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Kunst und Kultur in Westfalen (Archivale des Monats der Abteilung Westfalen)

Vor 75 Jahren finden in Recklinghausen jene Opern- und Theateraufführungen statt, mit denen sich die staatlichen Bühnen Hamburgs im Sommer 1947 bei den Bergleuten der Zeche „König Ludwig“ für spontane (und illegale) Kohlenlieferungen im vorangegangenen Winter bedanken und damit den Grundstein für die Ruhrfestspiele legen. Vor 150 Jahren, am 28. Januar 1872, konstituiert sich der Westfälische Provinzialverein für Wissenschaft und Kunst mit dem Ziel, staatliche Kulturförderung in der Provinz Westfalen zu bündeln. Vor 200 Jahren, am 27. Februar 1822, werden die Statuten der Münsterschen Liedertafel genehmigt und begründen damit den ersten Männergesangsverein in Westfalen.

Vor dem Hintergrund dieser Jubiläen wirft das Archivale des Monats der Abteilung Westfalen des Landesarchivs 2022 einige Schlaglichter auf Kunst und Kultur im westfälischen Raum – ohne natürlich die Vielfalt ihrer Ausformungen auch nur ansatzweise andeuten zu können.

Januar: Dachverein zur Belehrung und Ergötzung

Nachdem seit den 1820er Jahren in Westfalen (wie in anderen Provinzen auch) zahlreiche Vereine mit wissenschaftlichen oder kulturellen Zielsetzungen entstanden waren, strebte man nach der Reichseinigung eine Bündelung dieser Aktivitäten an. Auf Initiative eines Honoratiorenkreises um den Oberpräsidenten Friedrich von Kühlwetter konstituierte sich am 28. Januar 1872 der Westfälische Provinzialverei...

Nachdem seit den 1820er Jahren in Westfalen (wie in anderen Provinzen auch) zahlreiche Vereine mit wissenschaftlichen oder kulturellen Zielsetzungen entstanden waren, strebte man nach der Reichseinigung eine Bündelung dieser Aktivitäten an. Auf Initiative eines Honoratiorenkreises um den Oberpräsidenten Friedrich von Kühlwetter konstituierte sich am 28. Januar 1872 der Westfälische Provinzialverein für Wissenschaft und Kunst, dem viele bereits existierende Vereine als selbständige Sektionen beitraten.

Neben vielfältigen Projekten wie etwa der Inventarisierung der westfälischen Bau- und Kunstdenkmäler engagierte sich der Verein besonders für die Errichtung eines Provinzialmuseums, das in Kooperation mit dem bereits 1831 gegründeten Westfälischen Kunstverein schließlich 1908 in Münster eröffnet werden konnte und im LWL-Museum für Kunst und Kultur bis in die Gegenwart fortwirkt – wenngleich der nach Bombenschäden rekonstruierte Altbau 1974 durch einen modernen Erweiterungsbau ergänzt wurde, den wiederum 2014 das heutige Gebäude ersetzte.

Indessen löste sich der Provinzialverein für Wissenschaft und Kunst 1931 auf, nachdem Weltkrieg und Inflation zu einem starken Mitgliederrückgang geführt hatten.

LAV NRW W, W 201 / Bildersammlung, Nr. 1727.

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Februar: In Freud‘ und Leid zum Lied bereit

Die Anfänge weltlichen Laien-Chorgesangs gehen auf jene Männer-Gesangvereine (MGV) zurück, die sich im Umfeld von Freiheitskriegen und Nationalbewegung und teilweise nach dem Vorbild der 1808 von Carl Friedrich Zelter in Berlin gegründeten Liedertafel seit Beginn des 19. Jahrhunderts zusammenfanden. Vor 200 Jahren, am 27. Februar 1822, bildete sich mit der Genehmigung der Statuten der Münstersch...

Die Anfänge weltlichen Laien-Chorgesangs gehen auf jene Männer-Gesangvereine (MGV) zurück, die sich im Umfeld von Freiheitskriegen und Nationalbewegung und teilweise nach dem Vorbild der 1808 von Carl Friedrich Zelter in Berlin gegründeten Liedertafel seit Beginn des 19. Jahrhunderts zusammenfanden.

