Ganz normale Männer? Stadtarchiv erschließt Personenkartei aus den Kriegsakten des Nazi-Bürgermeisters Bernhard Hackenberg aus Gladbeck
donderdag, 1. oktober 2026 - 14:26Ganz normale Männer? Stadtarchiv erschließt Personenkartei aus den Kriegsakten des Nazi-Bürgermeisters Bernhard Hackenberg aus Gladbeck
Das Archivgut des Stadtarchivs Gladbeck enthält eine Fülle personenbezogener Unterlagen städtischer Herkunft, die in die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945 fallen. Eine besonders interessante Quelle sind Feldpostbriefe, Fotografien oder Karteisysteme zu den aus Gladbeck stammenden Mitgliedern staatlicher und nichtstaatlicher Gewaltorganisationen, Wehrmachtsangehörige und Männer der paramilitärischen Kampfverbände von SA (Sturmabteilung) und SS (Schutzstaffel) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), die die Stadtverwaltung in der NS-Zeit selbst angelegt und zusammengetragen hat und die heute sowohl für genealogische Recherchen als auch für historische Analysen herangezogen werden können.
Mit der Bearbeitung der Gladbecker Soldatenkartei 1939-1945 macht das Stadtarchiv jetzt einen wichtigen Teil seiner Dokumentensammlung aus dem „Kriegsarchiv“ der Stadt digital zugänglich. Das Schriftgut, das neben einer Personenkartei auch Einzelakten, Berichte, Propagandaschriften sowie eine umfassende Sammlung an Fotodokumenten enthält, war mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beim Büro des Oberbürgermeisters entstanden. Es wurde von den handelnden Personen als eine Art Kriegschronik geführt, in der Überzeugung, Beobachter eines einschneidenden Epochenumbruchs zu sein.
Tatsächlich fanden in keinem anderen historischen Konflikt so viele Menschen in so kurzer Zeit den Tod wie in den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1945. Mindestens 19 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte aller Kriegstoten (die nichteuropäischen Verluste nicht eingerechnet), waren zivile Opfer, wie der Historiker Tony Judt in seinem Buch „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ bilanziert. Nur in Großbritannien und Deutschland lag die Zahl der militärischen Verluste deutlich über derjenigen der Zivilbevölkerung. Im Reich waren es bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 über vier Millionen Gefallene. Nahezu jede Familie in Deutschland hatte einen Toten oder Vermissten zu beklagen.
Knapp 200 NSDAP-Mitglieder aus Gladbeck
Die Frage, wer die im NS-Deutschland zu strahlenden Helden verklärten Männer waren, von denen als Wehrmachtssoldaten oder als Mitglieder von SS- und Polizeieinheiten Hunderttausende zu Tätern oder Mittätern eines verbrecherischen Vernichtungskrieges wurden, ist für Gladbeck noch immer nicht geklärt. Hier ermöglicht die Personenkartei, die historische Daten zu mehr als 2000 Gladbecker Kriegsteilnehmern umfasst, darunter auch personenbezogene Informationen zur lokalen Partei-, SA- und HJ-Mitgliedschaft, einen exemplarischen Zugang.
Nicht wenige der in der Kartei geführten Männer hatten sich vor ihrem Kriegseinsatz als engagierte Nationalsozialisten in Gladbeck hervorgetan, standen im aktiven Einsatz nationalsozialistischer Organisationen wie der Hitlerjugend und Sturmabteilung, als wichtigste Stütze der „Volksgemeinschaft“. Von den 60 SA-Leuten, die sich in der Kartei erfasst finden, stammen 45 Personen gebürtig aus Gladbeck; unter den SS-Männern, 76 an der Zahl, sind es 59 Personen mit der Eintragung Geburtsort Gladbeck. Nicht wenige unter ihnen finden sich in der Kartei zudem als Mitglied der NSDAP ausgewiesen, wobei die Gesamtkartei insgesamt 198 Parteimitglieder dokumentiert, darunter zahlreiche Offiziere und Unteroffiziere in der Mitgliedschaft von Wehrmacht und SS.
Für die Nutzung der Unterlagen zu privaten, wissenschaftlichen oder bildungspolitischen Zwecken empfiehlt das Stadtarchiv Gladbeck die Überprüfung der Mitgliedschaftsangaben anhand der Bestände in auswärtigen Archiven in jedem Einzelfall. Über diesbezügliche Recherchemöglichkeiten informieren vor allem die Internetseiten des Bundesarchivs.
Allgemeine Benutzungshinweise
Der Best. 4-G / Gladbecker Soldatenkartei wurde im Rahmen eines mehrjährigen Projektes bestandsschonend gereinigt, digitalisiert und bis zur Findbuchreife erschlossen. Über dieses Archivportal gelangen Familienforschende und andere Interessierte zum Datenbestand, in dem sich kostenlos in derzeit 2.029 Personendatensätzen nach Angehörigen eventuell der eigenen Familie recherchieren lässt. Die Einsichtnahme in die aufwendig digitalisierte Kartei erfolgt vorerst vor Ort im Lesesaal des Stadtarchivs Gladbeck, die Nutzung ist für jedermann gebührenfrei. Auf Anfrage können Digitalkopien vom Stadtarchiv bereitgestellt werden – ein insgesamt wichtiger Beitrag im Kontext der kommunalen Erinnerungskultur.
Zu beachten ist: Aus Gründen des Datenschutzes sind aktuell acht Personendatensätze nicht veröffentlicht, darunter fallen vier Wehrmachtssoldaten der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 in Kriegsgefangenschaft und weitere vier Personen, die auf den Karteien als kriegsvermisst gekennzeichnet sind. Das Stadtarchiv Gladbeck arbeitet auf Grundlage des Archivgesetzes Nordrhein-Westfalen. In § 7 Abs. 1 sind die „personenbezogenen Schutzfristen“ für Archivgut definiert, das sich auf natürliche Personen bezieht.
Eine unbeschränkte Nutzung des Best. 4-G / Gladbecker Soldatenkartei 1939-1945 ist frühstens ab 1. Januar 2028 möglich. Weiterführende Informationen zur Benutzung unserer Einrichtung unter: www.gladbeck.de.