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2015

Professor Dr. Norbert Frei: 1945 als Ende und Anfang

 

 

Vor 70 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten. Dies nahm die Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG), Förderverein des Westfälischen Wirtschaftsarchivs (WWA), zum Anlass, zu ihrem traditionellen Jahresvortag Prof. Dr. Norbert Frei von der Universität Jean einzuladen, der vor über 200 Zuhörern im prall gefüllten Vortragssaal des Westfälischen Industrieklubs über das Epochenjahr 1945 und seine doppelte Bedeutung als Ende und Anfang referierte.

Joachim Punge, Vorsitzender der GWWG und zugleich Vorsitzender des Westfälischen Industrieklubs, wies in seiner Einführung darauf hin, dass das Thema Nationalsozialismus in der Arbeit des WWA und Gesellschaft einen besonderen Stellenwert einnimmt. So referierten in der Vergangenheit so renommierte Historiker wie Karl Dietrich Bracher, Hans-Ulrich Thamer, Arnulf Baring und Hans Mommsen zu diesem Thema. WWA und GWWG, so Punge, „sind aber auch selbst ‚Kinder‘ der Kriegs- und Nachkriegszeit.“ Das Westfälische Wirtschaftsarchiv wurde 1941 als Abteilung der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund gegründet und vorrangiges Ziel war es, das wertvolle historische Schriftgut der Wirtschaft vor den näher rückenden Bombeneinschlägen der Alliierten zu schützen. Und die GWWG wurde 1950 ebenfalls von der Dortmunder IHK gegründet, um „das Vakuum im westfälischen wirtschaftsgeschichtlichen Bewusstsein auszufüllen und zu helfen, die Sinn- und Wertekrise nach dem Zusammenbruch von Hitler-Deutschland zu überwinden.“

IHK-Präsident Udo Dolezych betonte in seinem Grußwort, dass die IHK zu Dortmund eine offene Erinnerungskultur pflegt und anlässlich des IHK-Jubiläums zum 150-jährigen Bestehen vor zwei Jahren auch ihre Geschichte im Dritten Reich ohne „wenn“ und „aber“ aufgearbeitet hat. Mit Blick auf den Vortrag sagte er: „Aus Geschichte lernen heißt, dass wir versuchen müssen, auf unsere drängenden Fragen der Gegenwart Antworten zu finden. Wie wollen wir Deutschen, wir Europäer, wir alle, die ihr Leben in Freiheit, Toleranz und Demokratie leben möchten, uns vor radikalen Ideologien schützen?“

Nobert Frei entwarf in seinem Vortrag ein Panorama des Epochenjahres 1945 und fragte gezielt nach der Bedeutung des 8. Mai 1945 für unsere Gegenwart. Dabei legte er elementare Erinnerungen 1945 frei, ob die menschenverschlingende Härte der letzten Kämpfe, die Raserei, Verbrechen und Gewalt, das Grauen in den aufgelassenen Konzentrationslagern, die Todesmärsche, Flüchtlingstrecks und zerstörte Städte, oder aber auch die Erinnerungen an selbstlose Hilfe, an übermächtige Erschöpfung und explodierende Lebenslust, an die Tränen der Enttäuschten und an das stille Glück der Davongekommenen.

In der anschließenden, lebhaft geführten Diskussion betonte WWA-Direktor Dr. Karl-Peter Ellerbrock dass das Westfälische Wirtschaftsarchiv zahllose wissenschaftliche Projekte, besonders Dissertationen und Habilitationen, zunehmend aber auch heimatgeschichtliche Forschungen zum Dritten Reich, betreut und unterstützt hat. „Dabei standen in den letzten Jahren vor allem die Themen Arisierung und Zwangsarbeit im Mittelpunkt des Interesses.“ Das WWA hat in einer eigenen Pilotstudie die Aufarbeitung der westfälischen Kammern im Dritten Reich vorangetrieben, die Vorbild für weitere Forschungen ist. „Geschichte“, so Ellerbrock, „hat derzeit Hochkonjunktur. Nachdem schon 2014 der Erste Weltkrieg besondere Beachtung fand, wird 2015 die Erinnerung an das Epochenjahr 1945 im Blickpunkt der weltweiten Öffentlichkeit stehen.“

 

Zum Referenten:

Prof. Dr. Norbert Frei studierte Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Kommunikationswissenschaft in München, wo er auch eine Redakteursausbildung an der Deutschen Journalistenschule absolvierte. 1979 ging er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Institut für Zeitgeschichte in München und habilitierte sich 1995 in Bielefeld. 1997 folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, seit 2005 lehrt er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist doch zugleich Leiter des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Gastprofessuren und Fellowships führten ihn unter anderem nach Harvard, Princeton, an die New School in New York, nach Jerusalem und ans Wissenschaftskolleg zu Berlin. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen vor allem "Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945" (1987, erweiterte Neuausgabe 2013), "1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen" (2005) sowie "Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik" (2010).

