Brief vom 10. April 1848
„In Lemgo haben die Bürger ihren Forstinspector Rötteken abgesetzt und sie dringen jetzt auch auf die Absetzung ihres Stadtsecretairs, Clemen. Ueberhaupt ist die Idee im Volke erweckt, daß die Angestellten zu hohe Gehalte oder sonstige Emolumente”” hätten. Die Prediger sollen, nach Meinung der Leute, nicht mehr denn etwa 400-500 Rth. haben. Am Ende wird’s zu sehr bedeutenden Einschränkungen allerdings kommen müssen. Denn das Geld mangelt allenthalben.“
Friedrich Ernst August Rétteken, Forstinspektor in Lemgo, *Lemgo 1.5.1794, +Lemgo 28.5.1875, war Leutnant, Stadtrendant und Forstinspektor in Lemgo.
Carl Albert Clemen, Advokat und Stadtsekretar in Lemgo, *Lemgo 21.10.1795, +Lemgo 17.11.1874, war verheiratet mit Emilie Rötteken.
Emolumente = Vorteile, Nebeneinkünfte.
Brief vom 19. Mai 1848
„In unseren öffentlichen Verhältnissen zeigt sich noch keine Verbesserung. In Lemgo ist die Gesetzwidrigkeit förmlich organisirt. Es hat sich da unter dem Namen „Bürgerversammlung“ ein die Volkssouverainität handhabender hoher Rath gebildet, der sich zu einem Gerichte über das Verhalten der Behörde constituirt hat. Die Citoyens kommen Abends in einem Gasthofszimmer zusammen und unterhalten sich über die in Amt und Würden stehenden Leute. Was irgend einer derselben einmal peccirt hat, wird dort — natürlich mit Uebertreibung — ausgekramt. Ist den Beisitzern das Betragen irgend Jemandes verdächtig, so laden sie ihn ein, einmal in ihrer Mitte zu erscheinen und Auskunft zu ertheilen. Kommt er nicht, so heißts: „Wi willt'n mal hahlen!“ und gleich gehen etwa 10-20 hin und hohlen ihn. Deines Freundes Schröter Vater” ist auf diese Art „gehahlt“. Andere, um das „gehahlt weren“ zu vermeiden folgen doch lieber der Einladung. So soll kürzlich der Bürgermeister Petri daselbst haben erscheinen müssen. Er findet die Versammlung im Kreise herum sitzend mit den Hüten auf dem Kopfe. Er, in der Meinung, man habe dort die Synagogensitte, setzt auch seinen Hut auf. Allein gleich wird gerufen „Hut ab!“. Er muß folgen und der Versammlung die begehrte Auskunft ertheilen. - In einer dieser Versammlungen hat der Advokat v. Sode, ein arger Revolutionist, sämmtliche Mitglieder des Magistrats für Spitzbuben erklärt. Das hat der Magistrat nun der Regierung angezeigt und gebeten, daß unserm Criminalgerichte die desfallsige Untersuchung aufgetragen werde. Dieses ist geschehen und wir haben die Untersuchung eingeleitet. Ob uns die Regierung aber auch (physische) Kräfte gewähren wird, die Untersuchung durchzuführen, das ist noch eine große Frage.“
Friedrich Wilhelm Schröter, Kaufmann in Lemgo, *Lemgo 26.12.1787, +Lemgo 17.8.1865, Vater des Amtmanns Albert Schröter (1818-1877), seit 1817 verheiratet mit Margerethe Louisa Kracht (1797-1847).
Dietrich Moritz Petri, Bürgermeister in Lemgo, *Lemgo 21.1.1782, +Lemgo 9.11.1863, ein Bruder des Detmolder Regierungspräsidenten Friedrich Simon Leopold Petri. Er wurde 1806 Amtsauditor, 1810 Syndikus in Lage. Von 1821-1851 war er erster Bürgermeister in Lemgo. Er war verheiratet mit Charlotte Elisabeth Clemen (1789-1826), einer Schwester des Lemgoer Pastors Hermann Friedrich Ferdinand Clemen (1805-1842).
