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Freitag, 1. Oktober 2021 - 09:10

Archivale des Monats Oktober 2021

 

Die Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals am 18. Oktober 1901

Während der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. gab es innerhalb des Bürgertums ein stark ausgeprägtes Nationalbewusstsein. Sog. Nationaldenkmäler, welche die Größe der Nation darstellen sollten, verliehen dieser mentalen Haltung materiellen Ausdruck. Im ganzen Deutschen Reich entstanden damals Reiterstandbilder, die den ersten Kaiser nach der Reichsgründung 1871 zeigten: Wilhelm I., den Großvater Wilhelms II.

Auch im katholisch geprägten Aachen, dem nachgesagt wurde, dass es Rom oft näherstand als Berlin, gab es eine solche, vor allem von protestantischen Honoratioren ins Leben gerufene Initiative. Im Jahr 1895 wurde in Aachen und Burtscheid ein „Comité zur Errichtung eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Aachen“ gebildet. Die Stadtverwaltung und der Rat unterstützten das Vorhaben. Bald schon wurden Einladungen ausgesprochen, Aufrufe gemacht und beachtliche Summen zur Errichtung des Denkmals eingesammelt. Verschiedene Standorte für das Denkmal wurden diskutiert; ein eigens einberufenes Gremium stimmte in einer Wahl mit großer Mehrheit für den Theaterplatz: wegen der Lage und der damit verbundenen starken Präsenz des Denkmals im Stadtbild.

Um die Aufstellung des Denkmals überhaupt möglich zu machen, war es notwendig, den Theaterplatz selbst zu verändern. Hierzu musste das seit 600 Jahren an der Ecke Theaterplatz/Kapuzinergraben stehende Kloster der Christenserinnen abgerissen werden. Die Stadt konnte relativ geräuschlos mit dem Kloster einen Vergleich schließen, sodass die Schwestern 1899 ihr Stammhaus verließen und in die ehemalige Jesuiten-Niederlassung an der Aureliusstrasse zogen.

Schon 1896 hatte das „Comité“ einen Entwurfs-Wettbewerb zur Errichtung des Denkmals ausgelobt, aus dem Fritz Schaper (Berlin) im November 1898 als Sieger hervorging. Das nach seinem Entwurf gefertigte Reiterdenkmal stand auf einem Sockel aus bayrischem Granit mit dem Kaiser zu Pferde, in Generalsuniform, Mantel und Helm. An den beiden Seiten des Sockels waren allegorische Figurengruppen angebracht, die zu Brunnenanlagen ausgebildet waren. Reiterstandbild und Figurengruppen wurden aus Bronze gegossen.

Das Denkmal wurde am 18. Oktober 1901 von Kronprinz Wilhelm, dem ersten Sohn Wilhelms II., feierlich enthüllt. Er vertrat seinen Vater, den Kaiser, weil dieser noch um seine im August verstorbene Mutter, Kaiserin Victoria, trauerte. Die ganze Stadt war auf den Beinen, um das etwa 13 Meter breite und zehn Meter hohe Reiterstandbild, das 250.000 Mark gekostet hatte, zu bestaunen.

Nach der Enthüllung nahm der Kronprinz mit ausgewählten Gästen ein Frühstück im städtischen Kurhaus in der Kurbrunnenstraße zu sich, bei dem u. a. Austern, warme Langusten mit frischer Butter, Rehrücken und Ananasfrüchte, alles begleitet mit passenden Weinen und Champagner, gereicht wurden. Ein musikalisches Begleitprogram rundete die Tafel ab. Das Archivale des Monats zeigt den Titel der zu diesem Anlass gedruckten Speisekarte.

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal existiert nicht mehr. Im August 1942 wurde es mit einigen anderen Denkmälern zum Schutz vor den Bombenangriffen demontiert und auf dem Turnierplatz in der Soers eingelagert. Im März 1943 wurden die Bronzefiguren zugunsten der Kriegswirtschaft abgegeben und eingeschmolzen; der noch vor dem Theater stehende Sockel des Denkmals wurde nach Kriegsende demontiert. An seine Stelle trat 1963 der „Fröhliche Hengst“ von Gerhard Marcks.

 

Quelle: Stadtarchiv Aachen, PRZ 12-28, fol. 411

Lepper, Herbert: Das „Kaiser-Wilhelm-Denkmal“ zu Aachen – Ein Beitrag zur Repräsentanz nationaler und monarchischer Gesinnung im rheinischen Bürgertum während der Wilhelminischen Ära, in: Aachener Kunstblätter, Bd. 59 (1991/1993), S. 295-333

 

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