 

 

 

2014

Professor Dr. Hans Ulrich Gumbrecht: Nationale Stilarten im Fußball. Reflexionen zur Ästhetik des Sports am Beispiel Südamerikas

 

 

Von der Philosophie Immanuel Kants zu den Fans auf der Dortmunder Südtribüne: Diesen Bogen spannte Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht am Montagabend beim Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG), dem Förderverein des Westfälischen Wirtschaftsarchivs (WWA). Der renommierte Kulturwissenschaftler von der Stanford University/USA referierte vor rund 300 interessierten Zuhörern im großen Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund über „nationale Stilarten im Fußball“. Nach einer philosophischen und gesellschaftstheoretischen Einführung verglich Gumbrecht wesentliche Entwicklungsstränge und Merkmale des Fußballs in Brasilien, Chile, Argentinien und Uruguay seit den 1920er Jahren. Er kam zu dem Ergebnis, dass es nicht „den südamerikanischen Fußball“ gibt, sondern ebenso verschiedene nationale Stilarten wie in Europa, die er am Beispiel Brasiliens sogar zu einer Nationalgeschichte verdichtete. Seine These untermalte er mit ausgesuchtem Filmmaterial, darunter Aufnahmen des ersten interkontinentalen Fußballspiels bei Olympia 1924 in Paris, als Uruguay olympisches Gold erspielte.

Joachim Punge, Vorsitzender der GWWG und Vizepräsident der IHK, verriet bei der Begrüßung, dass mit Hans Ulrich Gumbrecht nicht nur ein ausgewiesener Kenner des südamerikanischen Fußballs den Weg aus dem kalifornischen Stanford nach Dortmund gefunden hat, sondern dass er außerdem ein bekennender BVB-Anhänger ist: „Es ist für uns eine besondere Ehre, Sie am heutigen Abend als Redner begrüßen zu können. Das Thema Sport spielt hier bei uns in der westfälischen Metropole Dortmund eine besondere Rolle. Ich denke dabei nicht nur an Fußball, sondern auch an Leichtathletik, den Reit- und Pferdesport, an Handball und – nicht zu vergessen – an unseren Gold-Achter.“

Gumbrecht zog sogar verblüffende Parallelen zu den Fans auf der BVB-Südtribüne. Letztlich ging es ihm um die Frage, worin eigentlich die Faszination des Sports besteht: „Es ist definitiv nicht der Erfolg einer Mannschaft oder die Identifikation mit dem Gewinn. Wesentlicher ist das Spiel als eine ästhetische Erfahrung für die Zuschauer. Nicht nur ein Tor, sondern primär ein schöner Spielzug begeistert.“ In der anschließenden Diskussion stellte sich heraus, dass Gumbrecht mit seiner theoretischen Betrachtung des Fußballspielens nicht nur die anwesenden Fußballliebhaber begeisterte, sondern auch bei „Nicht-Fans“ auf großes Interesse gestoßen ist. Selbst für die wissenschaftliche Forschung gab es Anregungen: „Der vernachlässigte Bereich der Sportgeschichte sowie eine integrierte Kultur-, Sozial- und Politikgeschichte haben durch Ihren Vortrag wichtige Impulse bekommen“, resümierte WWA-Direktor Dr. Karl-Peter Ellerbrock.

 

Zum Referenten:

Hans Ulrich Gumbrecht, geb. 1948, studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in München, Regensburg, Salamanca/Spanien und Pavia/Italien. Nach seiner Habilitation 1974 nahm er von 1975-1982 Professuren an der Ruhr-Universität in Bochum und von 1983-1989 an der Universität Siegen wahr. Er war Gastprofessor an zahlreichen ausländischen Universitäten, ist „Professeur attaché“ am Collège de France, Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und trägt acht Ehrendoktortitel in fünf Ländern. Seit 1989 ist er „Albert Guérard Professor in Literature“ an der Stanford University/USA. Gumbrecht ist Autor von 39 Monographien und Herausgeber von 33 weiteren Büchern. Aus der Vielzahl seiner Publikationen seien die beiden jüngeren Arbeiten „Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart“ (2012) und „Explosionen der Aufklärung. Diderot, Goya, Lichtenberg, Mozart“ (2013) erwähnt, außerdem, mit Blick auf das Thema des Vortrags, sein Werk „In Praise of Athletic Beauty“ (2006, dt. Übersetzung bei Suhrkamp 2005). Gumbrecht schreibt regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für die Neue Zürcher Zeitung.

 

 

 

2013

Professor Dr. Jan Assmann: Totale Religion - Über den Zusammenhang von Politik, Monotheismus und Gewalt

 

 

