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Stadtarchiv Witten: Gedenkveranstaltung zum 9. November

„Wenn ich alles vergesse, das nie.“ – Erinnerungen Wittener Jüdinnen und Juden an die Reichspogromnacht 1938

 

Zur diesjährigen Gedenkveranstaltung zum 9. November in Erinnerung an den Novemberpogrom gegen die jüdische Bevölkerung und an die von Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesetzte Wittener Synagoge werden Schüler und eine Schülerin des Ruhr-Gymnasiums und die Leiterin des Stadtarchivs Witten, Dr. Martina Kliner-Fruck, aus Zeitzeugnissen vorlesen. Bei den Selbstzeugnissen handelt es sich um von ehemaligen Wittener Jüdinnen und Juden verfasste Texte, die im Stadtarchiv Witten gesammelt und redaktionell bearbeitet wurden. Eine Auswahl dieser Quellen wird an einem der authentischen Orte des damaligen Geschehens, dem Ort der ehemaligen Wittener Synagoge, vorgelesen, ergänzt durch Informationen zu den Verfolgungsschicksalen der Betroffen.

 

Die Bürgermeisterin der Stadt Witten, Sonja Leidemann, wird die Gedenkveranstaltung eröffnen und zur gemeinsamen Kranzniederlegung aufrufen.

 

Veranstaltungsort: Synagogendenkmal, Breite Straße Ecke Synagogenstraße, ab 17 Uhr

Veranstalter: Stadt Witten / Kulturforum Witten in Kooperation mit dem Freundeskreis der Israelfahrer e. V. und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Witten

 

 

Weitere Formen des Gedenkens am 9. November 2017 in Witten

 

Das Stadtarchiv möchte auf folgende weitere Veranstaltungen zum 9. November aufmerksam machen: Das Soziokulturelle Zentrum Witten „Trotz Allem“ lädt ab 15:30 Uhr zu einem Stadtrundgang ein. Treffpunkt ist der Humboldtplatz. Der „Arbeitskreis Stolpersteine Witten“ plant, ab 15:30 Uhr Stolpersteine in der Wittener Innenstadt zu putzen.

 

 

Die Reichspogromnacht 1938 im Deutschen Reich und in Witten

 

In diesem Jahr jährt sich zum 79. Mal die Reichspogromnacht, auch Reichskristallnacht genannt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 drangsalierten Anhänger des nationalsozialistischen Unrechtsregimes jüdische Bürger und Bürgerinnen im damaligen Deutschen Reich. Sie zerstörten ihre Wohnungen, Geschäfte und Friedhöfe und setzten über 1.400 Synagogen und Gebetsräume in Brand. Etwa 30.000 Menschen wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt, Hunderte wurden ermordet, in den Suizid getrieben oder starben infolge der Haftbedingungen.

 

 

Die Wittener Synagoge

 

Während Wittener Juden in der Nacht des 9. und am Morgen des 10. November 1938 in Haft genommen und meist über das Polizeigefängnis Bochum in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurden, steckten Nationalsozialisten das vor 132 Jahren erbaute jüdische Gotteshaus in Flammen.

 

Der etwa 320 Quadratmeter große, zweigeschossige, zweifarbige Backsteinbau in einem schlichten romanisierenden Rundbogenstil mit einer Dachkuppel über dem Eingang war mit der in drei Achsen gegliederten Eingangsfassade zur Breite Straße ausgerichtet. Die Wittener Zeitung wertete die Synagoge im Einweihungsjahr 1885 noch stolz mit den Worten: „Der schöne Tempel ist eine neue imposante Zierde unter den öffentlichen Gebäuden unserer Stadt Witten und macht seinem Erbauer [Architekt Xaver Rademacher, Anm. d. Verf.] alle Ehre und die besten Empfehlungen.“ Am Morgen des 10. November 1938 waren die Kuppel und das Innere des Gebäudes ausgebrannt. Nach der Zerstörung 1938 sah der Haushalt der Stadt Witten 3.500 Reichsmark für den Abriss der Synagoge im Haushaltsjahr 1939 vor. In einem Polizeibericht wurde beanstandet, dass der das Grundstück umgebene Zaun das Stadtbild „gröblich verunstalte“. Der Eigentümer des Grundstücks, Winkelmann, wurde aufgefordert, den „Missstand“ zu beseitigen. Die verbliebenen Grundmauern sollten für einen Neubau genutzt werden. Zunächst wurde auf dem Gelände ein Feuerlöschteich [!] angelegt. 1955 verkaufte die Jewish Trust Corporation das Grundstück zum Preis von 17.420 DM an den Bauunternehmer Wilhelm Roth, der dort ein Mehrfamilienhaus errichtete.

 

 

Das Synagogen-Denkmal

 

Seit 1994 erinnert ein künstlerisches Objekt mit hebräischen und deutschen Gedenkinschriften an die durch Nationalsozialisten zerstörte Wittener Synagoge. 1992 schrieb die Stadt Witten in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung eines Erinnerungsortes in direkter Nähe zum ehemaligen Standort der zerstörten Synagoge, Breite- Ecke Synagogenstraße aus. Der Entwurf des damaligen Kunst- und Design-Studenten Wolfgang Schmidt erhielt den ersten Preis und wurde innerhalb von zwei Jahren realisiert. Das Erinnerungsmal steht auf einem Viereck aus Schieferplatten mit zwei im rechten Winkel zueinander gewandten Stahlwänden (Maße: 1,80 x 0,80 x 0,10 m) aus auf der Oberfläche schnell rostendem Cor-Ten-Stahl. In die jeweiligen Außenseiten der Wände ist der von der Stadt Witten in Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde Dortmund entworfene und vom Rat der Stadt Witten 1993 verabschiedete Gedenktext in deutscher und hebräischer Sprache „eingeschnitten“. Der stählerne Winkel bildet ein Echo zu der Gebäudeecke und wirkt wie ein Relikt der verlorenen Synagoge, ohne diese ab- oder nachzubilden. Das markante Zeichen ist durch den Rostbefall sichtlich von Zerstörung und Verfall gezeichnet. Die besondere Eigenschaft des gewählten Stahls trotzt einem weiteren Verfall und damit der Vergessenheit. Das für den schwierigen Standort an einer Straßenecke errichtete Mahnmal zeugt von Einfachheit und Eingängigkeit durch die „Wucht des Materials“. Der in hebräischen Schriftzügen auf einer weiteren Winkelseite eingeritzte Text ist mit dem deutschsprachigen identisch. Die Ergänzung der Straßenbeschilderung „Synagogenstraße“ in hebräischen Schriftzügen ist Teil des künstlerischen Gesamtkonzepts.

 

Text: M. Kliner-Fruck

Bild: Die Wittener Synagoge neben dem Ruhr-Gymnasium (links) 1911

Foto: Ernst Roepke / Repro: J. Fruck, Fotosammlung Stadtarchiv Witten