Vor 200 Jahren, am 27. Februar 1822, bildete sich mit der Genehmigung der Statuten der Münsterschen Liedertafel der erste MGV Westfalens. Er rekrutierte sich anfänglich überwiegend aus preußischen Militär- und Justizbehörden, fand aber später (wie die anderen MGV auch) großen Zulauf aus allen bürgerlichen Kreisen – während im Arbeitermilieu seit den 1860er Jahren zu-mal im Ruhrgebiet eigene Chöre entstanden, die rasch und nicht ganz unzutreffend (insbesondere zur Zeit des Sozialistengesetzes 1878 bis 1890) der verdeckten politischen Agitation verdächtigt wurden und sich 1877 zum Ersten Deutschen Arbeiter-Sängerbund zusammenschlossen.

Nachdem bereits seit den 1840er Jahren regionale Sängerfeste veranstaltet worden waren, fand 1861 in Nürnberg ein erstes deutsches Gesangsfest statt, dem 1862 die Gründung des Deutschen Sängerbundes folgte. Nach der Reichseinigung häuften sich die gerne anlässlich von Stiftungsjubiläen der MGV organisierten Gesang-Wettbewerbe so stark, dass Pressekommentare die wirtschaftlichen Interessen der lokalen Gastronomie als treibende Kräfte vermuteten.

Frauen stand der (weltliche) Chorgesang zunächst offenbar nur indirekt als passive Mitgliedschaft in den MGV offen, bis sich diese teilweise zu gemischten Chören umbildeten.

LAV NRW W, K 001 / Oberpräsidium Münster, Nr. 3796 und 5496; K 201 / Regierung Münster, Nr. VII-49d.

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März: Musikpflege in westfälischer Adelslandschaft

Die Zeichnung gehört zu einem dreiseitigen Schreiben, mit dem Moritz Goswin von Ketteler 1729 seiner Schwester Maria Agnes zur Wahl zur Äbtissin des Klosters Gravenhorst gratulierte. Dass er die in stilisierter Demutshaltung und als Hirtin mit Krummstab dargestellte Äbtissin mit zwei Musikern umrahmte, deutet auf den Stellenwert hin, den die Musikpflege seit dem 17. Jahrhundert nicht nur am Hof de...

Die Zeichnung gehört zu einem dreiseitigen Schreiben, mit dem Moritz Goswin von Ketteler 1729 seiner Schwester Maria Agnes zur Wahl zur Äbtissin des Klosters Gravenhorst gratulierte. Dass er die in stilisierter Demutshaltung und als Hirtin mit Krummstab dargestellte Äbtissin mit zwei Musikern umrahmte, deutet auf den Stellenwert hin, den die Musikpflege seit dem 17. Jahrhundert nicht nur am Hof des Fürstbischofs von Münster, sondern auch in einigen Häusern des Landadels einnahm. Das Erlernen wenigstens eines Instruments gehörte zum Bildungskanon der Kavaliere wie auch der jungen Damen. Von den Höfen der Fürsten von Bentheim-Steinfurt bzw. Bentheim-Tecklenburg sowie vom Schloss Nordkirchen sind bedeutende Musikalien-Sammlungen für die dort tätigen Hofkapellen überliefert. Max Friedrich von Droste-Hülshoff (1764-1840) komponierte geistliche Musik, Kammermusik, Sinfonien und sogar Opern.

An diese Tradition knüpfte in den 1990er Jahren die von WDR und Landschaftsverband Westfalen-Lippe veranstaltete Konzertreihe mit Musik an westfälischen Adelshöfen an.

LAV NRW W, B 210 / Kloster Gravenhorst, Nr. 254 und W 351 / Plakatsammlung, Nr. 4293.

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April: Große Oper in der Provinz

Die Musikliebhaber Münsters hatten zwar bereits in dem von Franz Freiherr von Fürstenberg 1774 er-richteten (und laut Ankündigung für die Oper Der Maurer und Schlosser „gut geheizten“) Komödien-haus Singspiele und Opern bis hin zu Werken Richard Wagners erleben können, doch war man auch in dem 1895 erbauten, 1906 erweiterten „Lortzing-Theater“ für Opernaufführungen mangels eigenen Personals zunäch...