Moderne Gesellschaften erleben heute immer wieder Gewalt, die im Namen Gottes ausgeübt wird. Woher kommt diese Gewalt und was hat sie mit Religion zu tun? Eine Antwort auf diese Frage gab Prof. Dr. Jan Assmann beim Jahresvortrag 2013 der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG), die Förderverein des Westfälischen Wirtschaftsarchivs (WWA) ist. Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler referierte am Donnerstagabend im großen Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund über das Thema „Totale Religion – Über den Zusammenhang von Politik, Monotheismus und Gewalt“.In seinem Grußwort betonte IHK-Präsident Udo Dolezych, dass die drei großen monotheistischen Religionen, das Christen- und Judentum sowie der Islam, sich in ihrer Lehre der Friedfertigkeit verpflichtet hätten. Allerdings vergehe keine Nachrichtensendung, ohne dass über religiös motivierte Gewalt berichtet werde.  Das betreffe alle Religionen. Dolezych verwies dabei auf Nordirland, Palästina und Israel. Der politisierte Islam mit seinen radikalen Fundamentalisten sei sicherlich am präsentesten. Er begegne uns immer wieder in Afghanistan, im Nahen Osten, ganz  aktuell in Mali – aber auch vor unserer eigenen Haustür. Man müsse sich die Frage stellen, aus welchem Grund sich Teile von Religionsgesellschaften derart radikalisiert hätten. „Erwächst die Gewalt letztlich aus den Religionen selber? Aus ihrem Alleingültigkeitsanspruch? Oder werden die Religionen für politische Zwecke missbraucht?“ fragte Dolezych.In Lessings „Nathan, der Weise“ werde den drei Religionen der Ring der Wahrheit vorgehalten. Schon als Schüler sei er fasziniert gewesen von dieser Botschaft von Verständnis und Toleranz. Leider habe der Terrorangriff in New York 2001 deutlich gemacht, dass ein friedliches, sich tolerierendes Zusammenleben der drei monotheistischen Weltreligionen wohl nur schwer möglich sei.Dolezych hob weiter die Bedeutung der traditionellen Veranstaltungsreihe hervor. „Die Jahresvorträge sind einer der kulturellen Höhepunkte zum Jahresauftakt in unserer Region.“ Er stellte die Verbindung zwischen der Arbeit des WWA und dem Jubiläumsjahr der IHK her, die 2013 ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Zum Festakt am 11. Juni wird Bundespräsident Joachim Gauck erwartet. Dolezych würdigte das WWA als Gedächtnis der regionalen Wirtschaft und erinnerte an die Anfänge der Kammergeschichte, die ihren Ursprung in einer Zeit der wirtschaftlichen Umbrüche hatte. Tatkräftige Männer wie der erste Kammerpräsident Wilhelm Overbeck hatten die Möglichkeiten, die ihnen die  Industrialisierung bot, genutzt und damit der Wirtschaft und der Stadt Dortmund ihren Stempel aufgedrückt. In seinem Vortrag griff Prof. Assmann auf den Begriff des „Ernstfalls" zurück. Dabei drehte er die positivistische Staatsrechtslehre Carl Schmitts, eines Vordenkers des NS-Staates, vom totalen Staat als Erklärung für die Eskalation von Gewalt im Namen der Religion geradezu um: „Die radikalste Form des religiösen Ernstfalls ist die Weltuntergangsvorstellung, und zwar nicht als Naturkatastrophe, sondern als göttliche Generalabrechnung beim Jüngsten Gericht.“ Auf einer höheren Abstraktionsebene stellte Prof. Assmann die Polarisierung von Freund und Feind, von Gut und Böse, als gemeinsames Merkmal der monotheistischen Offenbarungsreligionen heraus. „Gewalt und Intoleranz werden somit zu einem Kennzeichen der totalen Religion“, resümierte Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs, in der anschließenden Diskussion.Das Thema Gewalt und Religion trifft bei der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG) auf besonderes Interesse. „Es vergeht seit Jahren kein Tag, an dem nicht erschütternde Nachrichten über die Eskalation von Gewalt im Zeichen religiöser Überzeugungen zu uns dringen. Wir haben uns bereits wiederholt diesem Thema angenähert. Ich erinnere an den Vortrag der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer im Jahr 2006 über die Beziehung zwischen der islamische Welt und Europa. Ein Jahr später referierte die Historikerin Luise Schorn-Schütte über die religiösen Grundlagen politischer Normen im frühneuzeitlichen Europa. Wir freuen uns, dass Jan Assmann den Themenkomplex noch einmal aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet“, so Joachim Punge, Vorsitzender der GWWG und Vize-Präsident der IHK zu Dortmund.

 

Zum Referenten:

Jan Assmann studierte Ägyptologie, Archäologie und Gräzistik in München, Heidelberg, Paris und Göttingen. Nach seiner Tätigkeit am Deutschen Archäologischen Institut in Kairo habilitierte er sich 1971 und war von 1976 bis zu seiner Emeritierung 2003 Professor für Ägyptologie in Heidelberg. Er ist mehrfacher Ehrendoktor und Träger bedeutender Auszeichnungen wie des Deutschen Historikerpreises (1989) oder des Max-Planck-Forschungspreises (1996) sowie Mitglied in bedeutenden wissenschaftlichen Vereinigungen. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind besonders zu nennen: Das kulturelle Gedächtnis – Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (1992); Monotheismus und Kosmotheismus. Ägyptische Formen eines „Denkens des Einen“ und ihre europäische Rezeptionsgeschichte (1993); Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus (2003).

 

 

 

 

 

2012

Professor Dr. Werner Plumpe: Die gegenwärtige Wirtschaftskrise in historischer Perspektive

 

 

In der öffentlichen Diskussion nach Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 wurde immer wieder auf Ähnlichkeiten mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 hingewiesen. Solche Parallelen wies der Historiker Prof. Dr. Werner Plumpe, Goethe-Universität Frankfurt am Main, beim traditionellen Jahresempfang der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG) energisch zurück. Rund 400 Gäste waren am 31. Januar 2012 in den Großen Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund gekommen, um mehr über Wirtschaftskrisen und Spekulationen in Geschichte und Gegenwart zu erfahren.

