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Geschichte im Schaufenster

An dieser Stelle veröffentlicht das Landesarchiv besondere Highlights aus seinen umfangreichen Beständen. Im Fokus stehen Stücke, die Aufschluss geben sollen über die Geschichte in Daten, Zahlen und Fakten, aber auch über das ganz alltägliche Leben der vergangenen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte im Rheinland, in Westfalen und in Ostwestfalen-Lippe. Alle präsentierten Archivalien werden erklärt und in den Kontext ihrer Zeit eingeordnet. Die Stücke kommen aus allen drei Regionalabteilungen.

Bäuerliche Arbeit in der politischen Propaganda (Archivale des Monats der Abteilung Westfalen)

Das Plakat stammt aus dem Bundestagswahlkampf des Jahres 1953 – also aus einer Zeit, als beide erwähnten Parteien inhaltlich-programmatisch ganz anders zu verorten waren als heute. Die 1948 aus dem Zusammenschluss der liberalen Landesverbände der Westzonen gegründete FDP war in den Anfangsjahren de...

Das Plakat stammt aus dem Bundestagswahlkampf des Jahres 1953 – also aus einer Zeit, als beide erwähnten Parteien inhaltlich-programmatisch ganz anders zu verorten waren als heute.

Die 1948 aus dem Zusammenschluss der liberalen Landesverbände der Westzonen gegründete FDP war in den Anfangsjahren der Bun­desrepublik stark nationalkonservativ ausgerichtet und trat etwa für das sofortige Ende der Entnazifizierung ein - folgerichtig wurden ihre Abgeordneten im Bundestag am rechten Rand des Plenums plat­ziert. Neben anderen Landesverbänden wies vor allem die NRW-FDP einen hohen Anteil alter Nationalsozialisten auf, unter denen sich unter Führung Werner Naumanns, des ehemaligen persönli­chen Referenten von Joseph Goebbels, der so genannte „Gauleiter-Kreis“ bildete und  den Landesverband zu unterwandern versuchte, bis die Briten den Geheimbund Anfang 1953 durch Verhaftungen auflösten.

Demgegenüber begann in der SPD, die 1875 aus dem Zusammen­schluss von Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein und Sozialde­mokratischer Arbeiterpartei entstanden war, zu Beginn der 1950er Jahre eine inhaltliche Neuorientierung, da die noch stark marxis­tisch-sozialistische Ausrichtung, wie sie im gültigen Heidelberger Programm von 1925 verankert war, offenkundig weder zeitgemäß noch mehrheitsfähig war. Den Wandel von der sozialistischen Arbei­terpartei zur modernen Volkspartei vollzog die SPD schließlich 1959 mit dem Godesberger Programm, nachdem der Parteivorsitzende Erich Ollenhauer (1901-1963) als Kanzlerkandidat zweimal klar ge­gen Konrad Adenauer verloren hatte.

LAV NRW W, W 351 / Plakatsammlung, Nr. 109.

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Vom Register zum Portal (Geschichte im Schaufenster der Abteilung Rheinland)

Kopiar, Register, Kartular, Repertorium, Inventar, Verzeichnis, Findbuch, Datenbank – Unser Archivportal ist die logische Konsequenz und zugleich so viel mehr! Im Mittelalter war das sorgfältige Aufbewahren der Urkunden zunächst nur ein Instrument zur Sicherung von Besitz- und Rechtstiteln. Schon früh entstanden erste Kopiare, in denen die Urkundeninhalte chronologisch abgeschrieben wurden, um den Rechtsinhalt zu sichern und die Urkunde zu schone...

Kopiar, Register, Kartular, Repertorium, Inventar, Verzeichnis, Findbuch, Datenbank – Unser Archivportal ist die logische Konsequenz und zugleich so viel mehr!

Im Mittelalter war das sorgfältige Aufbewahren der Urkunden zunächst nur ein Instrument zur Sicherung von Besitz- und Rechtstiteln. Schon früh entstanden erste Kopiare, in denen die Urkundeninhalte chronologisch abgeschrieben wurden, um den Rechtsinhalt zu sichern und die Urkunde zu schonen.