Wilhelm von Sode, Advokat und Stadtverordneter in Lemgo, * ?, + ?, war 1848 einer der Vorsitzenden des Bürgerausschusses. 1850 heiratete er Henriette, geb. Medel, verwitwete Rausch, die ihm schon 1849 einen Sohn geboren hatte.
Brief vom 2. Juli 1848
„Nach Lemgo ist jezt ein fürstlicher Commissar in der Person des Rath Meyer, des Rodewaldschen Schwiegersohns, zur Untersuchung der dort herrschenden Unordnungen geschickt. Das Criminalgericht hat dadurch eine bedeutende Erleichterung bekommen, indem es jenen Commissar nun mit der Abhörung von Zeugen in loco beauftragen kann. Leider scheinen bei dem ancien régime in Lemgo viele Mißbräuche statt gefunden zu haben, welche den unruhigen Bürgern jezt zur Entschuldigung ihrer Frevel dienen müssen!“
Brief vom 9. Juli 1848
„Der Rath Meyer hat in Lemgo Viel zu thun. Seine Untersuchung des städtischen Verwaltungswesens in Lemgo hat ergeben, daß die Einwohner Lemgos über die im Magistrate statt gefundenen Unordnungen sehr große Ursache zu klagen gehabt haben. Freilich wird damit der Aufruhr der Bürger nicht gerechtfertigt, aber doch bedeutend entschuldiget. Die große Fruchtbarkeit des Jahres wird auch der Noth bedeutend abhelfen. - Seit 15 Jahren hat man hier nicht so geringe Getreidepreise gehabt als jezt.“
Brief vom 3. Dezember 1848
„Man braucht also hier noch nicht die Albernheiten zu fürchten, welche die Stadt-Abgeordneten Lemgo’s in ihren Versammlungen wöchentlich begehen, und welche das lippische Volksblatt in comischer Worttreue, zum ärgsten Ärger der Redner, dem auswärtigen Publicum mittheilt, das nicht Gelegenheit hat, die Schwelle des Versammlungslocals zu betreten.“
Brief vom 17. Dezember 1848
„Die Stadtverordneten zu Lemgo, welche der Teufel noch immer reitet, haben in einer Adresse an die Nationalversammlung zu Frankfurt den Wunsch ausgesprochen „reichsunmittelbar“ zu werden. Wie sie das verstanden haben mögen, ist mir unbegreiflich. Ob sie damit auf den Zustand zielen, in welchem sich vor 50 Jahren die kleinen Reichsstädte oder Reichsflecken befanden? Das wäre denn doch ein Particularismus ganz eigener Art. Sie würden dann ein deutsches Staatlein für sich ausmachen, eine reichsunmittelbare Republik, halb so groß als die Republik San Marino. - Einer der Herren Stadtverordneten, der Advokat v. Sode ist, wegen Beleidigung des Magistrats zu Lemgo, von uns zu einer 14 tägigen Gefängnisstrafe verurtheilt. Er läßt sich jezt noch einmal vertheidigen; allein ich glaube, daß das Erkenntnis bestätiget werden wird, weil er den wichtigsten Defensionsgrund, daß er nämlich tempore delicti total besoffen gewesen sey, zu gebrauchen sich scheuet.“
Brief vom 28. Januar 1849