„Im Vergleich zum wirtschaftlichen, politischen und auch sozialen Katastrophenjahr 1929 erscheinen mir die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise bei einem Wirtschaftswachstum von 3 % und tendenziell sinkenden Arbeitslosenzahlen weitaus weniger dramatisch“, bemerkte der Vorstandsvorsitzende der GWWG und Vizepräsident der IHK zu Dortmund, Joachim Punge, bereits bei seiner Begrüßung und Werner Plumpe bestätigte dies während seines Vortrags: „Die vergangene Krise war kein wirtschaftlicher Zusammenbruch, sondern vielmehr ein durch das Platzen der Immobilienblase verstärkter konjunktureller Abschwung und Ausdruck des normalen ökonomischen Strukturwandels.“ Im Gefolge der Wirtschaftskrise verschlechterten sich allerdings die Refinanzierungsbedingungen für jene Staaten, die unter hohen Schulden und Leistungsbilanzdefiziten litten und leiden. „Im Rahmen des Euro wurde aus der Staatsschuldenkrise dann rasch eine Krise des Euroraums, die wiederum historische Parallelen in den Krisen des Goldstandards bzw. des Systems fester Wechselkurse nach dem Abkommen von Bretton Woods findet“, führte Plumpe weiter aus. Die Erfahrung lehre, dass Währungsordnungen keineswegs nur vom guten Willen aller Beteiligten abhängen, sondern auch von ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten: „Sind diese zu heterogen, können Währungsordnungen schnell ihre Funktionalität verlieren, ja selbst zu einem Faktor krisenhafter Entwicklungen werden.“

In der abschließenden lebhaften Diskussion stellte Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs, heraus, „dass die gegenwärtige Finanzkrise eine neue historische Dimension erreicht hat, weil sich die Finanzmärkte von der Realwirtschaft weitgehend abgekoppelt haben.“

 

Zum Referenten:

Der Westfale Werner Plumpe, 1954 in Bielefeld geboren, begann seine wissenschaftliche Laufbahn an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 1999 lehrt er als Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er ist Mitglied in vielen wissenschaftlichen Vereinigungen und seit 2008 Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Neben der Wirtschafts- und Sozialgeschichte insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts zählen die Entwicklung der industriellen Beziehungen sowie die Geschichte des ökonomischen Denkens und der ökonomischen Theorien zu seinen Forschungsschwerpunkten. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind besonders zu nennen: Vom Plan zum Markt. Wirtschaftsverwaltung und Unternehmerverbände in der britischen Zone (1987); Betriebliche Mitbestimmung in der Weimarer Republik. Fallstudien zum Ruhrbergbau und zur chemischen Industrie (1999); Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart (2010). Zurzeit arbeitet er an einer Studie über den bedeutenden Chemiker und Industriellen Carl Duisberg.

 

 

 

2011

Professorin Dr. Ute Frevert: Vertrauen in der modernen Welt

 

 

„In der Moderne wird Vertrauen wichtiger, aber auch problematischer“, so die Historikerin Prof. Dr. Ute Frevert am Dienstag, 8. Februar 2011 beim Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG) in der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund. „Soziale Beziehungen und Begegnungen werden heutzutage immer komplexer und Vertrauen soll vor diesem Hintergrund entscheidungsfähig machen. Allerdings werden andererseits auch die Bedingungen, unter denen sich Vertrauen herstellt, komplizierter.“ Die Aktualität des Themas betonte der GWWG-Vorsitzende Joachim Punge vorab in seiner Einführung: „Der Begriff Vertrauen hat gerade für die Wirtschaft seit dem Ausbruch der Finanzkrise eine besondere Bedeutung erhalten.“ Gefühle – vielmehr deren gesellschaftliche Rahmung und Bewertung – ändern sich im historischen Kontext, das verdeutlichte Frevert ihren rund 350 Zuhörern an verschiedenen Beispielen wie Liebe, Angst, Trauer oder eben Vertrauen. Dabei kritisierte sie den heutigen Vertrauensbegriff, der synonym zu benachbarten Begriffen wie Zuversicht und Verlässlichkeit genutzt wird: „Vertrauen ist eine persönliche Gefühlshaltung zwischen Menschen, die sich nicht auf Institutionen wie Banken oder Versicherungen übertragen lässt. Dieses persönlich-moralische Element ist Alleinstellungsmerkmal und trennt den Begriff Vertrauen von verwandten Wortbedeutungen“, so Frevert. Keine Frage, dass in der anschließenden Diskussion insbesondere die These der Personenabhängigkeit von Vertrauen für reichlich Gesprächsstoff sorgte. „Ihr facettenreicher Vortrag hat alle Teilbereiche des Vierecks Ökonomie, Kultur, Vertrauen und Moral berührt und sehr deutlich gemacht, dass das Verhältnis und die Bewertung der einzelnen Kategorien in der heutigen Zeit durcheinander geraten sind“, betonte Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Geschäftsführer der GWWG und Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs. Es sei deutlich geworden, dass Wirtschaft nicht im ökonomischen Reinraum stattfindet, sondern ein Kulturphänomen mit einer emotionalen Komponente ist. „Die jüngste Finanzkrise hat gezeigt, wie sehr das Finanz- und Wirtschaftssystem durch den Verlust von Vertrauen bedroht ist“, so Ellerbrock.

 

Zur Referentin:

Ute Frevert, Jahrgang 1954, studierte an den Universitäten Münster und Bielefeld sowie an der London School of Economics. Nach der Habilitation 1989 war sie Professorin für Neuere und Neueste Geschichte in Berlin, Konstanz und Bielefeld und von 2003 bis 2007 Professorin für Deutsche Geschichte an der Yale University/USA. Seit 2008 ist sie Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Sozial- und Kulturgeschichte der Moderne, Geschlechtergeschichte, Neue Politikgeschichte sowie Emotionsgeschichte. 1998 wurde Ute Frevert mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet.