Die stetig wachsende Zahl an Urkunden erforderte schließlich die Einrichtung einer Systematik, die auch die Wiederauffindbarkeit der originalen Urkunde gewährleistete. Durch die Vergabe einfacher „Signaturen“ und die Ordnung der Urkunden nach Sachbetreffen war eine eindeutige Identifizierung möglich. Solche künstlich hergestellten Einheiten durch erste „Erschließungsinformationen“ der Urkunden gelten als Keimzelle heutiger archivischer Ordnung und Verzeichnung.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich aus solchen Registern das archivische Findbuch, in dem zu jeder Archivalie in strukturierter Form Verzeichnungsinformationen wie Titel, Provenienz (Herkunft), Signatur und Laufzeit (Datierung) aufgenommen wurden. Mit Hilfe dieser Findbücher wird auch heute in den Archivbeständen recherchiert, allerdings zumeist nicht mehr in physischer Buchform, sondern als elektronisches Findbuch.

Den Einfluss der Informationstechnik auf die archivische Arbeit, insbesondere auf die Erschließung und Zugänglichmachung der Bestände, kann man kaum hoch genug einschätzen. Im Landesarchiv wurde die Erschließung besonders durch die Einführung des ersten Moduls des Verwaltungs-, Erschließungs- und Recherchesystems für Archive (V.E.R.A.) im Jahr 2003 erleichtert. Seitdem werden die Erschließungsinformationen digital erzeugt und können so vielfach nutzbar gemacht werden.

Die Geschichte der Erschließung in der Abteilung Rheinland reicht damit von mittelalterlichen Registern zur Rechtssicherung der eigenen Territorialrechte bis hin zu einer für das ganze Landesarchiv eingesetzten Erschließungssoftware, die für alle interessierten Nutzer Rechercheergebnisse bereithält.

Heute werden immer mehr Findmittel onlinegestellt, so dass Nutzerinnen und Nutzer von zu Hause aus nach Archivalien recherchieren können. Und auch der Stand der Digitalisierung wächst, so dass jeder von zu Hause aus viele unserer Archivalien betrachten kann.

Die Abteilung Rheinland des Landesarchivs stellt hier deshalb ein Kopiar mit integriertem Register aus dem Jahr 1775 vor, welches von dem Karmeliterorden anfertigt wurde. Hierin wurden unter anderem Privilegien und Besitztümer festgehalten. Die Archivalie ist außerdem digitalisiert, über das Archivportal recherchierbar und vollständig über den DFG-Viewer einsehbar.

LAV NRW R, AA 0098/ Aachen, Karmeliter, Rep. u. Hs. AA 0098, Nr. 2 (Aktendeckel)

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Pferdestricker gesucht!

Zahlreiche Akten aus dem Bestand AA 0250 Essen, Stift, Akten befanden sich auf dem Kahn „Main 68“, als dieser gegen Ende des Zweiten Weltkriegs unterging – so auch die vorliegende Akte Nr. 845, die sich mit dem sogenannten Oberpferdestrickeramt beschäftigt. Dieses Amt wurde in der Regel mit einem Be...

Zahlreiche Akten aus dem Bestand AA 0250 Essen, Stift, Akten befanden sich auf dem Kahn „Main 68“, als dieser gegen Ende des Zweiten Weltkriegs unterging – so auch die vorliegende Akte Nr. 845, die sich mit dem sogenannten Oberpferdestrickeramt beschäftigt. Dieses Amt wurde in der Regel mit einem Beamten der Essener Fürstäbtissin besetzt. Hauptaufgabe war das Eintreiben wilder Pferde in den Essener Marken. „Gestütberechtigte“ hatten dort das sogenannte Wildbahnrecht, das ihnen erlaubte, wilde Pferde zu halten.

Der Bedarf an diesem eher ungewöhnlichen Amt lässt sich mit der großen Anzahl von Wildpferden im Raum Essen erklären. Die Pferde sorgten regelmäßig für Ungemach in der Borbecker und Viehofer Mark, da sie sich überall ungehindert ausbreiteten. Dieser Umstand machte den Einsatz eines Pferdestrickers erforderlich. Der Erstbeleg des „peerdestrykkers“ stammt aus dem 14. Jahrhundert.