Die Musikliebhaber Münsters hatten zwar bereits in dem von Franz Freiherr von Fürstenberg 1774 er-richteten (und laut Ankündigung für die Oper Der Maurer und Schlosser „gut geheizten“) Komödien-haus Singspiele und Opern bis hin zu Werken Richard Wagners erleben können, doch war man auch in dem 1895 erbauten, 1906 erweiterten „Lortzing-Theater“ für Opernaufführungen mangels eigenen Personals zunächst auf auswärtige Künstler angewiesen. Bis 1922 verpachtete die Stadt Münster das Theater an Direktoren, die angesichts des finanziellen Risikos keinen regelmäßigen Spielbetrieb etablieren konnten.

Den ersten umfangreichen Opern-Spielplan stellte 1909 der neue Direktor Leopold Sachse auf, der dafür das Ensemble der Krefelder Bühnen verpflichtet hatte. Der Erfolg dieser Saison war so bedeutend, dass für die Spielzeit 1911/12 erstmals ein Theaterorchester gegründet werden konnte und dadurch die bis dahin in Anspruch genommenen Dienste der Kapelle des 13. Infanterie-Regiments (!) verzichtbar wurden.

Nach der Zerstörung des Lortzings-Theaters im Juli 1941 wurde das neue Stadttheater als erster Theaterneubau Deutschlands nach dem Krieg am 4. Februar 1956 mit Mozarts Zauberflöte eröffnet.

LAV NRW W, W 351 Nr. 244 und 796

 

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Mai: Im Verein zum Wohle der Kunst (I)

Der Westfälische Kunstverein gründete sich 1831 nach dem Vorbild kurz zuvor entstandener Pendants in Köln und Düsseldorf unter dem Namen Versammlung hiesiger Künstler und Kunstfreunde in Münster. Als Hauptziele definierten die Statuten die Sammlung von Kunst-werken insbesondere aus aufgelöstem kirchlichen Besitz, die Errichtung eines entsprechen-den Museums (vgl. Monatsarchivale Januar) und die Fö...

Der Westfälische Kunstverein gründete sich 1831 nach dem Vorbild kurz zuvor entstandener Pendants in Köln und Düsseldorf unter dem Namen Versammlung hiesiger Künstler und Kunstfreunde in Münster. Als Hauptziele definierten die Statuten die Sammlung von Kunst-werken insbesondere aus aufgelöstem kirchlichen Besitz, die Errichtung eines entsprechen-den Museums (vgl. Monatsarchivale Januar) und die Förderung zeitgenössischer Kunst. Letztere finanzierte man durch den (obligatorischen) Kauf von Aktien durch die Mitglieder, die Veranstaltung von Ausstellungen, die Verlosung von Original-Kunstwerken an Aktieninhaber und die Ausgabe von Graphiken o.ä. als Nietenblätter an die Mitglieder ohne Losgewinn.

Der Kunstverein rekrutierte sich zunächst fast ausschließlich aus Münsters Bürgertum und hatte 1840 über 250 Mitglieder. Nach starkem Rückgang um 1850 erhielt der Verein ab 1860 starken Zulauf aus ganz Westfalen sowie aus Städten wie Berlin, Breslau, Hamburg oder Po-sen und wuchs um 1865 auf knapp 1400 Mitglieder, für deren Betreuung in wichtigen Orten Westfalens lokale Geschäftsführer ernannt wurden.

Heute zählt der Kunstverein etwa 1000 Mitglieder und genießt Hausrecht im LWL-Museum für Kunst und Kultur.

LAVNRW W, K 001 Nr. 5639, U 160 Nr. 3764, K 312 Nr. 665

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Juni: Kultur für Kohle

Vom extrem kalten Nachkriegswinter 1946/47 in Europa war Hamburg aufgrund der enormen Zerstörung besonders betroffen. Die Hamburger Theater waren zwar teilweise noch intakt, konnten je-doch ihre Bühnentechnik mangels Kohlenzuteilung nicht vor der Kälte und damit drohenden irreparablen Schäden schützen. Otto Burrmeister, Verwaltungsdirektor des Deutschen Schauspielhauses, organisierte deshalb im De...