 

 

 

2010

Professor Dr. Karl Schlögel: Terror und Traum: Moskau 1937

 

 

„Moskau 1937“ hieß ein Reisebericht, den der Schriftsteller Lion Feuchtwanger nach seiner Rückkehr aus dem Exil in der Sowjetunion veröffentlicht hat. Unter diesem Titel, ergänzt durch den Zusatz „Terror und Traum“, hat Prof. Dr. Karl Schlögel jetzt ein Buch vorgelegt, für das er 2009 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung bekommen hat. Grund genug für die Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG), den renommierten Historiker am 2. Februar als Gastredner für ihren Jahresempfang einzuladen. „Moskau liegt nicht irgendwo, sondern an der Bruchstelle der europäischen Zivilisation“, zitierte der GWWG-Vorsitzende Joachim Punge in seiner Begrüßung aus dem Werk Schlögels.

„1937 war das Jahr der Stalinschen Säuberungen und des Großen Terrors, dem Hunderttausende zum Opfer fielen“, unterstrich Schlögel die Bedeutung des Jahres. Bis heute blieben viele Umstände rätselhaft und viele Fragen unbeantwortet. Den rund 260 Gästen im Großen Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund konnte Schlögel dennoch das Ineinander von entfesselter Gewalt und Alltagsnormalität, von Terror und Utopie, von totaler Willkür und gezielter Tötung als Problem einer Geschichtsschreibung des Stalinismus verständlich machen.

Die historiographische Meisterleistung, die Karl Schlögel mit seinem Buch gelungen ist, betonte der Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs, Dr. Karl-Peter Ellerbrock, zu Beginn der anschließenden Diskussion. Politische Entscheidungsprozesse und gezielte Tötungsaktionen habe Schlögel nicht von Alltag und Lebenswelt jener Jahre isoliert, sondern Ereignisse und Erfahrungsräume authentisch miteinander verknüpft. Das Buch beschreibt Tanzende im Gorki-Park und die Exekutionsorte im Norden der Stadt, beleuchtet das wechselnde Kinoprogramm und die Bewunderung der Menschen für die sowjetischen Flugpioniere. Diese unterschiedlichen Perspektiven werden durch die ungewöhnlich breite Quellengrundlage möglich: Schlögel recherchiert natürlich in Akten, aber ganz bewusst auch in Memoiren, Tagebüchern und Filmen, wertet sogar Adressbücher und Stadtpläne aus. „Insgesamt entsteht so ein ‚Narrativ der Gleichzeitigkeit’, das eben keinen Durchschnitt ermittelt, sondern an einem authentisch Ort Raum und Zeit verknüpft“, hob Ellerbrock die Besonderheit des Buches hervor.

Im Zentrum der anschließenden Diskussion stand die Frage, ob die Erinnerung an die Opfer Stalins zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun erneut in Vergessenheit gerät, wenn der Diktator in russischen Geschichtsbüchern wieder als „großer Feldherr“ und „herausragende Persönlichkeit“ beschrieben wird. Schreitet diese Entwicklung voran, dann würden die Toten bereits zum zweiten Mal vergessen. Denn erst nach Ende der Sowjetunion – also Jahrzehnte nach den Stalinschen Säuberungen – konnte die sowjetische Topographie des Terrors überhaupt vermessen, zum ersten Mal Namen und Portraits der bis dahin namenlosen Toten publiziert werden.

 

Zum Referenten:

Der Historiker und Publizist Karl Schlögel, Jahrgang 1948, ist Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte Osteuropas an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Kultur der Moderne im östlichen Europa, die Geschichte des „Stalinismus als Zivilisation“, die Geschichte der Zwangsmigration und Kulturen der Diaspora im 20. Jahrhundert, Stadtgeschichte und Urbanität im östlichen Europa sowie theoretische Probleme einer räumlich aufgeschlossenen Geschichtsschreibung. Für sein aktuelles Buch „Terror und Traum: Moskau 1937“ erhielt Karl Schlögel 2009 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

 

 

 

2009

Prof. Dr. Klaus Tenfelde: Bürgerkrieg im Ruhrgebiet 1918-1920

 

 

Die Kämpfe im Ruhrgebiet im März und April 1920 im Anschluss an den Versuch der Kapp-Putschisten in Berlin, die Republik abzuschaffen, gelten als der größte bewaffnete Aufstand in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. In diesen Kämpfen, über deren richtige Bezeichnung noch heute gerungen wird (Arbeiteraufstand, Revolte, Märzrevolution, Ruhrkampf), wurde über den Ausgang der Revolution von 1918 und, vorläufig, über das Schicksal der Weimarer Republik entschieden. Es standen sich nicht nur militärische Kräfte und Freikorps auf der einen, etwa 100 000 bewaffnete Arbeiter (und auch Arbeiterinnen) auf der anderen Seite gegenüber. Vielmehr kämpften Kräfte miteinander, welche das Hergebrachte wieder herstellen, die Errungenschaften der Revolution rückgängig machen oder, unter den Arbeitern, lang propagierte Visionen einer anderen Gesellschaft unter ihrer Herrschaft verwirklichen wollten. Deshalb handelte es sich um einen Bürgerkrieg, der vor allem im Ruhrgebiet, aber auch in Mitteldeutschland ausgefochten wurde.