Die Akte aus den Jahren 1772-1788 behandelt u.a. die Besetzung des Oberpferdestrickeramts für die Gebiete der Borbecker und Viehofer Mark. Die Ritterbürtigen und Beerbten der Borbecker Mark schildern dort in einem Schreiben an die (letzte) Essener Fürstäbtissin Maria Kunigunde von Sachsen (1776-1802) ein wachsendes Problem.

Sie berichten davon, dass die Marken mittlerweile mit „fremden unberechtigten Pferden, Horn- und sonstigem Vieh […] überströhmet worden.“ Zusätzlich zeigen sich die Beerbten verärgert über die Stadt Essen, die in der Viehofer Mark Wildpferde eintreibt und mit dem Stadtwappen brandmarkt; die Stadt habe nicht das Recht, dort „wilde Pferde zu ziehen.“ Daher bitten sie die Fürstäbtissin, „das Oberstrickeramt einem tüchtigen Subjecto […] zu conferieren“. Dieser solle „sofort die wilde ohnberechtigte Pferde und sonstiges Vieh auftreiben lassen und die Marken davon reinigen.“

Die Fürstäbtissin fordert daraufhin zunächst ihre Regierungskanzlei dazu auf, einige Fragen zu dem Oberstrickerpferdeamt und den angeblichen Problemen mit der Stadt Essen zu beantworten (unser Bild: AA 0250 Essen, Stift, Akten, Nr. 845, fol. 17r).

Der darauffolgende Bericht der Regierungskanzlei an die Fürstäbtissin vom 12. Oktober 1778 relativiert zunächst die Anschuldigungen der Beerbten gegenüber der Stadt Essen: Solange das Oberpferdestrickeramt für die Borbecker und Viehofer Marken nicht besetzt sei, könne nichts dagegen unternommen werden, dass die Stadt in diesen Gebieten wilde Pferde eintreibe und mit dem Stadtwappen brandmarke.

Es folgt ein Rückblick auf die ehemaligen Inhaber des Oberpferdestrickeramtes. Erwähnt wird dabei „der alte Marschall Dobbe“, der die Aufgaben noch unentgeltlich ausgeübt hat. Nach seiner Zeit fehlte ein Nachfolger für das Amt, da sich „niemand zu dessen Verwaltung anschicken“ wollte. Daraufhin sind die Beerbten tätig geworden und haben die Regierung darum gebeten, einem „Hauptmann Sterzenbach“ die Aufgaben zu übertragen und ihn dafür zu entlohnen. Sein jährliches Gehalt betrug 50 Reichstaler, das teils aus der Borbecker und teils aus der Viehofer Mark bestritten wurden. Aus dem Bericht geht allerdings hervor, dass die Amtszeit Sterzenbachs vor Regierungsantritt der Fürstäbtissin, also vor 1776, geendet hat. Seit mindestens zwei Jahren ist also niemand für die Aufgaben des Pferdestrickers zuständig. Das erklärt wohl, wie sich die zahlreichen Wildpferde überall ungehindert ausbreiten konnten und nun ein so dringliches Problem darstellten.

Daher bleibt die Frage, wem das Amt nun übertragen werden kann. Es gibt bereits einen Vorschlag der Regierungskanzlei: Clemens Freiherr von Vittinghoff genannt Schell. Er ist ein Beerbter der Borbecker Mark und zählt zu den Unterzeichnern des Bittschreibens an die Äbtissin. Da er allerdings in Münster weilt, kann er erst nach seiner Rückkehr zustimmen. Auf einer Konferenz mit der Regierungskanzlei wird der Vorschlag angenommen. Des Weiteren einigt man sich auf seine Entlohnung, wobei man sich am Gehalt des Hauptmanns Sterzenbach orientiert zu haben scheint: Dem Freiherrn von Vittinghoff sollen für die Ausübung dieses Amtes jährlich 50 Reichstaler gezahlt werden. Übrigens: In der freiherrlichen Familie verblieb das „Erb-Ober-Stricker-Amt“ noch bis zur Aufhebung der Viehofer Mark im Jahre 1831.

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