„Als am Sonnabend vor 8 Tagen die Nachricht hier ankam, daß das Volk zu Lemgo beschlossen habe, den folgenden Tag einen Zug hierher zu unternehmen, um die beiden s.g. politischen Gefangenen zu befreien (deren Verbrechen aber eigentlich darin bestanden, daß sie, in Verbindung mit mehreren Anderen, Häuser friedlicher Bürger gestürmt und die Bewohner vor das Tribunal ihrer Versammlung geschleppt hatten) dachte ich, mir sey zunächst der Besuch zugedacht, weil das Erkenntnis ja vom Criminalgerichte ausgesprochen und von mir unterschrieben war. Ich war deswegen schon — gegen meine Gewohnheit - seit 9 Uhr völlig angekleidet und erwartete ruhig was da kommen sollte oder wollte. Bis 12 Uhr erfuhr man jedoch Nichts. Doch kamen etwa um 1 Uhr einige Nachrichten vom Herzuge vieler Menschen, über Lage her, an. Um 2 Uhr ging ich meinen gewohnten Weg zum Zeitungstische. Da sah ich denn schon vor dem Schloßplatze einen gedrängten Haufen, den man - die Neugierigen miteingerechnet, wohl auf 800 Mann anschlagen konnte. Auf der Ressource sah man das Ding als bedenklich an. Besonders war der Wirth, Brokmann bedauert. Der Brave hatte für den Sonntag Abend auf eine Gesellschaft von etwa 100 Personen gerechnet und köstliche Speisen bereiten lassen. Er sah nun schon klar vor Augen, daß aus der Fete nichts werden könne. Man hörte das Gemurmel der Menschen, welches oft in Geschrei ausartete. Bauern der schäbigsten Art, mit dicken Stöcken auf der Schulter, kamen als Zuzügler nach. Die Kerle, besonders die Hasenbrut aus Lemgo, sahen aus, wie ich mir die Märzhelden aus Berlin denke, eben so lumpig, eben so versoffen. – Man erfuhr nun bald, daß die Leute unter der Anführung der bekannten Lemgoischen Vereinstifter, v. Sode, Dr. Leizmann, Literat Wolff, Müller Bünte u.a. gekommen seyen, um dem Fürsten eine s.g. Sturmpetition zu überreichen, in welcher sie höflichst um Befreiung der Verhafteten und Amnestie in Beziehung auf alle verurtheilten Unruhemacher im Lande antrugen. Zwei jener Herren, Wolff und Bünte, gingen aufs Schloß, die Schrift zu übergeben und mit ihrer Beredtsamkeit zu unterstützen. Die Verhandlung mogte lange dauern, weil der Fürst die Deputirten nicht vorließ. Diese zogen denn wieder zurück zu dem Haufen, welcher vor dem Schlosse gegen die versperrte Gitterthür andrängte. Sie brachten ihren Committenten die Nachricht, daß der Fürst ohne das Gutachten der Regierung und des Criminalgerichts Nichts thun werde. Nun wurde die Menge wüthend und tobte wieder mit den Prügeln gegen die Gitter, fluchte auch auf seine Führer, welche sie nach Detmold hinge“toppelt“ hätten und erklärte diesen, nicht eher abziehen zu wollen, als bis die Gefangenen ausgeliefert würden. Die Soldaten waren angewiesen, sich hinter dem Gitter zu halten. Die Schildwache blieb auf den Posten vor der Gitterthür. Als einer der Helden aber dem Soldaten sein Gewehr anfaßte, um es ihm zu entwinden, gab er dem Angreifer mit dem Bajonett einen Schlag über den Kopf, so daß er gleich zusammenstürzte und dieser wurde nun gleich von ein paar andern Soldaten gepackt und in die Wache geschleppt. Eben so wurden noch zwei Andere, welche