Mitte Juli 2000 den Auftrag, Umfang und Art des Einsatzes von Fremdarbeitern/innen in katholischen Einrichtungen oder anderen kircheneigenen Bereichen zu ermitteln. „Es ist uns daran gelegen, Informationslücken zu schließen und zu prüfen, ob und in welchem Umfang seitens des Bistums oder von Pfarreien bzw. seitens der hier ansässigen Orden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt wurden, welche Arbeiten sie verrichtet haben und wie sie versorgt wurden“, so lautete sein Arbeitsauftrag. Das Bistum setzte sich das Ziel einer umfassenden Aufarbeitung, konzentrierte sich aber zunächst auf die personenbezogene Recherche, um Betroffenen eine baldige Entschädigungsleistung zukommen zu lassen. Listen mit recherchierten Namen werden nach wie vor an den Suchdienst des Deutschen Caritas-Verbandes weitergegeben, um Überlebende ausfindig zu machen. Ein besonderes Anliegen des Bischofs von Aachen, Dr. Heinrich Mussinghoff, war, mit all den ehemaligen Fremdarbeiter/innen, die seiner Einladung folgen konnten, selber Kontakt aufzunehmen : Mit dieser ganz persönlichen Versöhnungsgeste wollte der Bischof ausdrücken, dass die Kirche sich der Verantwortung stellt: Sie nahm Menschen in ihren Dienst, die nicht freiwillig in Deutschland waren oder freiwillig für die Kirche Arbeit leisteten.


Stand der Recherche

Noch ist es zu früh, ein abschließendes Ergebnis der systematischen Suche vorzustellen, da die Recherchen des Suchdienstes des Deutschen Caritasverbandes noch nicht abgeschlossen sind. Bereits jetzt kann man jedoch davon ausgehen, dass es aufgrund der fragmentarischen Überlieferung nie ein vollständiges Bild geben wird. Die schlechte Quellenlage machte sehr zeitaufwendige Recherchen notwendig, mit schnellen Ergebnissen war von Anfang an nicht zu rechnen. Es werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um weitere Entschädigungsleistungen zu ermöglichen. Inzwischen sind bistumsweit 139 gesicherte Personennamen sowie namentlich nicht näher bestimmte Hinweise auf 115 Fremdarbeiter/innen bekannt. 22 Personen (in drei Fällen an deren Erben) wurde nach der Prüfung eine Entschädigung bewilligt, 26 sind als verstorben bekannt. Es überwiegen eindeutig die Arbeiter und Arbeiterinnen aus dem Osten. Als Einsatzorte hatten vor allem Krankenhäuser Bedarf an ausländischen Arbeitskräften.
An Arbeitsgebieten kann man nennen: Beschäftigung in Landwirtschaft, Aufräumarbeiten, Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten nach Kriegsbeschädigungen, Hilfe im Haus, Garten-, Schreiner- oder Anstreicherarbeiten, Küchendienste, Einsatz in der Pflege, Hilfstätigkeiten. Man darf davon ausgehen, dass die in kirchlichen Beschäftigten im allgemeinen bessere Bedingungen vorfanden als diejenigen, die in der Industrie tätig wurden. Aber dies soll nicht überdecken, dass die Zwangsverpflichtung Unrecht war – auch in kirchlichen Einrichtungen.

Die Suche nach aussagekräftigen Dokumenten, die den Einsatz von Fremdarbeitern/innen belegen können, endet oft ergebnislos, da Unterlagen aus der Zeit vernichtet sind. Nach wie vor ist das Bischöfliche Diözesanarchiv an Zeitzeugenaussagen und anderen Hinweisen sehr interessiert.


Birgit Osterholt-Kootz