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Archivale des Monats November 2018

 

Ankündigung einer Sitzung des Reichsgesundheitsrats bez. des gesundheitlichen Einflusses der seit 1916 eingeführten Sommerzeit

(LAV R BR 0007 Nr. 15075)

 

Archivale_November_2018

 


Die Umstellung der Uhren am letzten Oktoberwochenende dieses Jahres ist – besonders angesichts aktueller (welt)-politischer Ereignisse – für viele vermutlich eher unspektakulär verlaufen. Nicht zuletzt wird ja auch die Zahl der Uhren, die mühsam per Hand verstellt werden müssen, von Jahr zu Jahr geringer.
Allerdings – wir erinnern uns an die EU-weite Umfrage diesen Sommer – könne es durchaus sein, dass dieses Jahr zum letzten Mal die letzte Samstagnacht im Oktober eine Stunde länger dauerte.
Zeit, sich zu vergegenwärtigen, wie es damals im Jahr 1916 war, als durch Bundesratsverordnung vom 6. April eine „Vorverlegung der Stunden für die Zeit vom 1. Mai bis 30. September 1916“ angeordnet wurde. In Zeiten eines gewaltige Energieressourcen  verbrauchenden Krieges sollte jenseits der Schlachtfelder an Energie, vor allem am künstlichen Licht, gespart werden. 


Die einzelnen Verwaltungsbehörden (Regierungspräsidenten, Eisenbahndirektionen, Provinzialschulkollegien, Handelsvertretungen, Handelskammern etc.) sollten sich außerdem bis Mitte November 1916 dazu äußern, welche Einflüsse auf Gesundheit und Produktivität der Schulkinder sowie der in der Landwirtschaft und Industrie Beschäftigten beobachtet werden konnten.
Denn Bedenken gegen die Sommerzeit hatte es vorab viele gegeben. Nicht zuletzt bestand die Sorge, dass schulpflichtige Kinder durch das frühere Aufstehen unausgeschlafen, unkonzentriert und ferner so hungrig seien, dass „außer dem ersten und zweiten Frühstück noch eine neue Mahlzeit vor dem Mittagessen eingeschoben werden müsse“, wie es in der Bundesratsverordnung heißt.
Die einzelnen Erfahrungsberichte, die den  Düsseldorfer Regierungspräsidenten zwischen Oktober und November 1916 erreichten, zeichneten ein gemischtes Bild: Die in der Industrie beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeiter standen – den Berichten nach – der Neuerung eher positiv gegenüber, konnten sie die hellen Arbeitsstunden doch nutzen, in ihren Kleingärten zu arbeiten. 


Auch hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und des Appetits der Schulkinder wurde kein wesentlicher nachteiliger Effekt beobachtet. Kritik kam dagegen von den Vertretern der Landwirtschaft: Der frühe Arbeitsbeginn machte künstliches Licht in den Ställen notwendig. Außerdem wurde das Vieh in seiner Morgenruhe gestört und konnte durch das noch vom Morgentau nasse Heu erst später gefüttert werden. 


Trotz dieser Kritik wurden jedoch auch 1917 und 1918 die Uhren in den Sommermonaten um eine Stunde vorgestellt. Im Oktober 1918 erfolgte eine Beratung des Ausschusses I des Reichs-Gesundheitsrat mit dem Thema:  „Welche Beobachtungen und Erfahrungen liegen über den gesundheitlichen Einfluß der seit dem Jahre 1916 eingeführten Sommerzeit vor?“
Im Kontext eines bereits vier  Jahre dauernden Krieges mutet die Frage nach dem Einfluss der Sommerzeit auf die Gesundheit der Bevölkerung seltsam an.  Der zu diesem Anlass durch das Düsseldorfer Mitglied des Reichsgesundheitsrats verfasste Bericht über die gesundheitlichen Einflüsse der Sommerzeit machte auch auf eine wesentliche Schwierigkeit aufmerksam, die bereits in den Erfahrungsberichten von 1916 angeklungen war: Die in der Bundesratsverordnung von 1916 geforderte statistische Erfassung der Einflüsse der Sommerzeit war der überwiegenden Mehrheit der Berichtenden gar nicht möglich. Schon durch die Verlängerung der Arbeitszeiten und nicht zuletzt durch die sich im Verlaufe des Krieges verschärfende Lebensmittelknappheit ließen sich keine verlässlichen statistischen Daten erheben.
So heißt es im Düsseldorfer Bericht für den Reichsgesundheitsrat, dass „Nahrungsmittelknappheit … gesteigerte Intensität und längere Dauer der Arbeit durch Einlegung von Überstunden, Einführung von Nachtarbeit in vielen, früher nur am Tage arbeitenden Betrieben der Rüstungsindustrie“ viel tiefgreifender  „die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeiterschaft beeinflußt“ habe, als die Einführung der Sommerzeit. 


Zu einer erneuten Einführung der Sommerzeit kam es erst wieder 1940, ebenfalls in der Hoffnung auf Energieersparnis in Kriegszeiten. Diese Maßnahme dauerte bis 1948. Nach einer längeren Pause erfolgte in Deutschland ab 1980 wieder eine Zeitumstellung. Seit 1996 werden innerhalb der Europäischen Union am letzten Märzwochenende die Uhren um eine Stunde vor- und am letzten Oktoberwochenende um eine Stunde zurückgestellt. Und 2019?