Mit etwa 1000 Toten auf Seiten der Arbeiter und 600 Toten auf Seiten der „Ordnungskräfte“ wurde dieser Krieg zu einem traumatisierenden Ereignis in der Geschichte des Ruhrgebiets. Eine ungeheure „weiße“, konterrevolutionäre Gewalt entfaltete sich zumal in der Niederschlagung der Roten Ruhrarmee. Immer schon hatte man in Deutschland Unruhen im „Wilden Westen“ befürchtet, hier nun schienen sich alte Ängste zu bewahrheiten. Die Frage, woher diese Gewalt kam, weshalb sich Menschen außerordentlich zahlreich zum bewaffneten Kampf und Gemetzel gegeneinander im selben Land hinreißen ließen, ist bis heute nicht angemessen beantwortet worden. Die Sozialgeschichte sucht Antworten in der prekären Situation der Aufständischen, ihrer begrenzten Erfahrungswelt und einseitigen politischen Sozialisation ebenso wie in der hochproblematischen Konstellation der Militärs und Paramilitärs während der Revolutionszeit, ein Sumpf, aus dem der rechte Radikalismus bis hin zur braunen Machtanmaßung 1933 erwachsen sollte.

Die Erinnerung an den Bürgerkrieg ist durch die Folgeereignisse – die Hyperinflation und die Ruhrbesetzung 1923, die schwere Rationalisierungs- und nachfolgende Weltwirtschaftskrise, 1933 und die Diktatur, den Weltkrieg und den Bombenkrieg, die Trümmerjahre und die Wirtschaftswunderzeiten – überdeckt worden. Sie ist bis heute eine fragmentierte, eine verschüttete Erinnerung geblieben. Dabei hing das Schicksal der Weimarer Republik damals bereits an bis zum Reißen gespannten Fäden. In Deutschland insgesamt ist in jenen Monaten der Gewalt das Ruhrgebiet erstmals als eine ganz andere, in eigenen Wurzeln ruhende Daseins- und Erfahrungswelt wahrgenommen worden. Seither sprach man nicht mehr von einem beliebigen rheinisch-westfälischen Industriegebiet, sondern vom Ruhrgebiet, einer anderen, besonderen Welt.

 

Zum Referenten:

Klaus Tenfelde ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialgeschichte und soziale Bewegung an der Ruhr-Universität Bochum, Leiter des dortigen Instituts für soziale Bewegungen und Vorsitzender der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets. Seine Dissertation „Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert“ ist noch heute ein Standardwerk der Ruhrgebietsforschung. Aus der Fülle seiner wissenschaftlichen Publikationen seien an dieser Stelle nur erwähnt „Arbeiter im Deutschen Kaiserreich“ (zusammen mit Gerhard A. Ritter, 1992) und die „Bilder von Krupp“ (als Herausgeber, 2005).

 

 

 

2008

Christopher Clark: Vergleichsweise besonders? Preußens Weg in der Geschichte

 

„Vergleichsweise besonders? – Preußens Weg in der deutschen Geschichte“ hieß der Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte e.V. (GWWG) am 22. Januar in der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund. Über 400 Gäste waren zu der traditionsreichen Veranstaltungsreihe gekommen, um von dem australischen Historiker und Beststellerautor Professor Dr. Christopher Clark mehr über die fragliche Existenz eines preußischen Sonderweges zu erfahren. „Die Sonderwegs-These war fruchtbar, weil sich die klügsten Geister damit auseinandergesetzt haben. Und sie erfüllte einen volkspädagogischen Zweck, denn sie ermöglichte es, verschiedene Problemkomplexe wie Militarismus, Gehorsamskult, Autoritätsgläubigkeit über den Begriff Preußen zusammen mit dem Nationalsozialismus in einen Topf zu werfen. Das hat die Entstehung der Bundesrepublik erleichtert. Aber jetzt ist es Zeit, andere Fragen zu stellen und Raum zu schaffen für neue Sichtweisen", so Clark.

IHK-Präsident Udo Dolezych hob bei seiner Begrüßung die Bedeutung der GWWG, die 1952 als Förderverein des Westfälischen Wirtschaftsarchivs (WWA) gegründet worden ist, hervor: „Das WWA ist das ‚Gedächtnis der regionalen Wirtschaft’. Die im Archiv verwahrten historischen Dokumente gehen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Sie spiegeln den permanenten Strukturwandel in den unterschiedlichen Gewerberegionen Westfalens wider. Uns Westfalen beschäftigt heute die hochaktuelle Verwaltungsstrukturreform, zu der wir in der Dortmunder Region ganz anderer Meinung sind als die Landesregierung. Und wir können uns dabei auch auf unsere Geschichte berufen.“

Heinrich Frommknecht, Vorsitzender der GWWG, freute sich, dass die Arbeit der Gesellschaft nicht nur eine positive Resonanz in der wissenschaftlichen Fachwelt sondern auch in der interessierten Öffentlichkeit findet. „Die Auswahl des heutigen Referenten ist uns besonders leicht gefallen. Der Blick in seinen Bestseller ‚Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600 bis 1947’ genügte“, informierte Frommknecht.