eindringen wollten ergriffen und in Sicherheit gebracht. So mogte es bis halb 4 Uhr gedauert haben als der Fürst den Bürgermeister” auffordern ließ, die Bürgerwehr in Thätigkeit zu setzen. Sogleich ging die Lärmtrommel durch die Stadt. Die Wehrmänner versammelten sich schnell vor dem Hause ihres Feldherrn und kaum war eine kleine halbe Stunde verflossen, als Helwing mit etwa 200 Mann die Lange Straße heraufzog, er und sein Adjutant, Gelhaus, in Uniform zu Pferde, die Bürger in ihren Sonntagskleidern. Es sah aus, als ob sie zur Parade marschirten. Der Zug ging durch die tobende Menge, welche Platz machte, aber nur zu beiden Seiten auswich. Helwing forderte sie vergeblich zur Ruhe und zum Auseinandergehen auf. Er zog bis zum Thore und kam eben so wieder zurück. Nichts war bewirkt. Allein auf dem Markte angelangt, wurde ein ernsthafteres Manoever beschlossen. Die Bürgerschaft dehnte ihre Glieder weiter aus und marschirte um etwa 20 Mann hoch, so daß der ganze Raum zwischen den Häuserreihen ausgefüllt wurde, die ersten beiden Glieder mit gefälltem Bajonett, wieder auf die Helden zu, die nun lange, lange Beine machten. Sie wurden bis zum Thore hinaus verfolgt. Die Straße wurde da durch eine Bajonettreihe abgesperrt. Eben so ging’s denn auch wieder bis an das Rathaus zurück, wo wieder abgesperrt wurde. Der Kriegsschauplatz blieb nun völlig leer, und da jezt auch Wehrmann-Patrouillen durch die übrigen Straßen zogen, sah man um 6 Uhr keine Spur mehr von dem Lärmen. Die Damen blieben freilich von der Ressourcen-Féte weg; aber die Herren, unter denen auch ich, nahmen ein sehr legitimistisches Abendessen ein und ließen den Feldherrn, Helwing, hochleben. — Venit, vidit, vicit! - Somit von dieser Begebenheit, die meinem Freunde Reschid Pascha als eine Batrachomyomachie vorkommen wird, weil er die Geographie noch nicht mikroskopisch genug - ä la Ehrenberg - betrieben hat! Das Schlimme für mich ist nun dabei, oder davon, daß untersucht werden muß. La justici informe und die Justicia ist leider Dein Vater mit seinen Beisitzern. - Die 3 zuerst arretirten Kerle haben wir bereits wieder auf freien Fuß gesezt. Ihre Vergehen stehen schon fest. Aber die Anstifter, die Autores intellectuales des Unfugs, sind schwer zu überführen. Literatus Wolff und Bünte wurden am Donnerstage vernommen und — umfür den folgenden Tag Collusionen zu verhüten — auf die Hauptwache gebracht. Am folgenden Tage kamen 4 andere zum Verhör, v. Sode, Dr. Leizmann, Apotheker Heynemann und Kaufmann Tintelnot. Alle waren einstimmig darin, daß sie nur aus Furcht vor Mißhandlungen sich dem Zuge angeschlossen und die Uebergabe der „Sturmpetition“ übernommen haben. Credat Judaeus apella! Aber vorerst haben sie doch wieder frei gegeben werden müssen. - Die Untersuchung wird ein Resultat haben; aber kein befriedigendes.“
„Froschmäusekrieg“, ein griechisches Kleinepos als Parodie der Ilias.