Vom extrem kalten Nachkriegswinter 1946/47 in Europa war Hamburg aufgrund der enormen Zerstörung besonders betroffen. Die Hamburger Theater waren zwar teilweise noch intakt, konnten je-doch ihre Bühnentechnik mangels Kohlenzuteilung nicht vor der Kälte und damit drohenden irreparablen Schäden schützen. Otto Burrmeister, Verwaltungsdirektor des Deutschen Schauspielhauses, organisierte deshalb im Dezember 1946 eine LKW-Expedition ins Ruhrgebiet, um Kohlen direkt an der Quelle zu beschaffen.

Tatsächlich fanden sich Bergleute auf der Zeche König Ludwig in Recklinghausen bereit, die LKW an den Besatzungsbehörden vorbei mit Kohle zu beladen. Da sie eine Bezahlung mit wertlosen Reichsmark ablehnten, versprachen die Hamburger Theaterleute, sich im folgenden Sommer mit Aufführungen zu bedanken.

Diese Zusage wurde vom 27. Juni bis 2. Juli 1947 mit den Dankgastspielen im Städtischen Saalbau in Recklinghausen eingelöst und institutionalisierte sich bereits 1948 unter maßgeblicher gewerkschaftlicher Mitwirkung zu den jährlichen Ruhr-Festspielen.

Die in den 1950er Jahren begonnene Debatte um den Bau eines eigenen Festspielhauses mündete 1961 in die Grundsteinlegung eines Baus, der von der Stadt Recklinghausen, dem DGB sowie von Bund und Land NRW finanziert und 1965 eröffnet wurde.

Zum 50. Jahrestag des legendären ersten Kohletransports nach Hamburg gab die Deutsche Post AG 1996 eine Briefmarke mit dem (damaligen) Logo der Festspiele heraus.

LAV NRW W, T 503 Nr. 34 und O 004 Nr. 3909.

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Juli: Musikalische Heiligenverehrung

Um 1120 gab der Bremer Domherr Vicelin, der spätere Bi­schof von Oldenburg/Holstein (+1154), die Erstellung einer Handschrift in Auftrag, um die drei Bremer Bischöfe Willehad (um 740-789), Ansgar (801-865) und Rimbert (830-888) zu würdigen. Dieser Codex Vicelinus hebt sich von anderen Heiligenviten vor allem dadurch ab, dass er die Beschreibung der Lebensläufe dieser Heiligen mit der Liturgie zu i...

Um 1120 gab der Bremer Domherr Vicelin, der spätere Bi­schof von Oldenburg/Holstein (+1154), die Erstellung einer Handschrift in Auftrag, um die drei Bremer Bischöfe Willehad (um 740-789), Ansgar (801-865) und Rimbert (830-888) zu würdigen. Dieser Codex Vicelinus hebt sich von anderen Heiligenviten vor allem dadurch ab, dass er die Beschreibung der Lebensläufe dieser Heiligen mit der Liturgie zu ihren Ehren verbindet. Von besonderer Bedeutung ist das Willehad-Officium, das liturgische Gesänge zum Festtag des heiligen Willehad (am 8. November) mit so genannten Antiphonen verbindet, also vorgeschalteten und dann wiederholten Gesängen, deren Texte explizit auf Willehad eingehen.

Die Notation dieser Gesänge erfolgte in Neumen, einer mit­telalterlichen Form der Notenschrift, die über keine (oder nur indirekte) Angaben zur Tondauer verfügt und ursprünglich auch nur ungefähre Hinweise auf die Tonhöhe gab, weil sie nicht auf Linien notiert wurde. Später wurde eine ungefähre Tonhöhe zunächst durch eine Notenlinie mitgeteilt, dann auch durch zwei.

Die Gesänge zu Ehren Willehads im Codex Vicelinus sind jedoch durch Neumen auf vier Notenlinien notiert, die zudem mit den Tonhöhen f, a, c und e bezeichnet werden. Dadurch sind die Melodien eindeutig identifizierbar, wenn auch die Länge der einzelnen Töne durch die Neumen nicht gekennzeichnet ist.

Der Codex Vicelinus gelangte (angeblich) als Geschenk des Vicelin in das Kloster Abdinghof in Paderborn – und darf deshalb hier als westfälisches Kulturgut vereinnahmt werden.

LAV NRW W, W 001/ Msc. I ("Ältere Sammlung"), Nr. 228.

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