 

Zum Referenten:

Der gebürtige Australier Christopher Clark lehrt als Professor Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine´s College in Cambridge. Zu seinen Forschungsgebieten zählen neben politischen und kulturellen Fragen die preußische und die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er gehört zu den führenden Deutschland-Historikern in der englischsprachigen Welt. Sein Buch „Iron Kingdom. The Rise and Downfall of Prussia 1600-1947“, das 2007 auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, stand monatelang auf den Bestsellerlisten und bekam die Auszeichnung „Das historische Buch 2007“ verliehen.

 

 

 

2007

Professorin Dr. Luise Schorn-Schütte: Religion und Politik im frühneuzeitlichen Europa

 

„Religion und Politik. Die Debatte über die religiösen Grundlagen politischer Normen im frühneuzeitlichen Europa“ hieß der Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte e.V. (GWWG) am 30. Januar 2007 im Großen Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund. 300 Gäste waren zu der traditionsreichen Veranstaltungsreihe gekommen, um von Professorin Dr. Luise Schorn-Schütte, Inhaberin des Lehrstuhls für neuere und allgemeine Geschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, mehr über die großen historischen Diskussionen zum Verhältnis von Religion und Politik zu erfahren, die in Europa vom 16. bis zum 20. Jahrhundert geführt wurden.

Die Referentin zeigte auf, in welcher Intensität sich christliche Politikvorstellungen bis ins 20. Jahrhundert gehalten haben: „Die Forderung der Reformatoren des 16. Jahrhunderts nach einer christlichen Obrigkeit, der ganz bestimmte Pflichten zugewiesen wurden, prägten sowohl die Debatten um ein europäisches Völkerrecht im 17. Jahrhundert als auch die vieldiskutierten Überlegungen des Thomas Hobbes, der eine Unterordnung der Religion unter die Politik rechtfertigte.“ Auch bei der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Erklärung der Menschenrechte seien die Forderungen nach einer christlichen Obrigkeit präsent geblieben. Und selbst in der Zeit der Weimarer Republik habe die theologische Basis politischer Begrifflichkeiten Bestand gehabt.

IHK-Präsident Udo Dolezych unterstrich bei seiner Begrüßung die Wichtigkeit der GWWG, die 1952 als Förderverein des Westfälischen Wirtschaftsarchivs (WWA) gegründet worden ist: „Wirtschaft findet in der Gegenwart statt. Wirtschaft hat aber auch Vergangenheit. Sie muss sich ihrer Geschichte annehmen, um auch in die Zukunft planen zu können.“ Das WWA sei die regionale Informationsdrehscheibe und das Gedächtnis der regionalen Wirtschaft. Die historischen Bestände ließen erkennen, dass Strukturwandel kein neuer Begriff ist, sondern eine permanente Herausforderung. „Die Unternehmen müssen diese annehmen. Denn Mut zu Veränderung und Innovation ist ein wichtiger Garant für unternehmerischen Erfolg.“

Die IHK als Mitbegründer der GWWG werde daher auch künftig Gesellschaft und Archiv unterstützend zur Seite stehen.

Heinrich Frommknecht, erster Vorsitzender der GWWG, ergänzte, dass mit der seit mehr als 50 Jahren laufenden Vortragsveranstaltung eine „Erinnerungskultur“ gepflegt werden soll. „Wir möchten den Dialog zwischen Geschichtswissenschaft und interessierter Öffentlichkeit fördern.“ Der derzeitige Geschichtsboom in Deutschland helfe diesem Ziel nachdrücklich. „Vor allem die Heimat- und die Regionalgeschichte erfreuen sich eines außerordentlich lebhaften Interesses. Dies spiegelt sich auch in den seit Jahren wachsenden Benutzerzahlen des Westfälischen Wirtschaftsarchivs wider“, so Frommknecht.

Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Geschäftsführer der GWWG und Direktor des WWA, leitete die anschließende Diskussion zum Vortrag. Dabei stellte er die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche sowie der Bedeutung der christlich-religiösen Grundlagen für das europäische Demokratieverständnis in den Mittelpunkt. „Eine besondere Herausforderung der Zukunft ist die multikulturelle Gesellschaft“, so Ellerbrock. Das Verhältnis von Religion und Politik sei eine der Grundlinien der europäischen Geschichte. Die Integration nichtchristlicher Religionsgemeinschaften sei eine der großen Aufgaben der Zukunft.

 

Zur Referentin:

Professorin Dr. Luise Schorn-Schütte ist Inhaberin des Lehrstuhls für neuere und allgemeine Geschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Vereinigungen und Gremien. Ihre Forschungs-schwerpunkte sind die Europäische Reformationsgeschichte (16./17. Jahrhundert), die Geschichte des europäischen politischen Denkens (16./18. Jahrhundert) und die Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen zählen „Karl Lamprecht (1856-1915). Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik“ (1984), „Evange-lische Geistlichkeit in der Frühneuzeit“ (1996), „Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung“ (4. Auflage 2006), „Karl V. Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit“ (3. Auflage 2006) und „Historische Politikforschung. Eine Einführung“ (2006).