Horaz, Satiren 15,100. „Das soll der Jude Apella glauben, (ich nicht.)“
Brief vom 4. Februar 1849
„Unsere Lärmerei vom 21sten vorigen Monaths, die große Helwingsschlacht, ist noch immer der Gegenstand der Unterhaltung in den Gesellschaften. Theils ist es die Criminaluntersuchung, welche die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich zieht und von deren Ergebnissen alle Lipper unendlich mehr wissen, als, leider, unsere bis jezt noch sehr unvollkommenen Acten; - denn von den eigentlichen, den intellectuellen Urhebern des Scandals ist noch so gut als Nichtsjuristisch ermittelt; — theils ergötzt uns hier die Vergleichung der Wirklichkeit, des wirklich hier unter unsern Augen Vorgefallenen, mit der Historie, welche die Zeitungsschreiber daraus gemacht und noch immer machen. Da kann man recht im Kleinen sehen, was überhaupt Geschichte ist! Nicht eine einzige der Zeitungsnachrichten über unsere Begebenheit ist richtig. Am auffallendsten ist aber die, offenbar absichtliche, Entstellung der Wahrheit in der s.g. Neuen Rheinischen Zeitung.’ Der Artikel rührt, wie man sagt, von Ferdinand Weerth’” her, dessen Bruder, Georg Weerth früher Mitredacteur des Blattes war. Hier wird erzählt, ein paar brave Bürger von Lemgo, welche sich Aeußerungen entfallen lassen, die höhern Orts unangenehm gewesen, seyen plötzlich des Nachts von 10 Gendarmen aus ihren Betten gehohlt, geknebelt und nach Detmold geführt. Das habe die Bevölkerung Lemgos und der Umgegend empört und 10,000 Mann seyen von da nach Detmold gerückt, um dem Fürsten eine desfallsige Vorstellung zu überreichen. Der Fürst habe aber die Deputation nicht vorgelassen. Darüber seyen die Leute sehr unruhig geworden und es habe Unordnungen gegeben, als plötzlich das Militair eingeschritten und ein Gemetzel entstanden sey. Zwei Todte und viele Verwundete habe man zu beklagen. Die braven Freiheitskämpfer hätten sich zurückziehen müssen; aber man sehe mit Bangigkeit der ernsthaft drohenden Zukunft entgegen. - Auf solche Weise wird durch lügenhafte Berichte der Geist der Unruhe genährt, welcher in Deutschland noch immer spukt und in der That, trotz der jezt waltenden Kraft, noch immer drohet.“
Brief vom 11. März 1849
„Von unserm Militair werden, wegen Ueberfüllung der hiesigen Quartiere in nächster Woche 400 Mann nach Lemgo verlegt. Die dortigen Philister werden das als eine Erwiderung des Besuchs ansehen, welchen sie uns vor 6 Wochen machten. Gemeint ist’s aber so nicht, wiewohl vielleicht damit auch Etwas zur Beruhigung der dortigen Aufregungen beigetragen werden kann.“
Brief vom 20. Mai 1849
„Wir haben beim Criminal Gericht jezt auch seit ein paar Tagen eine Art von Untersuchung gegen die Redaction der Wage, welche in einem hämischen Artikel den Fürsten und die „Hofcamarilla“ wegen der Wahl Eschenburgs zum Auditeur, sich eines Majestätsverbrechens schuldig gemacht haben soll. In der That wird darin auf den Fürsten, als auf einen ganz willkürlichen Regenten gezielt, der sich von seinen Schranzen und Damen lenken lasse.‘ Diese Sache kann ebenfalls schlimm werden. Videbimus! - Der Literat Wolf in Lemgo ist wegen eines aufrührischen und beleidigenden Aufsatzes in einem von ihm redigirten Biatte „Der Volksfreund“ in erster Instanz zu 8 Monath Zwangsarbeit verurtheilt. Unser Gesetzbuch schreibt nämlich auch vor, die Beleidigungen auswärtiger, mit unserm Hause befreundeter Fürsten zu untersuchen und zu bestrafen.“
Brief vom 7. Oktober 1849
