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Archivale des Monats März 2017

 

Brief Johannes Brahms‘ an Regierungspräsident Carl Hermann Bitter von Januar 1877: Absage des Postens des Städtischen Musikdirektors in Düsseldorf

 

Im Bestand „Regierung Düsseldorf – Präsidialbüro“ (BR 0004) findet sich in einer Akte, die vor allem Angelegenheiten regionaler Musikvereine umfasst, ein herausragender Vorgang: die 1876/77 versuchte Berufung Johannes Brahms‘ als städtischen Musikdirektor nach Düsseldorf.

 

Dem musikalisch interessierten Laien ist die Verbindung Brahms‘ mit Düsseldorf vermutlich vor allem durch Clara und Robert Schumann vertraut. Etwas über 20 Jahre zuvor, im Herbst 1853, war der damals zwanzigjährige Brahms anlässlich eines Besuchs in Düsseldorf mit den Schumanns zusammengetroffen. Schnell tat sich Schumann als entschiedener Förderer Brahms‘ hervor - etwa durch seinen im Oktober 1853 in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ erschienen Artikel „Neue Bahnen“, der voll des Lobes für den jungen Komponisten war. Nach der Einweisung Schumanns in eine Heilanstalt im Jahr 1854 und seinen Tod zwei Jahre später, führten Brahms und Clara Schumann noch mehrere Jahre eine intensive briefliche Korrespondenz.

 

Der Versuch von Stadt und Regierung nun, einen bekannten Komponisten als Städtischen Musikdirektor nach Düsseldorf zu berufen, war nicht neu: 1833 bis 1835 hatte Felix Mendelssohn Bartholdy, 1850 bis 1854 Robert Schumann diesen Posten bekleidet.

 

Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Brisanz, dass sich mit Regierungspräsident Bittner und dem Justiziar Heinrich Steinmetz zwei Beamte der Regierung in einem Berufungsbemühen hervortaten, das gar nicht in ihrem Kompetenzbereich lag. Die Besetzung dieses Postens oblag dem Städtischen Musikverein, das Gehalt wurde vom Oberbürgermeister festgesetzt. Dem Musikliebhaber und Bach-Biographen Bitter schien dieses Problem jedoch durchaus bewusst gewesen zu sein. So mahnte er einerseits Steinmetz zu Diskretion und Zurückhaltung und verband andererseits die Berufungsfrage mit der Idee der Gründung einer staatlichen Hochschule für Musik, deren Leitung Brahms ebenfalls übernehmen sollte.

 

Und Bitter schien Erfolg zu haben. Im Dezember 1876 teilte der Städtische Musikverein Brahms mit, dass die Stadtverwaltung entschieden habe, ihn auf die Stelle des Städtischen Musikdirektors zu berufen. Zuvor hatte die Düsseldorfer Stadtverordneten-Versammlung beschlossen, für den Posten des Städtischen Musikdirektors ein jährliches Gehalt von 2250 Mark zu bewilligen, unter der Voraussetzung einer staatlichen Subvention in gleicher Höhe.

 

Alle Weichen für die Berufung Brahms‘ schienen also gestellt. Und Brahms selbst?

 

In den Briefen an Bitter und Steinmetz aus dieser Zeit klingen Unschlüssigkeit und Zögern heraus. Vor allem die Tatsache, dass er den amtierenden und offenbar beliebten Musikdirektor Julius Tausch ersetzen sollte, schien Brahms nachhaltig beunruhigt zu haben. Anfang Dezember 1876 war zudem in Düsseldorf ein anonymes Flugblatt mit dem Titel „Extra-Blatt. Ein Appell an die Gerechtigkeit unserer Bürgschaft und deren Vertretung“ erschienen, in dem unter entschiedener Parteinahme für Tausch die Legitimation für die Berufung Brahms‘ grundsätzlich infrage gestellt worden war.

 

Dies alles schien zu viel für Brahms zu sein. In einem Brief an Regierungspräsident Bitter von Januar 1877 (unsere Archivale des Monats) erteilte er allen Berufungsbemühungen eine endgültige Absage. So heißt es dort: „Ich ginge gern nach Deutschland, ich hätte gern stete Beschäftigung mit Chor o. Orchester u. wüßte keine Stadt, wo ich weitaus das Meiste / so mir sympathisch fände als in D[üsseldo]rf. Wären nicht jene zwei Bedenken, über die ich nicht weg kann, ich besähe mir Alles in der Nähe u. würde wohl mit dem Uebrigen fertig. So aber – es ist nicht reinlich – u. mögen gleich gescheitere Leute es anders behaupten – man kann nicht gegen sein innerstes Gefühl.“

 

So endeten die Bemühungen des musikliebenden Regierungspräsidenten, dem Düsseldorfer Musikleben neue, überregionale Bedeutung zu verleihen, denn auch bis zur Gründung einer staatlichen Hochschule für Musik sollte noch einige Zeit vergehen.

 

Julius Tausch blieb noch bis 1889 Städtischer Musikdirektor und sorgte in seiner Amtszeit u.a. dafür, dass die Musiker des Städtischen Orchesters vertraglich fest angestellt und regelmäßig besoldet wurden.



LAV NRW BR 0004 Nr. 862: