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Bauer, Pflug und Scholle (Archivale des Monats der Abteilung Westfalen)

Nachdem 1862 und 1868 erste lokale Bauernvereine in Wettringen und Westerholt gegründet worden waren, konstituierte sich vor 150 Jahren, am 30. November 1871, auf Initiative des Freiherrn Burghard von Schorlemer-Alst (1825-1895) der „Westfälische Bauernverein“ und bildete so die erste landwirtschaftliche Standesorganisation im frisch proklamierten Deutschen Reich. Aus diesem Anlass widmet sich das Archivale des Monats der Abteilung Westfalen in diesem Jahr dem bäuerlichen Beruf, seiner Arbeit, seinem Umfeld und nicht zuletzt den Bildern, die darüber in der Öffentlichkeit kursierten und bisweilen politisch instrumentalisiert wurden.

Januar: Ländliche Kollektive vor dem Sozialismus

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die bäuerliche Existenz von Eigenheiten und Merkmalen geprägt, die kaum Ähnlichkeiten mit heutigen Rahmenbedingungen aufweisen. Von regionalen Unterschieden abgesehen, waren westfälische Bauern als Eigenbehörige eines Grundherrn persönlich unfrei, als solche zu vielerlei Abgaben und Diensten verpflichtet und zudem meist nicht Eigentümer des von ihnen bewirtschafteten Landes...

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die bäuerliche Existenz von Eigenheiten und Merkmalen geprägt, die kaum Ähnlichkeiten mit heutigen Rahmenbedingungen aufweisen. Von regionalen Unterschieden abgesehen, waren westfälische Bauern als Eigenbehörige eines Grundherrn persönlich unfrei, als solche zu vielerlei Abgaben und Diensten verpflichtet und zudem meist nicht Eigentümer des von ihnen bewirtschafteten Landes.

Eine wichtige Rolle in der landwirtschaftlichen Produktion spielten die Allmenden und Marken, also jene Weide-, Wald-, Heide- oder Moorflächen, die in genossenschaftlichem Eigentum der Dorfgemeinschaft standen und von den Berechtigten zur Viehmast und Gewinnung von Futter, Früchten, Holz und Düngestoffen genutzt wurden. In Zeiten finanzieller Not kam es zum Verkauf von Markenanteilen in den Privatbesitz – wie 1669 in Mussum bei Bocholt zur Begleichung kriegsbedingter Schulden. Die aus diesem Anlass angefertigte Skizze bietet bei genauerer Betrachtung zudem Einblicke in den bäuerlichen Alltag.

LAV NRW W, W 051/Kartensammlung A, Nr. 1455.

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Februar: Bäuerliches Wohnen

Bauer war auch und gerade in der Vormoder­ne nicht gleich Bauer. Je nach Größe und Ausstattung der Höfe gab es mehr oder weni­ger ausgeprägte Schichten, die in den Steuer­listen unter regional variierenden Bezeichnun­gen aufscheinen, im Münsterland um 1700 etwa als Vollerben, Halberben, Pferdekötter...

Bauer war auch und gerade in der Vormoder­ne nicht gleich Bauer. Je nach Größe und Ausstattung der Höfe gab es mehr oder weni­ger ausgeprägte Schichten, die in den Steuer­listen unter regional variierenden Bezeichnun­gen aufscheinen, im Münsterland um 1700 etwa als Vollerben, Halberben, Pferdekötter, Kötter, Brinksitzer und Backhäuser.

Entsprechend heterogen gestalteten sich die Wohnverhältnisse, von denen heute diverse Freilichtmuseen authentische Eindrücke ver­mitteln. Der Grundriss eines eher bescheide­nen Bauernhauses wurde um 1750 angefertigt, die Zeichnung der Hofstätte des Schulten Bölling bei Nottuln entstand 1662 im Zuge ei­nes Nachbarschaftsstreites um einen Graben und zeigt u.a. einen dreistöckigen steinernen Speicher, der heute noch auf dem jetzigen Hof Schulze Hauling erhalten ist.

LAV NRW W, W 051/Kartensammlung A, Nr. 7965 und B 215/Kloster St. Aegidii, Münster - Akten, Nr. 134d.

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März: Dörfer mit und Dörfer ohne Bauern

Bäuerliche Wohnstätten verteilten sich in der Vormoderne auf zwei verschiedene Arten über Westfalen: Während im Münsterland und Sauerland die Höfe weit über das Land verstreut lagen, siedelten in Ostwestfalen und am Hellweg die Bauern mit ihren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden überwiegend in den Dörfern und hatten deshalb meist längere Wege zu ihren Feldern.

Umgekehrt waren die Dörfer in den Streusiedlungsgebieten oft kleiner, da sich nur die Häuser von Handwerkern, Händlern und anderen Gewerbetreibenden um die Kirchspielskirche scharten. Ein solches Bild bot etwa Südlohn, als es 1597 zur Planung einer Befestigungsanlage kartiert wurde. Um das Dorf liegen Gärten und kleine Felder der Einwohner, die indessen dort genauso wirtschaften wie die Bauern auf ihren Ländereien.

LAV NRW W, W 051/Kartensammlung A, Nr. 1817.

April: Sonntagsstaat auf dem Lande

Wie andere Berufsgruppen auch verfügten zumindest besser gestellte Bäuerinnen und Bauern neben der Alltagskleidung über eine Garnitur repräsentativer Tracht, die für den sonntäglichen Kirchgang oder andere festliche Anlässe wie Hochzeiten oder Erntedank angelegt wurde.

Die dafür gebräuchliche Bezeichnung (Sonntags-) Staat hat keinerlei verfassungsrechtlichen Bezug, sondern knüpft an die alte Bedeutungsvariante Aus­stattung an. In diesem Sinn bedeutet etwa mittel­niederdeutsch stāt auch Aufwand oder frühneu­hochdeutsch Stat u.a. Pracht. Alle Varianten wurzeln im lateinischen status.

LAV NRW W, V 602/Brau und Brunnen AG, Dortmund (Dep.), Nr. 84 und 85.

Mai: Beistand vom heiligen Fachmann

Isidor von Madrid (um 1070-1130) war ein­facher Landarbeiter eines spanischen Ade­ligen und soll sich durch Fleiß, Gehorsam, Hilfsbereitschaft und Frömmigkeit ausge­zeichnet haben. Unter den ihm zugeschrie­benen Wundern findet sich auch die Hilfs­aktion eines Engels, der, als Isidor unter einem Baum eingeschlafen war, dessen Feld bestellte.

Isidor wurde 1622 heilig gesprochen und erscheint auf Darstellungen meist mit ei­nem einfachen Spaten. Als Schutzpatron der Bauern soll er gegen Dürre helfen und für eine gute Ernte sorgen.

Joseph Weigert (1870-1946) wirkte als Pfarrer in der Oberpfalz und publizierte neben diesem Gebetbuch etwa ein Dut­zend weiterer Schriften, die sich vornehm­lich an die bäuerliche Landbevölkerung richteten.

LAV NRW W, V 510/Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Münster (Dep.), Haus Brunn – Brunn, Nr. 39.

Juni: Bäuerlicher Wettkampf mit tierischen Mitteln

Nachdem es im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unter maßgeblicher Beteiligung von Albrecht Daniel Thaer zur Begründung einer deutschen Agrarwissenschaft gekommen war, entstanden vielerorts landwirtschaftli­che Vereine, die durch Publikationen, Vorträge und Ausstellungen das Wissen über praktische Innovationen verbreiten wollten. Auf regionalen Ausstellungen wurden neue Maschinen gezeigt, alternative Anbaume­thoden vorgestellt und Wettbewerbe zur Viehzucht veranstaltet. ...

Nachdem es im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unter maßgeblicher Beteiligung von Albrecht Daniel Thaer zur Begründung einer deutschen Agrarwissenschaft gekommen war, entstanden vielerorts landwirtschaftli­che Vereine, die durch Publikationen, Vorträge und Ausstellungen das Wissen über praktische Innovationen verbreiten wollten. Auf regionalen Ausstellungen wurden neue Maschinen gezeigt, alternative Anbaume­thoden vorgestellt und Wettbewerbe zur Viehzucht veranstaltet.

Diese Bestrebungen wurden durch die am 11. Dezember 1885 in Berlin gegründete Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) gebündelt und verstärkt. Zentraler Bestandteil der seit 1887 durchgeführten Wander­ausstellungen war die Tierschau, zu der nur deutsche Züchter zugelas­sen waren, um die Unabhängigkeit vom Ausland zu stärken.

Auch nach 1933 und der Gleichschaltung der DLG sowie sonstiger loka­ler Vereine im NS-Reichsnährstand setzte sich die Tradition der Tier­schau-Feste fort und wird u.a. vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe bis in die Gegenwart hinein gepflegt.

LAV NRW W, W 351/Plakatsammlung, Nr. 1583.

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Juli: Landvolk als Wahlvolk

Während gegenwärtig nur ca. 1,5% aller Beschäftigten in der Landwirtschaft arbeiten, war es um 1930 noch etwa ein Drittel. Entsprechend intensiv umwarben die politischen Parteien vor Wahlen die Landbevölkerung. Bei der Wahl des Reichspräsidenten 1932 setzte sich der seit 1925 amtierende ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg im zweiten Wahlgang am 10. April mit 53% gegen seine Konkurrenten Hitler (37%) und Ernst Thälmann (10%) durch. Zur Reichstagswahl am 5. März 1933 trat die NSDAP als Liste 1 an, weil sie in den beiden Wahlen von 1932 zur stärksten Partei im Reichstag aufgestiegen war. Trotz massiver Gewalt gegen die linken Parteien und auf der Straße erhielt die NSDAP mit 43,9% keine absolute Mehrheit. Das Plakat gestaltete der Illustrator und Schriftsteller Felix Albrecht (1900-1980), der schon 1927 in die NSDAP eingetreten war.

LAV NRW W, W 401/Druckschriftensammlung, Nr. 4295 und W 351/Plakatsammlung, Nr. 2288.

August: Bauern im Räderwerk der Kriegsvorbereitung

Nachdem die Nationalsozialisten schon 1933 alle landwirtschaftlichen Organisationen sowie die an der Produktion beteiligten Personen im „Reichs­nährstand“ gleichgeschaltet hatten, proklamierte der Reichslandwirtschaftminister Richard Walther Darré auf dem Reichsbauerntag in Goslar am 17. November 1934 die „Erzeugungsschlacht des deutschen Volkes“. Dieses Aktionsprogramm reagierte zunächst auf die ...

Nachdem die Nationalsozialisten schon 1933 alle landwirtschaftlichen Organisationen sowie die an der Produktion beteiligten Personen im „Reichs­nährstand“ gleichgeschaltet hatten, proklamierte der Reichslandwirtschaftminister Richard Walther Darré auf dem Reichsbauerntag in Goslar am 17. November 1934 die „Erzeugungsschlacht des deutschen Volkes“. Dieses Aktionsprogramm reagierte zunächst auf die Missernte von 1934, wurde dann jedoch bis 1944 fortgeschrieben, um die Selbstversorgung des Reiches zu stärken und damit die Abhängigkeit von Nahrungsmittelim­porten zu senken. Zu den als „Zehn Gebote“ bezeichneten Maßnahmen zählten etwa die Erfassung aller Höfe, die Gewährung von Kredi­ten für landwirtschaftliche Maschinen oder die Vergrößerung der Anbauflächen für Ölfrüchte.

Zwar konnte der Selbstversorgungsgrad Deutschlands von 68% in 1928 auf 83% in 1938 erhöht werden, doch blieb die angestrebte Autarkie bis Kriegsende trotz rigoroser Ausbeutung der besetzten Gebiete unerreicht. Zudem verursachte die Abkopplung vom Weltmarkt eine erhebliche Teue­rung bei landwirtschaftlichen Produkten.

LAV NRW W, W 401/Druckschriftensammlung, Nr. 401.

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September: Erntedank im Zugriff der Obrigkeit

Die Gleichschaltung der Bauern im „Reichsnährstand“ und ihre Einbindung in die „Erzeugungsschlacht“ (vgl. Monatsarchivale August) kombinierte das NS-Regime mit der propagandistischen Vereinnahmung des...

Die Gleichschaltung der Bauern im „Reichsnährstand“ und ihre Einbindung in die „Erzeugungsschlacht“ (vgl. Monatsarchivale August) kombinierte das NS-Regime mit der propagandistischen Vereinnahmung des Erntedankfestes, dessen Wurzeln bis in vorchristliche Zeit zurückreichen. 1934 erhob man den auf den ersten Sonntag nach Michaelis (29. September) festgelegten Erntedank zum gesetzlichen Feiertag, an dem bäuerliche Arbeit im Rahmen der „Blut und Boden“- Ideologie gewürdigt wurde. Das zentrale Reichserntedankfest fand als Massenveranstaltung von 1933 bis 1937 auf dem Bückeberg bei Hameln statt, bevor es 1938 aufgrund der Sudetenkrise und danach kriegsbedingt ausfiel.

In der Vormoderne hatte die Sorge der Obrigkeit (zumal jener der geistlichen Staaten) um gute Ernten fraglos ehrenhaftere, aber letztlich auch nicht völlig uneigennützige Motive: Missernten konnten die wirtschaftliche Machtposition des Adels oder gar die ständische Ordnung insgesamt gefährden.

LAVNRW W, B 004/Fürstbistum Münster, Edikte, B 4, fol. 31; V 060/Nachlass Erika Liesmann, Nr. 15.

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