„Einige Zahmheit scheint sich eingestellt zu haben seit die Regierung den Antrag auf Amnestie der politischen Verbrechen und auf Sistirung der Untersuchungen wegen derselben bis zur Constituirung der Schwurgerichte nicht genehmiget, auch das Criminalgericht gegen Herrn Dresel ein hartes Urtheil ausgesprochen hat. Letzterer ist noch nicht gefunden und er wird mit Steckbriefen verfolgt. Der Mitredacteur der Wage, der mit ihm in pari reatu ist, Dr. Leizmann, sitzt als Abgeordneter in der Standeversammlung. Da er sein Domizil in Lemgo hat, wird das dortige Criminalgericht, soweit ihn seine jetzige Stellung nicht schützt, die Untersuchung gegen ihn eröffnen müssen. Das scheint aber sich in die Länge zu ziehen.“
Brief vom 7. April 1850
„Hier zu Lande scheint eine der Hauptwirkungen der Revolution sich in der zunehmenden Sichtbarkeit der kirchlichen Spaltungen geltend zu machen. Man wird hier, neben unverhohlenen Indifferentisten, Rationalisten, Orthodoxen und Pietisten noch die Enthusiasten, d. s. die Gemeinden zu befahren haben, die von Missionairs aus dem Wupperthale beschickt werden. Diese thun den Orthodoxen und den Pietisten am Meisten Abbruch, indem sie den frommen Seelsorgern ihre Schafe ganz abspänstig machen. Aus dem ganzen Fürstenthum ziehen jetzt sonntäglich die Frommen, denen ihre Prediger nicht mehr fromm genug sind, zu dem Pastor Steffan in die Bretterkirche zu Lemgo. Ein dortiger Prediger, der Revolutions-Pastor — so wird er genannt - Kuhlemann, hat im ganzen vorigen Jahre keine einzige Copulation gehabt und nur etwa 10 Communicanten. Die pietistischen Prediger sind, obgleich sie Steffans Ankunft und Aufnahme in Lemgo ganz vorzüglich befördert haben, jezt so gegen ihn erbittert, daß sie ihn sogar mit Aufsätzen in unsern Journalen angreifen. Da er aber gar nicht lieset, wenigstens keine Journale, so bekümmert ihn das wenig und er zieht von einer pietistischen Gemeinde zu der anderen, um da, vor der Nase ihrer Seelsorger, Betstunden zu halten, um so ein noch wahreres Christenthum zu verbreiten, als Jene gelehrt haben.“
Emil Johann Heinrich Steffan, pietistischer Geistlicher, *Barmen 24.2.1814, +Bethel 6.1.1905, wuchs in Lemgo auf, studierte in Greifswald und war in Mecklenburg und Lübeck Hauslehrer. 1845 wurde er Hilfsprediger in Minden und hielt auf dem Land Bibelstunden. 1849 trat er die Pfarrstelle der neuen Gemeinde in Lemgo an und hielt am 5.August seine Einführungspredigt in einer großen Stiftsscheune. Seine Tätigkeit als Agent der evangelischen Gesellschaft in Lippe brachte ihm eine große Zahl von Laienanhängern, machte ihn aber bei seinen Kollegen recht unbeliebt. 1854 zog er nach Berlin.
Rudolf Kulemann, Pastor in Lemgo, *Lemgo 11.9.1811, +Dresden 21.6.1889, war von 1848 an Pastor in St. Marien in Lemgo. Als Demokrat geriet er in scharfe Auseinandersetzung mit seiner Gemeinde, was 1849 zur Spaltung und zur Gründung der neuen Gemeinde führte. Kulemann war bis 1851 auch Abgeordneter des lippischen Landtages. Nachdem er den Huldigungseid auf Leopold III. verweigert hatte, schied er aus dem Landtag aus. Als das Konsistorium seine Amtsenthebung als Pastor forderte, ließ er sich 1857 pensionieren und lebte fortan als Dichter und Schriftsteller in Berlin.
Brief vom 30. Juni 1850
„Der Demagog Woltf aus Lemgo, welcher hier noch 2 Monathe Gefängnisstrafe abzubüßen hat, ist indessen vom Lemgoischen Stadtgerichte in einer andern Untersuchungssache wegen Beleidigung des Königs von Preußen noch mit einer neunmonathigen Zwangsarbeitsstrafe belegt. Dieses Erkenntnis ist ihm gestern in seinem Gefängnisse eröffnet. Er wird sich dagegen vertheidigen lassen. Die Acten kenne ich aber noch nicht, sodaß ich über den möglichen Erfolg der weitern Vertheidigung noch Nichts prognosticiren kann.“
Die Zitate wurden der Veröffentlichung "Welch tolle Zeiten erleben wir!" Die Briefe des lippischen Kanzlers Friedrich Ernst Ballhorn-Rosen an seinen Sohn Georg inKonstantinopel 1847–1851, bearb. v. Agnes Stache-Weiske, Detmold 1999 entnommen.