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Archivale des Monats August 2016

 

Bomben auf Düsseldorf –

1914 beginnt der Luftkrieg im Rheinland

 

Bombenangriffe sind im kollektiven Gedächtnis der Deutschen untrennbar mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Brennende Städte und das resultierende tausendfache Leid sind in individuellem Erleben, familiärer Erzählung und literarischer Verarbeitung fester Bestandteil der Memorialkultur. Hinter dieser Kollektiverfahrung verschwindet die Luftkriegsführung des Ersten Weltkriegs, dominiert hier doch das – nicht weniger traumatische – Bild von Schützengraben und Stellungskrieg, allerdings war der Bombenkrieg bereits eine Realität, die nicht in der Masse, wohl aber in der Konzeption viel von den späteren Schrecken vorwegnahm.

 

In den Akten der rheinischen Regierungen (neben Düsseldorf und Köln damals auch noch Aachen) finden sich unter dem Betreff „Krieg 1914ff“ verschiedene Unterlagen zu dieser Thematik. Zwar hatte die Zivilverwaltung nicht unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen zu tun, doch brachten Fliegerangriffe den Krieg durchaus bis ins Rheinland und veranlassten die Behörden zum Handeln. Aus diesem Grunde lässt sich beispielsweise der erste Luftangriff auf Düsseldorf in den Akten der dortigen Regierung nachvollziehen:

 

Bereits in den allerersten Kriegstagen im frühen August 1914 tauchten feindliche Flieger an verschiedenen Stellen des Regierungsbezirks auf. Manchmal blieb ihre Herkunft unbekannt, manchmal wurden sie als französische Flugzeuge identifiziert, etwa am dritten August über Großenbaum im damaligen Landkreis Düsseldorf (heute Duisburg). Ihre Präsenz am Himmel beförderte die Hysterie der ersten Kriegstage, in denen überall feindliche Saboteure und Spione vermutet wurden; nicht selten wurde versucht, die Flugzeuge durch den Einsatz von Schusswaffen vom Himmel zu holen. Der Generalstab des VIII. Armee-Korps hatte alle Mühe, den wilden Beschuss unbekannter Flugzeuge zu unterbinden, gerieten doch auch deutsche Flugzeuge und Luftschiffe in das Fadenkreuz. In der Nacht vom neunten auf den zehnten August wurde das Luftschiff „Hansa“ bei Düsseldorf sogar unter Artilleriefeuer genommen. Allenfalls dem improvisierten Charakter der Luftabwehr war es zu verdanken, dass dieses „friendly fire“ nicht zu schlimmeren Folgen führte.

 

Allerdings boten sich die Städte auch noch weitgehend ungeschützt dar, wie Düsseldorf im Oktober 1914 erfahren musste. Am Nachmittag des achten Oktober tauchte ein feindliches Flugzeug über der Stadt auf und steuerte die gewaltige Luftschiffhalle in Lohausen (auf dem heutigen Flughafengelände) an. Weder Maschinengewehrfeuer noch der Beschuss durch eine Ballonabwehrkanone reichten aus, um den Angriff zu stoppen. Mehrere Bomben wurden abgeworfen, von denen eine den dort befindlichen Zeppelin LZ 25 traf und zerstörte. Drei Menschen kamen zu Tode. Durch die Stadt brandete eine Welle der Empörung über diese dreiste Tat: Zwar war keine Furcht vor einer dauerhaften Bedrohung aus der Luft zu spüren, doch Fragen nach der Verantwortung wurden gestellt, Gerüchte über weitere Flugzeuge machten die Runde. Auch das Schweigen der Presse angesichts der Militärzensur trug eher dazu bei, die Stimmung anzuheizen.

 

Erst Tage später meldete sich das stellvertretende Generalkommando des VII. Armee-Korps im Düsseldorfer Tageblatt zu Wort und verurteilte jegliche Kritik an den Ereignissen. Wer dem Militär die Schuld zuschiebe, habe von der Sachlage keinerlei Ahnung; der Flieger sei aufgeklärt und beschossen worden und habe allein wegen seiner Panzerung aber nicht abgeschossen werden können. Überhaupt seien die Kritiker durch den Frieden doch sehr verwöhnt und sollten angesichts der Leistungen des Heeres an der Front diesen kleinen Erfolg des Feindes doch nicht zu hoch hängen. Unerwähnt blieb, dass auch der zerstörte Zeppelin (unter der taktischen Nummerierung Z IX) bereits in Nordfrankreich seine ersten Bombenangriffsfahrten hinter sich gebracht hatte.

 

Tatsächlich blieb die Bedrohung durch feindliche Bombenangriffe in der folgenden Zeit eher gering. Zwar kam es an verschiedenen Stellen der Rheinprovinz immer wieder zu vereinzelten Bombenabwürfen, eine effektive strategische Luftkriegsführung entwickelte sich aber erst langsam (und wurde noch nicht im Rheinland spürbar). Nichtsdestotrotz ergriff die Verwaltung Vorsichtsmaßnahmen und bereitete die Bevölkerung mit Verhaltensmaßregeln auf die Gefahren vor: Beachtung des Luftalarms, Aufsuchen von Schutzgelegenheiten (Gebäude, Gräben), Bewahrung von Ruhe und Disziplin. Auch ein Verbot der Lichtreklame wurde verhängt (im weiteren Kriegsverlauf allerdings auch wieder aufgehoben).

 

Manches wirkte vor der Kontrastfolie des Zweiten Weltkriegs fast noch harmlos, aber unverkennbar war damit ein Weg eingeschlagen, der den zukünftigen Luftkrieg und seine Folgen für die Bevölkerung erahnen ließ. Welche Dimensionen von Tod und Zerstörung damit verbunden sein würden, dürfte aber zu diesem Zeitpunkt noch niemandem bewusst gewesen sein. Und auch darüber geben die Akten im Landesarchiv NRW Aufschluss, etwa die Luftschutztagebücher der 1940er Jahre mit ihren bald täglich aufeinander folgenden Alarm- und Angriffsmeldungen – allerdings nicht für Düsseldorf, denn hier wie vielerorts sonst auch haben die Bombenangriffe auch in das kulturelle Gedächtnis der Archive tiefe Wunden geschlagen.



LAV NRW R BR 0007 Nr. 14970

Telegramm

 

LAV NRW R BR 0007 Nr. 15052

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