 

 

 

2006

Prof. Dr. Gudrun Krämer: „Eine komplizierte Beziehung: Die islamische Welt und Europa“

 

Besonders regen Zuspruchs erfreute sich der Vortragsabend der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte e.V. (GWWG) am 25. Januar 2006 im Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund. Mehr als 450 Gäste besuchten in diesem Jahr die traditionsreiche Veranstaltungsreihe. IHK-Vizepräsident Gerhard Rüschenbeck freute sich in seiner Begrüßung über das große Interesse: „Diese Veranstaltung zählt zu den herausragenden kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen in unserer Region. Zu verdanken haben wir dies insbesondere der hohen nationalen und internationalen Reputation des Westfälischen Wirtschaftsarchivs, das von der GWWG gefördert wird.“

Professorin Gudrun Krämer, Inhaberin des Lehrstuhls Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin, sprach an diesem Abend zum Thema „Eine komplizierte Beziehung: Die islamische Welt und Europa“. Sie betrachtete dabei die Verbindungen dieser Regionen aus islamischer Perspektive vor dem geschichtlichen Hintergrund. So sei das Verhältnis zu Juden und Christen für die Herausbildung islamischer Lehren und Lebensformen zwar bedeutsam, allerdings folgte daraus noch keine besondere Bedeutung Europas für den Islam in seiner klassischen Epoche. Daran änderten auch die Kreuzzüge wenig. „Erst der europäische Kolonialismus kehrte im 18. und 19. Jahrhundert die Verhältnisse um. In seinem Schatten stehen aber heute noch die Beziehungen zwischen islamischer Welt und Europa. Dabei haben die Wahrnehmungen ein ebenso großes Gewicht wie die Tatsachen“, erklärte Krämer.

Heinrich Frommknecht, erster Vorsitzender der GWWG, betonte, dass das mit so vielen Konflikten behaftete Verhältnis zur islamischen Welt gerade in der heutigen Zeit größtes Interesse genießt. „In Europa neigt man zu leicht verkürzten Erklärungsansätzen für diese Konflikte“, stellte Frommknecht fest. Die tiefgehenden Einblicke der Gastrednerin hätten daher zu einem „Blick über den Tellerrand“ geführt. Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Geschäftsführer der GWWG und Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs, leitete die anschließende Diskussion zum Vortrag.

Er betrachtete dabei gemeinsam mit den Gästen unter anderem die aktuellen Verlautbarungen islamischer Intellektueller zu fundamentalistischen Strömungen und stellte die Frage: „Hat der Fundamentalismus mit Blick auf die Kritik an undemokratischen Herrschaftspraktiken in islamischen Ländern oder auf die lauter werdenden Forderung nach der Gleichstellung von Mann und Frau überhaupt dauerhaft eine Chance?“

 

Zur Referentin:

Nach dem Studium der Geschichts-, Islam- und Politikwissenschaft sowie der Anglistik und der Promotion in Heidelberg arbeitete Gudrun Krämer zwischen 1982 und 1994 als Nahost-Referentin an der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen bei München. Sie habilitierte sich 1994 an der Universität Hamburg und nahm im selben Jahr den Ruf auf die Professur für Islamwissenschaften an der Universität Bonn an. Von dort aus wechselte sie 1996 zur Freien Universität nach Berlin. Sie war darüber hinaus unter anderem Gastprofessorin in Kairo, Bologna, Paris und Jakarta. Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen zählen neben zahlreichen Aufsätzen die Bücher „Ägypten unter Mubarak“ (1986), „The Jews in Modern Egypt“ (1989), „Gottes Staat als Republik: Zeitgenössische Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie“ (1999), „Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (2002) und die Geschichte des Islam (2005).

 

 

 

2005

Prof. Dr. Hagen Schulze: „Was ist eigentlich Europa?“

 

Am 25. Januar 2005 fand vor wieder einmal vollem Haus im Großen Saal der IHK Dortmund der traditionelle Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG) statt. Vor rd. 400 Zuhörern referierte Professor Hagen Schulze zu dem Thema „Was ist eigentlich Europa?“

Hans Peter Immel, Präsident der IHK Dortmund, begrüßte die Gäste und betonte, dass das diesjährige Thema auch für die regionale Wirtschaft von besonderer Bedeutung sei. „Nur wenn man die Kultur und das politische Denken seiner Geschäftspartner kennt, kann sich neben der wirtschaftlichen Verlässlichkeit jenes Vertrauen aufbauen, dass für zukunftsweisende und dauerhafte Geschäftsbeziehungen unerlässlich ist.“ Heinrich Frommknecht, der zuvor für weitere drei Jahre zum Vorsitzenden der GWWG gewählt worden war, stellte Hagen Schulze als einen der profiliertesten deutschen Historiker der Gegenwart heraus. Seine Forschungsschwerpunkte liegen neben der Weimarer Republik auf Fragen der Bildung der Nationalstaaten und der europäischen Geschichte. Seit 2000 leitet er das renommierte Deutsche Historische Institut in London.

Hagen Schulze ließ zunächst die wesentlichen politischen Prinzipien der Idee Europa Revue passieren und gab Antworten auf die Fragen: Was macht also Europa eigentlich aus, was soll es sein, wie weit reicht es? Dabei ging es nicht in erster Linie um das Europa der Institutionen, sondern um ein Europa, das von einer Zivilisation definiert wird.

Die abschließende lebhafte Diskussion unter der Leitung von WWA-Direktor Dr. Karl-Peter Ellerbrock bestätigte die Thesen von Hagen Schulze um so mehr, als sich spätestens seit One - Eleven gezeigt hat, wie entscheidend wichtig die Legitimationsgrundlagen einer angegriffenen politischen Ordnung sind – einer Ordnung, die Europa und die Vereinigten Staaten insgesamt umfasst.